E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 2, Februar 2001, S. 47 - 50)


Gabriel A. Almond (* 1911)
Modernisierungstheorie: Die USA als Blaupause für die Dritte Welt

Manfred Mols


Gabriel A. Almond gehört zu den einflussreichsten Politikwissenschaftlern des 20. Jahrhunderts. Die moderne vergleichende Politikforschung verdankt ihm und seinen Mitstreitern aus dem Committee on Comparative Politics wesentliche Impulse. Wenn er in seinen komparatistischen Studien seit Mitte der 50er Jahre Länder wie Mexiko, China und Tansania einschloss, dann allerdings immer unter der Prämisse, dass sie in ihrer Entwicklung dem Vorbild der westlichen Industriestaaten folgen würden, mit Säkularisierung und Rationalisierung als Leitbildern: dem "Modell der Moderne". Damit wurde er zu einem der Begründer der Modernisierungstheorie, die in den 60er Jahren in der Auseinandersetzung mit der Dependenztheorie die weltweite Diskussion prägte.



I.

Gabriel Abraham Almond, geboren in Rock Island (IL) am 12. Januar 1911, studierte an der University of Chicago, wo er 1938 zum Ph.D. graduierte. Seine weiteren akademischen Stationen waren das Brooklyn College, die Universitäten Princeton and Yale und schließlich 1963 die Stanford University in Palo Alto, der er seit 1976 als Emeritus angehört. Almond war Berater der amerikanischen Regierung, Gastprofessor in verschiedenen Ländern und gehört führenden wissenschaftlichen Gremien und Organisationen an, in denen er z. T. verantwortliche Positionen einnahm. Unter anderem war er Vorsitzender des Committee on Comparative Politics des Social Science Research Council (1954-63) und Präsident der American Political Science Association (1965-66). Zahlreiche Ehrungen und Preise dokumentieren die Anerkennung für ein unerhört fruchtbares wissenschaftliches Lebenswerk.

Unter seinen entwicklungstheoretisch herausfordernden Hauptwerken sind vor allem vier zu nennen: The Politics of the Developing Areas mit dem berühmt gewordenen Einleitungsaufsatz A Functional Approach to Comparative Politics (1960, herausgegeben gemeinsam mit James Coleman), worin die vergleichende Politikwissenschaft in die Pflicht genommen wird, sich der damals in breiterer Front auf der weltpolitischen Bühne auftretenden Länder der Dritten Welt mit modernen sozialwissenschaftlichen Analysekategorien anzunehmen; Comparative Politics - a Developmental Approach (1966, zusammen mit G. Bingham Powell), das die Analysekategorien verfeinert und zeitgeschichtlich durchspielt; The Civic Culture - Political Attitudes and Democracy in Five Nations (1963, Ko-Autor Sidney Verba), der bis heute maßgeblich gebliebene Versuch, Einstellungsmessungen zur Legitimitätssicherung politischer Systeme vorzunehmen, die sich weltweit auf politische Systeme anwenden lassen; schließlich Crisis, Choice and Change (1973, zusammen mit Scott Flanagan und Robert Mundt) mit der auch entwicklungspraktisch hilfreichen Analyse von Entscheidungssituationen.

Weitere Bücher und Aufsätze zur amerikanischen Außenpolitik und zu Fragen der Politischen Ökonomie sowie
- neben den Arbeiten zu Entwicklungsfragen und zur Vergleichenden Politikwissenschaft - zu Methoden, zur politischen Theorie, zur öffentlichen Meinung und zur Politikwissenschaft überhaupt runden das Arbeitsfeld Almonds ab.


II.

Almonds für das Thema Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik größte Wirkung fällt in die beiden Jahrzehnte ab Mitte der 50er Jahre. Man wird ihn als einen beachteten Vertreter der modernisierungstheoretischen Richtung bezeichnen müssen.

Und doch ist diese Einordnung ungenau: Almonds Wirkung bestand und besteht weniger in dem Einfluss bestimmter entwicklungstheoretischer Aussagen, so wie sie etwa von Samuel Huntington, David Apter, Albert O. Hirschman und vielen anderen aus dem Bereich der Modernisierungstheorie vorgetragen wurden, sondern in der Verknüpfung einer nicht zuletzt von ihm selbst entworfenen Komparatistik mit einem neuen, in dieser Form in der Politikwissenschaft bis dahin nicht geläufigen globalen Anspruch, der gleichsam per definitionem die Entwicklungswelt einschloss.

Dies kommt plastisch in einem Zitat aus Almonds Artikel Political Science - the History of the Discipline von 1998 zum Ausdruck: "Die neuen und sich entwickelnden Nationen Asiens, Afrikas, des Mittleren Ostens und Lateinamerikas, die man jetzt bedroht sieht durch eine aggressive Sowjetunion, erforderte Regionalspezialisten und Spezialisten für ökonomische und politische Entwicklungsprozesse und -probleme." Hier wird der zeitgeschichtliche Kontext genannt, der - nicht nur in den Vereinigten Staaten - das rasche und personal- wie kostenintensive Aufblühen einer breiten und im Kern interdisziplinären Dritte-Welt-Forschung begünstigte.

Aber die Stoßrichtung der eigenen Arbeit war für Almond und für einen ins Gewicht fallenden Kreis von Kollegen nicht das Herausarbeiten von manifesten Gegenideologien gegen die den Westen herausfordernden Sowjets, sondern die Entwicklung eines analytischen Rahmens, der in der Absicht vorgestellt wurde, eine vergleichende Bearbeitungsmethode "for political systems of all kinds" bereitzustellen. Darin waren die Entwicklungsländer sehr bewusst eingeschlossen. Während man sich diesen bisher, wenn überhaupt, fast ausschließlich auf der Basis eines juridisch-legalistischen und auf Institutionen (im Sinne von formalen Organisationsstrukturen) sich stützenden Vokabulars gewidmet hatte und dabei regelmäßig die konkreten Einflussgrößen in gegebenen Verhaltenssituationen übersah, wurde nun ein veränderter empirischer und theoretischer Anspruch angemeldet, den Almond aus dem Geist der reputierten Chicagoer Schule und ihres maßgeblichen Begründers Charles Merriam einbrachte.

Eine moderne, global einsetzbare Politikwissenschaft habe mit einem auf Verhalten und Prozesse ausgerichteten Kategoriengeflecht zu arbeiten, und es stehe ihr gut an, ihren Theoriebedarf auch von außen zu decken, wenn sich in anderen, avancierteren Disziplinen wesentliche theoretische Impulse zeigten. Das konnte konkret Soziologie bedeuten, Anthropologie (Ethnologie), Wirtschaftslehre, Kybernetik, Meinungsforschung - je nach Problemstellung und Bedarf.

Man erkennt leicht, dass hier eine weitere Front in der damals mit Leidenschaft ausgefochtenen und heute durchaus nicht abgeklungenen Schlacht "Scientismus versus praktisch-philosophische Politikwissenschaft" aufgebaut wurde. Die von Almond in langen Diskussionen mit prominenten Kollegen aus dem Committee on Comparative Politics gewählte Richtung hieß: Funktionalismus plus Systemtheorie plus Behaviorismus. Das konnte im Einzelnen Fusion oder zumindest Fusionsanspruch dieser drei "approaches" bedeuten, aber auch ihre je eigene Weiterentwicklung, wie im Folgenden gezeigt werden soll:

Der funktionale Ansatz, partiell vorweggenommen durch zwei andere "Große" der Chicago-Schule, Frank J. Goodnow und Harold Lasswell, in Mode auch in der damaligen Soziologie im Kreise um Talcott Parsons, forderte, nach der faktischen Erbringung unverzichtbarer und damit elementarer wie universeller Leistungen für den Bestand und Erhalt politischer Systeme zu fragen. Almond hat diese Leistungserfordernisse schon 1960 und ausführlicher und leicht verändert ab 1966 nach dem David Easton entlehnten Input-ouput-Schema geordnet. Input-Funktionen - das waren Politische Sozialisation und Rekrutierung, Interessenartikulation, Interessenaggregation, Politische Kommunikation. Die drei zentralen Output-Funktionen waren Regelerstellung, Regelanwendung und Überwachung ihrer Einhaltung (rule making, rule application, rule adjudication). Dies erinnert sofort an Montesquieus Trias der klassischen Gewaltenteilung. Der Unterschied des neuen Funktionalismus besteht darin, grundsätzlich von der Multifunktionalität der Strukturen auszugehen, davon also, dass existierende Institutionen wie Gerichtshöfe, staatliche Bürokratie, Parteien, Verbände, Medien usw. in ihrem tatsächlichen Verhalten nicht oder nur ausnahmsweise auf eine dieser Funktionen beschränkt sind.

Diese Funktionen setzt Almond in einen systemischen Zusammenhang. Das politische System fasst er auf als einen Interaktionszusammenhang von Funktionsträgern. In seiner Gesamtheit grenzt es sich von seiner "Umgebung" ab, was auch bedeutet, dass es selbst Subsystem umgreifender Handlungsverflechtungen ist, die durch Rückkoppelungsschleifen miteinander verbunden sind.

Die behavioristische Komponente kommt am deutlichsten zum Ausdruck in dem, was Almond, am beachtetsten in dem 1993 mit Sidney Verba vorgelegten Buch The Civic Culture, zum Phänomen der politischen Kultur gesagt hat. Hier wird der Gedanke der Multifunktionalität von Strukturen analog auf die nachweisbaren Profile politischer Kultur übertragen. Politische Kultur ist für Almond das Verbindungsglied zwischen der politischen Makro- und der politischen Mikroebene der individuellen (freilich statistisch aggregierbaren) Einstellungen, Normen, Wertvorstellungen. Wenngleich es Sinn mache, Typen politischer Kultur zu unterscheiden, hätten wir in der historischen Realität so gut wie immer Mischkulturen vor uns, in denen sich traditionelle und moderne Verhaltens- und Einstellungselemente mit- und nebeneinander befänden. Als parochiale politische Kulturen werden Einstellungs- und Verhaltensmuster definiert, in denen das politische System als eigenständige Handlungsgröße noch nicht zur Kenntnis genommen wird. Der Orientierungsrahmen ist der unmittelbare soziale Kontext. Als Untertanenkultur (subject culture) bezeichnen Almond und Verba Orientierungsmuster, die sich auf den Output-Bereich politischer Systeme konzentrieren. Eine politische Kultur der Partizipation (participant culture) richtet sich gleichzeitig eigenverantwortlich auf den Input-Bereich aus. Civic culture - näherungsweise mit Bürgerkultur zu übersetzen - meint das Mischungsverhältnis der drei Subkulturen in modernen westlichen Staaten.

Die von Almond zunächst allein und wenige Jahre später von ihm und Verba gewählte Form des konzeptuellen Zugriffs auf politische Kultur entstand in einer sorgfältig kritischen Auseinandersetzung mit Vorläufern aus der damaligen Soziologie und Kommunikationswissenschaft (z. B. Lazarsfeld, Berelson, Gaudet, Merton, McPhee, Katz, Shils, Parsons). In dieser Auseinandersetzung kommen zwei Dinge sehr plastisch zum Ausdruck: die überlegt vorgenommene Verbindung von funktionalistischer Systemtheorie und Behaviorismus, und - dies gilt für das ganze Werk Almonds - der ausgesprochen-unausgesprochene Versuch, das politische Profil der Vereinigten Staaten von Amerika zum Abziehbild von politischer Modernität auch für die "neuen Staaten" zu machen.

Hier liegen aus heutiger Sicht Grenzen des Ansatzes. Aber das Entscheidende ist doch, dass die "neuen Staaten" bei Almonds komparativem Anliegen voll zur Geltung kommen. Dies wird empirisch dadurch eingelöst, dass die Civic-Culture-Studie Mexiko einbezieht (neben den USA, Großbritannien, Italien und Deutschland), dass in dem einflussreichen Buch Comparative Politics (1966) Beispiele aus anderen Dritte-Welt-Ländern folgen, und dass schließlich auch in dem Sammelband Comparative Politics Today - A World View (erste Auflage 1974, seit der zweiten Auflage gemeinsam mit Bingham Powell herausgegeben) mit großer Selbstverständlichkeit eigene Länderkapitel zu Mexiko, China und Tansania eingeschlossen sind.

Sie werden alle nach dem gleichen Analyseschema vorgestellt wie die westlichen Länder England, Frankreich, West-Deutschland und wie übrigens auch die UdSSR. Woher nimmt Almond das Recht oder die Rechtfertigung für dieses Vorgehen? Auch er ist unübersehbar ein Kind der Aufklärung (und in diesem Zusammenhang ein aufmerksamer Leser Max Webers und der Soziologie des 19. Jahrhunderts), d. h. er geht teils expressiv verbis, teils stillschweigend davon aus, dass sich die Welt in einem fortschreitenden Prozess der Modernisierung befindet, in dem die wesentlichen Bewegungsimpulse einem in sich konvergierenden Trend der Säkularisierung, Rationalisierung, Differenzierung nach Funktionen und arbeitsteiligen Spezialisierung der Strukturen folgen.

Damit ist gleichzeitig die prä-theoretische Richtung seines Denkens angezeigt. "Der Politikwissenschaftler" , so schrieb er in der berühmt gewordenen Einleitung des Buches The Politics of the Developing Areas von 1960, "der die politische Modernisierung in den nicht westlichen Gebieten studieren will, muss das Modell der Moderne beherrschen, was wiederum nur abzuleiten ist von der sorgfältigsten und formellen Analyse der Funktionen der modernen westlichen politischen Systeme." Diese Grundfunktionen seien quer durch die menschlichen Kulturen in Gegenwart und Vergangenheit entweder identisch oder fänden doch allenthalben ihre Äquivalente. Entwicklungspolitisch und entwicklungsgeschichtlich hätten wir es mit einem strukturellen und kulturellen Dualismus zu tun, der nicht in einer rigiden Aufteilung der Welt in eine moderne und traditionell-vormoderne bestehe, sondern in unterschiedlichen Performanzweisen, Typen der Ausfüllung von Funktionen und Strukturen, deren aufgabenspezifischen Spezialisierung, den relativen Gewichtungen von informellen und modernen Elementen usw.

Der Dualismus zwischen Tradition und Moderne sei nicht zu übersehen, aber nicht als Schisma, als Bruch zwischen westlichen und nicht-westlichen Systemen, sondern in graduellen bzw. gleitenden Massierungen von arbeitsteilig rationalen Elementen. Beispielsweise grenze sich die moderne westliche Politik viel eindeutiger gegenüber "gesellschaftlichen" Bezügen ab als dies für die "developing areas" der Fall sei.

Wenn es so etwas wie eine Stufenfolge von Systementwicklungen gebe, dann ließen sich diese zwar auf den ersten und flüchtigen Blick in primitive, traditionelle, transitorische und moderne unterteilen, im Grunde hätten wir es aber in konkreten Verhältnissen regelmäßig mit einem kulturellen Mix zu tun: "Es gibt keine total modernen Kulturen und Strukturen im Sinne von Rationalität, und auch nicht durchgehend primitive im Sinne von Traditionalität. Sie unterscheiden sich in dem relativen Gewicht des einen gegenüber dem anderen, und in dem Muster der Mischung zwischen den beiden Komponenten" (1960).

Um es zu wiederholen: Im Grunde war dies ein Aufruf, mit den Mitteln einer modernen, sich primär scientistisch verstehenden, funktional-systemtheoretisch-behavioristischen Politikwissenschaft (was bei Almond aber nie platte Ausschließlichkeit bedeutete) nicht Halt zu machen im Umkreis der bisher analysierten (westlichen) Systeme, sondern global zu arbeiten, ohne dabei angesichts der nicht immer überzeugenden Performanz der nicht-westlichen Welt in Diskriminierung oder Resignation zu verfallen. Und unverkennbar lag dem Ganzen die spätestens seit dem 18. Jahrhundert in Historie, Philosophie und Sozialwissenschaften verbreitete Annahme zugrunde, dass sich alle Kulturen und Zivilisationen in einem durchgehenden Prozess der Evolution befänden.

Hier wurde also einer weltweit zuständigen Politikwissenschaft das Wort geredet, für die Almond ein analytisch verstandenes, aus historisch-empirischer Anschauung abgezogenes und gleichsam idealtypisch präsentiertes Modellbündel vorstellte. Dies geht im Einzelnen in differenzierende Details, die hier nicht vorgestellt werden können. Festzuhalten bleibt dabei noch, dass Almond sich schließlich bewusst wurde, dass man nicht beim politischen Prozess und seinen Interaktionsverläufen stehen bleiben kann, sondern auch die Frage nach den einzuschlagenden Strategien kollektiven und individuellen (sic!) Handelns und der damit verbundenen Herausforderungen stellen muss.

Der von ihm und seinen Schülern erarbeitete Sammelband Crisis, Choice, and Change (1973) dokumentiert dies. Die von Almond geschriebene Einleitung mit dem Titel Approaches to Developmental Causation bringt zugleich eine gewisse Distanzierung von dem eigenen, hier bisher vorgestellten Werk. Vor allem der Frage nach einer "development causation" wird gezielter als zuvor nachgegangen, wobei man fairerweise sehen muss, dass 1973 die Literaturlage, genauer gesagt die historisch-empirische Entwicklungsländerforschung und die sie begleitenden Theorien und Konzepte, qualitativ wie quantitativ ungleich avancierter vorlag, als dies in den 50er und 60er Jahren der Fall gewesen war. Die zentralen Einstiege (approaches) heißen nun Systemfunktionale Theorie und Soziale Mobilisierungstheorie als determinierende Größen, Rational-choice-Koalitionstheorie im Rahmen von Rational choice, Führerschaft - Theorien also über Größen der Wahl, Entscheidung und Abwägung.

Das jeder Entwicklungssituation theoretisch am nächsten kommende Ideal wäre - so Almond - ein klares Beziehungsgeflecht zwischen diesen Variablen, weil sie Statik und Dynamik, Aggregatverhalten und Individualverhalten, deterministische Vorstellungen und historische Erfahrungen zusammenbringen könnten. Man werde buchstäblich demütig angesichts der theoretischen Herausforderungen. Einige der ganz einflussreichen Kollegen in den Verhaltenswissenschaften seien mit einseitigen Kausalerklärungen aufgetreten, "die jeder selbstbewusste Historiker ohne Zögern verworfen hätte". "Return to historical nature" ist daher für Almond die entscheidende Aufgabe, bei der man aber das enorme Sensibilisierungs- und Erklärungspotential der modernen Sozialwissenschaften sowohl in ihren behavioristischen wie in ihren funktional-systemtheoretischen Versionen nicht mehr übersehen dürfe.


III.

Die "Transformation historischer Episoden" in "analytische Episoden" wird damit zum Programm erklärt. Die Botschaft ist bei einigen angekommen, bei anderen, die der Versuchung zu monokausalen Erklärungen erlagen, nicht. Almond hat für viele Jahre Stanford zu einem der Zentren der vergleichenden Politikforschung und Entwicklungsländerforschung gemacht. Vor allem seine Fähigkeit zum Dialog hat ihn über Jahre mit praktisch allen bedeutenden Entwicklungsforschern der USA zusammengebracht, obwohl er selbst nie in einem engeren Sinne zur "scientific community" der durch Feldforschung ausgewiesenen Wissenschaftler gehörte. Seiner enormen Ausstrahlung kam die unkomplizierte Nähe zum Forschungssitz des Social Science Research Council und zu den verschiedenen Zweigstellen der University of California (allen voran Berkeley) zugute. In den Ranking surveys der amerikanischen Professoren der Politikwissenschaft kam er in seiner besten Zeit auf die Plätze 5 und 6, zeitweilig noch vor David Easton oder Samuel Huntington.

Der 1960 mit Coleman herausgegebene Band The Politics of the Developing Areas zog neun weitere, sehr grundsätzliche Bände des Social Science Research Council nach sich. Die Beiträge waren geschrieben von den damals besten Vertretern der neuen entwicklungstheoretischen Richtung: Leonard Binder, Joseph LaPalombara, Myron Weiner, Lucyan Pye, Rupert Emerson und vielen anderen.

Wenn sich gleichwohl nicht eine eigene Almond-Schule herausbilden sollte, dann hatte dies verschiedene Gründe. Einerseits war das Programm anspruchsvoll und weitgespannt, was besonders in dem Sammelband Crisis, Choice and Change von 1973 zum Ausdruck kommt. Andererseits passte die deutliche Betonung des Historischen nicht in jene scientistische Grundrichtung, aus der Almond selbst stammte und die in den 70er Jahren - auch im entwicklungstheoretischen Denken - in den USA immer noch im Vormarsch war.

Almond war sich der Tatsache bewusst, dass er mit einem westlichen Analyse-Konzept der Modernisierung arbeitete. Kulturhermeneutisch gewonnene Bedenken und Gegenpositionen kamen bei denjenigen auf, die sich intensiver in Kultur und Politik der "neuen" Länder einarbeiteten oder die aus jener Dritten Welt stammten. Weniger ins Gewicht fallen dürfte die damalige Blüte dependenztheoretischer Richtungen. Sie wurden vom "mainstream" der modernisierungstheoretischen Schulen kaum zur Kenntnis genommen. Analoges gilt für die etwa zeitgleich aufkommende Richtung der sogenannten Weltmodelle (Wallerstein u. a.).

An dem weitergehenden Programm einer Fusion von sozial- bzw. politikwissenschaftlichem Scientismus und Historie arbeiten wir immer noch. Vielleicht wird man Almond bescheinigen müssen, dass er hier viel weiter gekommen ist als die meisten Entwicklungsforscher in einem engeren und professionelleren Sinne der Zunft.

Aber hätte er nicht Konflikte, Brüche, Widerstände, anomisches Verhalten und nicht zuletzt auch die internationale Mitbedingung von Entwicklung und Unterentwicklung stärker berücksichtigen müssen? Und eben auch kulturelle Spezifika, für die selbst die modernsten westlichen Staaten weder Hinweis geben noch Beispiele setzen? Wenn man sich intensiv mit dem Studium von Entwicklungsländern beschäftigt, wird man vorsichtig in der früher als selbstverständlich angesehenen Annahme entwicklungshistorischer und damit auch entwicklungstheoretischer Universalien. Hier sind die Endmarken der Impulse zu sehen, die seinerzeit von Gabriel A. Almond ausgingen und die immer noch nachwirken.


IV.

Die Verdienste des Kreises um Almond sind eindeutig. Sie haben durch die Hineinnahme der "neuen" Länder in den Aufmerksamkeitsscheinwerfer der Vergleichenden Politikwissenschaft dem politikwissenschaftlichen Studium von Asien, Afrika, Lateinamerika und dem Nahen Osten einen selbstverständlichen und seither nicht mehr ernsthaft angezweifelten Platz in der amerikanischen und dann sehr rasch auch der internationalen Politikwissenschaft gegeben; dies alles mit dem modernsten analytischen Werkzeug der Zeit, das bei allem Innovationspotential große Traditionen aus Soziologie, Sozialpsychologie, Ethnologie, aus der klassischen politischen Philosophie bis zurück zu Aristoteles usw., aber auch das Instrumentarium der damals in den Sozialwissenschaften aufkommenden Systemtheorie für eine Welt fruchtbar machte, der man ausdrücklich bescheinigte, zur Weltgegenwart zu gehören. Hierin scheint mir die eigentliche entwicklungspolitische Bedeutung von Almond zu liegen.

Hinzu kommt die verhältnismäßig unkomplizierte Handhabbarkeit der von ihm und seinem Kreis eingeführten Begriffe und Konzepte. Wenn heute z. B. weltweit über "good governance" nachgedacht wird, dann sind nicht nur die im Weltbank-Bericht von 1997 aufgezeichneten Effektivitätsüberlegungen von Belang; auch die von Almond entwickelten und in die funktionale Systemtheorie passenden Beurteilungsraster der systembezogenen "capabilities" (= unverzichtbare Leistungseinheiten eines politischen Handlungssystems auf Makroebene) gehören hierher.



Schriften von Gabriel A. Almond
1956: Comparative Political Systems, in: Journal of Politics XVIII, August, S. 391-409
1960: Introduction. A Functional Approach to Comparative Politics, in: Gabriel A. Almond, James S. Coleman (eds.): The Politics of the Developing Areas. Princeton, S. 3-64
1963 (mit Sidney Verba): The Civic Culture. Political Attitudes and Democracy in Five Nations. Boston / Toronto
1965: A Developmental Approach to Political Systems, in: World Politics XVII, January, S. 183-214
1966 (mit G. Bingham Powell Jr.): Comparative Politics. A Developmental Approach. Boston/Toronto
1968: Political Development: Analytical and Normative Perspectives. Boston, Benedict Lectures on Political Philosophy
1969/70: Determinancy-Choice, Stability-Change: Some Thoughts on a Contemporary Polemic in Political Theory, in: Government and Opposition V
1973 (mit Scott Flanagan, Robert Mundt): Crisis, Choice, and Change. Historical Studies of Political Development. Boston
1974 (ed.): Comparative Politics Today. A World View. Boston / Toronto (2nd ed. 1980 with G. Bingham Powell Jr.)
1990: A Discipline Divided. Schools and Sects in Political Science. Newbry Pak u. a.
1998: Political Science - the History of the Discipline, in: Robert E. Goodin and Hans-Dieter Klingemann: A New Handbook of Political Science. Oxford / New York, S. 50-96

Schriften über Gabriel A. Almond
Ada W. Finifter (ed., 1983): Political Science. The State of the Discipline. Washington (darin bes. die Artikel von Donald Hancock und Joel S. Migdal)
Peter Mair (1998): Comparative Politics. An Overview, in: Goodin, Klingemann a. a. 0. , S. 309-352
Peter Birle / Christoph Wagner (1996): Vergleichende Politikwissenschaft: Analyse und Vergleich politischer Systeme, in: Manfred Mols / Hans-Joachim Lauth / Christian Wagner (Hg.): Politikwissenschaft. Eine Einführung. Paderborn, 2. Aufl. 1996, S. 102-135
Ronald H. Chilcote (1981): Theories of Comparative Politics. The Search for a Paradigm. Boulder (CO)



Prof. Dr. Manfred Mols lehrt internationale Politik und Entwicklungspolitik am Institut für Politikwissenschaft der Universität Mainz, Abteilung Entwicklungsländerforschung und Auslandskunde.
instmols@mail.uni-mainz.de



E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit,
herausgegeben von der Deutschen Stiftung für internationale Entwicklung (DSE)

Redaktionsanschrift:
E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit, Postfach, D-60268 Frankfurt
 
 

Inhaltsverzeichnis Inhaltsverzeichnis Seitenanfang Seitenanfang
Deutsche Stiftung für internationale EntwicklungEntwicklungspolitisches ForumInternationales Institut für JournalismusFachgruppe BildungInformationszentrum Entwicklungspolitik (IZEP)Fachzentrum für Internationale Wirtschafts-, Finanz- und SozialpolitikZentralstelle für AuslandskundeFachgruppe Öffentliche VerwaltungZentralstelle für gewerbliche BerufsförderungFachzentrum für Ernährung, Ländliche Entwicklung und Umwelt (ZEL)Fachgruppe Gesundheit


Copyright © 2001, DSE, letzte Änderung 19.02.2001