E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 7, Juli 2002,
S. 220-221)

Die Weichen richtig stellen!
Erfahrungen der Deutschen Welthungerhilfe in Afghanistan
Hubertus Rüffer

Auch vor dem 11. September hat die Deutsche Welthungerhilfe in Afghanistan gearbeitet. Sie ist in 12 Provinzen in allen Regionen des Landes tätig. Immer schon galt dabei der Grundsatz: Ein Projekt soll nicht nur Nutzen bringen, es darf auch nicht an anderer Stelle Schaden anrichten. Das sieht Hubertus Rüffer bei der Fülle der Hilfeaktivitäten, die es heute gibt, nicht immer gewährleistet. Vor allem wäre es wichtig, dass mehr Hilfe auch in die Regionen kommt, um zu vermeiden, dass Kabul eine Boom-Town mit einem Slumgürtel wird. Schon jetzt wird bei der Landbevölkerung die Vermutung laut, die internationale Hilfe gelte nur der Hauptstadt. Es muss also ein Konzept für die Rehabilitation der Landwirtschaft geben, damit der Mohnanbau nicht bleibt, wie er war, und damit das Land sich wieder selbst ernähren kann, statt von Nahrungsmittellieferungen abhängig zu bleiben. Die Chance für einen Wiederaufbau Afghanistans darf nicht leichtfertig vertan werden.
Die Deutsche Welthungerhilfe (DWHH) arbeitet seit 1992 in Afghanistan. Während in der Anfangszeit Projekte der Überlebenssicherung die Hilfeprogramme prägten, sind in den letzten Jahren mehr Aktivitäten im Rahmen der entwicklungsorientierten Nothilfe und der landwirtschaftlichen Rehabilitation durchgeführt worden. Mit Unterstützung der Bundesregierung, der Europäischen Union und anderer Geber war und ist die DWHH tätig in Ost-Afghanistan (Provinzen Kunar, Nangahar und Laghman), Zentral-Afghanistan (Provinzen Wardak, Logar, Kabul), Nord-Afghanistan (Provinzen Samangan, Balkh, Kunduz und Sar-e-Pul), West-Afghanistan (Provinz Badghiz) und Süd-Afghanistan (Kandahar).

Vor dem 11. September
Ein wesentliches Merkmal der Tätigkeit der DWHH vor September 2001 war das Bemühen, im Rahmen der Projekte lokale Kapazitäten für die politische und wirtschaftliche Stabilisierung der Regionen zu stärken ("Local Capacities for Peace"). Den Ansatz "Do no harm" nutzend, hatten die Projekte auch das Ziel, Spannungen und Konflikte in den Regionen zu vermeiden oder zu verringern. Benachteiligte Schichten und Gruppen wurden unterstützt. In fast jedem Projekt wurden Komponenten geplant, die einen Kontakt mit und die Einbeziehung von Frauen in die Projekte zwingend erforderlich machten, z.B. durch Planung von frauenspezifischen Tätigkeiten als Teil der Projekte.
Bevölkerungsgruppen im Norden, die in Opposition zur Zentralmacht der Taliban standen und durch diese völlig vernachlässigt wurden, erhielten besondere Unterstützung der DWHH. Grundlage dieser Projektansätze waren stets intensive Gespräche mit afghanischen Bürgerinnen und Bürgern, die Zusammenarbeit innerhalb der internationalen Gemeinschaft der NROs und eine sorgfältige Projektplanung.
Im Oktober 2001, als die internationale Hilfsaktion für Afghanistan anlief, veränderte sich die Situation von Grund auf. Nun wurde Afghanistan nicht länger nur als "lost state" betrachtet, sondern kam als Land mit großen Möglichkeiten in den Fokus der Aufmerksamkeit. Projektkonzipierung, Projektplanung und Projektdurchführung veränderten sich entsprechend.
Zwischen Afghanen und ausländischen Partnern entstand schnell Einigkeit darüber, dass die Chance für einen Wiederaufbau Afghanistans nicht noch einmal verpasst werden dürfe.
Das öffentliche Leben in Afghanistan hat sich seither völlig verändert. Die Straßen zwischen Peshawar (Pakistan) und Kabul bzw. von hier zu der nordafghanischen Stadt Mazar-e-Sharif sind nun voller LKWs und Busse. Wöchentlich kehren 100 000 Menschen allein aus Pakistan nach Hause zurück.
In Kabul und anderen Städten wuchsen ganze Wälder von Satellitenschüsseln auf den Dächern, Videotheken begannen Videos und DVDs zu verleihen, Restaurants und Kinotheater öffneten ihre Pforten. Und erstmals seit drei Jahren fielen wieder reichlich Niederschläge, sodass die nächste Ernte (im Gegensatz zu den drei letzten Jahren) wieder reichlich ausfallen dürfte.

Fehlende Koordination
Jetzt, im Umfeld der Loya Jirga, die die Weichen in Richtung auf ein friedliches Afghanistan stellen soll, tauchen aber auch Fragen auf.
Während der Geberkonferenzen in Brüssel und Tokio wurde die "Afghan Ownership" der Projekte und Programme beschworen. Obwohl in Kabul sich ein wahres Heer von Koordinierungsgremien gebildet hat, lässt das gegenwärtige Agieren der internationalen Gremien nicht erkennen, dass es eine solche Abstimmung in der Realität in ausreichendem Maße gibt.
Besonders wichtig scheint dies für die Verwertung der zugesagten Gelder (1,8 Mrd. US$). Erforderlich ist der transparente Nachweis, welcher tatsächliche Nutzen in Afghanistan entstanden ist, bzw. dass kein Schaden entstanden ist oder entsteht ("Do no harm").

Boom-Town Kabul
Kabul ist das, was man gemeinhin eine "Boom-Town" nennt. Die Bautätigkeit ist rege, erste Staus auf den Straßen sind nicht mehr zu vermeiden. Zigtausend Ausländer tragen zu diesem Eindruck bei.
Angesichts dieser Geschäftigkeit und Dynamik vergessen viele, dass sich schon 20 km hinter der Stadtgrenze ein anderes Land erstreckt, dass von dieser Entwicklung in der Hauptstadt wenig oder gar nichts, oft nur Negatives, erfährt. Die meisten Ausländer, die Kabul aus Sicherheitsgründen nicht verlassen dürfen, können nicht nachvollziehen, welche neuen Probleme sich aus dieser Diskrepanz entwickeln.
Wöchentlich kommen 100 000 Rückkehrer allein aus Pakistan nach Kabul. Doch nur etwa 30 000 verlassen im gleichen Zeitraum die Stadt in Richtung Heimat. Die Rückkehrer erkennen, dass Investitionen und Perspektiven nur in Kabul vorhanden sind, während sich im ländlichen Raum, auch in der Nähe Kabuls, nichts Gleichwertiges entwickelt. Also bleiben sie und richten sich notdürftig ein.
Zu Recht befürchtet die afghanische Regierung, dass sich ein Slum-Gürtel um die Stadt bildet. Wenn es nicht gelingt, den Netto-Zuzug nach Kabul zu stoppen und bis Oktober umzukehren, d.h. bis November 2002 mindestens 100 000 Unterkünfte für Familien in Zentral-Afghanistan zu errichten und winterfest zu machen, wird die Verslummung der Hauptstadt im Winter 2002/03 nicht mehr zu verhindern sein. Mit den kleinteiligen Bewilligungsmechanismen der Geber ist dieses Ziel nicht zu erreichen. Das gegenwärtige Vorgehen der Organisationen und Geber (lange Bewilligungszeiträume, langwierige Prozeduren, kleine Projektsummen, illusionäre Annahmen über Beiträge der Zielgruppe) wird hier mehr Schaden als Nutzen anrichten.

Destabilisierung der Regionen
Sechs Monate nach Beginn des Stabilisierungsprozesses greift unter der ländlichen Bevölkerung die Meinung um sich, dass "die Ausländer die Regierung und die Einwohner in Kabul bestechen, nur Projekte im ohnehin reichen Kabul fördern und sich gar nicht um die wirklichen Probleme der Bauern kümmern".
Wenn dann stolze Afghanen die Meinung vertreten, dass die ISAF "feige" sei, weil sie sich in Kabul versteckt und kein Ohr für die Nöte der Menschen an den tatsächlichen Konfliktpunkten hat - z.B. im Kohistanat oder bei Mazar-e-Sharif -, dann wird die Hemmschwelle für kriegserfahrene Warlords noch niedriger, neue Händel untereinander oder sogar mit der ISAF anzufangen.
Projekte der DWHH, die in vielen Regionen als stabilisierend angesehen wurden, werden nicht mehr so hoch eingeschätzt, weil sie mit den angeblich riesigen Hilfsprogrammen für Kabul verglichen werden.

Der Mohnanbau geht weiter
Im Frühjahr 2002 wurden wieder in großem Stil Schlafmohnfelder zur Opiumproduktion angelegt - während der Herrschaft der Taliban war Mohnanbau verboten. Aktivitäten wie jetzt das jüngste "Anti-Opium-Programm" laufen ins Leere, wenn sie vier Wochen oder weniger vor der Ernte stattfinden und die Bauern das ungeerntete Opium bereits an die Händler verkauft haben. In Nangahar berichteten Bauern, dass sie ihre Felder erst nach der Ernte zur Vernichtung freigegeben und dennoch die Prämie kassiert haben. So ist zu erwarten, dass im nächsten Jahr wesentlich mehr Felder auch in bisher untypischen Regionen bebaut werden, nur um die "Vernichtungsprämie" zu erhalten.
Alternativen zum Opiumanbau sind rar. Aufgrund der kostenlosen Verteilung von Getreide durch die Hilfsorganisationen kostet ein Kilogramm Mehl auf dem Bazar weniger als 0,50 US$, deckt also die Selbstkosten nicht. Alternative Cash crops mit Profitraten, die an Schlafmohn heranreichen, sind nicht in Sicht.

Nichts tun, was Schaden anrichtet
Der Ansatz "Do no harm" ist angesichts dieser Probleme in Afghanistan aktueller denn je. Kein anderes Instrument der Projektplanung und -durchführung ist jedoch in der internationalen Gemeinschaft in Afghanistan so konsequent "vergessen" oder verdrängt worden wie dieses. Maßgebend bei der Formulierung von Prioritäten sind eher die haushaltspolitischen Grundsätze der Geber oder die Zwänge der Projektabwicklung der NROs.
Sechs Monate nach Beginn des Afghanistan-Hilfeprogramms zeichnet sich ab, dass die Erkenntnisse vor Ort wesentlich stärker berücksichtigt werden müssen und die Akteure mehr Mut zu "unorthodoxen" Entscheidungen entwickeln sollten. Z. B. sind nach drei Jahren Dürre die Tierbestände reduziert, Ochsen zum Pflügen sind nicht mehr vorhanden. Um den Engpass bei der Bodenbearbeitung zu bewältigen, sind Traktoren erforderlich und gewünscht. Dies muss beachtet werden, auch wenn die Frage der Nachhaltigkeit nicht ausreichend beantwortet werden kann.
Aus den Erfahrungen der DWHH lassen sich, wenn das Prinzip "Do no harm" zugrunde gelegt wird, vier Grundforderungen ableiten:
- Es darf nicht zugelassen werden, dass das wirtschaftliche und soziale Gefälle zwischen den großen Städten und dem ländlichen Raum noch größer wird (Parität der Hilfsleistungen zwischen Stadt und Land).
- Die "Afghan ownership" über die nationalen Entwicklungsvorhaben muss durch Transparenz und durch Kooperation aller Akteure mit der afghanischen Regierung auf allen Ebenen durchgesetzt werden.
- Eine schnelle Reintegration der Rückkehrer in ihre Siedlungsgebiete muss gefördert und eine Verslummung der großen Städte vermieden werden.
- In Abstimmung mit der afghanischen Regierung sollten Projektdurchführung, Kooperation und Kommunikation in solchen Gebieten gestärkt werden, die Schauplatz von Konflikten und Spannungen sind.
Hubertus Rüffer ist Programm-Manager der Deutschen Welthungerhilfe für Afghanistan und Albanien.
hubertus.rueffer@dwhh.de

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