Der Präsident des Club of Rome,
Ricardo Diez Hochleitner, war wesentlich an der Planung der EXPO 2000 in Hannover beteiligt, vor allem hinsichtlich jener Teile, die sich mit dem Nord-Süd-Verhältnis und den Problemen nachhaltiger Entwicklung befassen: Die Global Dialogues und die Weltweiten Projekte. Er sieht in dem, was die EXPO geboten hat, in erster Linie ein Versprechen für die Zukunft: Anregungen dafür, wie künftige Weltausstellungen sich mit diesen Themen befassen sollten. Enttäuscht ist er vom letzten der Global Dialogues, bei dem junge Führungspersönlichkeiten aus aller Welt ihre Lösungskonzepte für die Probleme der Welt von morgen vortragen sollten:
Sie sind ihm nicht radikal genug.
Brauer: Als Präsident des Club of
Rome und Präsident des International Advisory Board der EXPO waren Sie maßgeblich an der Erarbeitung des EXPO-Konzepts und der Vorbereitung der Global Dialogues beteiligt. 1996, auf der SID-Konferenz in Santiago de Compostela, habe ich miterlebt, wie Sie diese Konzepte vorstellten - Sie waren damals sehr euphorisch. Haben sich Ihre Erwartungen erfüllt?
Diez Hochleitner: Nicht völlig. Unsere damaligen Hoffnungen waren geleitet von unserer Bewunderung für deutsche Kompetenz und Organisationsfähigkeit. Wer träumt, verliert sich zuweilen in Utopien. Aber Sie können stolz auf das Erreichte sein. Ich denke, die EXPO 2000 ist - bei allen Einschränkungen - ein großer Erfolg. In vielerlei Hinsicht hat sich ein Traum erfüllt, diese EXPO wird jede künftige Weltausstellung prägen. Natürlich gibt es einige Mängel, aber ich habe den Eindruck, dass sich die Deutschen dieses Erfolgs gar nicht richtig bewusst sind.
B.: Wenn Sie von Mängeln sprechen - hier in Deutschland ist der Mangel an Besuchern das Thema Nummer eins - welche Mängel sehen Sie vor allem?
D. H.: Zu den Besucherzahlen hat der Advisory Board nie eine Prognose abgegeben. Als wir am Ende der EXPO 1992 in Sevilla zusammenkamen, gingen die Manager der deutschen EXPO der Einfachheit halber von der in Sevilla erreichten Besucherzahl von etwa 40 Millionen aus. Aber Sevilla hat natürlich ein ganz anderes Klima, die Südspanier gehen viel aus, und die meisten Bürger von Sevilla und ganz Andalusien haben die EXPO fast täglich besucht. Ich finde es traurig, wenn der Erfolg der EXPO allein an den Besucherzahlen gemessen wird, d. h. an den finanziellen Aspekten. Die EXPO hat materielle Ergebnisse, gemessen an Besucherzahlen, aber den immateriellen Erfolg, der nicht finanziell zu messen ist, schätze ich sehr viel höher ein.
B.: Uns interessiert insbesondere die Auswirkung der EXPO auf die Vorstellungen der Besucher von internationaler
Entwicklung. Ob es nun 20 oder 40 Millionen Besucher waren - ausschlaggebend ist, ob die, die gekommen sind, etwas gesehen haben, das ihren Horizont erweitert.
D. H.: Das Wichtigste ist sicher eine Imageverbesserung. Die EXPO 2000 spiegelte das Bild eines neuen Deutschland - eines modernen, demokratischen, kultivierten Landes mit der Motivation, der Welt einen Dienst zu erweisen: den Versuch der Umsetzung nachhaltiger Entwicklung. Wir als Europäer sollten stolz darauf sein, dass Deutschland hier die Initiative ergriffen hat.
Zu den Innovationen, die der Advisory Board unterstützt hat, zählt auch das beispiellose Programm der Weltweiten Projekte. Sie sind Teil des von uns angestrebten globalen Dialogs, der sich an zahlreichen Orten und bei zahlreichen Veranstaltungen rund um die Welt vollzieht. Die Globalen Dialoge der EXPO sind also an sich keine Innovation, aber hier hat der Dialog in einem partnerschaftlichen Geist stattgefunden, zwischen Jung und Alt und zwischen Menschen aus allen Teilen der Welt, und er hat sich mit den zentralen Fragen nachhaltiger Entwicklung befasst. Der Themenpark und viele der Nationenpavillons haben sich ebenfalls diesem Thema gewidmet.
Man kann also sagen, dass die EXPO 2000 ein ganz neues Konzept von Weltausstellung verwirklicht hat - und das muss jetzt systematisch evaluiert werden.
Aber auch die Fehler, die wir gemacht haben, sollten wir analysieren. Ich fange einmal an bei einem der erfolgreichsten Programme, von dem man sagen würde: Es war perfekt. Ich meine das Programm der Weltweiten Projekte. Die Auswahljury, der ich damals vorsaß, einigte sich unter anderem auf das Kriterium, nur Projekte aufzunehmen, die bereits - wenn auch nur in Ansätzen - existierten. Man konnte hingehen und sehen, wie sie funktionieren.
Heute glaube ich, da haben wir einen Fehler gemacht. In Zukunft sollten wir eine zweite Kategorie haben, in der wir großartige Ideen für Projekte berücksichtigen, die wegen fehlender Mittel noch nicht realisiert werden konnten. Gute Ideen sollten gefördert werden, diesmal sind sie uns unterwegs abhanden gekommen - vielleicht kann die nächste EXPO 2005 in Japan diese Ideen wieder aufnehmen.
B.: Was halten Sie von der letzten der zehn Konferenzen des Global Dialogue, bei dem junge Führungspersönlichkeiten aus aller Welt ihre Zukunftsvisionen darstellen sollten?
D. H.: Ich denke, diese Konferenz machte ein ganz erhebliches Problem deutlich. Es ist ja sehr interessant, all die jungen Leute hier zu sehen; es hätten noch mehr sein sollen. Ich hätte mir auch eine weltweite Übertragung unserer Diskussion über das Internet gewünscht, da wir doch immer davon reden, dass die neuen Technologien genutzt werden sollen. Aber das Problem, von dem ich reden will, ist folgendes: Als Präsident des Club of
Rome muss ich sagen, die Schlussfolgerungen, zu denen diese Young Professionals gekommen sind, reichen bei weitem nicht an jene heran, zu denen wir im Club of Rome in über 30 Jahren in unseren Debatten gelangt sind. Fast alle diese Themen werden seit mehr als 20 Jahren erörtert, und ich könnte etliche Beispiele anführen, bei denen wir Älteren den jungen Leuten weit voraus sind.
Wir sollten den Kreis der Teilnehmer künftig erweitern und eine ganz neue Sprache sprechen. Wir sollten uns nicht länger damit begnügen, etwas von anderen zu fordern, von Regierungen oder Unternehmern, oder etwa vom Internationalen Währungsfonds. Der wurde unter ganz bestimmten Umständen gegründet und kann bei veränderten Umständen auch verändert oder sogar wieder völlig abgeschafft werden, wenn wir das wollen. Als ich für die Weltbank arbeitete, war ich der Erste, der im Jahre 1962 Investitionen in das Bildungswesen einführte, darauf bin ich heute noch stolz. Wir haben damals, um die Verelendung in den armen Ländern zu überwinden, neue Wege zur Beschaffung von Finanzmitteln für die Bildung beschritten.
Was ich sagen will, ist: Die Jugend muss deutlich machen, was sie fordert und was sie selbst zu tun bereit ist; was sie nicht der älteren Generation und den Regierungen überlassen will; welche Verantwortung zu übernehmen sie bereit ist - denn wer über Menschenrechte redet, muss im selben Atemzug auch über Pflichten und Verantwortlichkeiten reden. Das ist es, was ich von den jungen Leuten hören möchte.
B.: Die jungen Teilnehmer am Global Dialogue hatten es sehr schwer, innovative Ideen zu präsentieren. Sie sollten
innerhalb eines einzigen Tages das analysieren, was die Älteren in neun Konferenzen und tagelangen Diskussionen erarbeitet haben, und dann ihre eigenen Ideen präsentieren. Kann man wirklich
von ihnen erwarten, dass sie in dieser kurzen Zeit zu kreativen Schlussfolgerungen gelangen?
D. H.: Wichtig ist ein neuer Geist, und der kann in einer Minute zum Ausdruck gebracht werden. Dazu braucht man nicht mal einen Tag. Die Jugend müsste einfach sagen: "Hört auf damit, wir wollen etwas anderes", sich dann aber selbst fragen: Wozu sind wir bereit? Sind wir bereit, Verantwortung zu übernehmen?
Wenn ich mich einer Selbstanalyse unterziehe, kann ich eine Reihe von Widersprüchen in meinem Lebensstil und meinem Verhalten erkennen. Ich finde, die Jugend sollte bereit sein, sich genau dieser Übung zu unterziehen. Die neuen weltweiten Trends können nur aus den Einstellungen und Verhaltensweisen vieler Einzelner entstehen. Der Wandel ist nicht von den Politikern und den Regierungen zu erwarten, denn ignorant und egoistisch, wie wir sind, fordern wir ihnen Lösungen ab, die vor allem unseren Eigeninteressen dienen - deshalb werden sie uns auch keine langfristigen Programme bescheren.
B.: Ich möchte auf Ihre Idee der Weltweiten Projekte zurückkommen: Durch dieses einzigartige Konzept wird die EXPO in vielen anderen Ländern präsent.
Haben Sie etwas über die Wirkung der Projekte auf die Öffentlichkeit in diesen Ländern gehört?
D. H.: Als spanischer Staatsbürger kann ich zumindest über die neun Projekte berichten, die in meinem Heimatland ausgewählt wurden. Sie waren Gegenstand zahlreicher Meetings und wurden lebhaft in Presse und Wissenschaft diskutiert. In dem einen oder anderen Fall sind dabei Partnerschaften mit Unternehmen entstanden, die weitere Untersuchungen anstellen sollen. Einige der Konzepte wurden auch in einer Reihe anderer Länder umgesetzt, und zwar schon im vergangenen Jahr.
Vor ein paar Wochen habe ich im Madrider Goethe-Institut eine Ausstellung eröffnet, die den ökologischen Ansatz der EXPO 2000 in der Architektur beleuchtet. Es ist wirklich unglaublich, in welchem Ausmaß Recycling-Material bei der Errichtung einiger Pavillons verwendet wurde. Auch die große internationale Konferenz Urban 21 in Berlin hat mit der Weltausstellung in diesen Fragen kooperiert. Angesichts der Tatsache, dass im Jahr 2030 etwa 80 % der Weltbevölkerung in Städten leben werden, ist es unerlässlich, dass die Städte den ökologischen Folgen dieser Entwicklung durch die Nutzung rezyklierter Stoffe entgegenwirken. Dieser Ansatz ist ein Nebenprodukt der EXPO 2000. Deswegen bin ich trotz aller Mängel auch so enthusiastisch.
B.: 1972 veröffentlichte der Club of
Rome seinen berühmten Bericht "Grenzen des Wachstums". Mir ist noch lebhaft in Erinnerung, dass er damals wie ein Schock wirkte und nicht wenige Menschen dazu veranlasste, über neue Entwicklungsmuster nachzudenken. 28 Jahre später ist davon nichts mehr spürbar. Glauben Sie, dass uns das, was uns hier auf der EXPO 2000 vorgeführt wurde, wieder ein Gefühl dafür vermitteln kann, was Sie 1972 ansprachen: dass wir die Grenze erreicht haben?
D. H.: Leider nein. Aber der Club of Rome ist auch unfair gegenüber seinem eigenen Bericht gewesen. Wir haben damals den menschlichen Geist und die menschlichen Fähigkeiten zur Erneuerung völlig vergessen.
Was die Zahlen anbelangt - als ich vor zehn Jahren die Präsidentschaft des Clubs übernahm, bat ich das selbe Team - Dennis Meadows und seine Mitarbeiter - um eine aktualisierte Fassung. Dabei erwies sich, dass 70 bis 80 Prozent der schlimmsten Szenarien, vor denen wir 1972 gewarnt hatten, bereits Wirklichkeit geworden waren. Heute verzichte ich lieber auf eine weitere Aktualisierung, ich vermute nämlich, unsere damaligen Befürchtungen sind bereits weit übertroffen.
Dennis Meadows und seine Kollegen meinen, uns blieben noch 50 Jahre, um unser Verhalten zu ändern und ein wirkliches Desaster zu verhüten. Andere sprechen von 100 Jahren. Aber selbst wenn uns noch 500 Jahre blieben: Haben wir das Recht, die Erde dem Untergang preiszugeben?
Die EXPO 2000 ist mit ihrem Leitthema "Mensch - Natur - Technik" zur richtigen Zeit gekommen, nachdem sich auf dem Umweltgipfel 1992 in Rio alle teilnehmenden Staats- und Regierungschefs den Zielen des Aktionsplans Agenda 21 verpflichtet hatten. Bereits ein, zwei Jahre später waren aufgrund verschiedener Wirtschaftskrisen alle guten Vorsätze wieder vergessen. Und das Klimaprotokoll von Kyoto wird ein Flop werden, weil man die Risiken nicht ernst genug nimmt. Leute wie Al Gore, der ein wunderbares Buch über die Umwelt geschrieben hat, waren später tunlichst bemüht, es nicht zu übertreiben. Und das kann ich diesen Leuten nicht mal übel nehmen. Politiker sind Sklaven der öffentlichen Meinung.
Wir stehen - diese EXPO hat es deutlich gemacht - an dem Punkt, wo wir den Trend noch umkehren können. Aber mit jedem Tag, den wir untätig verstreichen lassen, wird unser Spielraum enger. Ich denke, sobald die EXPO vorbei ist, müssen wir verstärkt auf die Entscheidungsträger und die Jugend einwirken, mehr Verantwortung zu übernehmen. Wir sind verantwortlich dafür, dass die Botschaft der EXPO 2000 die Weltöffentlichkeit erreicht. Diese Botschaft ist zu wichtig, um zur Tagesordnung überzugehen.
Das Interview führte Dieter Brauer, Chefredakteur unserer Schwesterzeitschrift D+C, auf der EXPO 2000 in Hannover.