E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 7, Juli 2002, S. 218-219)


Schulen für die Kinder von Khost
Der schwierige Wiederaufbau einer afghanischen Provinz

Khazan Gul Tani


Mehr als 20 Jahre Bürgerkrieg und die Herrschaft der bildungsfeindlichen Taliban haben das afghanische Schulwesen gründlich ruiniert. Das "100-Tage-Sofortprogramm" der deutschen Entwicklungszusammenarbeit bezeichnet Hilfe für den Bildungsbereich daher (neben Gesundheit) als höchste Priorität. Der folgende Bericht zeigt, welche praktischen Probleme sich dabei stellen. Der Autor, Khazan Gul Tani, ist von der vorläufigen Regierung mit dem Aufbau des Schulwesens in der Provinz Khost beauftragt worden, aber ihm fehlen so gut wie alle Mittel, die er dafür braucht. Er hat nur wenige alte Lehrer und hat deshalb Absolventen der zwölften Klasse als Hilfslehrer eingestellt, aber es gibt kein Lehr- und Lernmaterial und fast keine Schulgebäude, während der Andrang zu den Schulen groß ist. Am 26. bis 28. April hat Khazan Gul Tani in Berlin auf Einladung der Stiftung Wissenschaft und Politik an der Konferenz für Frieden und Wiederaufbau in Afghanistan teilgenommen.


Khost ist die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz im Südosten Afghanistans, an der Grenze zu Pakistan. Die Einwohner sind durchweg Paschtunen, aber sie sprechen unterschiedliche Dialekte. Die Gegend ist nur wenig durch Straßen erschlossen, die Menschen wohnen in isolierten Dörfern und kleinen Städten, auch ihre Lebensweise unterscheidet sich von Ort zu Ort.

Viele Männer sind in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten als Gastarbeiter in die Golfstaaten gegangen, haben ihre Ersparnisse von dort mitgebracht und sich in den Städten moderne Häuser gebaut. Neue Stadtviertel sind so entstanden, die von einem gewissen Wohlstand zeugen. Zugleich sind die sozialen Unterschiede gewachsen: Wer zu Hause geblieben ist, ist arm geblieben. Das führt zu sozialen Spannungen.

Dazu kommt, dass in den letzten fünf Jahren wenig Regen gefallen ist. In einigen Tälern hat es fast keine Ernte gegeben. Verarmte Dorfbewohner leben in den Städten als Bettler. Wer noch eine Ernte hatte und diese auf den Markt bringen will, sieht sich jetzt vor neue Probleme gestellt: Die internationalen Hilfsorganisationen verteilen kostenlos Weizen und Hülsenfrüchte, die Bauern können ihre eigenen Erzeugnisse nicht mehr verkaufen. Die Hilfsorganisationen machen nicht den Versuch, Nahrungsmittel auf dem afghanischen Markt zu kaufen, um sie in die Mangelgebiete zu bringen, sondern verteilen ausschließlich importierte Nahrungsmittel. Viele Dorfbewohner, die sich so ihrer letzten Chancen beraubt sehen, gehen nach Kabul, weil sie sich dort Hilfe zum Überleben erhoffen. In Kabul wird aufgebaut, dort gibt es Arbeit.

Vor der Taliban-Zeit gab es in der Region nur wenige staatliche Schulen, und diese wenigen wurden von den Taliban, die ausschließlich religiöse Unterweisung duldeten, geschlossen. Die Lehrer wurden entlassen und verfolgt. Nun, nachdem die Herrschaft der Taliban beendet ist, gibt es plötzlich einen ungeheuren Andrang zu nichtreligiöser Bildung. 55 000 Jungen und Mädchen wurden für die Schulen angemeldet, von denen etwa die Hälfte nie in ihrem Leben eine Schule besucht haben, darunter auch viele ältere Kinder.


Der Wiederaufbau des Schulsystems

Die afghanische Regierung hat mich mit dem Wiederaufbau des Schulwesens in der Provinz Khost beauftragt, aber mir stehen keinerlei Mittel zur Verfügung.

Es gibt fast keine Schulgebäude. Die Kinder sitzen im Freien auf dem Boden, oft ohne Schutz unter der prallen Sonne. Wo es noch alte, zumeist baufällige Gebäude gibt, sitzen sie ohne Teppiche auf dem nackten Fußboden. Wir haben praktisch keinerlei Lehr- und Lernmaterial.

Es gibt nur noch wenige ausgebildete Lehrer, zumeist ältere Männer. Wir haben deshalb viele junge Leute als Hilfslehrer eingestellt, die irgendwo, zumeist in Flüchtlingslagern, die zwölfte Klasse absolviert haben, und wir konnten nicht danach fragen, ob sie dort viel oder wenig gelernt haben. Wenn wir diese mitrechnen, haben wir zur Zeit 1025 Lehrer. Bisher haben wir keinerlei Möglichkeiten für die Ausbildung und Weiterbildung von Lehrern, und diese Möglichkeiten zu schaffen gehört zu unseren dringlichsten Aufgaben.

Außerdem müssen wir überall in den Dörfern Schulen bauen, aber auch dafür haben wir keine Mittel. Die Schulgebäude sollten nach Möglichkeit auch einen größeren Raum haben, der für Versammlungen der Dorfgemeinschaft zur Verfügung gestellt werden kann.

Viele Kinder wohnen in abgelegenen, kleinen Dörfern im Gebirge, in denen wir auf absehbare Zeit keine Schulen eröffnen können. Aber auch in diesen Dörfern ist der Wunsch nach Schulbildung groß. Wir müssten die Kinder in Mittelpunktschulen zusammenführen, aber dafür wären Busse erforderlich, über die wir natürlich auch nicht verfügen.

Der Unterricht wird weiter dadurch behindert, dass viele Schulen kein Trinkwasser haben. In den Dürrejahren ist der Grundwasserspiegel weit abgesunken, und in vielen Orten sind die Brunnen trockengefallen. Wo es früher Wasser in vierzig Meter Tiefe gab, muss man heute achtzig Meter tief bohren. Das können wir nicht ohne Hilfe von außen, und wir haben auch keine Pumpen, um das Wasser nach oben zu bringen. Einige Schulen mussten schon den Unterricht einstellen, weil es kein Trinkwasser gab. In anderen Schulen bringen die Kinder von zu Hause Wasser in Kanistern mit, aber das wird in dem heißen Sommerwetter Afghanistans im Laufe des Tages sehr warm. Und da es auch in den Familien häufig kein sauberes Trinkwasser gibt, steigt die Infektionsgefahr, und viele Kinder werden krank.

In der ersten Zeit nach dem Ende der Taliban-Herrschaft beschränkte sich der Andrang auf die Schulen auf männliche Kinder. Das ist inzwischen völlig anders geworden. Fast jedes Dorf versucht heute, auch eine Schule für Mädchen zu bekommen. In vielen Fällen sind solche Schulklassen inzwischen privat eingerichtet worden, meistens in Privathäusern, deren Besitzer einen oder zwei Räume für diesen Zweck zur Verfügung gestellt haben.

Auch hier fehlt es natürlich an allem: Schulmöbel, Lehrmaterial, vor allem an Lehrerinnen, denn die Mädchen dürfen ja, nach den Regeln des Islam, von einem gewissen Alter an nicht von Männern unterrichtet werden.


Hilfe wird dringend gebraucht

Viele dieser Probleme können sicher erst im Laufe der nächsten Jahre gelöst werden. Was wir jetzt brauchen, ist Hilfe für eine provisorische Wiederaufnahme des Schulbetriebs. Das Wichtigste wären Zelte, in denen der Unterricht gegen Sonneneinstrahlung und Regen geschützt wäre, Gerätschaften zum Brunnenbau, Hilfe zur Beschaffung einfacher Lehr- und Lernmaterialien und Geld für die Bezahlung der Lehrkräfte.

Die Lehrer haben zunächst völlig ohne Bezahlung gearbeitet, in der Hoffnung, dass ihre Gehälter später, wenn die staatlichen Strukturen besser funktionieren, nachgezahlt werden. Bis jetzt ist das nicht geschehen. Von dem von der internationalen Gebergemeinschaft bei UNDP eingerichteten Fonds, aus dem unter anderem Gehälter für Lehrer bezahlt werden sollen, ist bei der Verwaltung der Provinz Khost nichts bekannt, und es gibt auch keine funktionierenden Banken, über die Geld in die Provinz transferiert werden könnte.

Die einzige Hilfe, die wir bisher erhalten haben, kam von den am Flughafen Khost stationierten amerikanischen Truppen, die uns Lebensmittel für die Lehrer gaben und sie damit zum Weitermachen ermutigten. Die Soldaten haben auch für einige Schulen mit Brettern und Stangen einfache Schutzdächer gebaut, die wenigstens gegen die pralle Sonne schützen.

Von einer kleinen deutschen NRO, dem "Freundeskreis Afghanistan", haben wir ein wenig Geld bekommen, das dazu ausreichte, die Löcher in den Wänden einer Mädchenschule in Khost zu reparieren und einige Teppiche zu kaufen, auf denen die Mädchen nun sitzen.

Bei der Konferenz in Berlin, an der ich im April teilgenommen habe, zeigte sich der Vertreter des BMZ sehr interessiert an unserem Projekt, die Schulen in Khost wieder in Gang zu bringen, und versprach uns Hilfe dafür. Leider ist daraus bisher nichts geworden, weil die deutsche Botschaft erklärte, in der Region werde noch geschossen, und man könne in einer so gefährlichen Region keine Hilfsmaßnahmen leisten. Daraufhin hat die GTZ unseren Antrag "auf Wiedervorlage" gelegt. Aber die Hilfe, wenn sie wirksam sein soll, muss bald kommen, und ich kann versichern, dass niemand Ausländer auch nur anrühren würde, die Hilfe bringen.


Die Friedensmission der Schule

Die Schulen könnten eine außerordentlich wichtige Rolle bei der Befriedung des Landes spielen, weil sie eine Veränderung des Bewusstseins bewirken können. Das ist eine der wichtigsten Aufgaben, die die Schulen heute in Afghanistan haben. Das haben wir den amerikanischen Soldaten in Khost erklärt, die sich daraufhin entschlossen, uns zu helfen.

Deshalb wollen wir uns auch mit den Lehrern und den älteren Schülern in die politische Entwicklung einmischen. Wir wollen einen Friedensmarsch durch die Provinz Khost machen, dessen Ziel die Niederlegung der Waffen der noch bewaffneten Gruppen ist. Eine solche Aktion ist ohne Gefahr für die Beteiligten, weil die Lehrer und Schüler ja aus den Dörfern stammen, in die wir gehen wollen, und die Leute werden nicht auf ihre eigenen Kinder schießen. Das ist jedenfalls die Einschätzung unserer Lehrer und einiger Intellektueller, mit denen ich das in Khost diskutiert habe. Für einen solchen Marsch brauchen wir allerdings auch Unterstützung: Wir brauchen Transport, wir brauchen Mikrophone und Lautsprecher, und wir brauchen Lebensmittel für etwa vier Wochen.


Khazan Gul Tani hat in Frankfurt/M. studiert, wo er 1973 seine 1. Staatsprüfung ablegte. In den Jahren danach war er häufig in Deutschland. An der Universität Kabul war er in der Lehrerausbildung tätig. Seit 1996 kämpfte er gegen die Taliban. Von der provisorischen Regierung wurde er mit dem Aufbau des Schulwesens in der Provinz Khost beauftragt.

Khazan Gul Tani arbeitet zusammen mit dem "Freundeskreis Afghanistan e. V." in Berlin, Tel. 0 30 / 8 61 43 76, der auch eine Fotoausstellung vermittelt und Spenden entgegennimmt.
Spendenkonto: 42 02 01 31, BLZ 790 500 00, Sparkasse Mainfranken Würzburg.



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