E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 3, März 2001,
S. 81 - 84)

Auf der Suche nach einer deutschen Afrikapolitik
Kernelemente einer erforderlichen Neuorientierung
Rolf Hofmeier

Politikempfehlungen müssen auf einer realistischen Analyse der Ausgangsbedingungen beruhen. Für Afrika bedeutet das, dass die Voraussetzungen für signifikanrte Entwicklungserfolge düster sind. Dennoch ist eine einfache Fortschreibung beobachtbarer Trends nicht zulässig, sagt Rolf Hofmeier. Warum sollte Afrika nicht, wie die Länder Süd- und Südostasiens, seine Entwicklungshemmnisse überwinden? Dafür ist eine Fortsetzung der Entwicklungszusammenarbeit notwendig, vor allem mit solchen Maßnahmen, die ordnungs- und strukturpolitische Wirkung haben.
Über die Tatsache einer völlig unbefriedigenden sozialen, wirtschaftlichen und politischen Gesamtentwicklung im subsaharischen Afrika (hier kurz: Afrika) während der letzten vier Jahrzehnte kann es wohl keinen ernsthaften Disput geben. Auch in Anbetracht einer inzwischen zweifellos erfolgten Differenzierung zwischen verschiedenen Ländern gibt es doch viele gemeinsame strukturelle Elemente, die es sinnvoll erscheinen lassen, zunächst von einer allgemeinen Betrachtung Afrikas auszugehen, die jedoch anschließend eingehender nach Subregionen und Ländergruppen zu spezifizieren ist.
Die bisherige deutsche Afrikapolitik seit der großen weltpolitischen Wende 1989/90 ist - unter der gegenwärtigen wie unter der früheren Regierung - ohne klar erkennbares Profil geblieben und hat sich weitgehend auf eine Fortführung der seit langem eingefahrenen Entwicklungszusammenarbeit (durchaus mit einigen Modifikationen und neuen Schwerpunktsetzungen) beschränkt.
Auch ein Verweis auf die sogenannten. "Leitlinien von Accra" des AA (von 1993!) und das im Frühjahr 1998 neu formulierte Afrikakonzept des BMZ (in Nachfolge einer früheren Fassung von 1992) kann das Fehlen einer kohärenten afrikapolitischen Perspektive nicht überdecken. Gleiches gilt auch für die Papiere der Bundestagsfraktionen von CDU/CSU und SPD vom Frühjahr 2000.
Insofern ist jeder Anstoß zu einer Diskussion über eine Neubegründung der deutschen Afrikapolitik wärmstens zu begrüßen, auch wenn es offensichtlich noch Klärungsbedarf über verschiedene Kernannahmen und Begründungszusammenhänge gibt.

Wie verlässlich sind Prognosen?
Jedwede Politikempfehlungen sollten selbstverständlich auf einer realistischen und ehrlichen Analyse der Ausgangssituation und der voraussichtlich absehbaren weiteren Entwicklung beruhen. Daher ist durchaus Kritik an meist übermäßig optimistischen Wachstumsprognosen der Weltbank für Afrika angebracht (was allerdings auch taktisch zwecks Aufrechterhaltung einer politischen Unterstützung ihrer Aktivitäten verstanden werden muss), während z. B. selbst die UN Economic Commission for Africa (ECA) unter den gegenwärtig vorherrschenden politökonomischen Rahmenbedingungen die Voraussetzungen für ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum als kaum gegeben ansieht.
Dennoch ist vor allzu pauschalen Fortschreibungen bisheriger Wachstumstrends (mit Aussagen über die Unmöglichkeit einer nachhaltigen Armutsreduzierung für einen Zeitraum bis zu 50 Jahren), wie sie in dem Memorandum gemacht werden, dringend zu warnen, da dies nur einen undifferenzierten generellen Afropessimismus zu bestätigen und jegliche Anstrengungen für vermehrte und bessere (afrikanische wie außerafrikanische) Entwicklungsbemühungen resignativ zu untergraben scheint.
Vor allem aber ist eine derartige mechanistische Trendfortschreibung ausgesprochen unhistorisch und nicht seriös wissenschaftlich belegbar. Auch eine Vielzahl höchst komplizierter Regressionsanalysen mit Langzeitwachstumsraten verschiedener Länder hat bisher letztlich keine überzeugenden Erkenntnisse über die jeweils ausschlaggebende Bündelung und Sequenz vieler Einzelfaktoren für dauerhaftes Wirtschaftswachstum liefern können.
Erinnert sei nur an die in den letzten drei bis vier Jahrzehnten sich grundlegend verändernden Aussagen über fundamentale (gerade auch soziokulturelle) Entwicklungsdefizite oder -vorteile und an die tatsächlichen ökonomischen Entwicklungen in Ost- und Südostasien. 1968 sah Gunnar Myrdal (in Konformität mit der damals vorherrschenden Einschätzung) in seinem Monumentalwerk The Asian Drama die Zukunft der Region ausgesprochen pessimistisch an, während nur 25 Jahre später die Weltbank das East Asian Miracle als Vorbild darstellte, aber schon kurz darauf die sogenannte "Asienkrise" ausbrach, die dann jedoch auch erstaunlich schnell (jedenfalls mehrheitlich) wieder überwunden wurde. Immerhin hat die gesamte Region Süd- und Südostasien (sogar ohne Japan, Korea und Singapur) über einen Zeitraum von 31 Jahren (1965 bis 1996) ein durchschnittliches BSP-Wachstum von 7,4 % (bzw. von 5,5 % pro Kopf) erzielt.
Dies soll nur belegen, dass auch für eine Großregion mit einem ausgesprochen niedrigen Ausgangsniveau bei Vorliegen bestimmter Rahmenbedingungen beachtliche langfristige Wachstumsperioden mit entsprechendem Strukturwandel durchaus möglich sind.

Schlechte Aussichten für Afrika, aber ...
Unbestreitbar richtig im Hinblick auf Afrika erscheint hingegen die Aussage, dass bei Annahme einer Fortdauer der derzeitigen allgemein- und wirtschaftspolitischen Verhältnisse die Aussichten für signifikante Entwicklungserfolge in der Tat düster sind und ein weiteres Zurückfallen Afrikas gegenüber allen anderen Kontinenten zu erwarten ist. Selbst bei der äußerst optimistischen Annahme von dauerhaft höheren Wachstumsraten (etwa von 7 %) bleibt angesichts des niedrigen Ausgangsniveaus rein rechnerisch die harte Erkenntnis, dass auch dann nur eine sehr bescheidene Anhebung des durchschnittlichen PKE - keinesfalls aber auch nur eine Annäherung an das heutige Niveau der asiatischen Länder oder gar der Industrieländer - möglich sein wird. Bestenfalls könnte damit eine gewisse Verringerung der absoluten Armut erreicht werden, mit Sicherheit jedoch kein breit fundierter Aufholprozess im Sinne einer nachholenden Modernisierung und Industrialisierung.
Die Konsequenz aus der unzweifelhaft kritischen Gegenwartssituation und den wenig ermutigenden unmittelbaren Zukunftsperspektiven kann es dennoch nicht sein, der überwiegenden Mehrheit des Kontinents resignativ jegliche Entwicklungschancen in einem herkömmlichen Sinne abzusprechen und deshalb für eine Beschränkung auf Not-und Krisenhilfe und auf Maßnahmen zur Herbeiführung eines Zustandes "struktureller Stabilität" zu plädieren (was polemisch auch als Versuch zur "Ruhigstellung" - im Sinne der Vermeidung von Gewalt ohne weitere andere Perspektiven - verstanden werden könnte, insbesondere auch aus Sorge vor der Globalisierung von Gewaltmärkten und Krisen à la Huntington).
Auch weiterhin sind engagierte - und im Lichte konkreter Erfahrungen kontinuierlich verbesserte - Anstrengungen zur Beschleunigung des Wirtschaftswachstums (als Voraussetzung für einen wenigs- tens langsamen Abbau der absoluten Armut) unbedingt erforderlich und auch keineswegs aussichtslos (allerdings im Rahmen der vorstehend aufgezeigten Grenzen in Relation zum Rest der Welt). Was spricht denn mittel- bis längerfristig dagegen, dass auch die vielfältigen soziokulturellen, politischen und sonstigen Hemmfaktoren für eine bessere Wirtschaftsentwicklung selbst in Afrika (wie in anderen Teilen der Welt ) veränderbar und substanziell verbesserbar sind? Ebenso wie trotz vieler Rückschläge an dem generellen Ziel einer fortschreitenden Demokratisierung festgehalten wird, so muss auch parallel dazu die gleichzeitige Verbesserung der wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen auf der zu verfolgenden Tagesordnung bleiben.

... auch Afrika kann sich ändern
Dies ist keineswegs so aussichtslos, wie es manchmal aktualitätsbezogen erscheinen mag. Die starke Zunahme zivilgesellschaftlicher Aktivitäten und die -
anfänglich von Geberinstitutionen weithin aufgezwungenen und häufig scharf kritisierten - Strukturanpassungsprogramme haben bereits die klassischen Klientelismusstrukturen und die verbreitete Pfründenwirtschaft (wenigstens teilweise, wenn auch längst noch nicht weit genug ) aufgebrochen und ihre desaströsen Auswirkungen öffentlich angeprangert und eingeschränkt.
Im Übrigen gab (und gibt) es vergleichbare Phänomene durchaus auch in asiatischen Ländern. Die derzeitigen Hemmnisfaktoren für ein schnelleres Wirtschaftswachstum sollten deshalb keineswegs als unabänderlich angesehen bzw. hingenommen werden. Daher bleibt auch eine darauf abzielende - und natürlich ständig um weiter verbesserte Wirksamkeit bemühte - EZ unverzichtbar (einschließlich substanzieller Fortschritte bei der Verschuldungsproblematik), flankiert von Maßnahmen zur Prävention des Ausbruchs offener Konfliktauseinandersetzungen bzw. zur möglichst gewaltfreien Bearbeitung letztlich unvermeidbarer Konfliktkonstellationen.

Was muss Entwicklungs-
zusammenarbeit leisten?
Für einen dauerhaften und positiv strukturverändernden Erfolg der EZ sind vor allem solche Maßnahmen und Instrumente von zentraler Bedeutung, die einen Einfluss auf eine im weitesten Sinne zu verstehende Ordnungspolitik und auf einzelne Sektorpolitiken (insbesondere im Hinblick auf Verbesserung der Grundlagen für langfristigen Wandel wie hinsichtlich Humankapital, Landwirtschaft etc.) haben können. Die Mehrzahl einzelner traditioneller Entwicklungshilfeprojekte mag zwar durchaus innovativen Vorbildcharakter haben (oft aber noch nicht einmal dies), dennoch bleibt ihr Gesamteffekt meist verhältnismäßig gering. Allerdings ist die Erkenntnis der Notwendigkeit einer sehr viel stärkeren Bündelung und besseren Koordination verschiedenster EZ-Aktivitäten auch keineswegs besonders neu; dies wird seit langem prinzipiell angestrebt, stößt jedoch auf nur schwer überwindbare institutionelle bzw. einzelstaatliche Partikularinteressen. Konsequenter als bisher sollten jedenfalls alle EZ-Maßnahmen ebenso wie auf ihre Nachhaltigkeit auch auf ihre Breitenwirkung überprüft und daran gemessen werden. Nur dann sind tatsächliche Strukturveränderungen in Bezug auf gesellschaftliche und wirtschaftliche Hemmfaktoren für Entwicklung zu erwarten.
Angesichts der überwiegend erschreckend geringen Entwicklungsfortschritte und einer sehr begrenzten Wirksamkeit vieler EZ-Maßnahmen in der Vergangenheit erscheint die Forderung nach einer strikteren Anlegung von politischen Kriterien bei der Afrikapolitik ( im Sinne von politischer und ökonomischer Konditionalität) nicht nur verständlich, sondern auch notwendig. Entgegen noch immer vorgetragenen Forderungen nach völlig ungebundenen automatischen Finanztransfers nach Afrika ist das Prinzip der "politischen Konditionalität" absolut gerechtfertigt, sofern es sich auf Aspekte einer kompetenten Regierungsführung ("good governance"), Erfolgskriterien für die Verwendung des im Rahmen der EZ erfolgenden Ressourcentransfers und auf universal geltende Grundprinzipien von Demokratie und Menschenrechten beschränkt.
Potenziell problematisch wäre allerdings eine externe Vorgabe von bestimmten gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Leitbildern, ausgehend von einer eigenen "Vision", vor dem Hintergrund der fortbestehenden, völlig asymmetrischen globalen Machtstrukturen.

Lokale Reformanstrengungen
sind unverzichtbar
Es ist inzwischen allgemeine Erkenntnis, dass die verschiedensten Formen von EZ überall dort durchaus positiv unterstützend wirksam werden können, wo bereits entsprechende gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen und Reformanstrengungen (im Sinne von lokaler "ownership") gegeben sind, dass aber bei fehlender politischer Disposition auch durch schärfste Konditionalitätspostulate keine Politikveränderungen erzwungen werden können.
Dass dies sich in der Vergangenheit immer wieder als Illusion herausgestellt hat, spricht zunächst klar für eine deutliche Selektivität im Hinblick auf die Auswahl der Länder, die prioritär als Partnerländer der staatlichen EZ berücksichtigt werden sollen. Allerdings reicht eine unter Effektivitäts- und Effizienzgesichtspunkten verständliche Beschränkung allein auf diese Positivfälle nicht aus, da dies von den vielfältigsten Unwägbarkeiten der jeweiligen innenpolitischen Situation (im Extremfall bis zum Bürgerkrieg) abhängt.

Konzept der Krisenprävention
Sowohl aus langfristigem Eigeninteresse (Vermeidung von indirekten Auswirkungen dauerhafter Konflikte) wie aus ethisch-normativen Gründen einer Wertorientierung der Politik ist es erforderlich, sich auch mit den Problemfällen zu befassen und diese nicht einfach ihrem Schicksal zu überlassen; allerdings sind hierfür offensichtlich ganz andere - vorwiegend auf nichtstaatliche Akteure abstellende - Ansätze und Instrumente erforderlich als für die Länder, in denen konventionelle EZ eingesetzt werden kann.
Erst in den letzten Jahren stark betont wurde das Konzept der Krisenprävention, das darauf abstellt, dass es aus den verschiedensten (ethischen wie wirtschaftlichen) Gründen sehr viel besser ist, latent vorhandenen Konfliktursachen durch präventive Maßnahmen rechtzeitig zu begegnen, statt mit einer schließlichen gewaltsamen Verschärfung konfrontiert zu werden, der dann mit hohem Aufwand an Not-und Katastrophenhilfe (unter Hintanstellung langfristiger Entwicklungsziele) begegnet werden muss. An konkreten Beispielen derartiger Gewalteskalation hat es gerade in Afrika in den letzten Jahren nicht gemangelt. Insofern ist die Idee der Krisenprävention im Bereich der EZ durchaus vernünftig, auch wenn es vorläufig noch an klaren Vorstellungen für eine praktische Umsetzung mangelt.
Daher wurde schon im März 1996 in einer "Mitteilung" der EU-Kommission an den EU-Rat als politisches Oberziel aller Anstrengungen ein Konzept der "strukturellen Stabilität" ausgegeben, die als "dynamischer Zustand" (gewisser begrifflicher Widerspruch!) verstanden wurde, der in sich nachhaltige Wirtschaftsentwicklung, funktionsfähige politische Strukturen, geordnete soziale Verhältnisse und gesunde Umwelt vereint und gefestigt genug ist, um den stattfindenden Wandel unter Vermeidung gewaltsamer Konflikte herbeizuführen und zu fördern.
Als unbestritten wurde dort aber auch betont, dass wirtschaftliche Entwicklung und Wohlstand die wichtigsten Faktoren für die Verwirklichung eines Wandels ohne Gewalt sind. Diese Aussage ist dezidiert zu unterstreichen gegenüber einer in jüngster Zeit etwas modisch gewordenen Überbetonung von (zweifellos sinnvollen) Maßnahmen zur Krisenprävention und zur Förderung von gewaltfreien Mechanismen zur Austragung grundlegender gesellschaftlicher Interessengegensätze.
Erhebliche Skepsis ist jedoch angebracht im Hinblick auf die Erfolgsaussichten dieser Ansätze bei wirklich größeren und tief verwurzelten Konflikten (wie z. B. in den Fällen Ruanda, Sudan und vielen anderen). So kann etwa der im Aufbau befindliche Zivile Friedensdienst bestenfalls begrenzte lokale Wirksamkeit erzielen, aber keine größeren Konfliktszenarien ernsthaft beeinflussen.
Wichtigste allgemeine Grundvoraussetzung - wenn auch allein nicht hinreichend - für eine Vermeidung oder Verminderung gewaltsamer Konflikte ist zunächst die Beschleunigung des wirtschaftlichen Wachstums unter Beachtung einer bewussten Armutsorientierung - auch wenn unbestreitbar ist, dass viele Konflikte andere Auslösungsfaktoren haben und verhängnisvolle Eigendynamiken entwickeln. Auch schnelles Wachstum kann jedoch destabilisierende Auswirkungen haben, die nur bei paralleler Zunahme von gesellschaftlichen Problemlösungskompetenzen aufgefangen werden können.

Erforderlich sind gesellschaftliche
Kohäsion und wirtschaftliches Wachstum
Notwendig ist daher nicht - wie in dem Memorandum postuliert - ein neues Entwicklungsparadigma, das anstelle von Wirtschaftsentwicklung und Armutsbekämpfung auf den Aufbau eines Zustandes "struktureller Stabilität" (unter prioritärer Betonung der Stärkung von gesellschaftlichen Legitimitätsmechanismen) setzt, sondern die gleichgewichtige Förderung von dynamischen gesellschaftlichen und ökonomischen Transformations-und Wachstumsprozessen, wobei gleichermaßen auf soziale Kohäsion, politische Legitimation und verbindliche Normensetzung zu achten ist, aber ebenso konsequent auf eine Beschleunigung des wirtschaftlichen Wachstums (im Rahmen der vorhandenen Restriktionen).
Im Übrigen bleiben die Verfechter eines (eng gefassten) Begriffs der "strukturellen Stabilität" bisher auch konkrete praktische Empfehlungen darüber schuldig, mit welchen Instrumenten man dem gesteckten Ziel näher kommen könne. Unbestreitbar richtig ist natürlich die Erkenntnis, dass die neuerdings unter dem Begriff Sozialkapital (ergänzend zum klassischen Produktionskapital und zu Humankapital) zusammengefassten Aspekte wichtige Elemente für einen gewaltfreien gesamtgesellschaftlichen Entwicklungsablauf darstellen.
Wie in allen historischen Prozessen werden jedoch auch in Afrika tiefgreifende Verteilungs-und Mobilitätskonflikte weiterhin mit unverminderter Dynamik stattfinden; externe Akteure können aller Erfahrung nach wohl nur einen begrenzten (wenn auch keineswegs unwichtigen) Einfluss darauf nehmen, dass dies unter weitgehender Vermeidung von Gewalt und im Rahmen von legitimierten (staatlichen oder überstaatlichen) Strukturen erfolgt. Zu warnen ist vor der häufig (auch in dem Memorandum) durchscheinenden Überschätzung äußerer Einwirkungsmöglichkeiten. Ein wesentlicher Beitrag wäre jedoch schon die konsequente Unterbindung von Waffenlieferungen nach Afrika.

Afrika bleibt abhängig von Hilfe
Angesichts seiner offenkundigen Strukturprobleme und der generellen weltwirtschaftlichen Dynamik bleibt Afrika auf vorläufig unbestimmte Zeit der Kontinent, der in jeglicher Form (privat, staatlich, bi-und multilateral) am stärksten auf externe Unterstützung angewiesen ist, wobei die EZ in allen ihren Ausprägungen sicherlich auch weiterhin im Mittelpunkt stehen wird, obgleich die Hemmnisse der globalen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen (WTO, Agrarmärkte, Finanzmärkte etc.) sehr viel mehr Aufmerksamkeit erhalten müssten.
Zwar sollte bei der Diskussion weniger die Gesamthöhe des EZ-Finanzvolumens als die Qualität der Maßnahmen im Vordergrund stehen; dennoch erscheint innerhalb des verfügbaren deutschen EZ-Budgets eine wesentlich stärkere Konzentration auf Afrika gegenüber anderen Kontinenten erforderlich, da hier der Bedarf an Kapital und besserem Know-how zweifellos besonders groß ist. Angesichts unbestreitbarer partieller Absorptionsprobleme, enormer Kapitalflucht aus Afrika und Anzeichen einer übergroßen Abhängigkeit von externer EZ (Entwicklungshilfesyndrom), die in erheblichem Umfang eine Ersatzfunktion für einen ungenügenden privaten Sektor und einen maroden Staat übernommen hat, ist allerdings die Bereitstellung weiter erhöhter EZ nur unter genau spezifizierten politischen und wirtschaftspolitischen Bedingungen vertretbar.

Multilateralisierung und Regionalisierung
Prinzipiell und auf längere Sicht überzeugend, aber auch keineswegs neu, sind Forderungen nach einer konsequenten Europäisierung der Afrikapolitik sowie nach einer stärkeren Unterstützung von UN-Institutionen und engerer EZ-Geber-Koordinierung. Diese Zielorientierung wird kaum jemand ernsthaft bestreiten, doch ist angesichts der hinlänglich bekannten Realitäten (institutionell-administrative Schwächen und grundverschiedene politische Prioritäten) deutlich vor allzu großen diesbezüglichen Erwartungen zu warnen. Jedenfalls kann ein solcher Appell kein Ersatz für eine klare eigenständige deutsche Afrikapolitik sein.
Gegen Erwartungen hinsichtlich der Formulierung eines Afrikakonzepts der Bundesregierung (ähnlich den Asien- und Lateinamerikakonzepten aus der ersten Hälfte der 90er Jahre) ist mehrfach auf die allzu große Heterogenität des Kontinents und auf die wesentlich größere Sinnhaftigkeit von Regionalkonzepten (für die hauptsächlichen Subregionen Afrikas) verwiesen worden, aber auch dafür gibt es bisher keinerlei erkennbare offizielle Überlegungen. Solche Regionalkonzepte erscheinen in der Tat dringend erforderlich, müssen dann aber auch eine echte Integration der jeweiligen Subregion mit Berücksichtigung der Interdependenzen zwischen den einzelnen Ländern für eine mittlere Zeitperspektive zu Grunde legen und nach entsprechenden Politikansätzen hierfür suchen.
Ein unabdingbares Erfordernis ist dabei eine intensivere Abstimmung und Zusammenarbeit zwischen allen relevanten Ministerien (vorrangig AA und BMZ, aber auch mehreren anderen), als es bisher - unter durchaus unterschiedlichen parteipolitischen Konstellationen der verantwortlichen Minister - der Fall gewesen ist, auch unter Einbezug der Vielfalt der Durchführungsorganisationen.

Länder-Ranking
Ein deutlicher Beleg für eine mangelnde Abstimmung und Planungstransparenz ist die im letzten Jahr vom BMZ vorgenommene Eingruppierung aller Entwicklungsländer in drei Kategorien (Schwerpunktländer, Partnerländer, potenzielle Kooperationsländer) mit signifikanten Auswirkungen für Umfang und Spektrum deutscher EZ-Maßnahmen. Obgleich die Notwendigkeit einer deutlichen Schwerpunktbildung bei begrenzt verfügbaren Mitteln grundsätzlich einleuchtend ist, war der Entscheidungsprozess (selbst innerhalb des BMZ) kaum nachvollziehbar und berücksichtigte nicht die Belange anderer Ressorts; auch die NROs fühlten sich davon total ausgeschlossen. Im Übrigen wurden dabei offensichtlich in allzu starker Weise kurzfristig aktualitätsbezogene Einschätzungen (etwa zu Côte dIvoire, Simbabwe) zu Grunde gelegt, während es ja wohl eigentlich um grundlegende Determinanten gehen sollte.
Jede auch bei Existenz von Regionalkonzepten erforderliche Bildung von Länderkategorien als Grundlage für eine operationale Afrikapolitik ist naturgemäß schwierig, sollte aber auf jeden Fall ökonomische und politische Kriterien möglichst eng miteinander verknüpfen. Vorrangig sollten die strukturellen Potenziale der einzelnen Länder (Ressourcen, absolute Größe, historische Charakteristika etc.) ebenso wie wirtschafts- und sozialpolitische Orientierungen und Leistungen der jeweiligen Regierungen sowie die generelle politische Situation (Demokratie, Menschenrechte, Zivilgesellschaft etc.) dabei Berücksichtigung finden.
Insgesamt bringt ein allgemeines Länder-Ranking aber nur begrenzten Erkenntnisgewinn, da es in jedem Einzelfall um einen unterschiedlichen Mix sehr verschiedener Ansatzpunkte und Instrumente (EZ-Bereich im engeren Sinn, Not- und Krisenhilfe, Programm- und Budgethilfe, nicht-staatliche Akteure, Privatwirtschaft etc.) sowie um die Einschätzung der Rolle anderer Geber und Akteure gehen muss. Mögliche Kategorien einer mehrdimensional verstandenen Ländergruppierung könnten dann sein:
- Länder mit grundsätzlichem Potenzial (mit unterschiedlichen Graden politischer und wirtschaftlicher Performanz);
- Länder mit geringem strukturellem Potenzial für nachhaltige Entwicklung auch bei Reformorientierung (z. B. Sahelländer), die besonderer Formen der Unterstützung bedürfen;
- derzeit hochgradig belastete Konfliktländer;
- untypische Sonderfälle (wie z. B. Seychellen, Äquatorial-Guinea), die allenfalls eine untergeordnete Rolle spielen.
Insgesamt befindet sich jede Formulierung einer Afrikapolitik vor einem nahezu unausweichlichen Dilemma zwischen der Weckung von allzu optimistischen Erwartungen (deren Nichterfüllung zu Enttäuschungen, zurückgehender Unterstützung und weiterer Verschlechterung führen kann) und allzu pessimistischen Einschätzungen (die ihrerseits die Perspektivlosigkeit verstärken und eine Reduzie rung der Aufmerksamkeit hervorrufen können). Dies enthebt die Politik jedoch keineswegs der Notwendigkeit der ständigen Suche nach Ansätzen, die den realen Gegebenheiten möglichst adäquat sind.
Prof. Dr. Rolf Hofmeier war von 1976 bis März 2000 Direktor des Instituts für Afrika-Kunde in
Hamburg.
Rolf-H-IAK@uni-hamburg.de

E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit,
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