E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 6, Juni 2001, S. 175)
Konflikte um Wasser
Reinold E. Thiel
Im 20. Jahrhundert wurden Kriege um Öl geführt - bei den Kriegen des 21. Jahrhunderts wird es um Wasser gehen", hat Ismael Serageldin, der langjährige Vizepräsident der Weltbank, vorausgesagt. Zwar ist der größte Teil der Erdoberfläche von Wasser bedeckt, aber das ist Salzwasser, nicht brauchbar für menschlichen Konsum oder zur Bewässerung. Die Menge des verfügbaren Süßwassers pro Kopf nimmt mit wachsender Weltbevölkerung rapide ab. Schon heute, sagt die Weltbank, haben eine Milliarde Menschen keinen direkten Zugang zu Trinkwasser. In den nächsten Jahrzehnten könnte diese Zahl auf zwei oder drei Milliarden wachsen.
Wasser ist ungleich verteilt. Im Norden Sibiriens entlassen Ob, Jenissei und Lena ungeheure Wassermassen ins Polarmeer, südlich davon trocknet der Aral-See aus, weshalb die Ingenieure der Sowjetunion planten, die Wasser des Irtisch (ein Nebenfluss des Ob) von Norden nach Süden umzuleiten. Gleichzeitig steigt der Wasserspiegel im nebenan gelegenen Kaspi-See, ohne dass irgend jemand wüsste, warum. Die Türkei hat viel Wasser, die hier entspringenden Zwillingsflüsse Euphrat und Tigris bewässern auch Syrien und Irak. Nun baut die Türkei zwei Kaskaden von Staudämmen, nicht nur zur Elektrizitätserzeugung (was die Wassermenge nicht beeinträchtigen würde), sondern auch zur Bewässerung. Wird für Syrien und Irak genug Wasser übrigbleiben? Dieter Brauer beschreibt das türkische Südostanatolien-Projekt mit seinen regionalen Entwicklungschancen und seinem Konfliktpotential (S. 188). Ähnlicher Art sind die Probleme beim Nil, an dem sogar zehn Länder beteiligt sind. Sieben davon haben genug Regen, sie brauchen das Flusswasser nicht. Sudan und Ägypten haben, seit man 1912 mit der künstlichen Bewässerung begann, das Wasser einigermaßen friedlich untereinander aufgeteilt. Aber wenn nun Äthiopien einen Staudamm am Blauen Nil baut, wird weniger Wasser unterhalb ankommen. Unbedachte ägyptische Politiker haben gedroht, dies wäre für Ägypten der Kriegsfall. Viel schwieriger ist die Situation zwischen Israel, Jordanien und den Palästinensern. Das wenige Wasser, das von Norden über Jordan und Jarmuk zufließt, reicht nicht für alle drei Staaten. Israel, die Waffe in der Hand, nimmt für jeden seiner Bürger 400 Liter pro Tag in Anspruch, den Palästinensern lässt es 60 Liter. Diese Art von Gewalt ist es, strukturelle Gewalt, die zu den blutigen Auseinandersetzungen in der Region führt. Wie löst man solche Probleme, wie löst man sie friedlich? Ägypten hat mit dem Sudan schon 1929 und erneut 1959, mit Äthiopien sogar bereits 1902 Verträge über die Wasseraufteilung geschlossen. Ein neuer Vertrag wäre fällig, aber heute sind die Interessengegensätze schärfer, weil die Bevölkerung um ein Vielfaches gewachsen ist. Seit 1999 gibt es die Nile Basin Initiative als Diskussionsforum, aber ein Vertrag liegt in weiter Ferne. Simon A. Mason zeichnet ein Bild von der Situation und erläutert mögliche Lösungskonzepte (S. 185). An Euphrat und Tigris ist eine Kooperation nicht in Sicht. Die Türkei, wo die Flüsse entspringen, ist der stärkste Staat der Region und mit seiner Militärdominanz leicht in Versuchung, eine Lösung zu diktieren. Verbündete sucht sie südlich der unmittelbaren Nachbarn, in Israel, Jordanien und den Ländern der Arabischen Halbinsel, denen sie Wasser aus zwei anderen Flüssen (Seyhan und Ceyhan) anbietet, das über eine "Friedenspipeline" Tausende von Kilometern weit nach Süden transportiert werden soll. Andererseits wissen die türkischen Politiker, dass sie langfristig mit den Nachbarn in Frieden leben müssen. Es ist noch nicht lange her, dass die internationale Staatengemeinschaft auf die Dringlichkeit dieser Probleme (wieder) aufmerksam geworden ist. 1995 hat die Weltbank eine Studie dazu vorgelegt, im März 1999 fand in Paris eine "Internationale Konferenz über Wasser und nachhaltige Entwicklung" statt. Dem ging das "1. Petersberger Gespräch" voraus, ein internationales Dialogforum über grenzüberschreitendes Wassermanagement, das vom Entwicklungspolitischen Forum der DSE angeregt und organisiert worden war. Die Einsicht und zugleich die Forderung dieser Konferenz war, dass Wasser "als Katalysator regionaler Zusammenarbeit" genutzt werden müsse, damit es nicht zur Quelle regionaler Konflikte werde. Eine UN-Wasserkonferenz hatte es zuvor schon 1977 gegeben, in Mar del Plata, und bereits 1970 hatte die UN-Generalkonferenz einen Entwurf zu einem Internationalen Flussgebiets-Übereinkommen in Auftrag gegeben. Dann hatte man die Angelegenheit wohl wieder vergessen oder verdrängt, wie das oft in UN-Kreisen geschieht. Vorgelegt wurde der Entwurf jedenfalls erst 1994, verabschiedet 1997, und in Kraft ist er noch lange nicht. Zu groß sind die Interessengegensätze, zu ungleich verteilt ist die Macht. Darüber berichtet Jörg Barandat (S. 181). Probleme um Wasser gibt es aber nicht nur zwischen den Staaten, sondern auch innerhalb von Staaten. In den letzten Jahren hat es immer wieder nationale und internationale Proteste gegeben, wenn für einen neuen Stausee Menschen umgesiedelt werden sollten und wenn die Interessen dieser Menschen gröblich verletzt wurden. Vorbei ist die Zeit, als für einen riesigen Stausee (der, wäre er am Rhein, von Köln bis Basel reichen würde) in Ghana der Volta River aufgestaut wurde und dies trotzdem in fast menschenleerem Gebiet geschehen konnte. Heute geht es immer um die Umsiedlung Tausender von Menschen, in manchen Fällen (wie am Jangtsekiang) auch um die von Hunderttausenden. Wie man das ohne Rücksicht auf die ansässige Bevölkerung durchzuführen versucht, zeigen Bissell, Shekar Singh und Warth am Beispiel des Masheshwar-Damms in Indien (S. 192). Auch hier hat sich inzwischen die internationale Gemeinschaft um die Festlegung von Standards bemüht. Die World Commission on Dams, der Befürworter wie Kritiker von Großdämmen angehörten, hat zweieinhalb Jahre daran gearbeitet, Kriterien für die Bewertung von Dammprojekten zu entwickeln. Seit November 2000 liegt ihr Bericht vor, der partizipative Planung, Mediationsverfahren und Monitoring vorschlägt (s. E+Z 2001:1, S. 4). Nun müssen die Errichter von Dämmen sie nur noch als Anleitung benutzen und die Finanzierer dies kontrollieren. Die Zivilgesellschaft wird ihnen dabei über die Schulter sehen. Der Prozess der Zivilisation macht Fortschritte, wenn auch langsame. E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit, herausgegeben von der Deutschen Stiftung für internationale Entwicklung (DSE) Redaktionsanschrift: E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit, Postfach, D-60268 Frankfurt
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