E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 2, Februar 2001, S. 44-46)


Elmar Altvater (* 1938)
Weltmarkt, Entropie und die Grenzen des Kapitalismus

Henning Melber


Als Vertreter einer Schule der "Kritik der Politischen Ökonomie" hat Elmar Altvater immer wieder auf die Grenzen der kapitalistischen Produktionsweise und den keinesfalls für alle Länder der Erde verallgemeinerbaren Charakter der fordistischen Gesellschaftsstrukturen hingewiesen. Er gehört zu den wenigen Sozialwissenschaftlern, die sich auf der Suche nach tragfähigen Erklärungsmodellen für eine zukunftsorientierte gesellschaftliche Entwicklung auch grundlegende naturwissenschaftliche Gesetzmäßigkeiten erschlossen haben: Das Entropieprinzip setzt der Entwicklung Grenzen.



I.

Elmar Altvater, geboren am 24. August 1938, studierte in München Ökonomie und Soziologie und promovierte über "Umweltprobleme in der Sowjet-Union", bevor er an seine seitherige Wirkungsstätte in (West-)Berlin wechselte. Es ist wohl keine Übertreibung, wenn man sagt, dass er dort seit den 1970er Jahren das internationalistische Bewusstsein ganzer Generationen von Politikwissenschaftlern mitprägte. Zu seinen Schülern gehören Heribert Dieter, Enrique Dussel, Mohssen Massarrat und Dirk Messner. Als Aktivist der "Sozialistischen Assistentenzelle" stritt Altvater nicht nur um die Verwirklichung hochschulpolitischer Reformen, sondern auch mit seinen damaligen Kollegen Klaus Busch, Wolfgang Schoeller und Frank Seelow um den tendenziellen Fall der Profitrate, die Internationalisierung des Kapitals und Theorien des Weltmarktes. Bevor sich diese "Berliner Schule" richtig durchzusetzen vermochte, hatte sie allerdings in der Popularitätsskala der damaligen Rezeption das Rennen um die Führungsposition an die seinerzeit enthusiastisch aufgenommenen Erklärungsversuche der Dependenztheorie verloren (vgl. zu deren Verbreitung im deutschsprachigen Raum das Portrait zu Dieter Senghaas in E+Z 1999:6).

Altvaters vielfältige Interessen erlitten dadurch keinerlei Schaden. Er konkurrierte weiter mit Johannes Agnoli darum, wessen "Kapital-Kurse" (die bei ihnen im Unterschied zu den "Orthodoxen" genau besehen eine kreative Einführung in die "Kritik der Politischen Ökonomie" waren) und wessen Seminare zur Staatstheorie den größeren Zulauf fanden. Hoffnungslos überfüllt waren die Lehrveranstaltungen in der ersten Hälfte der 1970er Jahre ohnehin bei beiden Protagonisten des undogmatischen Marxismus am OSI - wie der Fachbereich Politische Wissenschaften der Freien Universität Berlin (damals Otto-Suhr-Institut) im Kürzel hieß. Zur weiteren Hefe im geistigen Gärungsprozess unter den Lehrenden jener Zeit waren auch Ekkehard Krippendorff und Ulrich Albrecht in der internationalistisch orientierten Arena zu zählen.

Diese Reminiszenzen an die Anfänge der wissenschaftlichen Berufslaufbahn Altvaters sind keinesfalls als nostalgisch-verklärende Rückblicke eines damaligen Grundstudium-Absolventen zu verstehen. Sie sollen vielmehr an das spezifische geistig-politische Milieu erinnern, in dem gestandene Hochschullehrer seines Kalibers ihre sekundäre und tertiäre Sozialisation erfuhren. Altvater ist dem OSI, an dem er seit 1971 als Universitätsprofessor politische Ökonomie lehrt, bis heute treu geblieben. Sein theoretisches wie auch gesellschaftspolitisches Engagement weist ihn nach wie vor als Aktivisten jener spezifischen Generation der "68er" aus, denen es trotz vielfältiger Rückschläge gelang, die wissenschaftspolitische Kultur in den deutschen Landen nachhaltig zu prägen. Im positiven Sinne in dieser Tradition stehend ist Altvater seit 1970 Redaktionsmitglied der von ihm mitbegründeten PROKLA - Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft (deren Kürzel seinerzeit für "Probleme des Klassenkampfes" stand) und als Präsident der Internationalen Lelio-Basso-Stiftung für die Rechte der Völker aktiv. Er engagierte sich seit ihrer Gründung in der Partei "Die Grünen" (Alternative Liste Berlin), ging aber 1999 auf öffentliche Distanz zur dominanten, kriegsbefürwortenden Parteilinie und wurde zu einem der heftigsten Kritiker der Kosovo-Intervention.

Seine breiten und vielfältigen fachlichen Interessen und Kompetenzen haben Altvater nie zum "Schmalspur-Theoretiker" in dem Sinne werden lassen, dass er auf einem Spezialgebiet allein seine Fähigkeiten kultivierte. Dies mag als Stärke und Schwäche zugleich ausgelegt werden, wenn es um die Bedeutung seiner Beiträge für die Entwicklungstheorie geht. Sein Einfluss auf deren Debatten ist nach wie vor da am gewichtigsten (und selten unumstritten), wo es um weltmarktbezogene Reflexionen und Fragen der damit zusammenhängenden Reproduktion des Kapitalismus - mittlerweile unter ausdrücklicher Bezugnahme auf Ökologiefragen - sowie der staatstheoretischen Analyse geht. Dreh- und Angelpunkt seiner Beiträge ist dabei stets die kreative Anwendung marxistischer Theorie geblieben. Fern orthodoxen Reinheitsgeboten ist ihm ein Eklektizismus, der "Ingredienzen verschiedener Ansätze kombiniert", keinesfalls suspekt, sondern nachgerade geboten, wie er in einem Essay im Rahmen einer Serie "Neue Ansätze zur Entwicklungstheorie" in dieser Zeitschrift forderte (E+Z 1996:2).


II.

In der entwicklungstheoretischen Debatte fanden erstmals seit den frühen 1970er Jahren Altvaters Analysen zum internationalen Finanzkapital, zu (welt-)währungspolitischen sowie staatsinterventionistischen Fragen hinsichtlich der Regulation von Märkten und Gesellschaften Beachtung. Dabei blieb er weitgehend der theoretischen Reflexion verhaftet. Empirische (Fall-)Studien waren kaum jemals sein Metier. Die sich zuspitzende Verschuldungskrise in den Ländern der Peripherie ließen ihn während der 1980er Jahre vor dem Hintergrund dieser Fachkenntnisse zum gewichtigen Kritiker einer Entwicklung auf Pump werden, vor deren Grenzen er unermüdlich warnte. Ein von ihm 1987 mitherausgegebenes "Handbuch zur Schuldenkrise" wurde zum Standardwerk in der deutschsprachigen Rezeption, dessen Beiträge sowohl auf allgemeiner wie auch länderspezifischer Ebene zahlreiche Hintergrundinformationen für die weitere Diskussion lieferten.

Inspiriert von eigenen Aufenthalten (als Gastprofessor und zu Forschungszwecken) im östlichen brasilianischen Amazonien, widmete sich Altvater auch länderspezifischen Aspekten Brasiliens (z. B. in dem Verschuldungs-Handbuch). Die eigentlich geplante Monographie über die regionalen Auswirkungen der globalen Verschuldungskrise am Fallbeispiel des Bundesstaats Pará hingegen geriet zum empirischen Teil einer erheblich weiter gefassten Studie über den "Sachzwang Weltmarkt" (1987), mit der er sich in der entwicklungstheoretischen Debatte weithin Gehör verschaffte. Wie er darin aufzuzeigen versuchte, erweisen sich in einer Region Krisentendenzen des Weltmarkts gegenüber nationalstaatlichen Entwicklungsstrategien und örtlichen Bedingungen einer ökologisch angepassten Produktion als dominant, so dass eine nachholende Industrialisierung fordistischer Form als Strategie fehlschlagen muss.

In dieser bahnbrechenden Studie begriff Altvater den Raum als "Realsubstrat ökonomischer und sozialer Prozesse und deren Strukturierung", wobei er den "systemischen und daher systematisch zu entfaltenden Zusammenhang zwischen regionaler Identität, nationalstaatlicher Entwicklungspolitik und ökonomischen Krisentendenzen des Weltmarkts" zu ergründen suchte. Seine Thesen gingen dabei weit über den konkreten Einzelfall Brasilien bzw. Amazonien hinaus. Die darin enthaltene kategoriale Entwicklung von Begrifflichkeiten wie "Inwertsetzung" und "Funktionsräume" sowie die Analyse der Artikulation solcher Funktionsräume bieten wichtige Anstöße für die weitere theoretische Konzeptionalisierung.

Erstmals verwies Altvater im Zusammenhang seiner Argumentation in "Sachzwang Weltmarkt" in einem Kapitel über "Ökonomie und Ökologie" auf die thermodynamischen Gesetze, die er im Zuge der weiteren Ausarbeitung seiner Thesen zunehmend stärker heranzog, um dem Hauptargument der natürlichen Begrenztheit gesellschaftlicher Entwicklung Nachdruck zu verleihen: "Als Prozesse der Stoffumwandlung sind auch Produktion und Konsumtion dem Gesetz zunehmender Entropie unterworfen; das ökonomische System und seine Tendenzen können also nicht ohne die Bedingtheit durch die Wirkungsweise von Naturgesetzen gedacht und begrifflich erfasst werden."

Wie nur wenige Sozialwissenschaftler in der deutschsprachigen Debatte der 1990er Jahre (z. B. Hans Immler und Ulrich Beck), wendete Altvater sein Hauptaugenmerk darauf, Umweltprobleme aus der spezifischen Dynamik des heutigen Kapitalismus abzuleiten (vgl. Köhn 1995). Dieser ist für ihn nicht "das Ende der Geschichte" im Sinne zukünftig allenfalls immanenter Weiterentwicklung, sondern aufgrund seiner potenziell selbstzerstörerischen Tendenzen nachgerade Erfordernis für eine fortgesetzte Suche nach tragfähigen Alternativen der Reproduktion gesellschaftlicher Systeme. Er greift im Zuge dieser Forderung auf die Integration des Entropie-Gesetzes in die sozialwissenschaftliche Theoriebildung zurück, wie insbesondere seine beiden Werke "Die Zukunft des Marktes" (1991) und "Der Preis des Wohlstands" (1992) dokumentieren. Das "thermische Gleichgewicht" wird dabei zu einer Schlüsselkategorie seiner Argumentation.

Kritiker (z. B. Wasmus 1992) werfen ihm deshalb eine "Thermodynamisierung der Sozialwissenschaften" vor. Andere schelten ihn wegen utopischer Sandkastenspiele, mit denen er nunmehr eine solare anstelle (wie früher) einer sozialistischen Revolution einfordere, statt sich die immanenten Widersprüche einer (post-) fordistischen kapitalistischen Produktionsweise zu eigen zu machen bzw. die "transformistischen" Erneuerungen der kapitalistischen Weltordnung zu nutzen (Hein 1993 und 1994). Solchen Einwänden lässt sich entgegenhalten, dass Altvater eine notwendige neue Dimension in den entwicklungstheoretischen Diskurs eingeführt hat, die dem Kriterium des bewussten Stoffwechsels im Sinne sozialen Handelns Rechnung trägt, das Umwelt und Natur nicht zu Objekten schrankenloser Ausbeutung degradiert (Köhn 1995).

Altvater (1994) hält den Einwänden Heins entgegen, dass nach weniger als zehn Menschengenerationen seit der "prometheischen" industriellen Revolution der Weltmarkt sich real-historisch vollzogen habe und die endliche Natur an Grenzen der Belastbarkeit gestoßen ist: "Theoretische Ansätze, die sich nicht bemühen, die ökologische Grenze in ihre Begriffswelt zu integrieren, befinden sich nicht auf der Höhe der Zeit." Sozialwissenschaftliche Theorie ist demnach aufgefordert, "der globalen Reichweite der kapitalistischen Gesellschaftsformation und der (ebenfalls globalen) ökologischen Bedrohung Rechnung zu tragen".

Den Vorwurf, mit der Erschließung der Kategorien "Entropie" und "Syntropie" Anleihen in der thermodynamischen Physik vorzunehmen, die in der sozialwissenschaftlichen Diskussion fehl am Platze seien, weist er zurück. Wenngleich er die kosmischen Prozesse als offen und damit die Erde als energetisch offenes System begreift, "wird durch die kosmische Tendenz des Entropieanstiegs der gesellschaftlichen Reproduktion auf Erden eine thermodynamische Restriktion gesetzt". Eine Berücksichtigung von Kategorien der thermodynamischen Physik auch in der sozialwissenschaftlichen Analyse ist ihm zufolge da hilfreich, wo sie zu einer exakteren Erfassung der Konsequenzen für die Wertproduktion beitragen können.

Er insistiert deshalb "auf der Erweiterung des sozialwissenschaftlichen Begriffsapparats ..., da die heute gebräuchlichen Theorien unzureichend sind, die ökologischen Problemlagen angemessen zu begreifen". Er verweist auf die menschheitsgeschichtliche Notwendigkeit einer Kompatibilität von Produktionsweise und Energiesystem und basiert darauf die These, "dass erstens ... die Menschheitsepoche der auf fossilen Energieträgern beruhenden Produktionsweise in wenigen Jahrzehnten zu Ende geht, dass zweitens der Übergang zur solaren Gesellschaft ansteht und ... dass drittens die Vorstellung absurd wäre, der Austausch von primären Energiequellen könne ohne tiefgreifende soziale Veränderungen in den gesellschaftlichen Systemen der Stoff- und Energiewandlung vonstatten gehen".

Der sich daraus ergebende Prozess einer notwendigen sozialen, ökonomischen und politischen Umstrukturierung wird von ihm als "solare Revolution" bezeichnet, die nach seinem eigenen Eingeständnis noch keine inhaltliche Konkretion erfährt, sondern die ihm als zukunftsorientierte Vision gilt.

Zusammen mit seiner Lebensgefährtin Birgit Mahnkopf leuchtet Altvater gemäß diesem Verständnis umfassend die derzeitigen "Grenzen der Globalisierung" (1996) weiter aus. So werden die weltweiten sozio-ökonomischen Prozesse analysiert, die im Kontext eines zunehmend deregulierten Weltmarktes den Wettbewerb zwischen Staaten und Regionen zwar beibehalten, aber zugleich durch die Globalisierung der Finanzmärkte und einen damit einhergehenden Verlust staatlicher Autonomie im Sinne eigener Regulationsmöglichkeiten zu einer globalen ",Clubgesellschaft‘ der Geldvermögensbesitzer" führen.

Ein zentrales Argument bleibt auch hier der Hinweis auf den allenfalls begrenzten Charakter des "fordistisch" inspirierten Entwicklungsmodells - weder die politischen noch die sozial-ökonomischen Errungenschaften der Industrieländer lassen sich weltweit verallgemeinern. Die Quintessenz dieses keinesfalls einzigartigen, wohl aber von Altvater immer wieder konsequent thematisierten Ansatzes formulierte er in dieser Zeitschrift (E+Z 1996:2) so: "Fatalerweise ist die Welt endlich; es ist schlechterdings keine nachholende Entwicklung der ,Dritten Welt‘ vorstellbar, die der von den westlichen Industrieländern vorexerzierten fordistischen Attraktionskurve folgt."

Durch die Überlagerung der Funktionsräume (siehe "Sachzwang Weltmarkt") erweist sich die gesellschaftliche Kohärenz vor Ort an globalen, ökonomischen Restriktionen. Entwicklung ist insofern doppelt determiniert: "Die Befolgung der Restriktionen ist Ausdruck der grenzenlosen ökonomischen Globalisierung, die Herstellung von Kohärenz kann nur gelingen, wenn Grenzen durch politische Institutionen gezogen werden. Dies ist auch der Grund dafür, warum entwicklungspolitische Vorschläge sowohl allgemeinen Regeln gehorchen als auch zugleich sehr spezifisch sein müssen. Daher kann die vieldiskutierte Globalisierung niemals vollständig sein." Die daraus resultierende politische Herausforderung besteht für Altvater, wie er in einem Aufsatz zu "Markt und Demokratie in Zeiten von Globalisierung und ökologischer Krise" (1997) bekannte, im Mangel an materiellen Voraussetzungen für Entscheidungsfreiheiten vor Ort. Interdependenz kann demnach nicht zustande kommen, solange sie sich als Dependenz erweist.

So relevant diese Einsicht auch ist, entbehrt sie doch ebenso wie viele andere Thesen und Schlussfolgerungen Altvaters der empirischen Konkretion in den gesellschaftlichen Zusammenhängen der sogenannten Peripherie. Kritiker mögen dies als die besondere Schwachstelle seiner Analysen im Hinblick auf verallgemeinerbare Gültigkeit ausmachen. Häufig (wie in den "Grenzen der Globalisierung") werden interne gesellschaftliche Widersprüche außerhalb des Triadenkapitalismus in Form konkretisierter Abhängigkeits- und Herrschaftsverhältnisse von ihm kaum berücksichtigt. Die von Altvater selbst formulierte Forderung nach sehr spezifischen entwicklungspolitischen Vorstellungen, die der Überschneidung weltgesellschaftlicher Restriktionen mit den Bedingungen für die Gestaltung eines kohärenten Systems vor Ort Rechnung trägt, löst er daher auch nicht ein.

Sein Verdienst liegt vielmehr in der Aufdeckung jener allgemeinen Zusammenhänge innerhalb einer kapitalistischen, weltweit dominanten Produktionsweise, die zu den bestehenden Entwicklungsdefiziten in unterschiedlichster Form geführt haben. Er plädiert folgerichtig hinsichtlich "Ort und Zeit des Politischen unter den Bedingungen ökonomischer Globalisierung" (1998) für eine Regulierung von Energieverbrauch, Arbeitsbedingungen und Kapitalbewegungen vor allem auf supranationaler Ebene. Inwieweit dies "dem Süden" ein nennenswertes Mitspracherecht zubilligt, mag dahingestellt bleiben.


III.

Eigentlich kommt eine Würdigung des Werkes von Altvater noch zu früh - jedenfalls in dem Sinne, dass er inmitten einer kreativen Schaffensphase sein wissenschaftliches OEuvre noch keinesfalls vollendet hat. Er wird auch weiterhin für produktive Unruhe in der theoretischen wie der politischen Debatte sorgen. Dass diese "Unruheherde" an mehreren Orten und keinesfalls überwiegend in der entwicklungstheoretischen Debatte beheimatet sind, wurde bereits eingangs erwähnt.

Altvater zieht damit in seinen eigenen publizistischen Beiträgen die Intervention zu vielfältigen Themen dem Purismus des Expertentums vor. So kann er genau besehen auch als "Querdenker" gelten, dessen vielseitige Provokationen in Debatten auf den unterschiedlichsten Bezugsebenen auch dazu geführt haben, dass er keinesfalls als Protagonist einer "Schule" gelten kann.

Wie die Herausgeber einer Festschrift zu seinem 60. Geburtstag in ihrer persönlichen Einleitung vermerken, wäre die dazu erforderliche Festlegung auf eine Denkrichtung Altvater auch fern: "eine ,Schule‘ wäre ihm, der so gern Neues ausprobiert und Grenzen überschreitet, eine viel zu langweilige Angelegenheit". Dieser Tatbestand findet auch in der Vielzahl der Themen und Autoren der Festschrift-Beiträge seinen Niederschlag.

Dass sich Altvater mit seinen Gedanken insbesondere zum (Finanz-)Kapital, zur Ökologie, zum (National-)Staat und zur Globalisierung durchaus auch im Kreise der Protagonisten von Entwicklungstheorie nicht nur des Zuspruchs erfreut, sondern auch kritische Auseinandersetzungen provoziert, schmälert keinesfalls die Relevanz noch mindert es die Substanz seiner Gedanken. Wie die Herausgeber seiner Festschrift so trefflich resümierten: "Wer den Blick auf das Ganze wagt, der macht sich natürlich angreifbar, aber er leistet Orientierungs- und Integrationsarbeit in einer immer ausdifferenzierteren Wissenschaftswelt, in der wir zunehmend mehr im Detail und immer weniger über die Gesamtzusammenhänge verstehen." Altvaters Beiträge haben das Verdienst, sicherstellen zu helfen, dass wir das Wesentliche nicht aus den Augen verlieren, zu dem auch eine (in des Wortes wirklichem Sinne) anständige Portion politisch-moralischer Ethik jenseits modischer Trends gehört - gerade dann, wenn klärende Fragen hinsichtlich einer Theorie von Entwicklung zu stellen und zu beantworten sind.


Schriften von Elmar Altvater
- 1987: Sachzwang Weltmarkt. Verschuldungskrise, blockierte Industrialisierung, ökologische Gefährdung - der Fall Brasilien. Hamburg
- 1987: (Hg., mit Kurt Hübner, Jochen Lorentzen, Raúl Rojas): Die Armut der Nationen. Handbuch zur Schuldenkrise von Argentinien bis Zaire. Berlin (West)
- 1991: Universalismus, Unipolarität, Polarisierung. Widersprüchliche Strukturprinzipien einer "neuen Weltordnung", in: PROKLA, Nr. 84, S. 345-367
- 1991: Die Zukunft des Marktes. Ein Essay über die Regulation von Geld und Natur nach dem Scheitern des "real existierenden Sozialismus". Münster
- 1992: Der Preis des Wohlstands oder Umweltplünderung und neue Welt(un)ordnung. Münster
- 1994: Tschernobyl und Sonnenbrand oder: Vom Sinn physikalischer Kategorien in den Sozialwissenschaften. Replik auf die Kritik von Wolfgang Hein, in: Peripherie, Nr. 54, S. 101-112
- 1994: Die Ordnung rationaler Weltbeherrschung oder: Ein Wettbewerb von Zauberlehrlingen, in: PROKLA, Nr. 95, S. 186-226
- 1996: (mit Birgit Mahnkopf): Grenzen der Globalisierung. Ökonomie, Ökologie und Politik in der Weltgesellschaft. Münster
- 1996: Die Welt als Markt? in: Florian Müller, Michael Müller (Hg.): Markt und Sinn. Dominiert der Markt unsere Werte? Frankfurt/New York, S. 19-43
- 1996: Von möglichen Wirklichkeiten. Hindernisse auf der Entwicklungsbahn, in. E+Z, 37.2, S. 44-49
- 1997: Markt und Demokratie in Zeiten von Globalisierung und ökologischer Krise, in: Ders., Achim Brunnengräber, Markus Haake, Heike Walk (Hg.): Vernetzt und verstrickt. Nicht-Regierungsorganisationen als gesellschaftliche Produktivkraft. Münster, S. 241-248
- 1997: Geld, Globalisierung, hegemoniale Regulierung, in: Steffen Becker, Thomas Sablowski, Wilhelm Schumm (Hg.): Jenseits der Nationalökonomie. Weltwirtschaft und Nationalstaat zwischen Globalisierung und Regionalisierung. Hamburg, S. 96-122
- 1998: Ort und Zeit des Politischen unter den Bedingungen ökonomischer Globalisierung, in: Dirk Messner (Hg.): Die Zukunft des Staates und der Politik - Möglichkeiten und Grenzen politischer Steuerung in der Weltgesellschaft. Bonn, S. 74-97
- 1998: Masse und Macht im Zeitalter der Globalisierung, in: Leviathan - Zeitschrift für Sozialwissenschaft, 26.1, S. 133-151

Schriften über Elmar Altvater
Wolfgang Hein: Elmar Altvater - Entropie, Syntropie und die Grenzen der Metaphorik. In: Peripherie, Nr. 51/52, Dezember 1993, S. 155-170
ders.: Postfordismus und Solargesellschaft: Anything goes? Zur Kritik an Elmar Altvaters "Der Preis des Wohlstands" - ein zweiter Versuch, in: Peripherie, Nr. 55/56, Dezember 1994, S. 173-177
Michael Heinrich/Dirk Messner (Hg.): Globalisierung und Perspektiven linker Politik. Festschrift für Elmar Altvater zum 60. Geburtstag. Münster 1998
Raimund Köhn: Gesellschaftliche Grenzen der Entropie. Wider die Thermodynamisierung der Sozialwissenschaften, in: Peripherie, Nr. 59/60, Dezember 1995, S. 180-193
Henning Wasmus: Die Zukunft des Kapitalismus. Perspektiven der Weltgesellschaft am Ende des Jahrhunderts, in: Sozialismus, Nr. 4/1992, S. 17-24


Dr. habil. Henning Melber leitete von 1992 bis 2000 die Namibian Economic Policy Research Unit in Windhoek. Er ist jetzt Forschungsdirektor des Nordic Africa Institute in Uppsala.
henning.melber@nai.uu.se



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Copyright © 2001, DSE, letzte Änderung 19.02.2001