E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 04, April 1999,
S. 113)

Friedenskonsolidierung in Bosnien-Herzegowina
Ansätze von Nichtregierungsorganisationen
Martina Fischer

Dauerhafte Friedensprozesse hängen davon ab, ob es gelingt, in Konfliktregionen "peace constituencies" zu schaffen: Friedensallianzen aus einer Vielfalt an zivilgesellschaftlichen Akteuren (die Geschäftswelt, Berufsverbände, Kirchen, Medien, Bürgerinitiativen, Erziehungs- und Ausbildungseinrichtungen, NROs), die sich am Aufbau von Mechanismen zur friedlichen Konfliktbearbeitung beteiligen, also Netzwerke von Personen, die ein persönliches Interesse an Konfliktregelung haben und über den Einfluß und die Fähigkeiten verfügen, dieses auch umzusetzen. Ausländische Fachkräfte können diesen Prozeß unterstützen, indem sie einheimischen Aktivisten
- Möglichkeiten des internen Austausches und der Vernetzung bieten,
- Gelegenheit zur Reflexion über ihre Arbeit und über langfristige Strategien geben
- die Suche nach Ressourcen erleichtern
- Angebote zur Weiterqualifizierung vermitteln
- Konfliktbearbeitungsansätze aus anderen Krisenregionen nahebringen.
Einige deutsche Organisationen aus dem unabhängigen und dem christlichen Spektrum haben in Bosnien-Herzegowina in Kooperation mit lokalen Partnern solche Projekte entwickelt. Zwei Beispiele werden hier vorgestellt.

1. Zentrum für Gewaltfreie Aktion
in Sarajewo
Im Herbst 1997 begann Nenad Vukosavljevic in Sarajewo ein "Zentrum für Gewaltfreie Aktion" (Centar za nenasilnu
akciju, CNA) aufzubauen. Der Kriegsdienstverweigerer hatte in Deutschland Erfahrungen in Trainings für "gewaltfreie Aktion" bei der Bildungs- und Begegnungsstätte "Kurve Wustrow" und bei Vorbereitungskursen für das "Balkan Peace Team" gesammelt. Er veranstaltet nun in Bosnien Workshops, in denen Grundlagen gewaltfreier Konfliktbearbeitung vermittelt werden. Die Zielgruppe sind vor allem Menschen, die in Jugendarbeit, Erwachsenenbildung und Sozialarbeit tätig sind, also "Multiplikatoren".
Die in Deutschland erworbenen Kenntnisse kann Vukosavljevic vor allem deshalb in die Region übertragen, weil er die Gesellschaft kennt, die Sprache, die Verhaltens-"Codes" sowie die vielschichtigen Konfliktlinien, die sie durchziehen. Diese Konfliktlinien werden vor allem in Rollen- und Simulationsspielen aufgegriffen. Die Trainings konzentrieren sich auf die Gestaltung von Kommunikationsprozessen und das Übernehmen von Verantwortung.
Die Arbeit von CNA gründet sich auf die Einschätzung, daß eine Zivilgesellschaft nur in einem jahrelangen Prozeß der kleinen Schritte von unten entstehen kann, wobei die Beteiligten lernen, sich selbst aktiv für die Gesellschaft zu engagieren.

2. Pax-Christi-Projekt in Begov Han
Während sich die Mehrzahl der friedenspolitischen Initiativen auf die bosnischen Städte konzentriert, richtet sich die katholische Organisation Pax Christi mit ihrem Projekt in Zentralbosnien an die Landbevölkerung. Begov Han hat etwa 100 Einwohner: überwiegend Muslims, nur noch wenige Serben und Kroaten leben dort. Zur Hälfte sind es Ortsansässige, zur Hälfte Flüchtlinge aus Gebieten der heutigen "Republika Srpska".
Pax Christi hat eine Schreinerei errichtet, in der vier Männer, zwei Flüchtlinge und zwei Einheimische, arbeiten. Sie stellen Fenster, Türen und Möbel im Auftrag von NROs aus der Umgebung her. Mit internationalen Freiwilligen wurde ein "Dorfgemeinschaftshaus" errichtet. Die Aufgaben der Mitarbeiter bestehen in der Betreuung des Kindergartens und der Organisation von Treffen mit den Dorfbewohnern. Dazu zählen Gesprächsrunden, die Nähschule für Frauen, der Männerclub, Disco-Veranstaltungen, Bingo- und Kino-Abende. Über Hausbesuche verschaffen sich die Projektmitarbeiter Einblick in die Probleme der Dorfbewohner.
Die Kombination von humanitärer Arbeit mit Sozial- und Begegnungsarbeit erwies sich als erforderlich, weil die Lebenssituation nach wie vor von Unterversorgung geprägt ist. Erste Priorität hat für die Menschen in Begov Han die Linderung der materiellen Not, nicht das Interesse an der "Begegnung"; solche Angebote werden gewissermaßen nur zusätzlich in Anspruch genommen.
Die Arbeit von Pax Christi wird sich in Zukunft auf die Rückkehr von kroatischen wie von serbischen Familien konzentrieren. Individuelle Begleitung von Rückkehrwilligen soll die Unsicherheiten und die Furcht vor Polizeischikanen mindern. Auch Möglichkeiten zur Einrichtung von Arbeitsbeschaffungsprojekten für Rückkehrer werden geprüft. Gleichzeitig soll den Ängsten der in Begov Han befindlichen Flüchtlinge vorgebeugt werden, die neue Vertreibung durch die Rückkehrenden fürchten, noch bevor die Fragen ihrer eigenen Rückkehr geklärt sind.

Anforderungen an Friedensfachkräfte
Wie die skizzierten Beispiele zeigen, umfaßt die Tätigkeit von Friedensfachkräften vielfältige Aufgaben. Es ist eine Mischung aus Sozialarbeit (psychosoziale Unterstützung oder Gemeinwesenarbeit), Kulturarbeit und Führungsaufgaben (viele arbeiten in Strukturen, in denen sie andere Mitarbeiter oder internationale Freiwillige anleiten). Das Anforderungsprofil ähnelt dem von Fachkräften der Entwicklungszusammenarbeit: Sie müssen hohe Motivation, Belastbarkeit und Bereitschaft zur Selbstausbeutung mitbringen, dürfen sich aber nicht für unentbehrlich halten oder zu wichtig nehmen. Daher werden in Sarajewo nach dem Prinzip "Train the Trainers" Kurse durchgeführt, in denen zukünftige Trainer fortgebildet werden. Einheimische Aktivisten sollen das CNA-Team künftig ersetzen.
Grundvoraussetzung für erfolgreiche Friedensarbeit sind neben einer allgemeinen "sozialen Kompetenz" interkulturelle Fähigkeiten. Friedensfachkräfte müssen sich in Menschen anderer Kulturen hineinversetzen können, sie in ihrem Denk- und Wertehorizont respektieren und sich gleichzeitig ihrer eigenen "Identität" bewußt bleiben. Nur so können sie entscheiden, in welchen Konfliktsituationen sie eine neutrale Position einnehmen und in welchen anderen Situationen ein Machtgefälle zwischen Unterdrückten und Unterdrückern gegeben ist, wobei Neutralität schädlich wäre und "empowerment" für die unterlegene Seite gefragt ist.
Daneben sind Kenntnisse in Projektmanagement und in der Akquirierung von finanziellen Ressourcen nützlich. Schließlich benötigen die Fachkräfte Kenntnisse in rechtlichen Fragen sowie Einblick in die örtlichen Strukturen und diplomatisches Geschick, um Konfrontationen mit der übergeordneten politischen Ebene zu vermeiden.
Dr. Martina Fischer ist Mitarbeiterin des Berghof-Forschungszentrums in Berlin. Für eine ausführliche Darstellung vgl. Martina Fischer: "Zivile Konfliktbearbeitung" als Ausbildung, in: Bergem u. a. (Hg.): Friedenspolitik in und für Europa. Festschrift für Gerda Zellentin. Opladen 1999, S. 139-159

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