Zwei Delegationen des Deutschen Akademischen Austauschdienstes haben in den letzten Wochen Afghanistan besucht, um die Möglichkeiten deutscher Hilfe für den Wiederaufbau der dortigen Hochschulen zu untersuchen. Dringlich ist
vor allem die Ausbildung von Lehrern, Medizinern und Verwaltungsfachleuten. Jahrzehntelang waren die Kontakte mit dem Ausland unterbrochen, jetzt wird aus Deutschland, aber auch aus
vielen anderen Teilen der Welt
Kooperation angeboten.
Bei der Hilfe für Afghanistan liegt es nahe, zunächst an Nahrung, Wohnraum und Gesundheit zu denken. Aber eine funktionierende Gesellschaft braucht mehr, braucht auch Fachleute. Was vor allem fehlt, sind Lehrer, Mediziner und Verwaltungspersonal. Deren Ausbildung ist das Ziel der jetzt anlaufenden Hilfsaktionen für den Wiederaufbau der Universität Kabul.
Von den 60er Jahren bis zum sowjetischen Einmarsch 1979 bestanden schon einmal enge Kontakte zu westdeutschen Hochschulen. Die Universitäten Bochum und Köln arbeiteten mit der Wirtschaftsfakultät zusammen, Bonn mit der naturwissenschaftlichen Fakultät. 1979 wurde die Kooperation von der Universität Leipzig weitergeführt. Auf dieser Tradition konnten die zwei DAAD-Delegationen aufbauen, die seit März 2002 Kabul besuchten und an denen Angehörige von 12 deutschen Hochschulen teilnahmen.
Die Universität Kabul hat bemerkenswert wenige unmittelbare Kriegsschäden zu beklagen. Die bauliche Substanz der Gebäude ist intakt. Doch der erste Eindruck trügt. Die Fakultäten sind ohne Strom, Wasser, Heizung. Apparative Ausstattungen, auf die die naturwissenschaftlich-technischen Fakultäten dringend angewiesen sind, fehlen vollständig. Auch die Fachbereichsbibliotheken sind vielfach in einem beklagenswerten Zustand. Die aktuellsten Titel datieren aus der Mitte der 70er Jahre, sind also hoffnungslos veraltet.
Beeindruckend ist das Engagement, mit dem Leitung und Fachbereiche den Aufbau angehen. Trotzdem konnte bis Ende April der Lehrbetrieb noch nicht wieder aufgenommen werden; es herrscht noch nicht einmal Klarheit über die Zahl der Studienbewerber, weil die Mitte März mit Unterstützung der UNESCO durchgeführten Eingangstests noch nicht ausgewertet werden konnten.
An Hilfsangeboten von außen ist derzeit kein Mangel. Die Universität hat nach Auskunft ihres Rektors, Prof. Popal, von der UNESCO verwaltete und aus japanischen Quellen finanzierte Mittel für Baumaßnahmen erhalten. Diese Mittel werden für die Herrichtung des Geländes sowie für den Aufbau eines Internet-Cafés in der Universitätsbibliothek eingesetzt. Letzteres wurde zwar bereits öffentlich eingeweiht, die Rechner befinden sich aber wegen Zollschwierigkeiten noch im pakistanischen Peshawar.
Auch die Weltbank hat Mittel für die infrastrukturelle Instandsetzung der Fakultäten bereitgestellt, und eine Vielzahl ausländischer Universitäten und internationaler Organisationen bemüht sich um die Aufnahme von Kontakten zur Universität. Eine Übersicht darüber scheint zurzeit niemand zu haben.
Bekannt ist, dass sich die US-amerikanische Purdue-University insbesondere im Bereich Ingenieurwesen und Landwirtschaft engagieren will. Das selbstständige Polytechnikum galt früher als Domäne der UdsSR und wurde dem Vernehmen nach bereits von einer russischen Delegation besucht. Besuche skandinavischer und französischer Universitäten und Organisationen haben ebenfalls bereits stattgefunden.
Deutschland wird sich in der Hochschulkooperation im Jahr 2002 in vielfältiger Hinsicht engagieren. In den nächsten Wochen werden erste "Notpakete" für
die Wiederaufnahme des Studienbetriebs geliefert. Diese Notpakete, vom DAAD
finanziert, enthalten für die Naturwissenschaftler insbesondere Verbrauchsmaterialien für Experimente und kleine Geräte, für die Wirtschaftswissenschaftler erste Bücherlieferungen. Außerdem werden afghanische Kollegen deutsche Lehrbücher und Vorlesungsskripte in Farsi-Dari übersetzen. Das Goethe-Institut in Kabul hat hierfür finanzielle Unterstützung signalisiert.
Viele der afghanischen Kolleginnen und Kollegen haben in schwierigen Zeiten an den fünf Universitäten in Afghanistan ausgeharrt und hatten keine Möglichkeit zu internationalen Kontakten. Um diese wieder aufzubauen, finanziert der DAAD im Herbst und Winter 2002 thematische Kurzschulen an deutschen Hochschulen. Personelle Unterstützung vor Ort wird durch die Einrichtung von Lang- und Kurzzeitdozenturen des DAAD geleistet.
Allerdings müssen die Kooperationspläne noch einige Hürden nehmen: Sie müssen von drei Ministerien sowie von der Afghan Assistance Coordination Authority gebilligt werden. Ob deren Personal nach der für Juni
einberufenen Loya Jirga noch das selbe sein wird wie heute, und wie die Entscheidungskriterien der neuen Amtsinhaber aussehen werden, kann heute niemand sagen.
Dr. Wilhelm Löwenstein ist Geschäftsführer und Forschungskoordinator des Instituts für Entwicklungsforschung und Entwicklungspolitik der Ruhr-Universität Bochum und war in der DAAD-Delegation für die Zusammenarbeit mit der Wirtschaftsfakultät der Universität Kabul zuständig.
wilhelm.j.loewenstein@ruhr-uni-bochum.de