E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr.12, Dezember 2000,
S. 344 - 345)

Die Zukunft der Globalen Partnerschaft
Eine kritische Betrachtung zu Global Dialogue 10
Dieter Brauer

Wenn die EXPO 2000 auch die erwarteten Besucherzahlen nicht erbracht hat und daher im finanziellen Minus gelandet ist: Zumindest für den entwicklungspolitischen Ertrag muss eine positive Bilanz gezogen werden. Nie zuvor auf einer vergleichbaren Veranstaltung gab es ein derart umfangreiches Dialogprogramm zu Themen einer nachhaltigen Entwicklung.
Der letzte dieser Dialoge sollte die Quintessenz der gesamten Konferenzserie sein. Diesem hohen Anspruch ist er jedoch nicht gerecht geworden.
In neun großen entwicklungspolitischen Konferenzen, den so genannten Global Dialogues (GD), haben während der EXPO 2000 in Hannover Politiker, Wissenschaftler, Vertreter von Nichtregierungsorganisationen und Praktiker aus allen Lebensbereichen die Zukunftsfragen der Menschheit diskutiert und nach Lösungen gesucht. Rund 3000 Teilnehmer und ca. 60 Institutionen aus aller Welt bestritten den Dialog, der unter dem Motto stand: "Erfahrung teilen - Zukunft gestalten". Die Konferenzserie behandelte die Themen: Nachhaltigkeit und natürliche Ressourcen; Weltgesellschaft politisch verantwortlich gestalten; Wissenschaft und Technik; der Kampf gegen die Armut; der ländliche Raum im 21. Jahrhundert; Gesundheit; Wege zur Lerngesellschaft; Kultur in Bewegung; die Rolle der Arbeit und nachhaltiges Wirtschaften (s. E+Z 9:261 und 10:296).

Das Vermächtnis von Hannover
Einem zehnten Global Dialogue war die Aufgabe gestellt, die Ergebnisse der vorangegangenen neun Konferenzen zu diskutieren und als Vermächtnis von Hannover "eine konkrete Vision und Handlungsanweisung als Vorlage für weitere Diskussionen weltweit" zu erarbeiten, wie es in der Vorankündigung hieß. Dazu hatten die Veranstalter, zu denen neben der EXPO 2000 die GTZ, der Club of Rome, das Auswärtige Amt sowie das von Jugend Forscht und der Deutschen Bank getragene WYRE (Worldwide Young Researchers for the Environment) gehörten, 51 junge Männer und Frauen aus 37 Ländern eingeladen.
Als zukünftige Führungspersönlichkeiten (Leaders of Today and Tomorrow) sollten die jungen Menschen - alle unter 31 Jahre alt - die Hoffnungen, Erwartungen und Visionen der künftigen Generation in den Diskussionsprozess einbringen. EXPO-Generalkommissarin Birgit Breuel nannte in ihrer Eröffnungsansprache denn auch diesen zehnten Dialog den "wichtigsten von allen" und appellierte an die Teilnehmer, "anfassbare Lösungen" für die Zukunft zu erarbeiten. "Rütteln Sie uns auf! Seien Sie mutig! Bringen Sie etwas Konkretes, damit helfen Sie uns allen!" rief sie den Jugendlichen zu.
Wie aber sollte dieser hohe Anspruch eingelöst werden? Die Teilnehmer waren erst im Monat zuvor von den veranstaltenden Organisationen rekrutiert worden. Die 15 von der GTZ benannten Teilnehmer waren über Jugendprojekte in Lateinamerika, Asien und Afrika ausgewählt worden, WYRE hatte weitere 15 Teilnehmer mit Hilfe eines Aufsatzwettbewerbs ermittelt, das Auswärtige Amt nutzte seine Kontakte zum Deutschen Akademischen Austauschdienst für die Auswahl, und weitere Teilnehmer wurden vom Club of Rome nominiert.
Die so entstandene bunt gemischte Truppe, über deren Qualifikation den Beobachtern der Konferenz wenig mehr gesagt wurde, als dass sie die Führer von morgen repräsentierten, standen vor dem von einer Expertin zu Recht als "tollkühn" beschriebenen Unterfangen, innerhalb von zweieinhalb Tagen das erwartete Vermächtnis von Hannover zu erarbeiten.

Mangelnde Vorbereitung
Für eine gründliche Vorbereitung auf diese Aufgabe fehlten schon wegen der Kürze der Einladungsfrist die Voraussetzungen. Erst am Vorabend des Dialogs lernten die jungen Frauen und Männer einander kennen. Da es erst zum Schluss eine, wenn auch nur rudimentäre Teilnehmerliste gab, blieben die weniger kommunikativen unter den jungen Männern und Frauen bis zum Ende anonym. Wie die Evaluierungssitzung nach Abschluss der Tagung zeigte, fühlten sich einige von
ihnen auch von den Organisatoren überfahren und manipuliert. "Ich bin nicht sicher, ob der größte Teil des Ergebnisses wirklich von den Jugendlichen kommt", kritisierte einer der Teilnehmer. "Die Moderatoren steuerten unseren Gedankenprozess", monierte ein anderer.
Ohne die helfende Hand und die Organisationsroutine der Veranstalter wäre allerdings in der Kürze der Zeit überhaupt kein konkretes Resultat zu erzielen gewesen. Ein halber Tag wurde allein dazu benötigt, um in neun Kurzreferaten die Inhalte und Ergebnisse der neun vorangegangenen Global Dialogues in extrem geraffter Präsentation vorzustellen - eine tour de force, die auch gestandene Tagungsprofis auf eine harte Probe stellte. Weitere wertvolle Zeit ging durch die täglichen Talkshows verloren, die zwar inhaltlich zum Teil interessant und in der Form unterhaltsam waren, zum Ziel der Konferenz aber in keinem unmittelbaren Zusammenhang standen.
So blieben letztlich zweieinhalb Stunden am Nachmittag des zweiten Tages, um in Arbeitsgruppen, die sich an den Themen der neun Dialogues orientierten, eigene Ansätze und Gedanken zu formulieren. Nur der Effizienz der angewandten Metaplan-Methode war es zu verdanken, dass in diesem kurzen Zeitraum zu allen neun Themenbereichen einige Kernsätze zu Papier gebracht werden konnten. Eine gründliche Diskussion fand allerdings weder in den Arbeitsgruppen noch in den am folgenden Tag angesetzten Redaktionssitzungen statt. Kein Wunder, dass sich viele der Teilnehmer über den unangemessenen Zeitdruck beklagten und sich unzufrieden mit dem Ergebnis zeigten.

Vorschläge der Jugend
Wie nun lauten die Vorschläge an Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft, die auf diese Weise als "Platform for the Future. Declaration of Hanover" verabschiedet und in der abschließenden Talkshow verkündet wurden? In einer kurzen Präambel stellen die Young Leaders of Today and of Tomorrow fest:
- Lösungen müssen alle einbeziehen, Regierungen spielen zwar eine wichtige Rolle, aber Privatwirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft sind als Partner notwendig. Nur globale Partnerschaften zwischen allen Beteiligten können die Welt verbessern.
- Die Denkkategorien des 20. Jahrhunderts sind nicht mehr tragfähig; neue Ansätze eines "less can be more" sind genauso notwendig wie die Umsetzung des Grundsatzes "Think global, act local".
Zu den Themen der neun Global Dialogues werden eine Reihe von Aussagen gemacht, die z.T. erheblich von den in den Hauptkonferenzen erzielten Schlussfolgerungen abweichen. Während es zum Beispiel in GD 1 zum Thema des nachhaltigen Umgangs mit natürlichen Ressourcen heißt, der Markt müsse nachhaltige Entwicklung fördern und der Staat die dafür notwendigen Rahmenbedingungen und Anreize schaffen, sagt die Erklärung von Hannover: "Innerhalb eines engen Zeitrahmens müssen alle Nationen und 'politischen Organe' (UN, EU etc.) weltweit die gleichen Prinzipien der Nachhaltigkeit in ihre Verfassungen oder Statuten aufnehmen. Die Erfüllung dieser Prinzipien muss durch eine Reihe von Indikatoren bewertet werden."
In der Diskussion der Ergebnisse von GD 2 (Global Governance) wurde von der Mehrheit der Teilnehmer die Forderung nach einem "bedingungslosen und vollständigen" Schuldenerlass gestellt und die Schaffung neuer Mechanismen zur Kontrolle nationaler und globaler Machtzentren "einschließlich der Finanzinstitutionen und transnationalen Unternehmen" vorgeschlagen.
Zum Thema des GD 4 (Wege aus der Armut) schlagen die Young Leaders den "Aufbau von Partnerschaften in Netzwerken zwischen Entwicklungs- und Industrieländern" vor, mit den Zielen:
- Überwachung der "guten Zusammenarbeit";
- Unterstützung der Schaffung effizienter und guter Regierungsführung;
- Unterstützung bei der Bereitstellung von Ressourcen bei denjenigen, die sie benötigen.
Die innovative Idee hierbei ist eine Art Dreieckskooperation, wobei die bilaterale Zusammenarbeit von Entwicklungs- und Geberländern jeweils durch ein drittes Land überwacht werden soll.
Den ländlichen Raum (GD 5) wollen die Young Leaders u. a. dadurch gefördert wissen, dass politische Gremien "den ländlichen Raum lebensfähig machen, indem sie bei der Landbevölkerung die nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen unterstützen und die Wirtschaftssysteme durch lokale Ausrichtung der Produktion und Verteilung dezentralisieren". In der Diskussion in der Arbeitsgruppe über diesen Punkt zeigte sich, dass die Mehrzahl der Teilnehmer damit Vorstellungen von ländlicher Autarkie und Subsistenzwirtschaft verbinden, wie sie kaum in eine moderne, integrierte und zunehmend verstädterte Gesellschaft passen. GD 5 hatte dagegen die gegenseitige Abhängigkeit von städtischen und ländlichen Gebieten betont und beklagt, dass sich Politik, Industrie und Wissenschaft zu wenig um die vielfältigen Beziehungen zwischen Stadt und Land kümmern.
Zum Thema Zukunft der Arbeit (GD 9) schließlich fordert die Erklärung von Hannover u. a. "soziale Gerechtigkeit für alle", die durch "standardisierte Mindestarbeitsbedingungen und Sicherheit durch internationale Unternehmensstandards für alle" erreicht werden soll. ILO, Zivilgesellschaft, lokale Regierungen und Gewerkschaften sollen diese Standards zertifizieren.
Die Erklärung endet mit dem aufrüttelnden Appell an eine nicht näher genannte Adresse, endlich das Reden zu lassen und stattdessen zu handeln. "Wir sind bereit, Verantwortung zu übernehmen", versichern die "51 Leaders of Today and of Tomorrow" und bitten die Organisatoren der Global Dialogues, die Vorschläge an die Bundesregierung, an alle an der EXPO 2000 teilnehmenden Nationen und Organisationen sowie an die Veranstalter der EXPO 2005 in Japan weiterzuleiten.

Follow-up
Was aber soll nun mit der Ergebnissen der 10 Global Dialogues und dem "Vermächtnis von Hannover" geschehen? Schon im Herbst 1999 haben zehn der EXPO 2000 in besonderer Weise verbundene Persönlichkeiten, darunter der Präsident des Club of Rome, Ricardo Diez Hochleitner, EXPO-Kommissarin Birgit Breuel und UNEP-Chef Klaus Töpfer, den Verein Global Partnership Hanover gegründet. Wie es in einer Broschüre der
EXPO 2000 heißt, soll dieser Verein die Inhalte der Weltausstellung in Deutschland über das Ende der EXPO 2000 hinaus sichern und weiterentwickeln, insbesondere auch im Hinblick auf kommende Weltausstellungen wie die EXPO 2005 in Japan.
Mit dem dünnen Papier, das als Erklärung von Hannover von den Teilnehmern des abschließenden Global Dialogue erarbeitet wurde, wird der Verein dabei wohl wenig Eindruck machen können. Wesentlich substantieller sind die Ergebnisse der vorangegangenen Dialogveranstaltungen, insbesondere des von der GTZ organisierten GD 4 zur Armutsbekämpfung, der in zweijähriger Arbeit gründlich vorbereitet wurde. Daran beteiligte GTZ-Mitarbeiter heben hervor, dass es dabei gelungen sei, hochrangige Entscheidungsträger mit allen Stakeholders inklusive der Vertreter von Basisorganisationen aus den Entwicklungsregionen zusammenzubringen. Auch die von der EXPO ausgewählten Weltweiten Projekte seien in den Prozess einbezogen worden, wodurch das Ziel der Bildung neuer Allianzen tatsächlich erreicht werden konnte. Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul versprach, die Empfehlungen der Konferenz auch auf die supranationale Ebene weiterzutragen und so für ihre weitere Verbreitung zu sorgen.
Die Empfehlungen manch anderer Global Dialogues, die nicht so potente Institutionen wie GTZ und BMZ hinter sich haben, werden wohl dort landen, wo schon viele wohlmeinende Vorschläge und Strategiepapiere vor ihnen gestapelt sind: in den Archiven und auf den Schreibtischen der Fachleute und Funktionäre. Auch der Erklärung von Hannover wird dieses Schicksal kaum erspart bleiben.
Dieter Brauer ist Chefredakteur unserer Schwesterzeitschrift "Development and Cooperation".
hdbrauer@cs.com

E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit,
herausgegeben von der Deutschen Stiftung für internationale Entwicklung (DSE)
Redaktionsanschrift:
E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit, Postfach, D-60268 Frankfurt
|