Vor 44 Jahren erschien in den USA der Roman ,The Ugly American von Lederer und Burdick, der bald ein Bestseller wurde, und der den Amerikanern zu erklären versuchte, warum sie in Asien so schlecht angesehen waren: weil sie überall den American way of life und amerikanische Wirtschaftsdominanz verbreiteten und nicht zur Kenntnis nehmen wollten, dass die Völker Asiens andere Werte und eine andere Art zu leben bevorzugten. Im letzten Präsidentschaftswahlkampf im Herbst 2000 erinnerte sich einer der Kandidaten an diesen Roman; er erklärte: ,Wenn wir nicht mehr als ugly Americans betrachtet werden wollen, müssen wir aufhören, der ganzen Welt zu sagen: Wir machen es so, und so sollt Ihr es auch machen. Es schien, als habe dieser Mann etwas begriffen. Sein Name: George W. Bush.
Inzwischen ist er Präsident und hat alles wieder vergessen. Nicht nur sollen alle anderen Völker dem amerikanischen Modell folgen, sie sollen auch den selben Gegner haben: Wer im Kampf gegen den Terrorismus nicht an der Seite der USA steht, wird selbst als Gegner betrachtet. In den ersten Wochen nach dem 11. September schien es noch so, als habe auch die Regierung der USA verstanden, dass Verelendung und Demütigung von drei Vierteln der Menschheit der Nährboden für den Terrorismus seien, und die Bekämpfung von Armut und Elend der Weg, ihm den Boden zu entziehen. Heute weigert sich der amerikanische Finanzminister Paul ONeill strikt, die amerikanische Auslandshilfe (die niedrigste von allen Industriestaaten) zu erhöhen oder über andere Finanzquellen auch nur nachzudenken, aber zugleich wird der amerikanische Militärhaushalt um zweistellige Milliardensummen gesteigert. Woher kommt der unsinnige Glaube der Amerikaner, das Problem des Terrorismus lasse sich mit Waffen lösen?
Walter R. Mead, führender Mitarbeiter des Council on Foreign Relations, hat kürzlich darauf hingewiesen, dass Amerika ein anderes Verhältnis zum Krieg habe als Europa: Die Europäer fürchten die Gewaltspirale, die Amerikaner haben die Erfahrung gemacht, dass Krieg Lösungen bringen kann. Wer hätte Hitler-Deutschland besiegen können, wenn nicht die USA? Und diese Erfahrung geht weiter zurück: Die Amerikaner verdanken den Besitz ihres Landes dem bewaffneten Kampf gegen die Indianer (den man heute Völkermord nennen würde). Noch jetzt hat jeder Amerikaner das Recht auf eine Waffe, und die Mehrheit glaubt, davon hänge ihre persönliche Sicherheit ab - das Gewaltmonopol des Staates, das in Europa als Grundlage einer zivilisierten Gesellschaft gilt, ist in den USA nie durchgesetzt worden. Amerika hat
als Nation eine andere Sozialisation durchlaufen als Europa.
Das ist der Grund, warum nun die Allianz zu zerfallen beginnt, die Außenminister Powell mit großer Mühe zusammengebracht hat. Der französische Außenminister Védrine hält das amerikanische Konzept zur Terrorbekämpfung für ,simplistisch, Deutschland hat zum Glück einen Kanzler, der bereits erklärt hat, dass dieses Land sich auf Abenteuer nicht einlassen werde, und selbst Tony Blair beginnt neu nachzudenken; und wenn die USA Irak angreifen, werden sie an einem Tag die gesamte islamische Welt verlieren, mehr: auch die Mehrzahl der Entwicklungsländer.
Es reicht aber nicht, sich von der amerikanischen Machtpolitik zu distanzieren. Man muss das tun, was die Einsicht gebietet: den Kampf gegen Armut und Elend in der Dritten Welt führen; und das heißt auch: ihn finanzieren. Die Budgetminister müssen ihre Kirchturmperspektive aufgeben. Die Industriestaaten des Nordens (auch wenn die USA sich verweigern) müssen ein Bündnis gegen die Armut schließen - mit den Ländern des Südens als gleichberechtigten Partnern. Ein solches Bündnis unter Einschluss der USA scheint auf absehbare Zeit nicht mehr möglich, wie deren Rückzug aus immer mehr internationalen Vereinbarungen deutlich macht. Dass die USA der Partner von Gleichberechtigten ohnehin nicht sein wollen, hat der
stellvertretende Verteidigungsminister Wolfowitz schon vor Jahren formuliert: Amerika müsse ,alle Versuche anderer fortgeschrittener Industriestaaten entmutigen, unsere Führung herauszufordern oder auch nur eine größere regionale oder globale Rolle zu spielen. Nun, wenn das so ist, dann ohne die USA. Was die Welt braucht, ist nicht ein Pakt für militärisches Eingreifen, sondern ein Bündnis für Zivilisation.
Peter Esser
