E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 4, April 2000,
S. 116-119)

Amartya Sen (* 1933)
Entwicklung als Freiheit - Demokratie gegen Hunger
Christoph Wagner

Einer breiteren Öffentlichkeit ist der Inder Amartya Kumar Sen durch die Verleihung des Nobelpreises für Ökonomie im Jahr 1998 bekannt geworden. Geehrt wurde er für seine Beiträge zur Wohlfahrts-Ökonomie. Innerhalb seiner Disziplin der Wirtschaftswissenschaften ist er insofern als Außenseiter anzusehen, als er immer wieder die Ökonomie mit Fragen der Ethik und Moral in Verbindung bringt. Sein Erkenntnisinteresse gilt u. a. der Analyse von Hunger und Armut, Fragen der Einkommensverteilung, der Lebenschancen und capabilities. Der Entwicklungsbegriff, wie Sen ihn versteht, hat nichts zu tun mit einem auf reine Wachstumsfixierung reduzierten Verständnis von Entwicklung. Konstitutiv für Entwicklung im Sinne von Sen ist der Abbau von Unfreiheiten, die die Handlungs- und Lebensmöglichkeiten des Einzelnen einschränken.

I.
Amartya Kumar Sen wurde am 3. 11. 1933 in Santiniketan in Indien geboren. Im Alter von neuneinhalb Jahren kam der aus einem gut situierten Elternhaus stammende Sen mit der Hungersnot in Bengalen, die mehrere Millionen Menschen das Leben kostete, in Berührung. Diese unmittelbare Konfrontation mit menschlichem Leid hat ihn in seinem Sozialisationsprozess vermutlich so stark beeinflusst, dass sich daran zu einem wesentlichen Teil auch sein späteres wissenschaftliches Erkenntnisinteresse ausrichtete.
Nach dem wirtschaftswissenschaftlichen Studium in Kalkutta (BA 1953) setzte er seine Studien in Cambridge fort (BA 1955, MA 1959) und promovierte dort 1959. Während dieser Zeit hatte er bereits mehrere Auszeichnungen erworben, darunter 1954 den Adam Smith Prize der Cambridge University. Als Gastdozent bzw. -professor war er in den 60er Jahren tätig am Massachusetts Institute of Technology sowie an den Universitäten Stanford, Berkeley und Harvard. Sen lehrte als Universitätsprofessor in Delhi (1963-71), an der London School of Economics (1971-77) und in Oxford (1977-88). Die folgenden zehn Jahre war er Lehrstuhlinhaber der Lamont-Professur sowie der Professur für Wirtschaft und Philosophie an der Harvard University. 1998 kehrte er zu seiner Alma Mater an das Trinity College nach Cambridge zurück.
Die internationale Reputation von Amartya Sen kommt nicht zuletzt zum Ausdruck durch die Verleihung von Preisen wie dem Alan Shawn Feinstein World Hunger Award und dem Giovanni Agnelli International Prize in Ethics (beide 1990) sowie einer Reihe von Ehrendoktorwürden u. ä. in verschiedenen Ländern. Sen war u. a. Präsident der Development Studies Association, der International Economic Association und der Indian Economic Association. In den 90er Jahren wurde er als erster Nichtamerikaner zum Präsidenten der American Economic Association gewählt. Bereits längere Zeit war der Name Sen im Gespräch, wenn es um den Ökonomie-Nobelpreis ging. Doch erst 1998 wurde ihm die Ehrung zuteil.
Zu seinem Selbstverständnis als Ökonom befragt, soll Sen nach Bekanntgabe der Entscheidung des Nobelpreiskomitees geantwortet haben: Wenn die Leute hören, dass ich Ökonom bin, fragen sie mich, wie sie ihr Geld anlegen sollen. Ich sage ihnen dann, dass ich dazu keinen Rat geben kann und dass mich vielmehr die Menschen interessieren, die kein Geld haben, um es anzulegen.

II.
Einen internationalen Ruf in den Wirtschaftswissenschaften errang Sen Anfang der 70er Jahre mit seinem Buch Collective Choice and Social Welfare, in dem er sich u. a. mit Fragen der Vereinbarkeit kollektiver Entscheidungen und individueller Werte in einer Gesellschaft auseinander setzte. Mit rund einem Dutzend seitdem von ihm verfasster Bücher, von denen mehrere ins Spanische, Italienische, Japanische und in andere Sprachen übersetzt worden sind, und mit mehr als 200 in Fachzeitschriften unterschiedlicher Disziplinen erschienenen Aufsätzen hat Sen nicht nur ein umfangreiches, sondern thematisch auch sehr breites Werk vorzuweisen. In der 1995 ihm gewidmeten Festschrift unterscheiden die Herausgeber nicht weniger als 15 unterschiedliche Themenbereiche, zu denen Sen bis dahin publiziert hatte.
Je nach Perspektive sind es unterschiedliche Beiträge Sens, die in der scientific community als wegweisend betrachtet werden. Genannt werden können exemplarisch der 1970 im Journal of Political Economy erschienene Aufsatz The Impossibility of a Paretian Liberal, in dem er sich mit dem Unmöglichkeitstheorem von Kenneth J. Arrow beschäftigt, wonach individuelle Präferenzen nicht widerspruchsfrei zu aggregieren sind, oder seine Rational Fools (1977 publiziert in Philosophy and Public Affairs), wo er sich mit dem ökonomischen Menschenbild des nutzenorientierten Rationalisten auseinander setzt und dessen Begrenztheit thematisiert. Diese und ähnliche Ansätze auch aus dem Bereich der Social-Choice-Theorie brachte er immer wieder mit einem, wenn nicht dem wichtigsten Gegenstand seiner Untersuchungen in Verbindung: den Phänomenen von Hungersnöten und Armut.
Für den Bereich der Entwicklungstheorie sind diese Überlegungen insofern relevant, als Sen sich damit gegen eine normative Ökonomik wendet, die die Wohlfahrt zur alleinigen Wertbasis macht. Stattdessen stellt er z. B. in Commodities and Capabilities von 1985 die Entfaltung individueller Fähigkeiten in den Mittelpunkt gesellschaftlicher Entwicklung. Oder, wie Hans-Peter Weikard es formuliert hat: Es kommt nicht darauf an, [...], wie gut eine Person mit Gütern versorgt ist, sondern was die Person mit diesen Gütern erreichen kann. Es ist aber auch nicht Gegenstand der Bewertung, was jemand mit seiner Güterausstattung tatsächlich erreicht. Weder die Ausstattung noch der subjektive Erfolg (Nutzen) sind also Gegenstand der Bewertung, sondern die Befähigung (capability), etwas zu erreichen. So hieß es beispielsweise auch im 1990 veröffentlichten Nyerere-Bericht der sogenannten Südkommission, Entwicklung sei ein Prozess, der es Menschen ermöglicht, ihre Fähigkeiten zu entfalten.
Theoretische Arbeiten zur Messung von Wohlfahrt, Armut und Ungleichheit sowie empirische Untersuchungen zu den Ursachen von Hungersnöten stellen einen Schwerpunkt der Arbeiten von Sen dar. Bereits 1973 hatte Sen in seinem Buch On Economic Inequality die Basis zur Entwicklung einer Messgröße geschaffen, die Armut angemessen erfassen sollte. Dazu sind zunächst einmal die Armen überhaupt zu identifizieren und dann die Merkmale der Armut zu einer umfassenden Messgröße zu aggregieren. Nach der in den 70er Jahren von Sen vorgetragenen Kritik an den traditionellen Armutsmaßen sind diese unzureichend, weil sie bestimmte Anforderungen (Axiome) nicht erfüllen.
In Poverty: An Ordinal Approach to Measurement (1976 veröffentlicht in Econometrica) formuliert Sen zwei zentrale Axiome: 1.) Das Armutsmaß muss sich erhöhen, wenn sich das Einkommen einer unterhalb der Armutsgrenze lebenden Person verringert (sog. Monotonicity Axiom). 2.) Das Armutsmaß muss sich auch erhöhen bei einem Einkommenstransfer von einer unterhalb der Armutsgrenze lebenden Person zu jemandem, der weniger arm ist (sog. Transfer Axiom, in Anlehnung an einen Aufsatz von Hugh Dalton aus dem Jahr 1920). Beide Anforderungen, so kritisiert Sen, würden jedoch nicht erfüllt durch eine weit verbreitete Messgröße wie die Armutsquote (head count ratio H; Anteil der Armen an der Gesamtbevölkerung), denn Veränderungen in der Einkommensverteilung derer, die unter der Armutsgrenze leben, werden hier überhaupt nicht erfasst. Demgegenüber gibt eine weitere in Armutsstudien gerne verwendete Messziffer, nämlich die Armuts- bzw. Einkommenslücke (income-gap ratio I; durchschnittliche Differenz der Einkommen der Armen zur Armutsgrenze), Aufschluss darüber, wenn die Armen insgesamt ärmer werden. I wird also dem Monotonicity Axiom gerecht, verletzt aber immer noch das Transfer Axiom. Denn das Maß wird durch einen Einkommenstransfer zwischen zwei Armen nicht verändert, solange beide unter der Armutsgrenze bleiben.
Sen bleibt nun nicht bei dieser Kritik stehen. Auf der Basis weiter gehender Überlegungen und einer mathematischen Beweisführung kommt er zu einem Armutsindex (poverty index P), der die beiden kritisierten Maße H und I kombiniert mit dem Gini-Koeffizienten, der die Einkommensverteilung in der Gesellschaft erfasst. So lautet - ohne dass hier auf mathematische Details eingegangen werden könnte - sein neu entwickeltes Armutsmaß P = H[I+(1-I)G]. Berücksichtigt wird hier die Zahl der Armen, der Einkommensabstand der Armen zur Armutsgrenze und die Verteilung des Einkommens unter den Armen. Dabei wird das Einkommen der Ärmsten stärker gewichtet als das Einkommen der weniger Armen.
Was die empirischen Studien anbelangt, zählt die 1981 erschienene Untersuchung über die Ursachen und den Verlauf von Hungersnöten (Poverty and Famines. An Essay on Entitlement and Deprivation) zu den Meilensteinen seines wissenschaftlichen Wirkens. Darin verlagert er das Gewicht bei der Erklärung von Hungersnöten von der Angebots- auf die Nachfrageseite. Bei mehreren Hungersnöten, die er analysiert hat, lässt sich die Ursache nicht auf die einfache Formel zu viele Menschen, zu wenig Nahrung reduzieren. Sen zeigt im Widerspruch zu den damals dominierenden Erklärungsansätzen, dass Hungersnöte also weniger das Ergebnis von Nahrungsmittelknappheit, vielmehr häufig das Resultat eines Verteilungsproblems im Sinne unzureichenden Zugangs zu den vorhandenen Nahrungsmitteln sind. Eines der Beispiele, mit dem er diese These untermauert, ist die Hungersnot in Bangladesh von 1974. Diese ereignete sich nämlich ausgerechnet in dem Jahr, in dem pro Kopf mehr Nahrungsmittel verfügbar waren als in jedem anderen Jahr zwischen 1971 und 1976.
Ein zentraler Ansatz, um Hungersnöte zu vermeiden, besteht nach Sen darin, die Zugangsrechte (entitlements) zu den vorhandenen Nahrungsmitteln durch eine Stärkung der individuellen Kaufkraft zu sichern. So schreibt Sen im Oktober 1996 in E+Z anlässlich der World Food Conference: Hungersnöte können z. B. dadurch verhindert werden, dass die Einkommensverluste der potentiellen Opfer ausgeglichen werden (etwa durch zeitlich begrenzte Beschäftigung bei öffentlichen Arbeiten) und sie dadurch in die Lage versetzt werden, Nahrungsmittel auf dem Markt zu kaufen.
Während Sen in seinen empirischen Arbeiten entitlement weitgehend mit Einkommen gleichsetzt - was ihm im Übrigen häufig den Vorwurf eingebracht hat, er habe einfach ein neues Wort für bekannte
Erscheinungen erfunden -, geht sein theoretischer Ansatz darüber hinaus. Konzeptionell unterscheidet er nämlich verschiedene Kategorien von entitlements. Demnach kann Zugang zu Nahrungsmitteln auch gewonnen werden beispielsweise durch das, was man selbst produziert, durch den Tausch von im eigenen Besitz befindlichen Non-food-Gütern oder auch durch Geschenke.
In seinen Arbeiten insgesamt weist Sen auf vielfältige wirtschaftliche und gesellschaftliche Zusammenhänge hin, die das Auftreten von Hunger und Armut beeinflussen. So thematisiert er beispielsweise nicht nur Probleme der Inflation und Arbeitslosigkeit als Faktoren, die die Kaufkraft beeinträchtigen. Er wendet sich auch der Rolle der Frau zu. Deren empowerment könne u. a. dazu beitragen, Ungerechtigkeiten bei der Nahrungsverteilung innerhalb der Familie zu reduzieren sowie Familienplanungsmöglichkeiten zu erschließen, die dem Bevölkerungswachstum entgegenwirken. Und entgegen den Vorwürfen an den frühen Sen, er lasse die politische Dimension unberücksichtigt, nimmt seit einiger Zeit der politisch-institutionelle Aspekt in seinen Überlegungen eine zentrale Bedeutung ein. Heute wie schon in seiner Abhandlung von 1984 unter dem Titel Resources, Values, and Development wird er nicht müde, auf das Phänomen hinzuweisen, dass sich in Demokratien mit einem funktionierenden Parteiensystem, regulär stattfindenden Wahlen und einer freien Presse nie größere Hungersnöte ereignet hätten. Und dies gilt unabhängig davon, ob es sich um reiche oder ärmere Demokratien wie beispielsweise Indien handelt. Nach Sen ist es kein Zufall, dass sich in Indien die letzte große Hungersnot vier Jahre vor der Unabhängigkeit ereignet habe.
Eines seiner entscheidenden Argumente für den Zusammenhang von politischem System und Hungersnöten ist, dass in Demokratien auch die Herrschenden im Falle einer Hungersnot unter deren Folgen zu leiden hätten. Sie müssen zumindest mit ihrer Abwahl rechnen, wohingegen Diktatoren Hungersnöte in ihrem Land unbehelligt überstehen. Anders formuliert: In Ländern, in denen es keine Wahlen oder Opposition gibt, brauchen sich die Regierungen nicht um die politischen Folgen zu kümmern, die sich aus ihrem Versagen bei der Armutsbekämpfung ergeben. Im Unterschied zu Diktaturen weisen in einem demokratischen System auch freie Medien in der Regel auf gesellschaftliche Missstände hin, die eine Hungersnot verursachen könnten.
Anknüpfend an diese Überlegungen hat Sen sich in jüngerer Zeit auch intensiver in die Diskussion um die Demokratie als universalen Wert eingeschaltet, die auch und gerade im Kontext der asiatischen Wertedebatte geführt worden ist und noch geführt wird. In einem Artikel in der Märzausgabe 1999 des Journal of Democracy wendet er sich dabei sowohl gegen Argumentationsmuster, die sich mit Bezug auf die Besonderheit asiatischer Werte gegen das westliche Verständnis von Menschenrechten und Demokratie abgrenzen, als auch gegen die Bedrohungsszenarien eines Samuel Huntington vom Kampf der Kulturen.
Sen argumentiert nicht nur konsequent gegen Positionen, die in den - wie es in der früheren entwicklungstheoretischen Diskussion gern hieß - Entwicklungsdiktaturen diejenigen politischen Systeme sehen, die am effektivsten in der Lage sind, Entwicklung im Sinne von Wachstum und Modernisierung zu erreichen. Sen argumentiert grundsätzlicher auch gegen ein ökonomisches Menschenbild, welches Lebensqualität und menschliches Wohlergehen vor allem auf ökonomische Kategorien, auf Wachstum und Wohlstand, reduziert. Banal formuliert: Geld allein macht nicht glücklich. Nach dem Verständnis von Sen geht Rationalität über Nutzenmaximierung hinaus. Rationales Handeln kann sich ebenso von moralischen Maßstäben leiten lassen.
Für Sen als Liberalen in dem Sinne, dass er leidenschaftlich für Freiheit und Demokratie eintritt, besteht das Ziel staatlicher Einflussnahme letztendlich darin, die Bedingungen zu schaffen, die dem Individuum ermöglichen, die eigenen Lebensentwürfe zu verwirklichen. Die Bekämpfung von Armut besteht für ihn also nicht darin, dass alle Güter gleichmäßig verteilt sein sollten, sondern vielmehr darin, dass Gleichheit der Chancen hergestellt wird, ähnlich wie wir es auch von der Konzeption der Sozialen Marktwirtschaft her kennen. Dabei impliziert die Befähigung zur Entfaltung der Persönlichkeit immer auch eine Wahlfreiheit, eigenverantwortlich darüber zu entscheiden, wie die eigene capability genutzt wird. Sein neuestes Buch von 1999, das auf sechs verschiedenen, in der Weltbank gehaltenen Vorträgen basiert, trägt einen Titel, der die Quintessenz seiner entwicklungstheoretisch relevanten Überlegungen aus mehreren Jahrzehnten darstellt: Development as Freedom.

III.
Als das Nobelpreis-Komitee seine Beiträge zur Wohlfahrtsökonomie und - wie es in der weiteren Begründung der Schwedischen Akademie heißt - zur Social-Choice-Theorie und zur empirischen Analyse von Hungersnöten würdigte, wurde einer wirtschaftswissenschaftlichen Denkrichtung Tribut gezollt, die längere Zeit wenig in Mode war. Als Wohlfahrtstheoretiker waren zuletzt der US-Amerikaner Paul Samuelson im Jahr 1970 und der Brite John Hicks im Jahr 1972 geehrt worden. Was den Bereich der normativen Ökonomik angeht, so haben die Arbeiten von Sen dazu beigetragen, dass diese nicht mehr nur allein mit dem Wohlfahrtsbegriff gleichgesetzt wird, sondern dass die Wahlfreiheit des Individuums, eigene Entscheidungen zu treffen, als eigenständiger Wert diskutiert wird. Dieses Verständnis ist unmittelbar auch für den Entwicklungsbegriff von Sen konstitutiv. Und es spricht für sich, wenn der Mitte 1998 verstorbene Mahbub ul Haq, der als der Schöpfer des seit 1990 jährlich von UNDP veröffentlichten Human Development Report gilt, 1995 schrieb, dass der wahre Zweck von Entwicklung darin besteht, die Wahlmöglichkeiten der Menschen auf allen Feldern zu erweitern: wirtschaftlich, politisch, kulturell. Das ist der Ansatz von Amartya Sen. In Verbindung mit seinen Überlegungen zu den capabilities hat Sen das Konzept der menschlichen Entwicklung beeinflusst und seinen Beitrag dazu geleistet, dass neue und angemessenere Indikatoren zur Messung von Entwicklung wie der Human Development Index entstanden sind. Die Handschrift von Sen trägt besonders deutlich der UNDP-Bericht über menschliche Entwicklung aus dem Jahr 1997, an dessen Ausarbeitung er als Berater mitgewirkt hat. Mit diesem Bericht wurde nicht nur das Konzept der menschlichen Armut mit einem entsprechenden Index (Human Poverty Index, HPI) eingeführt. Darin findet sich auch ein Satz wie dieser: Eine auf die Menschen ausgerichtete Strategie zur Beseitigung der Armut sollte damit beginnen, die Fähigkeiten der Armen auszubauen. Und wenn im neuen Bericht der Weltbank von 1999/2000 starke und effiziente öffentliche Institutionen gefordert werden, die dafür sorgen, dass Wirtschaftswachstum auch den menschlichen Bedürfnissen zugute kommt, ist dies eine Festlegung, die ganz auf der Linie von Sen liegt. Für die aktuelle Revision des Index für menschliche Entwicklung im UNDP-Bericht von 1999 schließlich zeichnet Sen zusammen mit Sudhir Anand verantwortlich.
An die Überlegungen von Sen, dass andere als die üblichen Wohlfahrtsmaße nötig seien, hat eine Reihe von Autoren angeknüpft, die sich mit der Messung von Armut, Ungleichheit und Wohlstand beschäftigt haben. Seine Verdienste im Bereich der Armutsmessung liegen nicht nur darin, ein eigenes Maß entwickelt und den Anstoß für unterschiedliche Armutsindizes gegeben zu haben. Vielmehr hat er auch wesentlich die Methodik zur Herleitung solcher Messgrößen beeinflusst. So ist es seit den 70er Jahren üblich, Armutsmaße axiomatisch zu fundieren, d. h. Anforderungen zu formulieren, denen ein Armutsmaß zu genügen hat.
Mit seinen Arbeiten zu Armut und Hunger hat Sen auch Spuren hinterlassen, die für die Praxis der Entwicklungspolitik relevant sind. Entgegen dem bis dahin vorherrschenden Trend, dem Hunger in der Dritten Welt durch eine Steigerung der Nahrungsmittelproduktion zu begegnen, hatte sich in den 80er Jahren die Einsicht durchgesetzt, dass die eigentliche Ursache für Hunger nicht selten ein unzureichender Zugang zu den vorhandenen Nahrungsmitteln ist.
In den 90er Jahren allerdings wurde erneut auf die angebotsorientierte Strategie einer Steigerung der Nahrungsmittelproduktion gesetzt. Dies veranlasste Sen auch, im Vorfeld des Welternährungsgipfels vom November 1996 seine Thesen in einem Vortrag vor dem schwedischen FAO-Komitee in Stockholm in Erinnerung zu rufen. Bemerkenswert in diesem Kontext ist, dass Weltbank und Internationaler Währungsfonds jüngst eine Kurskorrektur hinsichtlich ihrer Auflagenpolitik gegenüber Entwicklungsländern vollzogen haben. Künftig sollen überzeugende Strategien der Armutsbekämpfung zur Bedingung für die Gewährung von Schuldenerlass gemacht werden. Mittel, die durch reduzierten Schuldendienst frei werden, sind dann zur Finanzierung eines vorher unter Beteiligung von Nichtregierungsorganisationen aufgestellten Aktionsplans mit festen Sozialzielen einzusetzen.
Sen hat sich auch immer wieder in die Politik seines Heimatlandes Indien eingemischt, so vor allem in Veröffentlichungen gemeinsam mit Jean Drèze. In dem Sammelband Indien 1999 schreibt Wolfgang-Peter Zingel in seinem Beitrag mit dem Titel Genug Nahrung für eine Milliarde Inder? hierzu: Professor Sen gibt sich die größte Mühe, klarzumachen, dass er keineswegs Gegner einer Marktwirtschaft, [sondern] ein Befürworter einer weiteren Liberalisierung der indischen Wirtschaft sei; auf bestimmten Gebieten, namentlich der Erziehung, sei aber ein Engagement des Staates unverzichtbar; in Bezug auf Indien mahnt er hier Handlungsbedarf an. Was die Hungerproblematik in Indien angeht, das eigentliche Thema von Zingels Aufsatz, bestätigt er Sens Analyse: Nach indischen Maßstäben lebten 35% der indischen Bevölkerung in Armut. Gleichzeitig reiche aber die derzeitige Produktion pro Kopf der Bevölkerung für eine hinreichende Ernährung aus. Fazit: Ungeachtet aller Definitionen ist ihre Versorgung weniger eine Frage der Produktion als der Verteilung.
Amartya Sen gehörte lange Zeit zu den Stimmen aus der Dritten Welt, die in der entwicklungstheoretischen Debatte in Deutschland kaum wahrgenommen wurden. In der unbestritten äußerst verdienstvollen Einführung und Bibliographie von Ulrich Menzel zur Geschichte der Entwicklungstheorie aus dem Jahr 1991 taucht Sen nur mit zwei Titeln aus seinem umfangreichen Werk auf: mit der einzigen bislang vorliegenden deutschsprachigen Übersetzung eines seiner Bücher, das vor einem Vierteljahrhundert unter dem Titel Ökonomische Ungleichheit publiziert wurde, sowie mit einem 1983 im Economic Journal veröffentlichten Aufsatz Development: Which Way Now?. Und es spricht für sich, dass der 1996 in E+Z erschienene Artikel zu dem wenigen gehört, was vor der Verleihung des Ökonomie-Nobelpreises von Sen auf Deutsch publiziert worden ist. Durch die Ehrung des Nobelpreiskomitees ist die Stimme von Sen zwar nicht lauter geworden; es hören ihm aber mehr Menschen zu, wohl auch in Deutschland.

IV.
Die Bedeutung von Amartya Sens Analysen und Thesen ist immer wieder mit blumigen Worten nicht ohne pathetischen Unterton paraphrasiert worden. Egal, ob die Financial Times ihn im November 1998 als economist capable of amazing grace titulierte, oder ob Sen als Stimme der Dritten Welt, als Gewissen der Ökonomie und gar - so der Vorstandssprecher der Deutschen Bank bei einer Tagung Mitte 1999 in Berlin zum Thema Der Kapitalismus im 20. Jahrhundert - als Mutter Teresa der Wirtschaftswissenschaft bezeichnet wird: Sen steht in den Worten des Nobelpreiskomitees für die Wiederherstellung einer ethischen Dimension in den Wirtschaftswissenschaften, also für etwas, für das sich das Gros seiner Kollegen als nicht zuständig betrachtet. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass im Wall Street Journal die Verleihung des Nobelpreises 1998 an Sen mit der Überschrift kommentiert wurde, der falsche Ökonom habe gewonnen.
Sen verkörpert ohne Zweifel die (Wieder-)Annäherung von Ökonomie und Philosophie. Insofern hat er mit dem Vater der Nationalökonomie, Adam Smith, mehr gemeinsam als nur die Initialen. Als Moralphilosoph, der er war, stünde Smith heute vermutlich mit seinem Verständnis von Ökonomie - jenseits aller konkreten inhaltlichen Differenzen - einem Amartya Sen näher als denjenigen, die vom Nobelpreiskomitee in der Vergangenheit als, wie es der Soziologe Claus Offe abschätzig formuliert hat, Urheber artistischer mathematischer Spekulationen über das Anlageverhalten bestimmter Kategorien von Börsenspekulanten ausgezeichnet worden sind.
Einiges von dem, was Sen formuliert hat, ist hochkomplex, angereichert mit kompliziert anmutender mathematischer Formelsprache. Anderes scheint eher banal und erinnert an das, was wir auch mit unserem sogenannten gesunden Menschenverstand zu erfassen vermögen. Aber gerade hier hebt er sich vom reinen ökonomischen Denken ab. Der Tendenz nicht nur der Wirtschaftswissenschaften zu immer weitergehender Spezialisierung und zur Konzentration auf die Analyse von Detailabläufen setzt Sen ein dem interdisziplinären Denken verpflichtetes Wissenschaftsverständnis entgegen, das menschliche und gesellschaftliche Entwicklung möglichst umfassend zu verstehen und zu erklären versucht. Für Begriffe wie Wahlfreiheit und damit verknüpfte Zieldefinitionen kann Sen in der Entwicklungstheorie sicher nicht die Urheberschaft beanspruchen. So hatte schon 1955 einer der Pioniere der Entwicklungsökonomie, W. Arthur Lewis, in seinem berühmten Buch The Theory of Economic Growth auf die Erweiterung des range of human choice als zentrales Entwicklungsziel verwiesen. Anders als Sen hatte Lewis sich in seiner Analyse jedoch auf das ökonomische Wachstum als Bestimmungsfaktor für einen Zuwachs an Freiheit konzentriert.
In einem Interview mit einer japanischen Zeitung nach der bedeutsamsten Entwicklung im 20. Jahrhundert befragt, antwortete Sen, das sei für ihn das Aufkommen der Demokratie. Dies bleibt für Sen gültig, auch wenn Unterdrückung und Mißachtung menschlicher Grund- und Freiheitsrechte ebenso wie Hunger und Armut zu Beginn des neuen Jahrtausends weiter zu den zentralen Menschheitsproblemen gehören. In seinen entwicklungstheoretisch relevanten Schriften hat Sen nicht nur die Problematik von Hunger und Armut beschrieben, sondern dies im Laufe der Zeit auch in einen umfassenden Zusammenhang mit sozioökonomischen und politisch-institutionellen Wirkungsmechanismen gebracht. Er bezieht mit seiner Argumentation gegen ein Entwicklungspostulat Stellung, das den Paternalismus bis hin zum mehr oder weniger versteckten Autoritarismus als richtigen, ökonomisch erfolgreichen Weg für die eigene Gesellschaft verordnet - unter Berufung entweder auf besondere asiatische Werte oder auf die vermeintliche Ineffizienz demokratischer Verfahren. Das, was ein Lee Kuan Yew in Singapur oder ein Alberto Fujimori in Peru praktiziert hat, mag zwar durchaus zu höheren ökonomischen Wachstumsraten führen, als sie andere, demokratischere Staaten vorweisen können. Dies lässt Sen aber zu Recht nicht als Nachweis für eine manchmal gern konstatierte, generell negative Beziehung zwischen Demokratie und Wirtschaftswachstum gelten. Abgesehen davon stellt im Sinne des Entwicklungsbegriffes von Sen das Konzept vom starken Staat als autoritärer Entwicklungsagentur ohnehin einen Widerspruch in sich selbst dar.
Sen werden von manchen Kritikern allzu etatistische und dirigistische Orientierungen vorgeworfen. Und durchaus ist er in der Tradition derjenigen Ökonomen zu sehen, die den Marktmechanismus als sozial blind bezeichnen. In seinem Verständnis von Entwicklung als dem substantiellen Abbau von Unfreiheiten wendet sich Sen aber weniger gegen das Versagen der Marktkräfte als vielmehr gerade gegen das Versagen des Staates. Damit redet er indes nicht jener Erfolgsformel das Wort, die grundsätzlich und ohne Differenzierung mehr Markt, weniger Staat lautet. Insgesamt bewegt sich Sen inhaltlich heute in der Strömung derer, die effiziente politische Steuerung im Kontext von good governance einfordern.
Schriften von Amartya Sen
- 1970: Collective Choice and Social Welfare. San Francisco
- 1973: On Economic Inequality. Oxford (1997 aktualisierte, erweiterte Fassung)
- 1981: Poverty and Famines. An Essay on Entitlement and Deprivation. Oxford
- 1982: Choice, Welfare and Measurement. Oxford (Zusammenfassung einiger der wichtigsten älteren Aufsätze)
- 1984: Resources, Values and Development. Oxford
- 1985: Commodities and Capabilities. Amsterdam
- 1989 (mit Jean Drèze): Hunger and Public Action. Oxford
- 1992: Inequality Reexamined. Oxford
- 1996 (mit Jean Drèze): India - Economic Development and Social Opportunity. Oxford
- 1999: Development as Freedom. New York
Schriften über Amartya Sen
Kaushik Basu / Prasanta K. Pattanaik / Kataro Suzumura (Hg., 1995): Choice, Welfare, and Development. A Festschrift in Honour of Amartya K. Sen. Oxford
Stephen Devereux (1993): The Entitlement Approach, in: ders.: Theories of Famine. New York, S. 66-85
Michael McPherson (1992): Amartya Sen, in: Warren J. Samuels (Hg.): New Horizons in Economic Thought. Appraisals of Leading Economists. Vermont, S. 294-309
Hans-Peter Weikard (1998): Amartya Sens Beitrag zu den Wirtschaftswissenschaften - Anmerkungen zum Nobelpreis 1998, in: Wirtschaftsdienst. Zeitschrift für Wirtschaftspolitik 78.11, S. 691-696
Dr. Christoph Wagner ist Akademischer Rat am Institut für Politikwissenschaft der Universität Mainz

Ausführliche Literaturliste zu Amartya Sen
E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit,
herausgegeben von der Deutschen Stiftung für internationale Entwicklung (DSE)
Redaktionsanschrift:
E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit, Postfach, D-60268 Frankfurt
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