E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 3, März 2001, S. 67)
Wider den Afro-Optimismus
Reinold E. Thiel
Afrikas Pro-Kopf-Einkommen ist heute niedriger als Ende der 60er Jahre, und es sinkt weiter. Von 1998 auf 1999 ist das Brutto-Inlandsprodukt um ein Prozent auf durchschnittlich 492 Dollar pro Kopf und Jahr gefallen. In 24 Ländern beträgt es weniger als 350 Dollar. Für Burundi werden 120 Dollar genannt, für die DR Kongo 110, für Äthiopien 100. Auch wenn diese Statistiken (der Weltbank) eher Schätzungen sind, sie spiegeln die katastrophale Realität.
In einer zunehmenden Anzahl von Ländern zerfällt die staatliche Ordnung, ist Politik durch Bandenkriege verdrängt worden - die zuletzt in die Liste Aufgenommenen sind Côte d'Ivoire, das lange als Muster an Stabilität galt, und Guinea-Conacry, auf das Banden aus den Nachbarländern übergreifen. Jeder fünfte Afrikaner lebt in einem der zahlreichen von blutigen Konflikten erschütterten Länder. Afrikas Anteil am Welthandel sinkt kontinuierlich, vor zwanzig Jahren betrug er noch rund fünf Prozent, heute weniger als ein Prozent.
Lange Zeit hat die Politik der Länder des Nordens auf diese Entwicklung in Afrika völlig unangemessen reagiert. Jede kleinste Steigerung des BIP, die man glaubte messen zu können, wurde als Zeichen der Hoffnung gedeutet, auch wenn sich angesichts höherer Wachstumsraten in anderen Weltteilen der Abstand ständig vergrößerte. Eine Handvoll Länder, die den Ratschlägen des Internationalen Währungsfonds Folge leisteten, wurden gelobt, auch wenn die Armut in diesen Ländern zunahm. Eine Gruppe junger und energischer Politiker, die in einigen Staaten die Macht übernahmen, wurden zum Bild einer "afrikanischen Renaissance" hochstilisiert, bis die meisten von ihnen sich kurz darauf in neue blutige Kriege verwickelten. Das Rezept, das man allen afrikanischen Ländern verschrieb, war einfach: Sie müssten nur die Rahmenbedingungen für eine freie Wirtschaft schaffen, müssten internationale Investitionen ermutigen, dann werde sich Entwicklung von selbst einstellen. Im Übrigen, sagte Edward Jaycox, Vizepräsident der Weltbank für Afrika, gebe es zu viele Weiße in Afrika, man müsse endlich die Afrikaner machen lassen.
Sicher, wenn alle diese Bedingungen erfüllt wären, gäbe es eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass es Afrika besser ginge. Aber das ist eine Leerformel, nicht hilfreicher als frühere. Der Arzt verschreibt seine Standardtherapie, macht sich aber nicht die Mühe, vorher eine Diagnose zu stellen.
Die Weltbank führt solche Rechnungen seit Jahrzehnten vor, in allen ihren Publikationen - Kappel hat sie nur beim Wort genommen, um sie ad absurdum zu führen. Es ist gut, dass das endlich einmal jemand tut. Natürlich ist das nicht die realistische Analyse, die die Memorandums-Autoren selbst fordern, und ich unterstelle, dass sie das wissen. Statistik ist immer ein zweifelhaftes Analyse-Instrument, weil es dazu verleitet, Korrelationen für Ursache-Wirkung-Beziehungen zu halten, ein Fehler, in den die Mainstream-Ökonomen allzu leicht verfallen. Aber die empirischen Analysen, die die Mechanismen aufdecken, durch die in Afrika ökonomische, gesellschaftliche und politische Prozesse gesteuert werden, gibt es auch, wenngleich in zu geringer Zahl. Mehr solcher Untersuchungen werden gebraucht, von Wissenschaftlern und Praktikern aus dem Süden wie aus dem Norden, und auf ihnen aufbauend realistische Scenarien, die die Wirklichkeit Afrikas nicht ignorieren, die innerhalb dieser Wirklichkeit verlässliche Strukturen schaffen, die ähnlich wie in den Wachstumsstaaten Asiens gut qualifizierten Planungsgremien Verantwortung übertragen, und die das Wohl des Volkes anstreben und nicht nur die Konten der Machthaber. E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit, herausgegeben von der Deutschen Stiftung für internationale Entwicklung (DSE) Redaktionsanschrift: E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit, Postfach, D-60268 Frankfurt
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