E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr.12, Dezember 2000,
S. 340 - 341)

Afrika: Illusionen über Entwicklung
Immer wieder neue Wolkenkuckucksheime
Robert Kappel

Der seit Jahrzehnten immer wieder neu vorgetragenen Hoffnung, die afrikanischen Länder könnten in übersehbarer Zeit der Armutsfalle entrinnen, hält Robert Kappel die wirtschaftlichen Realitäten entgegen, die solche Hoffnungen nicht zulassen. Nur zwei Länder rechnet er in die Gruppe der "emerging economies" (darunter nicht Südafrika), acht weitere gelten ihm als "potenzielle Reformländer", die bei fortgesetzten Wirtschaftsreformen Chancen haben. Der Rest der 48 Staaten in Sub-Sahara-Afrika, so Kappel, wird mindestens 50 Jahre brauchen, um auch nur der bittersten Armut zu entkommen.

Wirtschaftsreformen haben
wichtige
Weichen gestellt
Was eigentlich spricht für einen Durchbruch im Wirtschaftswachstum? In Sub-Sahara-Afrika wurden tatsächlich einige erfolgversprechende Reformen in Gang gesetzt, und einige wenige Länder sind zu Take-off-Ländern geworden. Durch Strukturanpassungsprogramme (SAP) fiel in den meisten Ländern die Inflationsrate erheblich. Die fiskalischen Ungleichgewichte wurden beseitigt. Durch Liberalisierung der Märkte, Öffnung des Außenhandels und Aufhebung der Marketing-Boards kam es zu Zollsenkungen und zur Abschaffung administrierter Preise und damit zu einer verbesserten Allokation der Ressourcen. Die Wechselkurse sind meistens angepasst, so dass davon keine negativen Einflüsse auf die Wirtschaftsentwicklung ausgehen werden. Die Exporte haben sich durch realistische Wechselkurse in vielen Ländern ebenfalls erhöht. Was die Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts (BIP) betrifft, gibt es nach vielen Jahren der Stagnation seit 1994 kleine Erfolge. Hingegen ist die Verschuldungskrise noch nicht bereinigt.

Neue Hoffnungen?
Nun liegt wieder so eine Weltbank-Studie vor (World Bank 2000). Was ist ihre Aussage zu den Wachstumschancen Afrikas? "Um die tiefgreifende Armut bis zum Jahr 2015 um die Hälfte zu reduzieren, ist ein jährliches Wachstum von mehr als 7% sowie eine gleichere Einkommensverteilung notwendig" (ebd. S. 2). Ein Wachstum von 7% wird jeder vernünftige Entwicklungsexperte für unrealistisch halten. Aber nehmen wir einmal an, diese Wünsche würden wahr. Die folgenden einfachen Berechnungen zeigen, wie lange es selbst unter dieser Bedingung zur Beseitigung der afrikanischen Armut braucht:
1. Sub-Sahara-Afrika würde 50 Jahre benötigen (bei einer angenommenen demografischen Transition nach 35 Jahren), um das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen (PKE) von derzeit 500 $ auf 3900 $ zu erhöhen. Dies ist ungefähr das derzeitige Niveau von Mauritius.
2. Côte dIvoire mit seinem derzeitigen PKE von 800 $ würde bei diesem Wachstum innerhalb von 32 Jahren auf das Niveau von Mauritius kommen.
3. Verschiedene nicht so leicht zugängliche Analysen der Weltbank und des IWF gehen von wahrscheinlichen Wachstumsraten von 3% und nicht von 7% aus. Welche Folgen hätte z. B. ein Wachstum von 4%? Für Niedrigeinkommensländer (NEL) ließe sich nach 25 Jahren ein PKE von ca. 500 $ erreichen, nach weiteren 25 Jahren ein PKE von 1300 $. Länder mit einem höheren Ausgangsniveau bräuchten entsprechend weniger Zeit.
4. Nehmen wir hingegen als Anhaltspunkt die Prognose des IWF in seinem "Global Economic Prospects" (2000), wonach das BIP Afrikas wahrscheinlich um 3,4% wachsen wird. Bei einem Bevölkerungswachstum von durchschnittlich 2% würde sich also das PKE jährlich um 1,4% erhöhen. In weiteren Untersuchungen werden andere - niedrigere oder höhere - Wachstumsraten genannt. Nehmen wir an, es ließe sich 1,7% Wachstum des PKE erzielen. Die Folge für die NEL mit einem derzeitigen Durchschnittseinkommen von 200 $ wäre, dass sie wenigstens 50 Jahre benötigten, um ein Niveau von unter 500 $ zu erreichen. Unter Berücksichtigung des Humankapitalverlustes durch HIV/AIDS sind die angenommenen Wachstumsraten von 4% und möglicherweise sogar 1,7% aber noch als zu hoch anzusehen.
Für Länder mit einer besseren Ausgangslage sieht es natürlich anders aus, aber derzeit weisen laut Weltbank lediglich neun von 48 Ländern ein PKE von mehr als 1000 $ auf - und nur fünf mehr als 2500 $ (Gabun, Seychellen, Botsuana, Mauritius und Südafrika).
Was bedeutet es also, wenn wir die Prognosen der Weltbank ernst nehmen für die Einschätzung der Armutssituation? Bei einem sehr hohem BIP-Wachstum von 7% jährlich und besserem Zugang zu Ressourcen für die Bevölkerung (also Umverteilung) wären selbst in 15 Jahren mindestens noch 250 Millionen Menschen arm. Bei der etwas realistischeren Prognose von 4% ließe sich die Armut in den meisten Ländern nur marginal reduzieren. Bei Wachstumsraten von 3% lässt sich die Anzahl der Armen nicht reduzieren.
Während der letzten zwanzig Jahre weisen nur wenige Länder ein durchschnittliches Wachstum von mehr als 3% aus. Bei einer Fortschreibung der Tendenz der letzten zwei Dekaden (nämlich durchschnittlich kaum Wachstum des PKE) wird sich die Armut weiter ausdehnen.

Afrika-Realismus
Sub-Sahara-Afrika differenziert sich zunehmend. Beim Versuch, die Länder zu gruppieren, nach ökonomischen Kategorien wie BIP-Wachstumsrate, PKE, Investitionsquote und Produktivität, sowie dem Index der humanen Entwicklung, der Einkommensverteilung und dem Vorhandensein stabiler Institutionen, lassen sich fünf Gruppen bilden (vgl. Kappel 2001):
A) Emerging Economies: Nur zwei Staaten versprechen derzeit weiteres starkes Wachstum: Mauritius und Seychellen.
B) Potenzielle Reformländer: Die Gruppe umfasst acht Staaten: Botsuana, Südafrika, Namibia, Lesotho, Äquatorialguinea, Gabun, Ghana und Kap Verden. Botsuana hatte das höchste BIP-Wachstum während der letzten vierzig Jahre, allerdings tritt derzeit eine Wachstumsschwäche auf (Humankapitalverlust, große Ungleichheiten). Südafrikas Transformationsprozesse müssen als sehr kompliziert eingeschätzt werden. Die Einkommensverteilung ist extrem ungleich, die Gesellschaft ist weiterhin gespalten, und trotz einer im Wesentlichen akzeptablen Wirtschaftspolitik verschärfen sich vor allem die Arbeitsmarktprobleme, die zu einer weiterhin zögerlichen Investitionsbereitschaft in- und ausländischer Investoren beitragen. Seit Jahren verharrt Südafrika im niedrigen Wachstum. Ghana gilt seit Jahren als Musterfall der Strukturanpassung, aber die wirtschaftliche
Lage ist prekär. Exporterfolge gibt es lediglich bei traditionellen Agrargütern. Preisschocks haben immer wieder zu wirtschaftlicher Stagnation geführt. In Boomphasen konnten die Weichen für eine Diversifikation der Produktion nicht gestellt werden. Der industrielle Sektor ist klein, die Effizienz ausgesprochen niedrig.
Diese Ländergruppe kann bei fortgesetzten Wirtschaftsreformen durchaus zu höherem BIP-Wachstum und höheren Exporten kommen. Einige Länder haben in den letzten Jahren extrem hohe Wachstumsraten im Export und auch im BIP realisiert, wie z. B. Äquatorialguinea durch Ölexporte. Ob daraus ein neues Wachstumswunder wird? Die potenziellen Reformländer benötigen über einen langen Zeitraum Wachstumsraten von 6-8%, um einen Durchbruch bei der Bekämpfung der Armut, bei der Reduzierung des hohen Bevölkerungswachstum und bei der Anhebung der Investitionen zu erzielen. Dies fällt vor allem den Ländern mit starker Rohstofforientierung schwer, denn hier sind wirtschaftspolitische Maßnahmen gegen Dutch Disease, Terms-of-Trade-Schocks und Rentenorientierung nötig, um einen Diversifizierungsprozess in Gang zu bringen.
C) Verharrende Niedrigeinkommensländer mit geringen Entwicklungschancen: Die Wirtschaft stagniert, alle Wachstumsindikatoren sind schwach entwickelt. Zu dieser Gruppe gehören Uganda und Côte dIvoire, deren Potenzial häufig überschätzt wird.
D) Verharrende Niedrigeinkommensländer langfristig ohne Entwicklungschancen: Die meisten dieser Länder werden in einer Wachstumsfalle verharren. Sie befinden sich in einem "vicious circle von Armut und Konflikt. Nigeria gehört wegen des mehr als zwanzigjährigen wirtschaftlichen und politischen Niedergangs in diese Gruppe. Auch wenn das Land Hoffnung schöpft, wird es keine kurzfristigen Erfolge geben.
E) Länder (derzeit) ohne Perspektive. Dies sind u. a. die von Katastrophen gekennzeichneten Länder Sierra Leone, Angola und Liberia und die immer wieder gefährdeten Länder Äthiopien und Burundi.
Die Länder der Gruppen C, D und E, sämtlich Niedrigeinkommensländer, umfassen etwa vier Fünftel der Staaten in Sub-Sahara-Afrika. Sie sind kaum in der Lage, ein nachhaltiges Wachstum in Gang zu bringen. Dies wird an ihren gravierenden Wirtschaftsproblemen deutlich:
1. Sie besitzen meistens keine funktionierenden Institutionen. Fast überall agieren neo-patrimoniale Rentenstaaten.
Politische Stabilität, die Sicherung der Eigentumsrechte und entwicklungsorientierte Institutionen stellen aber die entscheidenden Voraussetzungen für Entwicklung dar.
2. Niedriges Niveau der Kapitalakkumulation geht einher mit niedrigem Wachstum des technischen Fortschritts.
3. Erschwerend kommt der niedrige Grad der Humankapitalentwicklung hinzu.
4. Der dramatisch steigende Verstädterungsgrad ist gekennzeichnet durch die Vergrößerung des urbanen informellen Sektors und des peri-urbanen Agrarsektors. Informalität ist weit verbreitet. Es besteht die Gefahr, dass sich durch mangelnde makro-ökonomische Stabilität und weiter existierende Rentenökonomie die dysfunktionalen Seiten der Informalität verstärken. Informelle Ökonomie, illegale Wirtschaftsaktivitäten und Kriegsökonomie überlappen sich und durchdringen das Wirtschaftsleben in vielen Staaten.
5. Die geringe Produktionstiefe ist ein wesentliches Kennzeichen der afrikanischen Wirtschaft. Fertigwarenexporte stammen zumeist aus den Ländern der Gruppen A und B oder aus Ländern mit einer politisch bedingten Importsubstitutionspolitik. In den Ländern der Gruppen C, D und E ist dies bislang nicht der Fall, hier dominieren weiterhin Agrar- und Rohstoffexporte.
6. Die Sparquoten sind niedrig. Daher können Investitionen nicht aus den nationalen Ersparnissen finanziert werden. Die Investitionstätigkeit wird von Kapitalimporten bestimmt, wobei diese zum überwiegenden Teil aus Entwicklungshilfe stammen. Selbst eine Verdoppelung der Investitionsquote würde aber in den meisten Ländern nicht zum erforderlichen Wachstum führen (vgl. Hoeffler 2000).
7. Sehr viele NEL vertrauen auf Entwicklungshilfe, denn ausländische Direktinvestitionen, Portfolioinvestitionen und Bankkredite sind die Ausnahme. Nichtrückzahlbare Transfers fließen vielfach als Renteneinkommen den neo-patrimonialen Eliten zu und werden wenig produktiv eingesetzt. Über Entwicklungshilfe entstehen parallele Institutionen, die die staatlichen Institutionen schwächen.
8. Eine wesentliche Determinante der langanhaltenden Unterentwicklung bleibt die sehr große Einkommens- und Vermögensungleichheit, die nach allen Schätzungen in den nächsten Jahren aufgrund von Land-Stadt-Wanderungen weiter zunehmen wird. Dies vergrößert die Gefahr politischer und sozialer Unruhen und damit die Risiken.
Insgesamt hat also die Fähigkeit afrikanischer Gesellschaften, die Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen, eher ab- als zugenommen. Die Entwicklung sozialer Institutionen hat mit der Geschwindigkeit der Moderne nicht Schritt halten können. Bei steigendem Modernisierungsdruck ist eher eine Abnahme sozialer Kohäsion festzustellen. Viele Länder müssen wahrscheinlich als "strukturell unentwickelbar" (R. E. Thiel) gelten.

Entwicklung durch
strukturelle Stabilität
Im einem kürzlich vorgelegten "Memorandum zur Neubegründung der deutschen Afrikapolitik" wird ein Vorschlag zu einer Neuformulierung der Afrikapolitik entwickelt, der den hier beschriebenen Gegebenheiten Rechnung trägt. Die Autoren schlagen für die Länder der Gruppen C, D und E ein Konzept struktureller Stabilität vor:
"Kerngedanke ... ist die nachhaltige Stärkung bislang fragiler und instabiler sozialer und politischer Institutionen und Normen. Zivilgesellschaftliche und staatliche Institutionen müssen in die Lage versetzt werden, konstruktive und gewaltfreie Mechanismen zur Austragung grundlegender und akuter Interessengegensätze sowie zu deren Abbau zu entwickeln" (Engel et al. 2000).
Literatur
Ulf Engel, Robert Kappel, Stephan Klingebiehl, Stefan Mair, Andreas Mehler und Siegmar Schmidt (2000): Memorandum zur Neubegründung der deutschen Afrikapolitik. Frieden und Entwicklung durch strukturelle Stabilität. Berlin (erhältlich über Email: kappel@rz.uni-leipzig.de)
Anke E. Hoeffler (2000): The Augmented Solow Model and the African Growth Debate. Leipzig (ULPA - University of Leipzig Papers on Africa. Politics and Economics Series, No. 43)
Journal für Entwicklungspolitik Nr. 2/2000, Themenheft "Afrika - Bilanz und Perspektiven".
Robert Kappel (2001): Catching-Up mittelfristig kaum möglich: Begründungen für die langanhaltende Wachstumsschwäche in Afrika, in: Renate Schubert (Hg.): Entwicklungsperspektiven von Niedrigeinkommensländern. Berlin (i. E.)
World Bank (2000): Can Africa Claim the 21st Century? Washington (DC)
Prof. Dr. Robert Kappel lehrt Wirtschaftswissenschaft am Institut für Afrikanistik der Universität
Leipzig. kappel@rz.uni-leipzig.de

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