E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 12, Dezember 1998, S. 307)


Editorial

Der geheime Lernprozeß

Reinold E. Thiel


Es gibt kaum einen anderen Politikbereich, der so stark wie die Entwicklungspolitik von fortlaufenden Lernprozessen geprägt ist. Die Evaluierungen des BMZ sind eines der dazu genutzten Instrumente. In der Öffentlichkeit werden die Ergebnisse von Evaluierungen vor allem deshalb beachtet, weil aus ihnen hervorgeht, wie viele der finanzierten Projekte erfolgreich waren. Wichtiger ist jedoch, daß Evaluierungen helfen, eine bessere Grundlage für künftige Arbeit zu schaffen. Nicht Kontrolle, sondern Lernbedarf ist das vorrangige Motiv. Das Lernen jedoch wird behindert, weil die Entwicklungsbürokratie für sich in Anspruch nimmt, daß der Lernprozeß nur im Innern der Bürokratie stattfinden dürfe, und daß der Öffentlichkeit, statt sie an dem Prozeß zu beteiligen, nur das Ergebnis mitgeteilt wird. Ein Beispiel ist in diesem Heft zu besichtigen:

Dabei geht es um eine der neueren Einsichten der Entwicklungszusammenarbeit, nämlich die, daß Einzelprojekte nur geringe Auswirkungen auf die Entwicklung eines Landes haben. Seit Anfang der neunziger Jahre gibt es die Vorstellung, daß die Hilfe sich an Reformkonzepten für Sektoren in einem Land oder für ein Land als Ganzes orientieren sollte. Das BMZ hat Anfang 1992 für die Zusammenarbeit mit etwa 40 Entwicklungsländern Länderkonzepte eingeführt. Dieses Instrument wurde 1997 im Rahmen einer Serienevaluierung, die neun Länderkonzepte zum Gegenstand hatte, überprüft. Guido Ashoff, Abteilungsleiter am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE), war daran beteiligt und berichtet in diesem Heft über die Ergebnisse.
Der Hauptbericht und die Querschnittauswertung dieser Serienevaluierung liegen seit Dezember 1997 vor, aber sie wurden vom BMZ nicht veröffentlicht. Wie verträgt sich das mit der Vorstellung, daß Evaluierungen den Lernprozeß fördern, daß sie zu neuen Einsichten über das Vorgehen in der Entwicklungszusammenarbeit führen sollen? Ashoff schreibt in seinem Artikel, daß die Evaluierung Defizite aufgezeigt habe, daß „die angestrebte Wirkung der Länderkonzepte nicht in allen Fällen eingetreten“ sei. Aber er nennt die vorgefundenen Schwächen nicht beim Namen, sein Bericht bleibt völlig abstrakt.
Er hat den Artikel mit der zuständigen Stelle im BMZ abstimmen müssen, konkreter konnte er nicht werden. Es hat schon beträchtlicher Überredungskunst und Geduld auf seiten der Redaktion bedurft, daß dieser Artikel überhaupt erscheinen konnte. Aber wem nutzt ein solcher Artikel? Niemand kann über Schwächen diskutieren, die ihm nicht benannt werden. Die Botschaft dieses Beitrags, die Botschaft des BMZ ist: Wir haben unsere Schwächen erkannt, wir arbeiten daran, unsere Arbeit zu verbessern, aber dabei wollen wir im allerkleinsten Kreise bleiben. Die Öffentlichkeit schließen wir bei dieser Diskussion aus. Wir wissen selbst am besten, was zu tun ist, niemand soll uns gute Ratschläge geben. Die Verwaltung ist der Souverän.

Das ist eine zutiefst undemokratische Haltung. Wir reden davon, daß in den Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas ein höheres Maß an Transparenz, Rechenschaftspflichtigkeit und Bürgernähe eingeführt werden müsse, und wir geben „Demokratisierungshilfe“. Was für eine Anmaßung ist das, wenn wir nicht zuallererst in unserer eigenen Verwaltung diese Transparenz, Rechenschaftspflichtigkeit und Bürgernähe einführen? Es gibt außerhalb des Ministeriums, in NROs, Kommunen und Hochschulen, sehr viel Sachverstand, der zu einer Diskussion über die Schwächen und Stärken unserer EZ Wesentliches beitragen kann. Der Hochmut der Ministerialen schließt diesen Sachverstand aus, sie wollen unter sich bleiben. (Allerdings reden auch die NROs nicht immer offen über ihre Erfahrungen!)

In einem anderen Artikel berichtet Christoph Sigrist über die Weiterentwicklung des Programm- und Projektmanagements der KfW. Erfreulich an Sigrists Text ist, daß er einige konkrete Beispiele für gemachte Fehler und die daraus gezogenen Schlüsse nennt. Aber auch hier scheint die Vorstellung durch, daß die Macher der Entwicklungszusammenarbeit immer den fortgeschrittensten Stand der Diskussion repräsentieren. Das Projektplanungskonzept der KfW scheint an einem Mangel zu kranken, der auch die ZOPP der GTZ in ihren Anfangsjahren kennzeichnete. Sigrist schreibt, Projektplanung sei „an klaren Ergebnissen zu orientieren“, „Ziele“ (müßten) präzise definiert … werden“. Die Sozialwissenschaften haben erkannt, daß ein eindeutiger Zusammenhang zwischen Input und Output im sozialen Raum nie nachzuweisen ist, weil es zu viele einwirkende Faktoren gibt, daß also soziale Prozesse immer ergebnisoffen sind. Aber für offene Prozesse scheint die Methodik der KfW wenig Platz zu lassen. Vielleicht entsteht dieser Eindruck auch nur durch die Kürze der Darstellung; immerhin wird klar, daß Monitoring für die KfW-Projekte eine wesentliche Rolle spielt.

Was beide Artikel deutlich machen, ist: Für den Diskurs über Entwicklungszusammenarbeit hat sich ein interner Jargon herausgebildet, der zur Verwendung vorgefertigter Formeln verleitet, und der seinerseits Rückwirkungen auf die gesellschaftliche Realität hat. Damit befassen sich zwei weitere Beiträge des Heftes. Immer besteht der Verdacht, sagt Hans-Dieter Evers, daß die Realität mit dieser Experten-Terminologie falsch abgebildet wird. Und Thomas Bierschenk konstatiert, daß die internationale Hilfe in den Entwicklungsländern einen neuen Klientelismus hervorbringt, in dessen Mittelpunkt Vermittler stehen (von ihm „Entwicklungsmakler“ genannt), die nur existieren können, weil sie diesen Jargon verstehen und ihn sich nutzbar machen.

Zwei Schlußfolgerungen lassen sich aus diesen Überlegungen und aus den vier Artikeln dieses Heftes ziehen: Die erste ist, daß der entwicklungspolitische Diskurs wieder stärker in die Öffentlichkeit verlagert werden muß. Im Koalitionspapier wird die Notwendigkeit betont, „das Bewußtsein für internationale Zusammenhänge zu stärken“. Die neue politische Spitze des BMZ sollte daraus die Konsequenz ziehen, daß Papiere wie die hier diskutierte Querschnittevaluierung grundsätzlich der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden müssen. – Die andere Schlußfolgerung ist eine, die wir alle beherzigen sollten: daß die Diskussionen über Entwicklungspolitik, wenn sie Frucht tragen sollen, auf ihren Fachjargon verzichten, und daß sie konkret sein müssen. „Die Wahrheit ist immer konkret“, sagt Hegel.



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