Einige Wochen lang sah es so aus, als würde die UN-Konferenz über Entwicklungsfinanzierung in Monterrey ein Fehlschlag. Das Abschlusspapier, auf das sich der Vorbereitungsausschuss der Konferenz in seiner letzten Sitzung geeinigt hatte, rief große Enttäuschung in der entwicklungspolitischen community hervor: viele schöne Worte, nicht eine einzige Verpflichtung. Beobachter mochten zwar nicht ausschließen, dass die eine oder andere Delegation aus dem Norden mit einigen Millionen Dollar im Gepäck als Bonbon für die Entwicklungsländer nach Mexiko reisen werde. Doch aus Sicht der Entwicklungshilfe werde die Zeit nach Monterrey sich von der Zeit davor nicht wesentlich unterscheiden.
Dann, drei Tage vor Beginn der Konferenz, ließen die Europäische Union und die Vereinigten Staaten schon einmal durchblicken, was sie sich als Mitbringsel ausgedacht hatten - und was sie da auspackten, kann sich sehen lassen. US-Präsident Bush kündigte an, sein Land werde die Entwicklungshilfe von 2003 an über einen Zeitraum von drei Jahren um insgesamt fünf Milliarden Dollar erhöhen - das würde, wenn der Kongress zustimmt, eine jährliche Steigerung um 15 % bedeuten. Während Bushs Zusage - vielleicht abgesehen von ihrer beachtlichen Höhe - einem jener eher symbolischen Geschenke entspricht, die für Monterrey erwartet werden, hat der Beschluss des EU-Gipfels vom 15. März eine andere Qualität: Die Vorgabe, jedes EU-Land solle bis 2006 wenigstens 0,33 % seines Bruttoinlandsprodukts für Entwicklungshilfe bereitstellen, hat den Charakter eines Etappenziels auf dem Weg zur 0,7-%-Marke, wie es in den Wochen vor Monterrey von entwicklungspolitischen NROs immer wieder eingefordert worden war.
Natürlich, die anvisierte Erhöhung ist weit entfernt von der von UN-Generalsekretär Kofi Annan und der Weltbank vorgeschlagenen Verdoppelung der Entwicklungshilfe in den nächsten Jahren. Und die EU-Regierungen müssen erst noch beweisen, wie ernst sie ihren guten Vorsatz nehmen - die schwammige Formulierung im Abschlusskommuniqué des Gipfels, sie seien "auf jeden Fall bestrebt", das Ziel zu erreichen, lässt da jetzt schon Zweifel aufkommen. Aber für den Moment jedenfalls scheint es, als sei erstmals die Tragik der Entwicklungspolitik durchbrochen worden, die bislang darin bestand, dass jeder gern ihre Wichtigkeit betonte, jedoch niemand außer den Entwicklungspolitikern diese Wichtigkeit honorieren wollte.
Ein Ereignis hat maßgeblich zu diesem Durchbruch beigetragen: die Terroranschläge vom 11. September. Dieser Tag hat vielen Menschen in den reichen Ländern deutlich gemacht, dass es auf lange Sicht selbst in ihren Wohlstandsfestungen sehr ungemütlich werden kann, wenn zweierlei nicht gelingt: zum einen durch Entwicklungszusammenarbeit zum Aufbau langfristig stabiler und sicherer Gesellschaften im Süden beizutragen, die sich nicht, wie Taliban-Afghanistan, als Trainingslager für Terroristen eignen, zum anderen erfolgreicher als bisher Armut, Demütigung und Ungerechtigkeit zu bekämpfen, die bei den Armen im Süden im besten Fall Gleichgültigkeit, im schlimmsten Fall offene Freude angesichts des einstürzenden World Trade Center befördert haben.
Welche Lehre lässt sich für die Entwicklungspolitik daraus ziehen? Die offizielle Anerkennung, wie sie der EU-Beschluss symbolisiert, dass die Entwicklungspolitik zu einer sichereren Welt beitragen kann und soll, erfordert es, erneut zu prüfen, was Entwicklungspolitik leisten kann und was nicht. Voller Ehrgeiz hat diese sich in den letzten Jahren neue Aufgaben wie Krisenprävention und Konfliktbearbeitung aufgehalst, aber hat sie darin auch etwas erreicht? Das bislang überzeugendste Konzept für einen entwicklungspolitischen Beitrag zur Krisenprävention lautet schlicht: Do no harm - richte keinen Schaden an.
Soll Entwicklungspolitik mehr zur globalen Sicherheit beitragen, als lediglich keinen Schaden anzurichten, dann muss sie von anderen Ressorts unterstützt werden. Frieden und Sicherheit, Umweltschutz, mehr Gerechtigkeit und weniger Armut sind ohne die Expertise der Entwicklungspolitik nicht zu haben. Aber erst mit der Anerkennung durch Außen-, Wirtschafts-, Finanz- und Umweltpolitik, erst im Rahmen einer ressortübergreifenden globalen Strukturpolitik kann diese Expertise Wirkung entfalten. Nachdem im Vorfeld zu Monterrey monatelang über das Geld debattiert worden ist, ist es an der Zeit, sich wieder mit der Politik zu beschäftigen, die mit diesem - künftig hoffentlich reichlicher vorhandenen - Geld bezahlt werden soll.
