E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 5, Mai 1999, S. 128-130)


AIDS als Entwicklungshemmnis
Ein Querschnittsthema der Entwicklungszusammenarbeit

Klemens Hubert, Guenter Dresruesse


Das immer bedrohlicher werdende Ausmaß der HIV/AIDS-Pandemie hat zu der Einsicht geführt, daß die Krankheit nicht allein auf der Ebene medizinischer Maßnahmen bekämpft werden kann. Die Hilfsmittel der Medizin (Impfungen, medikamentöse Behandlung) sind nicht anwendbar. Die Auswirkungen in einer Reihe von Entwicklungsländern beeinträchtigen den Entwicklungsprozeß im Kern, vor allem weil die wirtschaftlich aktiven Jahrgänge sterben. Für die EZ bedeutet das, daß AIDS-Bekämpfung nicht länger als Aufgabe der Gesundheitsspezialisten allein betrachtet werden darf, sondern in alle Projekte integriert werden muß.


Die Vorstellung, die sich Entwicklungsfachleute von der HIV/AIDS-Epidemie machen, hat sich in den letzten Jahren grundlegend gewandelt. Wurde das Phänomen zunächst dem Gesundheitssektor zugeordnet, so hat sich mehr und mehr die Erkenntnis durchgesetzt, daß es diesen Rahmen weit überschreitet. Nach jetziger Sichtweise handelt sich vielmehr um ein neu entstandenes allgemeines Entwicklungshindernis. Neu entstanden heißt: vorher nicht dagewesen und dementsprechend in früheren Entwicklungsstrategien noch nicht berücksichtigt.

Diese Auffassung von HIV/AIDS als generellem Entwicklungshindernis gilt offensichtlich und eindeutig zutreffend für die am stärksten betroffenen Länder Afrikas. Aber auch über diese hinaus ist es sachgerecht und für die Konzeptentwicklung angebracht, diese Sichtweise auch für die (noch) weniger betroffenen Regionen anzunehmen.


Die wirtschaftlichen Auswirkungen
von HIV/AIDS

Ein Phänomen, das Leib, Leben und Gut großer Teile der Bevölkerung unmittelbar und unausweichlich bedroht, kann nicht mehr als eine sektoral (also auf den Gesundheitssektor) einzugrenzende Angelegenheit betrachtet werden. Je nach Land und Region sind oft mehr als 10% der Gesamtbevölkerung und mehr als die Hälfte von bestimmten Bevölkerungsgruppen (z. B. schwangeren Frauen) infiziert. Die Infizierten werden über kurz oder lang erkranken, und fast alle Erkrankten werden über kurz oder lang sterben. Lehrer, Krankenschwestern, Bauern oder Projektmitarbeiter sind davon betroffen.

Rechnet man Familien, Arbeitskollegen, Angestellte und sonstige Abhängige als menschlich, wirtschaftlich und sozial Betroffene hinzu, dann wird klar, daß das Wohlergehen der gesamten Gesellschaft ernsthaft beeinträchtigt ist und diese sogar als in ihrer Substanz gefährdet angesehen werden muß.

Besonders deutlich wird die Bedrohung, wenn man sich vor Augen hält, daß gerade die wirtschaftlich aktiven und Verantwortung tragenden Altersgruppen von der Epidemie betroffen sind. Überproportional häufig infiziert sind in vielen Ländern auch solche Personen, meist Männer, in deren Ausbildung die jeweilige Familie oder Gemeinschaft viel investiert hat, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch menschlich.

Ebenso deutlich und einschneidend wie für den einzelnen und die Familien sind die Folgen der Epidemie auf wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Ebene.

Für Wirtschaftsunternehmen aller Art wie auch für Entwicklungsprojekte bedeutet dies, daß geschulte Mitarbeiter erkranken und sterben, daß Aufgaben deswegen nicht erledigt werden können, daß Nachwuchsförderung einen ganz anderen Stellenwert einnehmen muß als geplant, daß erhebliche Kosten für Krankenbehandlung, Verdienstausfall, Begräbnisse und Hinterbliebenenunterstützung anfallen. Die Epidemie wird also keinesfalls kostenneutral für die Wirtschaft verlaufen. In Simbabwe haben einige Unternehmen ausrechnet, daß AIDS sie etwa ein Fünftel ihres Gewinns kostet, und in Tansania und Sambia gibt es Firmen, die den Verlust sogar auf die Hälfte ihres Gewinns beziffern.


Was beeinflußt die
Ausbreitung von AIDS?

In jedem Land, in jeder Region entwickelt sich die Epidemie anders, je nach Sitten, Gebräuchen und anderen Voraussetzungen für ihre Verbreitung, und je nach verfügbaren Ressourcen für ihre Eindämmung, einschließlich des dafür notwendigen Wissens und Bewußtseins. Für diese Unterschiede sind ­ offensichtlich ­ noch am wenigsten biologische oder medizinische Gründe verantwortlich zu machen. Der enorme Unterschied zwischen den Industrieländern und den Entwicklungsländern in der Ausbreitungsgeschwindigkeit der Epidemie hat den Blick dafür geschärft, daß die wesentliche Ursache für ihre rasche Ausbreitung in den Entwicklungsländern in der Unterentwicklung selbst liegt. Hierfür können beispielhaft genannt werden:


  • Auf politischem Gebiet: Verdrängung oder Bagatellisierung der HIV/AIDS-Problematik bei Meinungsführern und Entscheidungsträgern, mit der Folge, daß angemessene Gegenmaßnahmen verzögert oder verhindert werden; Flucht und Vertreibung infolge von Kriegen und Unruhen, die Hilfsquellen verschütten und häufigen Partnerwechsel sowie ungeschützte sexuelle Kontakte begünstigen, unter anderem auch durch Anwendung von Zwang und Gewalt.

  • Auf wirtschaftlichem Gebiet: Arbeitsmigration und Verstädterung mit der Folge der Auflösung von Familien, der Lockerung sozialer Netze und der Förderung der Prostitution.

  • Auf kulturellem und gesellschaftlichem Gebiet: Die untergeordnete Rolle der Frau, wodurch sexuelle Ausbeutung und Abhängigkeit begünstigt werden; die Tabuisierung von Sexualität, die ein offene Verständigung verhindert; der Widerstand konservativer und religiöser Kreise, der eine rechtzeitige und angemessene Sexualerziehung verhindert; die Diskriminierung von Personen mit bestimmten sexuellen Orientierungen, die deren Zugang zu Aufklärung und Behandlung erschwert.

    AIDS wird ein zentrales, globales Thema des 21. Jahrhunderts bleiben. Es wird verstärkt relevant für:

  • Globale Strukturpolitik: AIDS ist ein weltweites Phänomen. Es betrifft zwar z. Zt. einzelne Länder und Regionen prioritär (Südliches Afrika, Südostasien, die Karibik), hat aber von seiner Dynamik und Ausbreitungsweise her eine potentiell weltumspannende Auswirkung: Das Virus kennt keine Grenzen. Die Lösung kann, um letztendlich erfolgreich sein zu können, nur global sein.

  • Krisenprävention: Die dramatischen Auswirkungen auf das soziale Geflecht von Ländern und Gemeinden, die enorm hohen Sterbezahlen unter jüngeren Erwachsenen und der Verlust an ökonomischer und sozialer Produktivkraft zeitigen Folgen, die denen von lokalen und regionalen Kriegen nicht nachstehen.

Bei dem Prozeß der Ausbreitung und Eindämmung der HIV/AIDS-Epidemie spielt das Gesundheitswesen im allgemeinen keine herausragende Rolle. Dessen wirksamste Waffen, üblicherweise Impfung und medikamentöse Behandlung, sind bei dieser Infektion stumpf. Der Schwerpunkt bleibt weiterhin die Verhinderung oder zumindest Reduzierung weiterer Neuansteckungen. Erfolgreich im Kampf gegen die Epidemie sind Aufklärung, Bewußtseinsbildung und die Schaffung von gesellschaftlichen Verhältnissen, die sexuelle Kommunikation nicht zu einem tödlichen Risiko verkommen lassen. Sie sind bei der schulischen und außerschulischen Bildung, der allgemeinen Volksaufklärung, der Öffentlichkeitsarbeit, den Medien oder der Entwicklung sozialer Dienste oft besser aufgehoben. Hier erreichen sie auch mehr Menschen und vor allem auch die (noch) Gesunden.


Wie muß die EZ reagieren?

Wenn sich also die Sichtweise durchzusetzen beginnt, daß es sich bei der HIV/AIDS-Epidemie um ein allgemeines Entwicklungshindernis handelt und die Zuständigkeit hierfür nicht in erster Linie und schon gar nicht allein beim Gesundheitssektor liegen kann, dann kann es sich bei der Zuweisung der Zuständigkeit an alle Entwicklungsbemühungen nicht in erster Linie darum handeln, etwa neue Zielgruppen für Prävention (jenseits der Klienten des Gesundheitswesens) zu finden oder neue Akteure für den Abwehrkampf zu rekrutieren, etwa Lehrende und landwirtschaftliche Berater ­ und ansonsten die Verantwortung im Gesundheitssektor zu belassen.

Es handelt sich vielmehr darum, Aktivitäten der Vorbeugung und der Folgenminderung in jeglichem Entwicklungsvorhaben als dessen genuine Aufgabe zu verankern. Es geht darum, im jeweiligen Aufgabengebiet diejenigen Faktoren der Entwicklung zu stärken und der Unterentwicklung zu schwächen, die die Ausbreitung von HIV/AIDS begünstigen oder der Folgenminderung entgegenstehen.

Ist dies als Grundsatz akzeptiert, so ergibt sich als nächste Frage die der Umsetzung. Auf welche Weise kann die Technische Zusammenarbeit dieser neuen Entwicklungsaufgabe gerecht werden?

Hierzu wird man Aufgaben auf der Politikebene und auf der Durchführungsebene unterscheiden.

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) hat die Leitlinien der Entwicklungszusammenarbeit in einer Reihe von Grundsatzpapieren dargelegt. Hierbei wird zwischen sektorübergreifenden Konzepten und Sektorkonzepten unterschieden. Die sieben sektorübergreifenden Konzepte sind für alle Vorhaben der Entwicklungszusammenarbeit verbindlich. Sie orientieren zu folgenden Themen: Frauenförderung, Selbsthilfe, Armutsbekämpfung, sozio-kulturelle Kriterien, Zielgruppenorientierung, Rolle der Privatwirtschaft und Einsatz lokaler Fachkräfte.

Ende 1998 hat das BMZ ein Positionspapier zur HIV/AIDS-Bekämpfung herausgegeben. Es enthält eine themenspezifische Vertiefung der einschlägigen sektorbezogenen und sektorübergreifenden Papiere und stellt eine allgemeingültige Leitlinie dar. Das Positionspapier ist, wenn auch ohne den hohen Verbindlichkeitsgrad eines sektorübergreifenden Konzeptes, ein offizielles Politik-Instrument der EZ und stattet alle EZ-Projekte grundsätzlich mit einem Mandat zur HIV/AIDS-Bekämpfung aus. Die neuste Erklärung der Ministerin des BMZ (s. S. 132) unterstreicht noch einmal in aller Deutlichkeit die Dimension, die das BMZ der AIDS-Problematik einräumt.


Die Maßnahmen der GTZ

Auf der Durchführungsebene der Technischen Zusammenarbeit hat die GTZ drei Ansätze identifiziert, die derzeit organisationsintern weiterverfolgt werden:

Zum ersten geht es um Information und Weiterbildung. Es geht darum, interessierte und engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Technischen Zusammenarbeit, lokale wie internationale, für das Thema zu gewinnen. Hierbei ist zu bedenken, daß zum Selbstverständnis dieser Personen vor allem ihre berufliche Orientierung gehört, und daß sie sich insoweit für das spezielle HIV/AIDS-Thema zunächst einmal nicht kompetent fühlen werden. Hier müssen, beginnend bei der Vorbereitung, fachliche und vor allem kommunikative Kompetenzen in vernünftigem Umfang und in handhabbarer Weise vermittelt, und im übrigen für die spätere Projektarbeit ein leicht abrufbares Backstopping und sonstige Serviceangebote bereitgehalten werden.

Dies wird Aufgabe des bereits existierenden sektorübergreifenden GTZ-Projekts zur AIDS-Bekämpfung in Entwicklungsländern. Es ist an einführende Module gedacht, die allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Rahmen der Vorbereitung nahegebracht werden, sowie an vertiefende Module für wahlweise Weiterbildungsveranstaltungen. Ein analoges Angebot kann lokalen Mitarbeitern gemacht werden, wobei das Mandat hierfür den GTZ-Länderbüros erteilt wird. Anzustreben ist, daß tendenziell jeder Mitarbeiter, zumal jeder Auslandsmitarbeiter, neben seinen sonstigen fachlichen und managerialen Qualifikationen, den "HIV-Test" für sich und sein Projekt/Programm bestehen kann.

Zum zweiten wird eine Stabsstelle der GTZ in Zusammenarbeit mit dem bisherigen Sektorvorhaben AIDS-Bekämpfung mit der Strategieentwicklung beauftragt. Sie zielt darauf ab, in Zusammenarbeit mit den sektoralen Ansätzen (z. B. Ländliche Regionalentwicklung, Grundbildung, Wirtschafts- und Sozialpolitikberatung etc.) konkrete Maßnahmen der Prävention und der Folgenminderung in allen relevanten Bereichen der TZ zu verankern. Diese Strategie wird insbesondere dort zur Anwendung kommen, wo die TZ Multiplikatorfunktion hat (z. B. Beratung und Bildung), und wo spezielle Aspekte der Unterentwicklung wesentlicher Nährboden für die Ausbreitung der Epidemie sind (z. B. rechtliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen).

Auch auf der Ebene der Länderarbeitspapiere oder eines Regionalkonzepts Afrika wird die Bedeutung der Epidemie für die Entwicklungsperspektiven herauszuarbeiten und in den Dialog mit den Partnern einzubeziehen sein.

Zum dritten wird die genannte Strategie in einigen ausgesuchten Ländern modellhaft umgesetzt werden, um konkrete Erfahrungen zu sammeln und systematisch auszuwerten und auf dieser Grundlage die Strategien und Konzepte zu verbessern. Auch hierbei werden die Länderbüros der GTZ die führende Rolle übernehmen und auf fachliche Unterstützung des AIDS-Projekts zurückgreifen. Es werden hierfür zwei bis vier Länder pro Kontinent gewählt, mit unterschiedlichen epidemiologischen Situationen und wirtschaftlich-gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Hier ist nicht nur an die Staaten in Afrika südlich der Sahara gedacht, sondern auch an Länder, die bislang noch wenig betroffen sind. Es hat sich gezeigt, daß Prävention gerade da am wirksamsten ist, wo die Infektionsraten noch gering sind.

Bei diesen in den Einzelheiten noch zu entwicklenden Länderstrategien geht es nicht nur und nicht in erster Linie um die klassischen Interventionen wie Aufklärung und Zugänglichmachen von Kondomen. Es geht um ständige Thematisierung, um den Kampf gegen das Verschweigen und gegen die falsche Scham, um Bewußtseinsbildung, um die Erweiterung der kommunikativen und themenbezogenen Kompetenz, um das Lernen am Modell, um die Mitgestaltung von Rahmenbedingungen und die systematische und kontinuierliche Einbeziehung in die Portfolioanalyse auf Sektor- und Landesebene. Hierzu kann und muß, wenn der Kampf gegen HIV/AIDS Erfolg haben soll, jedes Vorhaben der Entwicklungszusammenarbeit einen Beitrag leisten.


Literatur

BMZ: Positionspapier HIV/AIDS Bekämpfung ­ Eine Antwort auf die Ausbreitung in den Entwicklungsländern. BMZ Aktuell, Nr.94, Bonn, September 1998 (Eine englische Fassung liegt ebenfalls vor)

GTZ: HIV/AIDS as a Cross-sectoral Issue for Technical Cooperation. Focus on Agriculturee and Rural Development (Authors: G. Hemrich, B. Schneider, U. Vogel). Eschborn, GTZ, May 1997


Die Autoren sind Mitarbeiter der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Eschborn.
Dr. Klemens Hubert
ist Bereichsleiter Afrika, Guenter Dresruesse ist stellvertretender Bereichsleiter Planung und Entwicklung (P&E).



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