E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 4, April 2002, S. 104 - 105)


Eine autonome Wirtschaftspolitik ist nötig
Dollarisierung und Wirtschaftskrise in Ecuador

Eduardo Valencia Vásquez


Seit Anfang 2000 ist der US-Dollar offizielle Währung von Ecuador. Davon hatte man sich Preisstabilität, eine Belebung der Wirtschaft und die Verbesserung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit erhofft. Das Gegenteil ist eingetreten: Heute steht Ecuador vor einer ernsthaften Rezession. Der Hauptgrund dafür ist, so erklärt Eduardo Valencia, Ex-Chef der ecuadorianischen Zentralbank, dass Importe die einheimischen Produkte verdrängt haben, und dass mit dem Dollar die hohen internationalen Risikoaufschläge in den Binnenmarkt importiert wurden, wodurch sich Produktionskredite extrem verteuerten. Einheimische Unternehmen gehen reihenweise in Konkurs, und die Arbeitslosigkeit steigt.



1. Die Dollarisierung,
ein untaugliches Modell

Gegen Ende 1999 war die Wirtschaftslage Ecuadors extrem kritisch geworden, als Folge einer Strategie, die 1992 eingeleitet worden war. Im August 1992 war der Wechselkurs des ecuadorianischen Sucre zum US-Dollar eingefroren worden, und es wurden gleitende Zinssätze eingeführt. Diese und weitere Reformen, die den Finanz- und Kapitalmarkt liberalisierten, hatten dazu geführt, dass die Privatbanken sich die Kontrolle über den einheimischen Finanzmarkt aneigneten. An die Stelle des Sucre trat schrittweise der Dollar. Die Zeit der Spekulationswirtschaft begann. 1999 wurden etwa 60% der Finanztransaktionen in Dollar getätigt.

Im Zeitraum von 1998 bis 2000 führten drei weitere Entscheidungen zur vollkommenen Abschaffung des Sucre: Das vom Parlament (mit einer konservativen Mehrheit) verabschiedete Gesetz, das die uneingeschränkte Garantie für Einlagen bei Privatbanken vorsah; das Präsidialdekret, das die privaten Bankeinlagen einfror; schließlich das Gesetz zur offiziellen Einleitung des Dollarisierungsprozesses im Januar 2000. Die den Banken nahestehenden wirtschaftlichen und politischen Gruppen (vor allem die Wirtschaftskammer von Guayaquil und einige rechte Parteien) setzten dieses Modell mit massiver Unterstützung der tonangebenden Medien und unter Verletzung der Artikel 33, 264 und 265 der Verfassung durch. Die Hauptargumente für die Dollarisierung waren, dass sie zur Preisstabilität und zur Reaktivierung der Produktion führen werde, und damit auch zur Sicherung des Realeinkommens der Bürger.

Zwei Jahre nach Einführung des neuen Modells ist die anfängliche Begeisterung jedoch verflogen. Es ist offensichtlich, dass die angestrebten Ziele verfehlt wurden: Die Instabilität von Preisen und Zinsen ist heute deutlich größer als vorher, das Realeinkommen der Bevölkerung ist in dieser kurzen Zeitspanne schneller gesunken als in der Vergangenheit. Umfragen zeigen bei der Bevölkerung immer stärkere Unzufriedenheit. Selbst die ursprünglichen Verfechter des Modells beginnen, sich von der Regierung zu distanzieren.

Vor diesem Hintergrund soll hier untersucht werden, welches die Ergebnisse der Dollarisierung sind und was sie zu den relevanten Zielen wirtschaftlicher Entwicklung beigetragen hat. Um welche Ziele handelt es sich?

A. Die Schaffung von Sicherheit in der Wirtschaft. Dieses Ziel wurde mit der Dollarisierung nicht erreicht. Derzeit überschreitet das Länderrisiko 1500 Basispunkte, d. h. die Kreditzinsen liegen um 15 Prozentpunkte über denen in den USA. Ecuador bildet gemeinsam mit Argentinien und Nigeria die Troika der am wenigsten vertrauenswürdigen Länder der Welt. Das (vorher abgeflossene) Privatkapital ist nicht zurückgekommen, die Direktinvestitionen aus dem Ausland sind zurückgegangen.

B. Die Erlangung von Preisstabilität. Im ersten Jahr der Dollarisierung stieg das Preisniveau auf historische Rekordhöhen mit einer Inflationsrate von 107 %. Im zweiten Jahr nahm dieser Trend ab und pendelte sich Ende 2001 auf 22,5 % ein. Die Löhne der Arbeiter blieben jedoch auf dem Niveau von 1998 stehen.

C. Die Reaktivierung der Wirtschaft. Im Jahre 1999 war das BIP um 9 % gefallen. In den beiden nächsten Jahren flossen dem Land aufgrund des hohen Erdölpreises und durch Überweisungen der zahlreichen Emigranten Einnahmen in unerwarteter Höhe zu (2001: 1,4 Mrd. US$), wodurch die Wirtschaft 2000 um 2,3% wuchs, 2001 sogar um 5 %. Dadurch wird aber nicht einmal der vorherige Absturz ausgeglichen: Ende 2002 wird die Gesamtproduktion immer noch niedriger liegen als die von 1998. Ecuador steht ungeachtet der günstigen Konjunktur der letzten beiden Jahre vor einer ernsthaften Rezession, zumal der Rückgang der Öleinnahmen vorgezeichnet ist.

D. Verbesserung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit. Die Inflation führte dazu, dass die Preise für alle Güter und Dienstleistungen auf internationales Niveau stiegen. Die Preise für Rohstoffe und Fertigprodukte in Ecuador sind etwa auf gleicher Höhe mit denen in Argentinien und liegen damit um 30% höher als in Europa oder den USA. Zugleich haben andere lateinamerikanische Länder ihre Währungen abgewertet, um international konkurrenzfähiger zu werden. Ecuadors Wettbewerbsfähigkeit leidet also doppelt: Durch den Anstieg der eigenen Kosten und durch die verbesserten Chancen der Handelspartner. Daher verschlechterte sich die Handelsbilanz in den vergangenen zehn Monaten um eine Milliarde Dollar.


2. Eine Interpretation der Krise der
dollarisierten Wirtschaft

Wenn eine Volkswirtschaft auf internationaler Ebene das Vertrauen und die Wettbewerbsfähigkeit verbessern will, muss sie die Ziele Stabilität und Wachstum zugleich anstreben. Man spricht vom Prinzip der "Bewegung im Gleichgewicht" - gewöhnlich erklärt mit dem Bild eines Fahrrads, das sich ständig bewegen muss, um im Gleichgewicht zu bleiben. Eine Volkswirtschaft muss also nicht, um wachsen zu können, vollständiges Gleichgewicht erreicht haben, wie uns die Dollarisierungsverfechter fälschlich glauben machen wollen.

Um die Ziele Wachstum und Stabilität gleichzeitig verfolgen zu können, muss das Preissystem (für Binnen- und Außenwirtschaft) die Prioritäten der Gesellschaft widerspiegeln. In einer hochgradig verarmten Wirtschaft muss die höchste Priorität aber notwendigerweise der einheimischen Produktion zukommen. Als erstes muss der Produktionstätigkeit in allen Sektoren Dynamik verliehen werden, damit Beschäftigung geschaffen wird, die der Bevölkerung jene Einkünfte verschafft, die sie zur Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse benötigt.

Unabdingbare Voraussetzung dafür ist, dass das System der Bildung relativer Preise auf dem Markt störungsfrei funktioniert, damit die Preise die tatsächliche Knappheit der tatsächlichen Ressourcen spiegeln, also zu "authentischen" Parametern der Knappheit werden. Dieses Preisbildungssystem wurde jedoch durch die Dollarisierung tiefgreifend gestört: Da der Wert der US-Währung ein für alle Mal festliegt, werden die Preise für Güter und Dienstleistungen von außen bestimmt, sind an die Weltmarktpreise gebunden.


Importierte Güter verdrängen
die einheimischen

Die Preise für Konsumgüter auf dem Weltmarkt sind aufgrund der massiven Konkurrenz in der Regel sehr niedrig. Dies erhöht natürlich die Nachfrage nach importierten Konsumgütern zu Lasten einheimischer Produkte. Erhöht wird die Nachfrage noch dadurch, dass sich ein Großteil der Kreditinstitute in jüngster Zeit auf die Finanzierung von Konsumgütern spezialisiert hat.

Im Gegensatz dazu sind die Preise importierter Investitionsgüter und Rohstoffe aufgrund der fortlaufenden technologischen Innovationen sehr hoch und für Unternehmer in unseren Ländern unerschwinglich. Daraus resultiert, dass beim Erwerb von Investitionsgütern die Vorteile gebundener Preise gar nicht wirksam werden. Und die Banken zeigen sich, wenn es um die Finanzierung solcher Güter geht, eher abgeneigt. Die Vergabe kurzfristiger Konsumgüterkredite bringt ihnen schnelleren Profit.

Die Dollarisierung der Wirtschaft hat ein exponentielles Wachstum der Nachfrage nach importierten Konsumgütern zur Folge gehabt, während die Nachfrage nach Gütern aus einheimischer Produktion im gleichen Verhältnis gesunken ist. Das hat zu einem intensiven Verbrauch der knappen Devisenbestände geführt und die Mittel aufgezehrt, die eigentlich für Realinvestitionen hätten aufgewendet werden müssen. Dies widerspricht allem, was im Sinne einer vernünftigen Entwicklungspolitik ratsam wäre. Die hier beschriebene Konstellation kann dazu führen, dass sich ein Land ständig am Rande des Zahlungs-bilanzdefizits befindet und seine Dollarreserven dahinschwinden. Ecuador nähert sich dem Zustand eines dollarisierten Landes, das keine Dollars hat.

Nicht weniger problematisch als die Verdrängung der einheimischen Produkte durch Importgüter und der damit verbundene Abfluss von Dollarguthaben ist das System der Festsetzung der Zinssätze. Diese werden nach wie vor intern von den Privatbankiers festgesetzt, die (entsprechend dem Modell der Dollarisierung) internationalen Standards folgen, die weit entfernt sind von unserer Realität. Nachdem die Währungspolitik der Zentralbank weggefallen ist,werden den Sparern für ihre Einlagen die international üblichen extrem niedrigen Zinssätze geboten (zwischen 2 und 3 Prozent), während investitionswillige Unternehmen extrem hohe Kreditzinsen zahlen müssen (zwischen 16 und 22 Prozent).

Die hohe Differenz zwischen den Zinssätzen auf Spareinlagen und auf Kredite ergibt sich daraus, dass die Bankiers selbst - und zwar ganz legal - ihre ohnehin bereits hohen Gewinnspannen um die sogenannten "Provisionen für Länderrisiken" erhöhen, die auf den internationalen Dollarmärkten für Länder wie Ecuador erhoben werden. Deshalb sind die Zinssätze für Kreditnehmer derzeit höher, als sie es vor der Dollarisierung waren. So sind die Darlehenszinsen also entgegen den Argumenten der Dollarisierungsbefürworter nicht gesunken, sondern gestiegen, und für produktive Investitionen bestehen weiterhin wenig Anreize.


Hohe Risikoaufschläge
verteuern die Kredite

Diese untaugliche Politik zur Festsetzung der Preise und Zinssätze führt unmittelbar zur Störung der Wirtschaftsabläufe. Unternehmen, die den permanenten Kostenerhöhungen nicht standhalten können, verschwinden vom Markt und verstärken die Arbeitslosigkeit.

Was die Befürworter der Dollarisierung nicht erkannt haben, ist, dass die Banken selbst durch Festsetzung hoher Risikoaufschläge signalisieren, für wie unsicher sie das Modell der Dollarisierung halten. Durch diese Aufschläge übertragen sie ihr Misstrauen auf die anderen Wirtschaftssubjekte, was zur Folge hat, dass die Investitionsströme weiter an unserer Wirtschaft vorbeifließen.

Offensichtlich wird sowohl in der Preispolitik für Basisgüter wie bei den Geldkosten gravierend gegen die Preisbildungstheorie verstoßen, nach deren Regeln weder die willkürliche Festsetzung von Preisen noch die Zulassung eines Oligopols aus einigen wenigen mächtigen Wirtschaftsakteuren erlaubt sein sollte, da andernfalls der Prozess einer ausgewogenen Ressourcenzuweisung schwer gestört wird. Genau dies geschieht jedoch gegenwärtig in Ecuador, sehr zu Lasten der Mittel- und der Unterschicht.

Die Dollarisierung verändert das Preisbildungssystem und verzerrt damit die gesamte Wirtschaft. Und da das Modell der Dollarisierung aus den genannten Gründen nicht für die Reaktivierung der Wirtschaft geeignet ist, ist diese folglich ausgeblieben. Wenn die Gesamtnachfragekurve sich auf eine Änderung der Grenzkonsumneigung zugunsten importierter Waren und Dienstleistungen stützt, sinkt gleichzeitig intern die marginale Spar- und die Investitionsneigung. Dies beeinträchtigt sowohl die Produktion für den internen Verbrauch als auch die für den Export. Daraus folgt eine Beeinträchtigung des gesamten wirtschaftlichen Entwicklungsprozesses, denn die Schrumpfung der inländischen Produktion schwächt wiederum die Nachfrage nach Rohstoffen und nach lokalen Arbeitskräften. Die Dollarisierung der Wirtschaft ist also weder für die Reaktivierung der Produktion noch für die Reduzierung von Arbeitslosigkeit und Armut ein taugliches Mittel.


3. Elemente eines
Alternativvorschlags zur Dollarisierung

Um die Ziele Preisstabilität und Wachstum zu erreichen, das Vertrauen der Unternehmer zu stärken und Wettbewerbsfähigkeit zu gewinnen, ist es erforderlich, dass wir in der Geld-, Kredit- und Wechselkurspolitik unsere Souveränität wiedererlangen. Dies erfordert nicht notwendigerweise eine Demontage des gesamten Modells der Dollarisierung. Die Einführung eines ordnungsgemäß legalisierten, von der internationalen Gemeinschaft akzeptierten bimonetären Modells ist ohne weiteres möglich. Der Vorschlag sieht vor, dass die Zentralbank wieder billige Kredite in einer eigenen Währung an den produktiven Sektor vergeben kann - dies kann ein ecuadorianischer Dollar sein (ähnlich wie im Fall des kanadischen oder australischen Dollars) mit einem Wechselkursverhältnis gegenüber dem US-Dollar von 1:1. Angesichts der tiefen Rezession der ecuadorianischen Wirtschaft, in der in den letzten drei Jahren mehr als 5000 Betriebe bankrott gegangen sind, hätte die Zentralbank eine weitreichende Kreditvergabefähigkeit, deren Limit von der Kapazität der jährlichen Steigerung des BIP um 5 % bestimmt werden müsste. Beschränkt man den Kredit auf seine Fähigkeit zur Produktionssteigerung, bestünde kein Grund zur Abwertung der ecuadorianischen Währung. Aber sie würde die Produktion, die Wettbewerbsfähigkeit und die Beschäftigung steigern und damit die Antriebsachse werden, die die Wirtschaft in einem Rahmen vollständiger Stabilität reaktiviert und damit auf bestmögliche Weise zur Armutsbekämpfung beiträgt.


Prof. Eduardo Valencia Vásquez, ehemaliger Präsident der Zentralbank von Ecuador, ist Leiter des Wirtschaftsforschungsinstituts der Katholischen Universität in Quito.
evalencia@puceuio.puce.edu.ec



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