E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 3, März 2001,
S. 87 - 88)

Afrika - tatsächlich nur ein Abschreibungsfall?
Die Argumente des "Memorandums" sind grotesk vereinfacht
Dirk Hansohm, Wolfgang Thomas

Die Prognosen des Memorandums sind fragwürdig, es wird nicht genügend differenziert, und die vorgeschlagenen Strategien sind nicht überzeugend - Dirk Hansohm und Wolfgang Thomas, zwei deutsche Wissenschaftler, die in Namibia leben, widersprechen
den Memorandums-Autoren mit Argumenten "aus dem Süden".
Eine Gruppe von Akademikern hat mit dem "Memorandum zur Neubegründung der deutschen Afrikapolitik" auf sich aufmerksam gemacht (siehe auch Kappel in E+Z 2000:12). Dies provoziert uns im Süden zu einer Replik.
Zweierlei vorweg. Erstens: Diese Intervention ist begrüßenswert - insofern, als sie in Deutschland wieder einmal Afrika auf die Tagungsordnung setzt. Damit gibt sie auch die Gelegenheit, durch kritische Reaktionen die Diskussionen weiterzuführen.
Zweitens: Es geht uns nicht darum, dem "Afrika-Pessimismus" (in diese Kategorie kann man das Memorandum wohl einstufen) einen undifferenzierten Afrika-Optimismus entgegenzuhalten. Wir sind nicht davon überzeugt, dass weite Teile Afrikas demnächst Wachstumsregionen werden. Prognosen sind schwierig, besonders dann, wenn es um mehr als die nächsten paar Jahre geht. Das hat man schließlich vor nicht allzu langer Zeit gesehen, als für Südafrika eine "unabwendbare sozialistische Revolution" vorausgesagt wurde.
Nun zu unserem Anliegen. Unserer Ansicht nach ist die Substanz der Argumentation enttäuschend, grotesk vereinfacht und für eine konstruktive Zusammenarbeit Deutschland - Afrika kontraproduktiv. Ist Afrika wirklich ein "Abschreibungsprojekt" (Hansohm und Kappel 1993)?
Unsere Kritik fassen wir in den folgenden Punkten zusammen:

1. Ein Popanz wird aufgebaut -
und dann abgeschossen
Es ist richtig, dass die immer neuen Konzepte, Afrika zu entwickeln, Moden unterworfen sind. Die Autoren schießen aber weit über das Ziel hinaus, wenn sie alles Bestehende aburteilen - "... alle diese Prognosen [von 40 Jahren] ... entbehren meist jeder Realität" -, um dann zu erklären, ein "neues Entwicklungsparadigma" sei vonnöten. Realistische Afrikapolitik benötigt realistische Analysen - wer würde dem nicht zustimmen? Aber kann man allen Ernstes behaupten, das Memo sei der erste ernstzunehmende Ansatz? Ist es nicht in der Tat so, dass sich bestehende Konzeptionen durchaus weiterentwickelten und neue Erkenntnise aufgenommen wurden? Ist beispielsweise das neue (280 Seiten starke) Weltbank-Dokument (World Bank 2000) keiner expliziten Kritik würdig?
Ein anderes Beispiel ist die Forderung "... die EZ sollte den Mut haben, sehr viel selektiver bei der Förderung von Ländern vorzugehen. Dies ist doch längst der Fall und wird weiter verfeinert, schon lange von den USA und seit einiger Zeit auch von Deutschland.
Der Eindruck entsteht, dass die theoretische und programmatische Entwicklung der Afrika-(Entwicklungs-)Politik nur sehr selektiv aufgenommen wird, um dann den "richtigen" Ansatz präsentieren zu können. Steht das nicht in genau der eben verurteilten Tradition der immer neuen Konzepte der "Entwicklung von Afrika"?

2. Fragwürdige Prognosen
"Manifester sozialer Wandel", "reale Verbesserungen" in vielen Ländern, "tiefgreifender kultureller Wandel" werden festgestellt. Richtig: Der soziale und wirtschaftliche Wandel in Afrika ist viel zu rasant und vielschichtig, um dann anschließend zu behaupten: "Insgesamt hat die Fähigkeit ... also eher ab- als zugenommen, die Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen."
Eine der wichtigsten Erkenntnisse der Sozialwissenschaften betrifft die Probleme, aus der Vergangenheit Schlussfolgerungen für die Zukunft zu ziehen. Es kann nicht erwartet werden, dass sich Trends der Vergangenheit in gleicher Weise in der Zukunft fortsetzen. Wohl der bekannteste Fehlschlag dieses Genres waren die "Grenzen des Wachstums". In das gleiche Schema fällt das Memo: "Für eine wachsende Zahl von Staaten wird ,Entwicklung' im Sinne nachhaltiger Entwicklung und von Armutsminderung über einen sehr langen Zeitraum unmöglich bleiben." Im Extrem: "Madagaskar und Malawi
sind Länder ohne jede Entwicklungsperspektive."
Das Memorandum enthält einige Tabellen mit den gängigen Makrodaten wie Wachstum des realen BIP, Investitionsquote, Gini-Index u. a. Akzeptiert man jedoch die Behauptung von der Unfähigkeit dieser Staaten, objektive Wirtschaftsstatistiken zu führen, was bedeuten dann diese Messzahlen? Was bedeutet es z. B., wenn Lesotho und Südafrika den gleichen "ökonomischen Gesamtindex" von 2,17 haben?
Wie oft bei diesen Zahlenspielereien findet man wirtschaftsgeographische Sonderfälle (wie Singapur, Monaco, Gambia, Hongkong) als die hochgelobten (einzigen?) Renner dieser "objektiven" Beurteilung: Mauritius (2 040 km2) und die Seychellen (454 km2) sind die einzigen "emerging economies", mit Südafrika und Ghana als einzigen "potentiellen Reformländern" mit signifikanter Bevölkerung und Wirtschaftsgröße, die innerhalb der nächsten 50 (!) Jahre Hoffnung auf mehr als bitterste Armut haben.
Vor einigen Jahrzehnten war es auch Mode, Lateinamerika pauschal abzuschreiben, und bei Teilen Asiens war es ähnlich. In beiden Regionen ist heute die Entwicklungsdifferenzierung Hauptmerkmal des Entwicklungsprozesses.
Kurz gesagt: Die Zukunft ist offen; definitive Voraussagen über 30 bis 50 Jahre sind hanebüchen.

3. Mangelnde Differenzierung
Die Autoren stellen ganz richtig fest: "Afrika erfordert realistische und differenzierte Antworten" - um dann doch alles über einen Kamm zu scheren. Das Memo wimmelt geradezu von Pauschalurteilen (Länder mit, Länder ohne Entwicklungsperspektive). Was bedeutet es z. B., wenn man von dem Staat Nigeria mit seinen mehr als 100 Millionen Einwohnern behauptet: "Auch wenn das Land Hoffnung schöpft, wird es keine kurzfristigen Erfolge geben", und einige Zeilen zuvor: "langfristig ohne Entwicklungschancen"? Für den Entwicklungspraktiker und Unternehmensberater macht derartige Verallgemeinerung keinen Sinn.
Gibt es "Afrika"? Einige ernstzunehmende Analysen vertreten die Ansicht, dass Afrika als sinnvolle Analyseeinheit nicht existiert (z. B. Sachs und Warner 1997). An den Beispielen Nigeria, DR Kongo, Tansania und Südafrika kann man darüber hinaus zeigen, wie stark interne Entwicklungsniveaus und Strukturwandlungsprozesse voneinander abweichen. Wer will z. B. behaupten, dass Südafrikas Western Cape (vier Millionen Einwohner, 122 000 km2) noch nicht einmal den Kriterien einer "emerging economic region" entspricht?

4. Afrika als Labor für neue
Entwicklungstheorien
Vom Memo wird ganz richtig festgestellt, dass eine wichtige Ursache für die Malaise der afrikanischen Entwicklung darin liegt, dass der Kontinent nach der Dekade der politischen Unabhängigkeit als Labor für immer neue Entwicklungsmodelle benutzt wurde. Nun kommen "strukturelle Stabilität" (was soll das eigentlich sein?) und Demokratisierung als neue Zaubermittel hinzu.
Letzteres ist ein (zunehmend) wichtiges Element der Geber-Konditionalität. Das Memo legt auch großen Wert darauf. Dies ist aus dem schlechten Gewissen der jahrzehntelangen Unterstützung der Regimes von Mobutu und Konsorten geboren. Nun schaut man (endlich mal) genauer hin. Leider ist der Glaube, demokratische Verfassung (und Praxis) sei(en) auch ausreichende Voraussetzung für Entwicklung, ein Irrglaube. Eher das Gegenteil ist der Fall, wie Jahrhunderte westlicher Sozialgeschichte zeigen. Mehr Demokratie ist nicht Voraussetzung, sondern Produkt von Entwicklung. Politische Freiheiten entfalten sich mit wirtschaftlichem Wohlstand. Die Erfahrung hat gezeigt, dass politische Freiheiten erodieren, wenn sie nicht von wirtschaftlichem Wachstum begleitet werden. Der Westen sollte daher weniger seine politischen Systeme als wirtschaftliche Mechanismen wie Eigentumsrechte und funktionierende Märkte exportieren (siehe Barro 1998).

5. Widersprüchliche Rolle für die
Entwicklungspolitik
Ganz richtig wird vor einer Überschätzung der Entwicklungszusammenarbeit (EZ) gewarnt. "Entwicklungspolitik allein ist mit den Herausforderungen Afrikas überfordert." Aber wer hat dies jemals ernsthaft gemeint? Die Illusion ist mit dem Glauben gleichzusetzen, politischer Druck und Sanktionen hätten die Apartheid zu Fall gebracht. Es ist klar, dass EZ nur interne Prozesse unterstützen kann und sollte: Oder muss Afrika rekolonisiert werden? Da erscheint es merkwürdig, wenn auf der anderen Seite immer noch Wert auf die Keule der "Konditionalität" gelegt wird. Oder ist Konditionalität nur einfach nützlich, um den Ressourcentransfer und die Steuerlast der Geberländer zu drosseln? Inzwischen ist klar geworden (u. a. durch die Arbeiten von Collier), dass Konditionalität bei den Betroffenen das Eigentum am Reformprozess unterminiert. Aber ohne diese Ownership wird nichts geschehen.

6. Traum von einer europäischen
Entwicklungspolitik
Die "zersplitterte Struktur der [deutschen] EZ-Durchführungsorganisationen" wird beklagt. Eine europäische
Afrikapolitik muss her - wenn nicht die UN-Ebene das Beste ist. Ist das nicht Wunschdenken? Ist es nicht so, dass verschiedene Staaten (berechtigterweise) unterschiedliche Interessen haben? Grundsätzlicher aber ist die Frage: Stimmt es wirklich, dass "je größer, desto besser" ist? Arbeiten kleinere Organisationen nicht oft effizienter?

7. Gibt es keine afrikanische
Expertise?
Ein begrüßenswerter Fortschritt bei der so angeklagten Weltbank ist, dass sie ihr jüngstes Konzept (World Bank 2000) zusammen mit afrikanischen Institutionen und Individuen entworfen hat. Dies trägt - endlich - der Tatsache Rechnung, dass letzten Endes nur Afrikaner ihre Entwicklung sinnvoll bestimmen können - und sollten. Oder wissen Europäer immer noch alles besser?
Insgesamt zeigt das Memorandum kaum Einsicht in die kritischen Auseinandersetzungen über Entwicklungsstrategien innerhalb der afrikanischen Länder und deren Implementierung. Vergebens sucht man in dem Team einen afrikanischen Namen oder Anzeichen jahrzehntelanger afrikanischer Entwicklungspraxis. Erwarten wir mit diesen Einstellungen (selbst wenn die Prognosen zutreffen sollten) in aller Ehrlichkeit mehr als Verlegenheit, Protest oder beleidigte Ablehnung? Hatte man uns im Nachkriegsdeutschland nicht auch als "nur noch Agrarland" abgeschrieben, und haben wir damals nicht auch beleidigt reagiert?

8. Afrikaprognose oder Ansatz zur
Verbesserung der deutschen Außen-
und Entwicklungspolitik?
Aus afrikanischer Sicht stört an dem Memorandum vor allem die enge Verzahnung einer sachlichen und in vieler Hinsicht durchdachten Analyse deutscher Afrikapolitik mit einer mehr auf Schockeffekt ausgerichteten, undifferenzierten Prognose afrikanischer Entwicklungen. Die Prognosen sind letztlich nur wichtig für Vorschläge in Bezug auf bessere Zusammenarbeit zwischen Ministerien, stärkere Koordinierung mit der Europäischen Union und anderen regionalen und multilaterialen Partnern, sachlichere Schlussbeurteilung von Projekten, Reduzierung von isolierten Einzelprojekten usw. All dies ist sinnvoll und nötig, selbst wenn man für den Kontinent nicht (fast) alle Entwicklungshoffnungen verloren hat.
Diese Verzahnung ist leider kontraproduktiv für beide Teile. Es stellt die durchaus wertvollen Reformvorschläge in Frage, und es erschwert Deutschen den Dialog mit afrikanischen Entwicklungsanalytikern.

Zum Schluss:
Wie kommen wir aus diesem Dilemma wieder heraus? Es gibt nur einen Weg - eine Herausforderung an die deutsche Afrika-Entwicklungs-Forschung: Mobilisiert die intellektuelle und materielle Kapazität, um die Pauschalurteile hieb- und stichfest zu belegen. Wo sind die Detailstudien, die eine Erklärung dafür liefern, warum Südafrika noch nicht "emergent economy" ist bzw. in Kürze sein kann? Es ist zu einfach, die populären Makro-Statistiken zu zitieren, von denen die meisten kaum objektiver Überprüfung standhalten würden. Wer eine derartig pessimistische Beurteilung der nächsten 50 Jahre Afrika-Entwicklung akzeptiert, schuldet es Afrika, dies auch sachlich und detailliert zu belegen. Ebenso sollte er/sie belegen, warum Afrika einen ganz anderen Weg gehen sollte als Asien und Lateinamerika.
Robert J. Barr (1998): Democracy and Growth, in derselbe: Getting it Right. Markets and Choices
in a Free Society. Cambridge/London, MIT Press, p. 1-11
Paul Collier (1995): The Marginalisation of Africa, in: International Labour Review, 134, 4-5, p. 541-57
Ulf Engel et al. (2000): Memorandum zur Neubegründung der deutschen Afrikapolitik. Berlin
Dirk Hansohm, Robert Kappel (1993): Afrika - ein Abschreibungsprojekt? in: Peripherie, Vol. 12,
Nr. 45
Robert Kappel (2000): Afrika: Illusionen über Entwicklung, in: E+Z 41:12, S. 340-341
Jeffrey D. Sachs, Andrew M. Warner (1997): Sources of Slow Growth in African Economies, in: Journal of African Economies, 6, 3, p. 335-376
World Bank (2000): Can Africa Claim the 21st Century? Washington DC
Dr. Dirk Hansohm ist Direktor der Namibian Economic Policy Research Unit (NEPRU) in Windhoek.
Wolfgang Thomas ist Leitender Ökonom der regionalen Fördergesellschaft der Western Cape Province (WESGRO) in Kapstadt.
dirkh@nepru.org.na / wht@wesgro.co.za

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herausgegeben von der Deutschen Stiftung für internationale Entwicklung (DSE)
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