E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr.12, Dezember 2000,
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| Editorial |
Reinhold E. Thiel
Für die deutsche Entwicklungspolitik "war die Beteiligung an einer Weltausstellung etwas Neues. Noch nie hatten wir die Möglichkeit, so viele Leute in so kurzer Zeit und in derart konzentrierter Form anzusprechen," schreibt Andreas von Schumann, von der GTZ entsandter Sprecher der One-World-Initiative, die im Auftrag des Entwicklungsministeriums die Länder der Dritten Welt auf der EXPO 2000 betreute. "Wir sind," so Schumann, "zufrieden mit der Bilanz." Aber sind dafür die 2,4 Milliarden Mark, die die EXPO 2000 voraussichtlich an Schulden hinterlassen wird, nicht ein etwas zu hoher Preis?
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Gewiss, gewiss, es gab auch noch anderes auf der EXPO zu sehen, Entwicklungspolitik war nur eines der Themen, nur ein Bruchteil des insgesamt ausgegebenen Geldes wird hierfür verwendet worden sein. Man muss, will man Bilanz ziehen, zwei verschiedene Fragen beantworten: die nach dem Erfolg der Weltausstellung insgesamt, und die, ob die Entwicklungspolitik ihre Chancen wahrgenommen hat.
Was die erste Frage angeht, so ist sicher die Höhe des hinterlassenen Schuldenbergs (der sich, wie so die Gepflogenheiten der politischen Klasse sind, am Ende vermutlich noch als wesentlich höher erweisen wird) ein Indiz für wenig professionelles Management, das doch versprochen hatte, die EXPO werde sich selbst tragen. Schon die Auswahl des Ortes war dilettantisch. In Sevilla hatte es 40 Millionen Besucher gegeben, und diese Zahl nahm man nun einfach auch für Hannover an. Ja, Sevilla, dahin fährt man gern, und die Weltausstellung nimmt man dann auch noch mit. Aber Hannover? Wer will denn nach Hannover? Frau Breuel war da Ministerin, das ist kein hinreichender Grund, eine Weltausstellung zu veranstalten. Statt der erwarteten zehn Millionen Ausländer kamen zwei. Und nicht einmal die Deutschen kamen, die kennen Hannover schon vom Durchfahren.
Aber dann die thematische Festlegung: "Mensch - Natur - Technik", der Bezug auf die Welt-Umweltkonferenz in Rio, auf nachhaltige Entwicklung und die Agenda 21. Fabelhaft, wenn man sich entschlossen hätte, diese Thematik konsequent darzustellen. Nachhaltige Entwicklung, das bedeutet eine Gesellschaft, in der schonende Ressourcennutzung wichtiger ist als schneller Profit; in der man daran denkt, dass es auch übermorgen noch ein menschenwürdiges Leben auf dieser Erde geben muss - und schon heute auch in den Ländern des Südens statt nur im Norden; in der die Technik genutzt wird, um die Natur zu schonen, und nicht nur, um sie zu vernichten; die Wiedererfindung der Langsamkeit. Aber da unsere Gesellschaft diese Ziele bald nach der Konferenz von Rio aufgegeben hat zu Gunsten einer Politik des "Enrichissez-vous", war es fatal, dass für die Verwirklichung des EXPO-Konzepts nicht öffentliche Mittel zur Verfügung standen, sondern im Wesentlichen nur die der Aussteller aus der Wirtschaft. Die EXPO wurde, nicht viel anders als frühere Weltausstellungen, eine große Wirtschaftsschau. Mancher Besucher fuhr, wie der Reporter der "Zeit", im Anschluss an seinen EXPO-Besuch noch ein paar Kilometer weiter nach Wolfsburg und sah dort, in der neuen "Autostadt", " ... dass sich diese Inszenierungen gleichen wie ein Ei dem anderen". Dafür solche Schulden zu machen, war nicht sinnvoll; es hätte sinnvoll sein können, eine Schau, die sich wirklich mit nachhaltiger Entwicklung befasst hätte, aus Steuergeldern zu finanzieren.
Die USA nahmen gar nicht erst teil, dort wusste man, dass die Zeit für solche Ausstellungen vorbei ist. Der Kongress hatte schon 1994 ein Gesetz verabschiedet, das die Verwendung von Steuergeldern für Weltausstellungen und ähnliche "Events" verbietet. "In den USA gab es schlicht kein Interesse, an einer Weltausstellung teilzunehmen", stellte die "Zeitschrift für Kulturaustausch" fest. Die Computer- und Fernseh-Bildschirme, die man allenthalben auf dem EXPO-Gelände sah, kann man auch zu Hause haben. Coca Cola und Burger King sind sowieso in der ganzen Welt vertreten, und die US Army auch.
Also die Entwicklungspolitik. Diese Weltausstellung war die mit der bisher größten Zahl beteiligter Länder. Das bedeutet, dass viele Entwicklungsländer sich präsentierten, zumal solche, die das nur mit Hilfe der Finanzierung durch das BMZ konnten. Vor allem in der Afrikahalle waren diese ärmeren Länder vertreten, am originellsten Benin mit seiner Blechdosenarchitektur. Aber auch Länder wie Bhutan, die Emirate oder Jemen lockten zahlreiche Besucher an. Das Symbol Afrikas (das Symbol Afrikas?) schien an den Außenwänden der Afrikahalle zu prangen: dutzendfach, aber was sollte es sein? Es sah aus wie Surfsegel. Ging es also um eine Darstellung der Entwicklungsprobleme? Nein, es ging um Tourismus. Seis drum, so erfuhren viele etwas über Länder, von denen sie nie gehört hatten.
Die "Global Dialogues" waren hochkarätige Veranstaltungen, auf denen Experten über wichtige Themen miteinander diskutierten: Gesundheit, Bildung, Demokratie, Armut und die Zukunft im Allgemeinen. E+Z hat darüber berichtet, in Heft 9, Heft 10, und in diesem noch einmal. Aber solche Konferenzen gibt es auch sonst, es gibt zu viele davon, man könnte an dreien oder vieren in jeder Woche teilnehmen: "Excuse me, friends, I must get my jet - Im off to join the development set!"
Schließlich die "Weltweiten Projekte": Von einer internationalen Jury wurden 487 Projekte aus 123 Ländern ausgewählt. Die Hälfte davon war, in unterschiedlicher Form und in unterschiedlichem Zusammenhang, auf der EXPO selbst präsent, die anderen konnte man im Internet aufsuchen. Dies waren Projekte, die sich der Idee der Nachhaltigkeit im Sinne der EXPO-Themen verpflichtet sahen und die "innovative Arbeits- und Lösungsansätze mit Beispielchrakter demonstrier(t)en": Bau von Minikraftwerken in Indonesien, sauberes Wasser für Danzig, Entwicklung ländlicher Arbeitsplätze in Ecuador. Ob eine Weltausstellung einen überzeugenden Eindruck von solchen Projekten vermitteln kann, muss wohl noch evaluiert werden. Immerhin, die Planungsgruppe für die EXPO 2005 im japanischen Aichi hat Interesse angemeldet, die Übung fortzusetzen.
Der beeindruckendste Beitrag zum Thema der Weltausstellung war der Pavillon der Schweiz: kein Ausstellungsraum, sondern eine begehbare Holzskulptur, einladend zur Meditation. Wenn die Schweizer uns zur Langsamkeit zurückbrächten (sie haben ja einen Ruf dafür), so wäre viel gewonnen.
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