E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 5, Mai 2001, S. 144 - 147)


Globale Strukturpolitik und internationale Personalentwicklung
Ein programmatischer Entwurf

Bernd Schleich


Internationale Personalentwicklung ist jener Teil der deutschen Bildungszusammenarbeit, der sich mit der "Aus- und Weiterbildung von Fach- und Führungskräften aus Entwicklungsländern" beschäftigt, dem klassischen Arbeitsfeld von CDG und DSE. Künftig wird internationale Personalentwicklung jedoch mehr sein müssen: ein Baustein zu einer Bildung für nachhaltige Entwicklung. Und da die fortschreitende Globalisierung Entwicklungsländer und Industrieländer immer enger zusammenbringt, wird sich auch die Personalentwicklung stärker als bisher in internationalen Lerngemeinschaften und Netzwerken vollziehen. Ziel ist die Heranbildung einer sozialverantwortlich denkenden und handelnden Führungsschicht, einer globalen Verantwortungselite.



1. Globalisierung als Lernprozess
und Gestaltungsauftrag

Die fortschreitende Globalisierung der Finanzmärkte wie auch der ökonomischen, politischen, sozialen, kulturellen und umweltrelevanten Strukturen schlechthin führt dazu, dass nationale Handlungsmöglichkeiten in zunehmendem Maße eingeschränkt werden, bzw. dass die Folgen von Fehlentwicklungen national nicht mehr eingrenzbar sind. Weder Arbeitsmarktprobleme in Deutschland noch Finanzmarktprobleme in Indonesien, Umweltprobleme in Brasilien oder Armutsprobleme in Mali sind heute mit nationalen Politiken allein zu lösen.

Moderne Entwicklungspolitik definiert sich als Teil einer leitbildorientierten, globalen Strukturpolitik. Diese soll die Zukunftsfähigkeit von Gesellschaften gewährleisten, unabhängig von ihrer geographischen Lage oder ihrem derzeitigen Entwicklungsstand. Eine Entwicklungspolitik, die mit einem solchen Selbstverständnis auftritt, ist eine Politik für globale Entwicklung, die über den klassischen Bezugsrahmen der Entwicklungszusammenarbeit hinaus öffentliche Güter positiv zu gestalten hat.

Eine internationale Kooperation, die das Ziel menschlicher Entwicklung in einer sozial fairen und ökologisch tragfähigen Gesellschaftsordnung zum Leitbild und damit Gestaltungsthemen wie Rechtssicherheit, ökonomische Gerechtigkeit, Umweltschutz, die Erhaltung des kulturellen Erbes, Gesundheit, Zugang zu Wissen und Information zum Gegenstand hat, ist weder als vorrangig zwischenstaatliche Interaktion zu denken noch auf den ohnehin eingegrenzten Handlungsrahmen nationaler Regierungen zu begrenzen.

Sie ist zum einen ein Prozess der Formulierung nationaler Politik im Zusammenwirken von Regierung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft, zum anderen bedarf sie der Mitwirkung dieser Akteure bei der Verwirklichung grenzüberschreitender Lösungen. Zu ihren Strategien gehört nicht nur, Entwicklungsländern durch Kooperation und regionale Vernetzung eine aktive Mitwirkung am globalen Entwicklungsprozess zu ermöglichen, sondern auch, Strukturanpassungen und Korrekturen von Fehlentwicklungen in den Industrieländern in Angriff zu nehmen.

Wer der These folgt, dass es für die Entwicklungsländer keine tragfähige Alternative zu ihrer Integration in die Weltwirtschaft gibt, muss - gerade aus der Sicht der Entwicklungszusammenarbeit - dazu beitragen, dass die Stärkung der ökonomischen Leistungsfähigkeit der Entwicklungsländer mit Strategien der ökologischen Nachhaltigkeit verbunden wird. Der Gestaltungsauftrag für eine gelungene Globalisierung ist eng mit einem Lernprozess und internationalen Erfahrungsaustausch über Globalisierung verbunden.


2. Personalentwicklung
in internationalen Lerngemeinschaften

Träger von Entwicklung sind die Menschen. Ihre Partizipation vorzusehen und sie auf die Aufgaben und Anforderungen vorzubereiten, fördert den Entwicklungsprozess unmittelbar. Bildung und Ausbildung befähigen Menschen, sich persönlichen wie gesellschaftlichen Herausforderungen durch eigene schöpferische Leistungen zu stellen; sie sind daher ein Schlüsselelement jeglicher erfolgreicher Entwicklung. Bildung spielt eine herausragende Rolle bei der Gestaltung einer globalen, zukunftsfähigen Entwicklung.

Internationale Personalentwicklung leistet einen Beitrag zu einer zukunftsfähigen Gestaltung des Globalisierungsprozesses. "Training for sustainable development" ist die entwicklungspolitische Präzisierung dessen, was in der technokratischen Sprache des Bundeshaushaltes "Aus- und Weiterbildung von Fach- und Führungskräften" heißt. Die internationale Personalentwicklung beschäftigt sich nicht mehr mit der beruflichen Erstausbildung, sondern mit der praxisorientierten Weiterbildung von Führungskräften und Multiplikatoren, die in einer beruflichen Verantwortung stehen und nach dem Training in diese Verantwortung zurückkehren. Es werden keine Experten in die Partnerländer entsandt, sondern Menschen aus den Partnerländern werden zu nationalen Experten qualifiziert. Dies ist ein zentraler Beitrag zu capacity building im Partnerland und zur Nachhaltigkeit in der Zusammenarbeit.

Internationale Personalentwicklung als Baustein globaler Strukturpolitik muss jedoch von ihrem programmatischen wie instrumentellen Ansatz her deutlich politischer sein, als sie es zur Zeit noch ist. Sie muss die zentralen Themen des internationalen politischen Diskurses aufnehmen. Dazu gehören u. a.:

  • Friedenssicherung und internationale Sicherheitspolitik,
  • Wahrung der Menschenrechte und Förderung der Demokratie,
  • Good Governance,
  • Entschuldung,
  • Klimaschutz,
  • Armutsbekämpfung (besonders in der Mitwirkung bei der Umsetzung multilateraler Strategien, wie z. B. der Poverty Reduction Strategy von Weltbank und IWF).

Dirk Messner hat darauf hingewiesen1, dass sich entlang der "Lokal-Global-Achse" ein weites Feld für Lernpartnerschaften eröffnet. Die größeren Gemeinsamkeiten in vielen Bereichen, die São Paulo, Jakarta, Paris und New York mehr untereinander als mit den Klein- und Mittelstädten ihrer Länder haben, sind Ansatzpunkt für gemeinsame Lernprozesse und daher ein Ansatzpunkt der internationalen Personalentwicklung. Generell kann vorausgesagt werden, dass sich zukünftig diejenigen Länder besonders dynamisch entwickeln werden, die erfolgreich und systematisch von den Erfahrungen anderer lernen.

Menschen zu befähigen, Globalisierung als gestalterische Chance zu begreifen, um globale Probleme anzugehen und dies im internationalen Rahmen zu tun - das ist die Definition moderner internationaler Personalentwicklung. Die Bildung internationaler Lerngemeinschaften in einer Kultur des gemeinsamen Lernens ist eine der Voraussetzungen für Global Governance.

Die Entwicklungsländer sollten unterstützt werden, eigenständige Beiträge zu Global Governance zu leisten. Messner formuliert das so2 : "Nur leistungsstarke Länder können die internen Variablen globaler Probleme effektiv unter Kontrolle halten ... Felder für gemeinsames Lernen zwischen Industrie- und Entwicklungsländern könnten an Bedeutung gewinnen und den klassischen Nord-Süd-Transfer ergänzen. Weltweit existente Problemkonstellationen, die gemeinsames Lernen sinnvoll machen, wären z. B. Regierbarkeit von Megastädten, Ansätze zur Verknüpfung von Wettbewerbsfähigkeit und Nachhaltigkeit, Konzepte von Beschäftigungspolitiken, Formen von public-private partnership. In einer globalisierten und komplexen Welt verbessern sich die Chancen und die Notwendigkeiten für wechselseitige Lernprozesse und die gemeinsame Suche nach Best-practice-Methoden. EZ-Organisationen könnten sich zu wichtigen Knotenpunkten grenzüberschreitender Netzwerke entwickeln, in denen gemeinsame Probleme gelöst werden."

Training für eine nachhaltige Entwicklung ist die internationale Lernchance, grenzüberschreitend Gestaltungserfahrungen zu sammeln, um anschließend Beiträge zur nachhaltigen Entwicklung des eigenen Landes einzuleiten und in internationaler Kooperation neue wirtschaftliche, umweltpolitische und soziale Standards der Globalisierung mitzugestalten. Internationale Personalentwicklung ist ein Baustein einer Bildung für nachhaltige Entwicklung.

Der internationale Charakter einer solchen Personalentwicklung ergibt sich dabei nicht etwa nur durch den speziellen Lernort oder die Möglichkeit des Vergleichs mit anderen Problemlösungen, sondern insbesondere auch durch die interkulturellen Lernprozesse und persönlichen Erfahrungen in einer international zusammengesetzten Teilnehmergruppe.

Das spezifische Leistungsspektrum der internationalen Personalentwicklung und ihr komparativer Vorteil gegenüber anderen Formen und Inhalten berufsfachlichen Trainings lässt sich an den Themenfeldern verdeutlichen, die sich aktuell aus den globalen Diskussionsprozessen ergeben:

  • Verbesserung internationaler Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit der Entwicklungsländer;
  • zukunftsfähiges Wirtschaften und unternehmerische Sozialverantwortung;
  • innovative Sozialstandards und neue Koalitionen gegen Armut;
  • partizipative Projektentwicklung bei Exploration und Nutzung natürlicher Ressourcen;
  • neue Formen der Entwicklungsfinanzierung;
  • Umsetzung und Anwendung des "clean development mechanism";
  • sozialverträgliche Privatisierung öffentlicher Dienstleistungsunternehmen;
  • Stadtkoalitionen der lokalen Agenda 21 (Nord-Süd-Ost);
  • Verbreitung und Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologie;
  • Stärkung der Managementstrukturen von NROs;
  • nachhaltiger Umgang mit öffentlichen Gütern.


3. Netzwerke und
internationale Allianzen

Das Instrument der Personalentwicklung ist bisher im Rahmen der deutschen EZ eher im bilateralen Kontext zum Einsatz gekommen. Dabei hat jedoch die Partnerkooperation in den Ländern selbst wie die Abstimmung mit Partnern auf der internationalen Ebene die Leistung und Wirkung entscheidend gesteigert. Die Einbindung institutioneller Partner kann insbesondere die gewünschten strukturbildenden Wirkungen sichern.

Diese Zusammenarbeit kann durch eine Präsenz vor Ort noch wesentlich gesteigert werden und zu weit effektiveren und innovativen Projektansätzen führen, weil durch diese Präsenz eine genaue Kenntnis der örtlichen Ausgangssituation und eine situationskonforme Programmplanung gewährleistet ist.

Die intensive Kooperation mit internationalen Organisationen erlaubt die Bildung strategischer Allianzen, um den Transfer erprobter Lösungsstrategien und "best practices" in die Regionen und Länder zu gewährleisten und umgekehrt neu erarbeitete Standards regional zu verbreiten und durch internationale Anerkennung abzusichern.

Eine wirkungsvolle globale Strukturpolitik erfordert globale Netzwerke aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. In diesem Sinne werden Partner wie Zielgruppen der internationalen Personalentwicklung Teil eines im Aufbau befindlichen internationalen Netzwerkes der Bildungszusammenarbeit, das von seiner Art wie von seinem Umfang her einzigartig sein dürfte:

  • zum einen werden Trägerorganisationen der Personalentwicklung aus Industrie-, Entwicklungs- und Transformationsländern zusammengeführt und - mit zunehmender Nutzung des Internets - durch den fachlichen Austausch zu einer selbstständigen Weiterführung der internationalen Kooperation motiviert;
  • zum anderen sind viele Tausende von ehemaligen Teilnehmern Bestandteil dieses Netzwerks und bilden eine internationale Lerngemeinschaft von Führungskräften aus aller Welt, die sich um den Aufbau nachhaltiger Entwicklung in ihrem Land bemühen.

Mit Hilfe dieses Netzwerkes können wirkungsvolle Beiträge zum "capacity building" in den Partnerländern geleistet werden.


4. Leadership in Development

Generell richten sich die Programme der internationalen Personalentwicklung an (Nachwuchs-)Führungskräfte und Multiplikatoren. Erfreulicherweise gelangen auch in Entwicklungsländern zunehmend Frauen in Führungspositionen. Die internationale Personalentwicklung muss sich insbesondere darum bemühen, dass mehr weibliche Nachwuchsführungskräfte qualifiziert und damit nationale Gleichstellungsprogramme unterstützt werden.

Im Unterschied zu anderen Bildungsangeboten, die zumeist einem beliebig breiten Bewerberkreis offen stehen, sind die Zielgruppen hier klar definiert: Das Ziel ist die Stärkung bestimmter institutioneller Strukturen und nicht in erster Linie der individuelle Wunsch und Bedarf an Wissenszuwachs. Entsprechend wichtig für Erfolg und Wirkung der Programme ist die Bestimmung und Auswahl der Zielgruppe in Abstimmung mit den Partnerinstitutionen. Von den Partnern wird erwartet, dass sie als Innovatoren und Berater in komplexen Veränderungsprozessen mitwirken.

Auch wenn nicht bestritten werden kann, dass die traditionellen gesellschaftlichen Eliten der Entwicklungsländer vielfach unmittelbar, ursächlich und persönlich mit den ökonomischen wie sozialen Problemen ihrer Länder verbunden sind, kommt ihnen dennoch gleichzeitig eine herausgehobene Bedeutung bei der Behebung dieser Probleme und beim Aufbau neuer, zukunftsfähiger gesellschaftlicher Strukturen zu. Ohne eine breite sozialverantwortlich denkende und handelnde Führungsschicht ("Verantwortungselite") wird es keinen gesellschaftlichen Wandel in Richtung nachhaltiger Entwicklung geben. Dies gilt für die Führungskräfte des öffentlichen Sektors wie die des privaten gleichermaßen.

Gerade wenn die Entwicklungspolitik als Teil einer globalen Strukturpolitik an der Veränderung entwicklungshemmender Rahmenbedingungen mitwirken will, ist sie auf die Zusammenarbeit mit der gesellschaftlichen Gruppe angewiesen, die maßgeblich für die Konservierung oder den Wandel dieser Rahmenbedingungen verantwortlich ist.

Die neue, globalisierte Welt braucht eine neue, global denkende Führungsschicht. Diese "Leader" müssen mehr sein als "Manager". Sie müssen Menschen durch ihr persönliches Vorbild und ihr Engagement dazu bringen, eigenverantwortlich zu handeln und selbst Führung zu übernehmen; und sie müssen dafür Sorge tragen, dass Führung zu gesellschaftlichem Wandel führt. Sie müssen "Leadership in Development" vorleben: Das ist das Ziel der internationalen Personalentwicklung.


5. Entwicklungspartnerschaft
mit der Wirtschaft

Bei der Einbeziehung weiterer Akteure in den Entwicklungsprozess spielt angesichts der globalen wirtschaftlichen Verflechtung die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft eine besondere Rolle.

Ob es tatsächlich gelingen wird, einen weltweiten Kurswechsel in Richtung nachhaltiger Entwicklung zu initiieren, hängt maßgeblich davon ab, ob die Wirtschaft als strategischer Partner in diesem globalen Projekt gewonnen werden kann. Trotz gelegentlicher Rückschläge weist vieles darauf hin, dass die Wirtschaft insgesamt nachhaltige Entwicklung als ihr originäres Eigeninteresse definiert. Mehr und mehr Unternehmen und Verbände bauen eine aktive und vorausschauende Umweltpolitik, die Übernahme weltweit gültiger Sozialstandards und andere Elemente des Agenda-21-Prozesses in ihre strategische Unternehmensplanung ein.

Internationale Personalentwicklung muss auf diesen Prozess aktiv zugehen und ihn zum Bestandteil der eigenen Strategie machen, indem sie gezielt Entwicklungspartnerschaften mit der Wirtschaft sucht und aufbaut; eine Zusammenarbeit, bei der die Partner Staat und Wirtschaft bei Aufrechterhaltung ihrer eigenen Interessen zu Nutznießern der Partnerschaft werden und gemeinsam mehr erreichen, als einer allein hätte erreichen können.

Ein fairer Interessenausgleich im Rahmen einer öffentlich-privatwirtschaftlichen Entwicklungspartnerschaft ist z. B. bei der gemeinsamen Gestaltung und Verbesserung von Rahmenbedingungen des unmittelbaren unternehmerischen Umfeldes denkbar. Investitionsentscheidungen sind nicht zuletzt von Rahmenbedingungen wie Infrastruktur, Energieversorgung, Bildungsumfeld, Sicherheit, Märkte und Kaufkraft beeinflusst. Umgekehrt wirken sich Unternehmenserfolge auf das Umfeld aus und prägen es durch Erwerbschancen, Steuerleistungen, Handel, Verkehr etc.

Planvolle Partnerschaft mit Hilfe international erfahrenen Personals für eine nachhaltige Entwicklung wirkt daher zum beiderseitigen Nutzen. Die Voraussetzungen sind gut, dass Staat und Wirtschaft dieses "Bündnis für nachhaltige Entwicklung" schrittweise aufbauen; nicht nur mit deutschen Unternehmen, sondern mit Unternehmen und Wirtschaftsverbänden in Entwicklungsländern gleichermaßen.


6. Fehlentwicklungen
im eigenen Land

Eine der zentralen Botschaften der Rio-Konferenz 1992 war, dass nicht nur die Entwicklungsländer vor Entwicklungsproblemen stehen. Das derzeit herrschende, auf Ressourcenverbrauch aufbauende Wirtschaftsmodell der Industrieländer ist ebenso zukunfts-unfähig wie das armutsdominierte und auf Ressourcenexport aufbauende Wirtschaftsmodell der Entwicklungsländer. Es gilt, Alternativen für beide Modelle zu entwickeln und zu erproben, ohne die Fehler des jeweils anderen zu wiederholen.

Mittlerweile ist völlig unumstritten, dass die Mehrzahl der globalen Probleme (wie z. B. Klimaschutz und Wasserknappheit) auch globaler Lösungen mit jeweils lokalen Aktionsprogrammen bedarf. Die Frage, ob es Deutschland und der EU gelingt, zu einer Energiewende zu kommen und auf regenerative Energiequellen umzuschalten, hat ganz unmittelbare Auswirkungen auf die Entwicklungschancen und Wahlfreiheiten der Entwicklungsländer. Es bedarf aber noch eines guten Stücks Arbeit in unseren eigenen Gesellschaften, um diese Erkenntnisse zu verbreiten und Bündnisse für nachhaltige Entwicklung zu schaffen.

Der Entwicklungszusammenarbeit wächst dabei eine völlig neue Rolle und Aufgabe zu: die der entwicklungspolitischen Arbeit im Inland, sei es

  • in der Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit,
  • in der Beratung in Nachhaltigkeitsprojekten auf lokaler oder regionaler Ebene,
  • in der Einbringung der "internationalen Dimension" in Projekte der "Lokalen Agenda 21" etc.

Der Lernort Deutschland (bzw. zukünftig in stärkerem Maße Europa) gewinnt im Rahmen dieser Neugestaltung internationaler Zusammenarbeit eine besondere Attraktivität. Nachwuchsführungskräfte aus Entwicklungsländern können daran mitwirken, dass Projekte der lokalen Agenda 21 in deutschen Städten von traditionellen Umweltprojekten zu tatsächlichen, die internationale Dimension reflektierenden Agenda-21-Projekten werden. Gleiches gilt für die Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit, die mit einer Beteiligung von Menschen aus Entwicklungsländern zu einem größeren Verständnis für Entwicklungszusammenarbeit in der eigenen Bevölkerung führen und für mehr Glaubwürdigkeit unseres Politikfeldes sorgen kann, womit sie zur Basis für die Zukunft von Entwicklungszusammenarbeit schlechthin wird.

Die traditionell enge Zusammenarbeit mit Unternehmen, die für die Carl-Duisberg-Gesellschaft seit Jahrzehnten Kooperationspartner in Programmen der internationalen Personalentwicklung sind, erleichtert es, die Wirtschaft in Lokale-Agenda-Projekte einzubinden und damit eine wesentliche Voraussetzung für das Gelingen solcher Projekte zu schaffen.

Dabei werden von der Wirtschaft selbst neue Themen an die Entwicklungspolitik herangetragen, die besonders gut im Rahmen der Bildungszusammenarbeit aufgegriffen und gestaltet werden können. Die Initiativen der deutschen Wirtschaft gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus sollten als Angebot für ein gemeinsames Vorgehen von Wirtschaft und Entwicklungspolitik aufgegriffen werden. Hunderte von Menschen aus Entwicklungsländern, die als Teilnehmer an Programmen der internationalen Personalentwicklung in Deutschland leben und lernen, könnten in ein solches Aktionsbündnis integriert werden und damit im Rahmen der entwicklungspolitischen Bildungs- und Informationsarbeit an der Gestaltung einer weltoffenen und toleranten deutschen Gesellschaft mitwirken.


7. Einsatz und Verbreitung
moderner Informationstechnologien

Die Revolutionierung des gesamten Kommunikations- und Informationswesens durch den massiven Einsatz von Computern und die zunehmende Bedeutung des Internet macht vor den Entwicklungsländern nicht Halt. Mit unterschiedlichem Grad der Durchdringung ist der Einsatz von Computern in fast allen Ländern der Erde zum Standard geworden, und es ist eine Frage von ein paar Jahren, bis auch in Afrika in öffentlichen Verwaltungen, Unternehmen und Verbänden sowie den zivilgesellschaftlichen Organisationen das Internet eine zentrale Rolle als Informations- und Kommunikationsinstrument spielt. Insbesondere bei den neuen Informationstechnologien muss die Entwicklungszusammenarbeit daher Kooperation anbieten und bei Einsatz und Verbreitung der Technologie behilflich sein, damit die digitale Spaltung zwischen Nord und Süd überwunden werden kann.

Dies ist speziell ein Auftrag an die internationale Personalentwicklung, denn ohne Vorhandensein und Verfügbarkeit gut qualifizierter Fachkräfte und den Aufbau sowie die Organisation kontinuierlicher Bildungsmöglichkeiten wird die Verbreitung dieser Technologien schnell an Grenzen stoßen. Der aktuelle IT-Fachkräftebedarf in Deutschland gibt davon ein beredtes Beispiel.

Die modernen Informationstechnologien sind aber nicht nur selbst Gegenstand von Fortbildungsprogrammen, sondern gleichzeitig auch Medium der Programmgestaltung in unterschiedlichen Arbeitsschwerpunkten. Für die internationale Personalentwicklung ergibt sich eine doppelte Herausforderung:

  • Zum einen muss "computer-based training" ein Standard in allen Fortbildungsprogrammen sein;
  • zum andern wird "web-based training", also die Wissensvermittlung via Internet, zukünftig zu einer wichtigen Ergänzung, erheblichen Qualitätssteigerung und deutlichen Kostenreduzierung der "face-to-face"-Programme führen.

    Dennoch bleibt festzuhalten: Der persönliche Kontakt zu den Teilnehmern und der Teilnehmer untereinander, das grenzüberschreitende Lernen und der internationale Erfahrungsaustausch, die interkulturelle Kommunikation und die für viele entscheidende persönliche Weiterentwicklung durch die Erfahrung des Auslandsaufenthaltes - dies alles wird auch zukünftig nicht aus dem Netz kommen, sondern ist nur über die persönliche Begegnung zu erreichen, sei es in Deutschland, in Europa oder in einem Entwicklungsland.


    8. Globale Strukturpolitik

    Die Weiterentwicklung der "Aus- und Fortbildung von Fach- und Führungskräften aus Entwicklungsländern "zu einer "Internationalen Personalentwicklung für globale Nachhaltigkeit " ist keine bloße Themenmodulation. Sie wird sich primär durch die Internationalität ihrer Themen, Zielgruppen und Instrumente auszeichnen: durch internationale Lerngemeinschaften, internationalen Erfahrungsaustausch und Knowhow-Transfer an internationalen Standorten. Internationalität kann hier nicht mehr im Sinne klassischer Nord-Süd-Zusammenarbeit verstanden werden, sondern bezieht alle Regionen und Kontinente des "Global Village "mit ein.

    Führungskräfte können nur dann wirklich zu kreativer Mitgestaltung von Globalisierung befähigt werden, wenn auch zentrale Fragen des internationalen politischen Diskurses Bestandteil der Programmangebote sind. Die Relevanz eines solchen Fortbildungsangebots wird wesentlich geprägt sein durch die Fähigkeit zum Aufbau von und die Arbeit in Netzwerken: Vernetzung mit der Wirtschaft ebenso wie mit der Zivilgesellschaft und zwischen Akteuren unterschiedlicher Nationen, Kulturen und Religionen. Die Mitwirkung an zentralen multilateralen Arbeitsansätzen, beispielsweise der Weltbank, wird ein wesentliches Element einer derartigen Netzwerkstruktur ausmachen.

    Im Kontext der aktuellen entwicklungspolitischen Diskussion in Deutschland wie in den großen multilateralen Institutionen sollte es gelingen, aus einem bewährten und erfolgreichen Instrument der Entwicklungszusammenarbeit ein modernes, zukunftsorientiertes Instrument globaler Strukturpolitik zu machen, die sich mit offenem Visier weltweiten Herausforderungen der Überwindung von Fehlentwicklungen stellt - unabhängig von ihrem geographischen Standort.


    1) Dirk Messner: Globalisierung, Global Governance und Perspektiven der Entwicklungszusammenarbeit, in:
    Franz Nuscheler (Hg.): Entwicklung und Frieden im 21. Jahrhundert. Zur Wirkungsgeschichte des Brandt-Berichts.
    Bonn 2000, S. 267-294

    2) Dirk Messner a. a. O., S. 287 ff.


    Bernd Schleich ist Geschäftsführer in der Carl Duisberg Gesellschaft.



    E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit,
    herausgegeben von der Deutschen Stiftung für internationale Entwicklung (DSE)

    Redaktionsanschrift:
    E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit, Postfach, D-60268 Frankfurt
     
     

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Copyright © 2000, DSE, letzte Änderung 02.05.2001