E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr.12, Dezember 2000,
S. 354 - 356)


John Maynard Keynes (1883 - 1946)
Unsichere Zukunftserwartungen als Motor und Bremse ökonomischer Entwicklung

Philipp Lepenies, Manfred Nitsch


Keynes ist kein Entwicklungstheoretiker, aber seine ökonomischen Überlegungen haben großen Einfluss auf die Entwicklungstheorie gehabt. Seine wichtigste Botschaft lautet, dass der Staat Einfluss auf den Umfang der Beschäftigung nehmen kann. Wenn also "Entwicklung" als "Beschäftigung", als Inwertsetzung von realen Ressourcen (insbesondere Arbeit) und als Ergebnis von Investitionen angesehen wird, dann ist Keynes einer der herausragendsten Entwicklungstheoretiker. Als Begründer der "Makroökonomie" hat er überdies die Aggregate der modernen Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung wie Investition, Ersparnis und Volkseinkommen theoretisch fundiert und damit die Entscheidungs- und Planungsmodelle der Entwicklungsökonomie überhaupt erst möglich gemacht.



I.

John Maynard Keynes wurde am 5. 6. 1883 als Sohn des Volkswirtschaftsprofessors und Verwaltungschefs der Universität Cambridge John Neville Keynes geboren. Seine Mutter war Tochter eines Pastors und eine der ersten Akademikerinnen des Landes, später Bürgermeisterin von Cambridge. Die "gebildete Bourgeoisie" war, wie Keynes von sich sagte, "seine Klasse". In jungen Jahren war er jedoch eher dem Leben der Bohème zugeneigt. Leonard Woolf, der spätere Ehemann der Schriftstellerin Virginia Woolf, war auf den jungen Ökonomen aufmerksam geworden und hatte ihm die Türen der antibürgerlichen Bloomsbury-Gruppe geöffnet, einer der wichtigsten intellektuellen Bewegungen Englands, zu deren Liebling er sich rasch mauserte.

Dieser Freundeskreis hatte wohl auch großen Einfluss auf das Werk Keynes', fand er doch in der Zusammenkunft von politisch aktiven Philosophen, Schriftstellern und anderen Künstlern die geistreichsten, wenngleich schärfsten Kritiker seiner Ideen. Seine Heirat mit der berühmten russischen Ballerina Lydia Lopokova im Jahre 1925 passt in dieses Bild ebenso wie seine bisexuellen Neigungen. Schließlich war er auch ein erfolgreicher Geschäftsmann und Börsenspekulant sowie ein kenntnisreicher Kunstsammler, insgesamt eine charismatische Persönlichkeit. Am Ende seines Lebens zeigte Keynes Anzeichen von Melancholie: Er bedaure, nicht noch mehr Champagner getrunken zu haben.

Schon früh zeigte sich, dass Keynes mit der Bezeichnung "hochbegabt" nur unzulänglich beschrieben werden konnte. Mit 14 Jahren gewann er ein Stipendium für Eton, und im Anschluss an seine Schulzeit studierte er am King's College in Cambridge, wo sich die großen Ökonomen Marshall und Pigou seiner annahmen. Er gewann alle Preise, die es zu gewinnen gab, und erzielte durchweg höchste Noten, vor allem in Mathematik und Ökonomie. Im Jahre 1906 wurde er Mitarbeiter im Indienministerium, nachdem er das schwierige und prestigeträchtige Auswahlverfahren zum Ministerialdienst landesweit als Zweitbester abgeschlossen hatte. Ausgerechnet in Ökonomie waren seine Leistungen schwächer gewesen. Er habe darin einfach mehr gewusst als die Prüfer, gab er lakonisch zu. Zwar hatte Keynes die Stelle im Ministerium einer Lehrtätigkeit vorgezogen, doch im Jahre 1908 verließ er diese Arbeit. Er fühlte sich nicht genügend herausgefordert. Er wurde 1909 Fellow, 1911 Professor am King's College in Cambridge. Sein Ruf als Ökonom begann sich zu festigen, 1912 wurde ihm bereits die Herausgeberschaft des prestigereichen "Economic Journal" angetragen, die er bis kurz vor seinem Tod innehatte. Seine Erfahrungen im Ministerium verarbeitete Keynes 1913 in der Schrift "Indian Currency and Finance". Im Ersten Weltkrieg trat Keynes neben seiner Lehrtätigkeit in das Finanzministerium ein.

Eine Begebenheit aus dieser Zeit bietet ein gutes Beispiel für seine Vielschichtigkeit. Anfang 1918 weilte Keynes zu Verhandlungen über alliierte Kriegsfinanzen in Paris und wurde zugleich von der National Gallery in London als ausgewiesener Kenner beauftragt, deren Bestand an Bildern der französischen Impressionisten durch den Kauf von Bildern aus der Privatsammlung des gerade verstorbenen Edgar Degas zu erhöhen. Da Paris am Tag der Kunstauktion beschossen wurde, waren die Käufe schleppend und die Preise niedrig, so dass Keynes nicht nur die Aufgabe meisterlich erfüllte, sondern auch noch seine eigene Bildersammlung um einen Delacroix und einen Cézanne aufstocken konnte.

Während der Verhandlungen zum Versailler Friedensvertrag war Keynes der Hauptrepräsentant des britischen Finanzministeriums; allerdings hatte er auf den Verlauf der Verhandlungen keinen direkten Einfluss, was ihm sehr missfiel. Machtlos musste er zusehen, wie die gesamte Reparationsschuld dem Deutschen Reich zu Konditionen aufgebürdet wurde, die eine friedliche Völkerverständigung in der Zukunft behindern musste. Enttäuscht gab Keynes, dessen Kritik nicht gehört wurde, noch vor Abschluss der Verhandlungen seinen Posten auf und schrieb sich seine Wut von der Seele. In dem Buch "The Economic Consequences of the Peace" aus dem Jahre 1919 kam er entgegen der vorherrschenden Meinung zu dem Schluss, das Deutsche Reich werde, um die für die Reparationsleistungen erforderlichen Devisen zu beschaffen, gezwungen sein, zu so unorthodoxen Methoden des Welthandels zu greifen, dass daraus zwangsläufig ein Wiedererstarken des deutschen Militarismus folgen müsse. In seinen Angriffen auf Clemenceau und Wilson warf er ihnen vor, ihre Partikularinteressen vor die eigentlich zu lösenden Probleme zu stellen, nämlich die Frage, wie man Europa integrieren und zu einem funktionierenden Gemeinwesen entwickeln könnte.

Dieser Essay begründete nicht nur Keynes’ Ruhm, er machte auch deutlich, welche Eigenschaften das Besondere an Keynes ausmachten. Er war ein Querdenker, ein Häretiker, wie ihn Heilbroner beschreibt, der häufig gegen die herrschende Meinung argumentierte und allzu oft mit seinen Analysen Recht behielt, der weitsichtiger als seine Zeitgenossen dachte und Bestehendes auf den Kopf zu stellen wusste. Das Motto der Bloomsbury-Gruppe - "Nothing Sacred" - wurde von Keynes überzeugend in die ökonomische Theorie übernommen. Dies sollte sich besonders in seinem späteren Werk zeigen.

Im Jahre 1921 veröffentlichte Keynes "A Treatise on Probability". Schon lange hatte er sich mit Wahrscheinlichkeitsrechnung beschäftigt, und das Moment der Unsicherheit modellierte er als einer der Ersten in der ökonomischen Theorie. Eine seiner Hauptschriften, die zweibändige Abhandlung "Treatise on Money" (1930), revolutionierte die Geldtheorie.

In den folgenden Jahren kam die ökonomische Theorie in arge Erklärungsnot. Die Weltwirtschaftskrise mit stagnierender Wirtschaftsentwicklung, einem riesigen Heer von Arbeitslosen und unausgelasteten Kapazitäten war theoretisch nicht zu erklären. Es ist das größte Verdienst von Keynes, diese Entwicklung in seinem Hauptwerk "A General Theory of Employment, Interest and Money" (1936) nicht nur als Erster zu erklären, sondern auch aufzuzeigen, wie diese Situation zu meistern sei. Allerdings war seine Gesundheit angeschlagen, und er erlitt 1937 einen Herzanfall, von dem er sich nie ganz erholte. Er eröffnete in Cambridge ein Theater mit einem Restaurant, in dem er, wie Heilbroner berichtet, Champagner zu moderaten Preisen anbot und Statistiken erstellte, wie sich die verschiedenen Theaterstücke auf den Champagnerkonsum auswirkten.

Im Zweiten Weltkrieg kehrte Keynes ins Finanzministerium zurück und wurde 1942 als "Lord Keynes of Tilton" geadelt. 1944 war er einer der Hauptakteure auf der Konferenz von Bretton Woods, auf der der Internationale Währungsfonds und die Weltbank aus der Taufe gehoben wurden. Er konnte aber auch diesmal seine Vorstellungen über eine integrative globale Wirtschaft, die in Zukunft den Weltfrieden sichern helfen sollte, nicht oder nur zu einem kleinen Teil realisieren. Sein US-amerikanischer Gegenspieler Harry D. White setzte sich mit dem Konzept des Dollars als Hegemonialwährung gegen Keynes&'; Vision einer Weltwährung "Bancor" und gegen dessen Vorschlag durch, eine Steuer auf Leistungsbilanzüberschüsse zu erheben und damit auch die Gläubiger - und nicht nur die Schuldner - im internationalen Währungsverkehr in die Pflicht zu nehmen. Kurz nach seiner Ernennung zum Mitglied des "Court" der Bank of England, einer Art Zentralbankrat, starb er im Jahre 1946.


II.

Im "Treatise on Money" beschäftigte sich Keynes mit den Konjunkturschwankungen. Das war kein neues Thema, aber fast sensationell mutete Keynes’ These an, dass das Ungleichgewicht von Ersparnis und Investition der Grund für die Talbewegungen der Wirtschaft sei. Im 19. Jahrhundert waren diejenigen, die sparen konnten, meist noch identisch mit den Investoren gewesen. Das Bild des akkumulierenden Kapitalisten entstammt nicht ohne Grund dieser Zeit. Die Probleme begannen in dem Moment, da Sparen und Investieren nicht mehr von der selben Person durchgeführt wurden. Die Unternehmen benötigen nur dann Sparmittel zur Investition, wenn sie expandieren wollen. Das setzt aber voraus, dass ihre Erwartungen für die Zukunft positiv sind. Sind sie das nicht, wird nicht investiert, also auch nicht auf Gespartes zurückgegriffen. Das gesparte Geld ist dann genauso unproduktiv, als würde man es im Sparstrumpf horten.

Sparen und Investieren sind deswegen nicht, wie in der Neoklassik angenommen, immer identisch und kommen auch nicht über den Zinsmechanismus des Kapitalmarktes ins Gleichgewicht, sondern hängen im großen Maße von Erwartungen über die Zukunft ab. Keynes konnte so zeigen, dass die Volkswirtschaft schrumpft und die Einkommen sinken, wenn weniger investiert als gespart wird. Das war für ihn das monetäre Wesen der wirtschaftlichen Depression. Allerdings ging auch er zunächst noch davon aus, dass sich diese Situation von selbst ändern würde.

Die Weltwirtschaftskrise strafte diese optimistische Theorie allerdings Lügen. Warum eine Volkswirtschaft so lange in der wirtschaftlichen Depression stagnierte, das war bis dahin nicht zu erklären. Die "General Theory of Employment, Interest and Money" von 1936 war der Versuch von Keynes, diesen Missstand zu beheben, (und er war sich selbst schon früh bewusst, dass er die ökonomische Theorie damit revolutionieren würde). Während der wirtschaftlichen Talfahrt wurde mit dem Absinken der Einkommen auch der Einkommensanteil, den man sparte, immer geringer. Das hieß aber, dass in der Depression nicht ein Überangebot an Sparguthaben vorhanden war, das auf den Zins gedrückt hätte, sondern dass eher entspart als gespart wurde und dass das Sparaufkommen immer weiter sank, wie das in den USA in den Jahren 1932 und 1933 der Fall war. Die Lähmung der wirtschaftlichen Aktivität wirkte also weder einer Zinssenkung für Investitionen entgegen, noch war die hohe Konsumquote (an den sinkenden Einkommen) ausreichend, um die Absatzerwartungen der Unternehmen zu verbessern. Die Stagnation selbst war daher ein Gleichgewicht; es bewegte sich nichts mehr, denn es bestanden keinerlei Anreize für die Unternehmer, zu investieren.

Da Investitionsentscheidungen auf der Basis von Annahmen über den zukünftigen Absatz kalkuliert werden, kommt nach Keynes der "wirksamen Nachfrage" (effective demand) nach Gütern verstärkte theoretische und wirtschaftsstrategische Bedeutung zu. Das Angebot schafft sich seine Nachfrage nicht selbst, wie es das Say’sche Theorem der Klassiker postuliert hatte.

Unter dem Einfluss eines AmerikaAufenthalts, während dessen Keynes die Früchte des "New Deal" unter Präsident Roosevelt in Augenschein nahm, erklärte er in der "General Theory", es sei die Aufgabe des Staates, in solchen Situationen als Nachfrager am Markt in Erscheinung zu treten und die Wirtschaft anzukurbeln, wie das die USA mit dem Bau von Staudämmen, Straßen und zahlreichen anderen öffentlichen Aufträgen machten.

Die Erkenntnisse der "General Theory" waren demnach, dass die Wirtschaft auf einem Gleichgewicht bei andauernder Unterbeschäftigung verharren kann, dass der Wohlstand der Volkswirtschaft durch die Höhe der Investitionen bestimmt wird und dass der Kapitalismus durch ein starkes Moment der Unsicherheit über die Zukunft gekennzeichnet ist, welches die Investitionsentscheidungen der Unternehmer ebenso beeinflusst wie die der Kapitalanleger.

Neben der Diskrepanz zwischen Ersparnis und Investition arbeitete Keynes eine weitere grundlegende Erkenntnis heraus, nämlich die, dass der Zins nicht der Preis für Konsumverzicht ("Sparen") ist, sondern für die Aufgabe von Liquidität. Gespart wird auch in Bargeld, aber Zins gibt es nur für die Übernahme des Verlustrisikos, das es bei jedem Kredit und jeder Beteiligung gibt. Die "Liquiditätsprämie", auf die der Anleger verzichtet, wenn er in seinem Portefeuille umschichtet - von Bargeld oder ungenutztem, spekulativ gehaltenem Sachvermögen auf Kredit oder Beteiligung - und damit die Produktion in den Unternehmen und die Beschäftigung von Arbeitnehmern erst ermöglicht, erweist sich als die entscheidende Größe, die die ökonomische Aktivität steuert und ihr die harte Budgetrestriktion setzt. Damit wird von Keynes die Bewältigung von Unsicherheit (im Sinne von prinzipieller Ungewissheit der Zukunft) durch geldwirtschaftliche Mechanismen als entscheidendes Charakteristikum der modernen Ökonomie erkannt. Der - bis heute - üblichen Modellierung eines "Allgemeinen Gleichgewichts" als Referenzpunkt der ökonomischen Theorie mit vollkommener Information über die Zukunft und mit den realen Ressourcen als Budgetrestriktion setzt Keynes damit ein alternatives Paradigma entgegen.

Aus dieser "monetären Theorie der Produktion" von Keynes haben in den letzten Jahren die "Monetär-Keynesianer", die sich um den Wirtschaftsprofessor an der Freien Universität Berlin Hajo Riese gruppieren, innovative und praxisrelevante Erklärungsmuster für Entwicklung und Unterentwicklung abgeleitet. In der Nachfolge von Keynes tritt damit in der kapitalistischen Geldwirtschaft der Vermögenseigentümer als Anleger mit seinem Portfolio-Kalkül an die Stelle des Konsumenten als "Souverän" der Wirtschaft. Diese Theorie stellt also stärker auf die Bestands- als auf die Strömungsgrößen der Wirtschaft ab. Das Umschichten von Vermögensbeständen (Portfolios) bzw. das Festhalten an Beständen aufgrund von unsicheren Erwartungen über die Zukunft dominiert die laufende Produktion; diese keynesianische Erkenntnis wird durch die Finanzkrisen der Gegenwart ebenso bestätigt wie durch die Blockierung von "Transformation" in vormals sozialistischen Ländern durch die alten oder neuen Vermögenseigentümer, die nur in den seltensten Fällen produktive oder gar innovative "Unternehmer" sind.


III.

Keynes sah die staatliche Ausgabenpolitik, die er empfahl, ausdrücklich als etwas "Unnormales" an, als eine Maßnahme, die nur in Augenblicken der Stagnation anzuwenden sei, nicht jedoch dauerhaft erfolgen dürfe; er überschätzte damit aber wohl die Weitsichtigkeit der Wirtschaftspolitiker, die sein Plädoyer fürs "Deficit-Spending" bald als Freibrief für Budgetdefizite in jeder Konjunkturlage nahmen und damit den Keynesianismus als Rechtfertigungslehre für eine inflatorische Fiskalpolitik in Verruf brachten.

Der verführerische Charme der Defizitfinanzierung besteht ja darin, dass sie nicht sofort ihre Kehrseite zeigt, nämlich Verschuldung der öffentlichen Haushalte und schleichender Vertrauensverlust gegenüber der Währung durch Inflation. So war die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 70er Jahre hinein die hohe Zeit des fiskalischen Keynesianismus und des Staatsoptimismus. Hirschman weist darauf hin, dass beispielsweise in Großbritannien ein parteiübergreifender Konsens zwischen der zunächst noch stark auf Verstaatlichung drängenden Labour Party und den Laisser-faire-Kräften bei den Konservativen und Liberalen durch den Keynesianismus ermöglicht wurde. So hat man Keynes nicht ganz zu Unrecht zuweilen als "Retter des Kapitalismus" bezeichnet. Auch die "Planification à la française" und die "Entwicklungspläne", welche die Weltbank in den 60er Jahren zur Bedingung für die Unterstützung von Entwicklungsländern machte, sind ohne die von Keynes inspirierte Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung und die daraus abgeleiteten Wachstumsmodelle sowie den Optimismus im Hinblick auf die staatlichen Lenkungsmöglichkeiten kaum denkbar. In der Bundesrepublik Deutschland kam erst 1966 mit Karl Schiller als Wirtschaftsminister der Großen Koalition zum ersten Mal ein überzeugter Keynesianer an die Regierung. Dies alles hat der 1946 gestorbene Keynes jedoch nicht mehr erlebt.

Da Keynes das Diktum anhängt, "in the long run we are all dead", wird er häufig nicht als "Entwicklungstheoretiker" wahrgenommen, und es ist richtig, dass er sich vorwiegend um die Vollbeschäftigung in den etablierten Industrieländern gekümmert hat, und dass "development" für ihn explizit kein Thema war. Implizit kreisten jedoch seine Theorien um die Inwertsetzung von unterbeschäftigten Ressourcen und um die Stimulierung von Investitionen, also um nichts anderes als "wirtschaftliche Entwicklung". Schließlich griff er auch in seinem Essay "Economic Possibilities for Our Grandchildren" von 1930 weit in die Zukunft voraus und entwarf die Vision einer Wirtschaft, die die Grundbedürfnisse deckt, ohne auf permanentes Wachstum und steigenden Ressourcenverbrauch angewiesen zu sein, die also sogar der gegenwärtigen Suche nach "nachhaltigem Wirtschaften" entgegenkommt. Wichtiger dürfte Keynes aber als Inspirator von Wirtschaftspolitik im allgemeinen Sinne sein. Er selbst schreibt am Ende seiner "General Theory": "(Es) sind aber die Gedanken der Ökonomen und Staatsphilosophen, sowohl wenn sie im Recht als wenn sie im Unrecht sind, einflussreicher, als gemeinhin angenommen wird. Die Welt wird in der Tat durch nicht viel anderes beherrscht. Praktiker, die sich ganz frei von intellektuellen Einflüssen glauben, sind gewöhnlich die Sklaven irgendeines verblichenen Ökonomen. Wahnsinnige in hoher Stellung, die Stimmen in der Luft hören, zapfen ihren wilden Irrsinn aus dem, was irgendein akademischer Schreiber ein paar Jahre vorher verfasste." In diesem Sinne haben sich von Keynes zwar manche "Wahnsinnigen" inspiriert gefühlt, aber auch die gesunde Skepsis gegenüber den Resultaten des Marktprozesses und der Glaube an die positiven Wirkungen von Staatseingriffen in die Wirtschaft hat sich dank seiner überzeugenden Lehren bis heute überall auf der Welt erhalten. Daran hat auch die monetaristische "Gegenrevolution" seit den 70er Jahren, die sowohl theoretisch als auch politisch bis hin zum "Washington Consensus" vom Ende der 80er und Beginn der 90er Jahre das Pendel hatte zurückschlagen lassen, nicht viel ändern können.

Wissenschaftliche Paradigmen lösen einander nicht ab, sondern existieren als herrschende oder Mindermeinung in der Regel nebeneinander her. So nimmt es nicht wunder, dass die überzeugten Keynesianer zwar dem "hydraulischen" Traum von der Machbarkeit von Wirtschaftspolitik durch das "Hineinpumpen" von Geld oder die "Drosselung" der Investitionsströme weitgehend abgeschworen haben, und dass auch die "post-keynesianischen" Wachstumstheoretiker von ihren "Sparlücke"-Modellen abgerückt sind, dass aber Marktskepsis und Interventionsoptimismus keineswegs tot sind. Beispielsweise feiern sie derzeit im Namen einer "Neuen Finanz-Architektur" in den internationalen Finanzbeziehungen durchaus Auferstehung.

Keynes' Stern könnte also bald wieder aufgehen. Dieser geniale Geist, der wie so viele andere erst durch seine Nachfolger und Epigonen zur Lehrbuchfigur gemacht worden ist, hätte es verdient, in seiner originalen Vielfalt und Widersprüchlichkeit wieder entdeckt zu werden. Das gilt für seine überzeugenden und simplen, aber der herrschenden Meinung nach wie vor konträr gegenüberstehenden theoretischen Grundaxiome wie das der Ungewissheit ebenso wie für seine wirtschaftspolitischen Vorschläge, wie etwa die Inpflichtnahme von Überschussländern in den internationalen Währungsbeziehungen.


Schriften von John Maynard Keynes
- 1930: A Treatise on Money. London (dt.: Vom Gelde, Berlin 1931, Nachdruck 2000)
- 1933: National Self-sufficiency, in: Yale Review 22/19334, S. 755-769
- 1936: General Theory of Employment, Interest and Money. London, Macmillan (dt.: Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes. Berlin 1936, Nachdruck 2000)
E. Johnson, D. Moggridge (eds.): The Collected Writings of John Maynard Keynes (30 volumes). London, Macmillan 1971 ff.

Schriften über John Maynard Keynes .
Blaug: Recent Biographies of Keynes, in: Journal of Economic Literature, Vol. 32, Sept. 1994, S. 1204-1215
Robert Heilbroner: The Worldly Philosophers. The Lives, Times and Ideas of the Great Economic Thinkers. London, Penguin 1951 [Neuauflage 1991]
Albert O. Hirschman: How the Keynesian Revolution was Exported from the United States, and Other Comments, in: Peter A. Hall (ed.): The Political Power of Economic Ideas: Keynesianism across Nations. Princeton (NJ), Princeton University Press 1989, S. 347-359
Manfred Nitsch: Vom Nutzen des monetär-keynesianischen Ansatzes für Entwicklungstheorie und -politik, in: Renate Schubert (Hg.): Neue Wachstums- und Außenhandelstheorie. Implikationen für die Entwicklungstheorie und -politik. Berlin, Duncker & Humblot 1999,
S. 183-214
Hajo Riese: Geldökonomie, Keynes und die Anderen. Kritik der monetären Grundlagen der Orthodoxie, in: P. de Gijsel et al. (Hg.): Ökonomie und Gesellschaft. Jahrbuch 1: Die Neoklassik und ihre Herausforderungen. Frankfurt/M., Campus 1983, S. 103-160
Hajo Riese: Keynes, Schumpeter und die Krise, in: Konjunkturpolitik, Vol. 32, No. 1, 1986, S. 1-26
Hans W. Singer: How Relevant is Keynesianism Today for Understanding Problems of Development?, in: Elaine Petitat-Côté (ed.): The EADI Story. Networking over the Years 1975-2000. Genf, EADII 1999, S. 145-156


Philipp Lepenies ist Diplom-Volkswirt und Doktorand an der Freien Universität Berlin.

Manfred Nitsch ist Professor für Politische Ökonomie Lateinamerikas, Fachbereich Wirtschaftswissenschaft und Lateinamerika-Institut der FU Berlin. manfred.nitsch@t-online.de



E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit,
herausgegeben von der Deutschen Stiftung für internationale Entwicklung (DSE)

Redaktionsanschrift:
E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit, Postfach, D-60268 Frankfurt
 
 

Inhaltsverzeichnis Inhaltsverzeichnis Seitenanfang Seitenanfang
Deutsche Stiftung für internationale EntwicklungEntwicklungspolitisches ForumInternationales Institut für JournalismusFachgruppe BildungInformationszentrum Entwicklungspolitik (IZEP)Fachzentrum für Internationale Wirtschafts-, Finanz- und SozialpolitikZentralstelle für AuslandskundeFachgruppe Öffentliche VerwaltungZentralstelle für gewerbliche BerufsförderungFachzentrum für Ernährung, Ländliche Entwicklung und Umwelt (ZEL)Fachgruppe Gesundheit


Copyright © 2000, DSE, letzte Änderung 06.12.2000