E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 5, Mai 2001, S. 155 - 157)


Interkulturelle Kompetenz
Inlands- und Auslandsarbeit mit gemeinsamen Zielen

Ellen Drünert


Die Aktivitäten von CDG und DSE konzentrierten sich bisher auf die internationale Zusammenarbeit im Bereich von Fortbildung und politischem Dialog. Nach der für 2002 vorgesehenen Fusion soll "Inlandsarbeit", d. h. entwicklungspolitische Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit in Deutschland, ein zusätzliches Geschäftsfeld der neuen Gesellschaft werden. Inlands- und Auslandsarbeit sollen gemeinsam der gleichen Zielsetzung dienen: der Schaffung von interkultureller Kompetenz.


Die entwicklungspolitische Bildungsarbeit im Inland (hier kurz "Inlandsarbeit") hat seit der Weltkonferenz über Umwelt und Entwicklung in Rio 1992 das Leitbild der "nachhaltigen Entwicklung" zum Konzeptinhalt ihrer Bemühungen gemacht. Dass diese Arbeit keine geringere Wertschätzung genießt als die Zusammenarbeit im internationalen Bereich, geht schon daraus hervor, dass in Reden und Publikationen des BMZ und aus seinem Umkreis Formulierungen zu finden sind wie "Entwicklungspolitik ist auch Innenpolitik"1 oder "Eine erfolgreiche Entwicklungspolitik muss Strukturen bei uns verändern im Sinne einer Entwicklungspolitik vor der eigenen Haustür"2.

Der Ansatz, die Inlandsarbeit zu intensivieren und auch in Zukunft personell und finanziell auszuweiten, geht nicht auf ein lokales chauvinistisches Interesse angesichts des Globalisierungsdruckes zurück, sondern auf die Erkenntnis, dass einzig eine Politik, die sich am Leitbild der nachhaltigen Entwicklung orientiert, die Folgen des Globalisierungsdrucks mildern kann. Inlandsarbeit und Auslandsarbeit sind zwei Seiten der Medaille Eine Welt. Mit der Zusammenfassung in einer Organisation sollen die in der internationalen Bildungszusammenarbeit gewonnenen Einsichten für die Inlandsarbeit nutzbar gemacht werden und damit zur Umsteuerung des Bewusstseins, besonders auch gegen Fremdenfeindlichkeit, beitragen.


Inlands- und Auslandsarbeit
unter einem Dach

Die Reorganisation beider Institutionen eröffnet die Möglichkeit, den Bildungsauftrag noch eindeutiger in Richtung einer Eine-Welt-Politik auszurichten und Reste paternalistischer oder auch ausschließlich auf wirtschaftlichen Profit orientierter Absichten kritisch zu verändern. Dem zunehmend spürbaren Globalisierungsdruck muß eine Globalisierung "von unten" durch Bildung und Partizipation entgegengesetzt werden; in diesem Sinne ist der Beschluss des Bundestages vom 29. Juni 2000 zur "Bildung für nachhaltige Entwicklung" ermutigend.

Durch die Zusammenfassung der Inlandsarbeit mit der bisherigen nach außen orientierten Fortbildung von Fach- und Führungskräften in einer Organisation soll es möglich werden, in einer gebündelten Anstrengung der Partner im In- und Ausland, im Norden und Süden, im Osten und Westen das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung weltweit, in global angelegten Lernprozessen, zu vermitteln.

CDG und DSE verfügen über ein beträchtliches Erfahrungswissen am Lernort Deutschland, der über Jahrzehnte der Fokus für praktisch-betrieblich orientierte Trainingsmaßnahmen war und der sich in Folge der Globalisierung neu definieren muss. Der Kongress "Bildung 21 - Lernen für eine gerechte und zukunftsfähige Entwicklung" vom September 2000 in Bonn sprach von der Globalisierung als pädagogischer Herausforderung, die sich am wirkungsvollsten in der Gestaltung der Lokalen Agenda 21 (LA 21) annehmen und umsetzen lässt.

In diesem Sinne wird Inlandsarbeit zu einer Offensive demokratischer Grunderneuerung; sie führt zu stärkerer Einbindung zivilgesellschaftlichen Engagements, zu mehr Partizipation, zu mehr ökonomischer und politischer Gerechtigkeit. Sie ist Teil der von der Koalitionsregierung geforderten globalen Strukturpolitik. Man könnte sogar so weit gehen, die "Inländer" zu Zielgruppen entwicklungspolitischer Aktionen zu machen. Im "Vordenkwort" einer aus dem Jahr 1981 stammenden Publikation von Karla Fohrbeck und Andreas Wiesand "Wir Eingeborenen"3 zitieren die Autoren Walter Gropius: "Unsere moderne Gesellschaft muss erst noch beweisen, ob sie Zivilisation in Kultur verwandeln kann." Wir, die Eingeborenen, stehen plötzlich vor der enormen Aufgabe, diese Verwandlung zu bewerkstelligen. Damals spielte auch in der Entwicklungspolitik der Begriff der kulturellen Identität eine große Rolle, der mit dem Sinnzusammenhang von nachhaltiger Entwicklung gleichgesetzt werden kann.

Inlandsarbeit muss alle früheren entwicklungspolitischen Strategien integrieren, angefangen von der Grundbedürfnisstrategie über die Armutsbekämpfung, die integrierte ländliche Entwicklung und das Gender-Konzept, und begreift auch die Akteure im Norden als in den globalen Lernprozess eingebunden.


Entwicklungspolitische Wende

Geben und Nehmen charakterisiert das Bewusstsein einer neu definierten Inlandsarbeit, Handlungsmuster, die sich an Begriffen wie Entwicklungshilfe orientieren, haben keine Zukunft mehr. Dass sich diese entwicklungspolitische Wende nun abzeichnet und die von Ministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul beim Regierungsantritt zum Leitbegriff erhobene internationale Strukturpolitik mit allen daraus ableitbaren Strategien und Handlungsfeldern in praktische Beispiele umgesetzt wird, dazu haben in erster Linie die NROs und ihre gezielt arbeitenden Netzwerke in Kommunen und Ländern entscheidend beigetragen.

Die entwicklungspolitische Bildungsarbeit der letzten zehn Jahre, getragen von Bund, Ländern und NROs, wird nun zum Nukleus für eine weitreichende Bildungsoffensive, die über das schulische Umfeld hinausführt in die Kommunen, in innovative Unternehmen, z. B. in der Medienwirtschaft, in Verbände, in die Erwachsenen-Weiterbildung und schließlich auch in die Institutionen der Entwicklungszusammenarbeit selbst.

Der Verband Entwicklungspolitik deutscher Nichtregierungsorganisationen (VENRO) hat dazu im März 2000 ein Grundsatzpapier4 beschlossen, das auf eine 40-jährige Erfahrung in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit hinweist, und worin sich die NROs als Schrittmacher für ein Bildungskonzept zur internationalen Verständigung verstehen. Sie formulieren in diesem Grundsatzpapier u. a. die folgenden begrüßenswerten Ziele und Handlungsansätze:

  • Die Bildungsarbeit als notwendiges Handlungsfeld entwicklungspolitischer Nichtregierungsorganisationen zu begründen;
  • einen Minimalkonsens zum gesellschaftlichen Bildungsauftrag "Globales Lernen" hinsichtlich der Problembestimmung, der Ziele und der didaktisch-methodischen Grundsätze als Basis für interne Verständigung zu formulieren;
  • einen Bezugsrahmen für das eigene Handeln im Bildungsbereich zu skizzieren;
  • eine Argumentationsgrundlage für die Erarbeitung der bildungspolitischen Positionen auszuweisen, die in der Lobbyarbeit des Verbandes vertreten werden sollen;
  • Defizite zu benennen, deren Überwindung bei der Weiterentwicklung der Bildungsarbeit eine besondere Priorität zukommen muss;
  • Kriterien für die Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung zu formulieren.

Die hier skizzierten Absichten der NROs sind weitgehend kompatibel mit den Zielen der EZ-Institutionen, die im Auftrag des Bundes und der Länder für Führungskräfte aus Entwicklungsländern Aus- und Fortbildungsprogramme planen und durchführen.


Interkulturelle Kompetenz

Die CDG hat anlässlich ihres 50-jährigen Bestehens im November 1999 sehr deutlich gemacht, dass interkulturelles Verständnis und internationale Handlungsfähigkeit in Zukunft unverzichtbare Schlüsselqualifikationen für Entscheidungsträger überall auf der Welt sind, dass diese Kompetenz nicht durch E-Learning allein zu erwerben ist, sondern durch zeitlich angemessenes Eintauchen in eine andere kulturelle Umgebung, das zur Persönlichkeitsentwicklung beiträgt. Diese Aufgeschlossenheit für andere Kulturen muss zu einer Normalität werden, um der Globalisierung mit ihren Ängsten vor Fremdem und Fremden gewachsen zu sein.

Die CDG versteht ihre Programmpalette als Beitrag zum lebenslangen Lernen. Junge Menschen suchen Erweiterung ihrer Berufsqualifikation, ihrer Fremdsprachenkenntnisse, sie brauchen Kontakte und Kenntnisse über andere Märkte und Wertvorstellungen. So paradox es zunächst klingen mag, die vom BMZ und allen Akteuren, auch den Vorfeldorganisationen, angestrebte Inlandsarbeit kann ohne das Segment des internationalen auslandsorientierten lebenslangen Lernens nicht erfolgreich sein.

Die im Dezember 2000 im Auftrag des BMZ publizierte Studie5 die die Zusammenführung von CDG und DSE empfiehlt (Thomas Kampffmeyer: Positionsbestimmung der zukünftigen Aus- und Fortbildung/Dialog in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit), erklärt die Notwendigkeit des Ausbaus der entwicklungspolitischen Bildungs- und Informationsarbeit zum "dritten Pfeiler internationaler Bildungszusammenarbeit neben Fortbildung und Dialog". Entgegen manchen Zweifeln am Lernort Deutschland erklärt die Studie diesen als unabdingbar für die bilaterale Entwicklungszusammenarbeit und nennt auch die komparativen Vorteile wie Industrielanderfahrung, Praxisbezug und kritische Auseinandersetzung mit dem "Modell Deutschland".


Lernort Deutschland

Der Lernort Deutschland ermöglicht einen Suchprozess nach best practices und zugleich die Nutzung von Synergieeffekten mit anderen Politikfeldern wie z. B. der Kulturpolitik, der Außenwirtschaft, der Friedens- und Gesellschaftspolitik. Der Lernort Deutschland, der von den Netzwerken der NROs über eine Dekade entwicklungspolitisch gestaltet wurde, bietet den deutschen Akteuren und ihren Zielgruppen eine Möglichkeit des Dialogs und der Begegnung mit ausländischen Trainingsgästen quasi "on the job".

Das Selbstverständnis der CDG basiert auf der gemeinsamen Trägerschaft von zivilgesellschaftlichem Engagement, sprich Wirtschaft im weitesten Sinne, und staatlichem Auftrag. Insofern verfügt die CDG über zukunftsfähige Elemente entsprechender Programmstrategien, wie z. B. der Partnerschaft mit der Wirtschaft (PPP), der Kooperation mit den Ländern und Kommunen in der dezentralen Struktur der Landesstellen (Servicestelle für kommunale EZ), oder des interkulturellen Dialogs durch "Begegnung & Bildung" in deren ehrenamtlich geführten internationalen Kreisen.

In diesem Sinne kann und sollte Inlandsarbeit verstanden und gestaltet werden. Die spezifisch auf dem Gebiet von Bildung und Training aktiven Institutionen können zu Mittlern im internationalen Bildungsgeschehen zwischen Ausland und Inland, zwischen den Lernorten Europa und Übersee, zwischen Kommunen und Betrieben in Deutschland und ihren jeweiligen Counterparts im Ausland werden und zur Mitgestaltung der Regionen in Deutschland und Übersee in der Art eines Kräfteparallelogramms beitragen.

Auch in Zukunft sollten die Szenarien der Inlandsarbeit als Dritter Pfeiler der aus der Fusion hervorgehenden neuen Organisation regionalen Zuschnitt haben, d. h. dem föderalen Prinzip ("In der Vielfalt liegt die Einheit") folgen. Allerdings kommt ein "Pfeiler" nicht ohne eine gute Statik aus. Notwendig sind eine abgestimmte, kohärente Planung und ein komplementär wirksames Instrumentarium, das sich z. Zt. schon aus einer Reihe interessanter Programmtypen zusammensetzt:

  • Eine-Welt-Promotor/innen-Programm NRW;
  • ASA-Programm;
  • Internationale Kreise (IK) der CDG in den Landeshauptstädten;
  • Begegnung & Bildung, ein Programmangebot der IK der CDG;
  • Wirtschaftskreise der CDG in den Ländern;
  • Konkreter Friedensdienst in NRW und BB;
  • Solidarisches Lernen;
  • Betriebspraktika und Wiedereinladungen mit außenwirtschaftlichem Ziel;
  • Internetplattform Kommunale Nord-Süd-Zusammenarbeit;
  • Pilotprojekt DSE/CDG "Global Campus" für Fortsetzung des Dialogs mit ehemaligen Fortbildungsgästen;
  • Aktionsgruppenprogramm;
  • Städtepartnerschaften Nord-Süd / Ost-West.


"Wer braucht Entwicklungspolitik?"

Eine Servicestelle für Kommunale EZ in der Trägerschaft der neuen Gesellschaft, gefördert von Bund und Ländern, kann ein adäquates Instrument dafür sein, dass bei aller legitimen Zusammenarbeit mit der Außenwirtschaft der faire Handel und die Bekämpfung der Armut in den Ländern des Südens und des Ostens nicht ausgeblendet werden, und dass sich Städtepartnerschaften mit nachhaltiger Verwaltung und angepasster Technologie für städtische Infrastruktur auseinandersetzen.

Auf einer kürzlich erschienenen Broschüre des BMZ ist zu lesen: "Wer braucht Entwicklungspolitik?" Drei junge Frauen aus Deutschland und Übersee sehen uns skeptisch an, enttäuscht und lustlos. Wenn wir die Publikation aufschlagen, werden wir, die skeptischen Bürger/innen, durch die Themenfelder der Eine-Welt-Inlandsarbeit gelotst - Bevölkerungswachstum, Handel, nachhaltige Entwicklung, Verschuldung und ihre Ursachen, Entwicklung und Frieden, Menschenrechte, Fremdenfeindlichkeit, Bildung. Die Broschüre endet mit der Antwort auf die Titelfrage: "Wir alle!" Und die drei skeptischen Frauen stehen uns zugewandt gegenüber mit selbstbewusstem Lächeln und Entschiedenheit zum Handeln. So sollten es die beteiligten Akteure auch halten.


1) Rede von Dr. Uschi Eid. KAS 17. 11. 99

2) Bundesarbeitsgemeinschaft Nord-Süd-Politik von Bündnis 90/Die Grünen: Einstiegspapier, S.11

3) Karla Fohrbeck, Andreas J. Wiesand: Wir Eingeborenen. Magie und Aufklärung im Kulturvergleich. Opladen 1981

4) VENRO: "Globales Lernen" als Aufgabe und Handlungsfeld entwicklungspolitischer Nichtregierungsorganisationen. Grundsätze, Probleme und Perspektiven der Bildungsarbeit des VENRO und seiner Mitgliedsorganisationen. Bonn 2000, S. 2

5) Thomas Kampfmeyer: Positionsbestimmung der künftigen Aus- und Fortbildung / Dialog in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit und Auswirkungen auf die institutionellen Strukturen insbesondere von CDG und DSE. Bonn, DIE, Dezember 2000


Dr. Ellen Drünert ist Leiterin der Koordinationsgruppe Außenorganisation Deutschland der CDG.



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