E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 7/8, Juli/August 2000, S. 195)


Editorial

Nicht nur ökonomische Faktoren bestimmen die Entwicklung

Reinold E. Thiel


Drei Ökonomen werden in diesem Heft vorgestellt, und als vierter ein Politikwissenschaftler, der Ökonom seiner Neigung nach ist. Was sie miteinander verbindet, ist jedoch nicht die Ökonomik: Alle vier sind überzeugt, dass durch ökonomische Faktoren allein Entwicklung sich nicht erklären lasse. Über einen Altersunterschied von mehr als vierzig Jahren hinweg treffen sie sich in der Einsicht, dass die außerökonomischen Faktoren die für Entwicklung eigentlich bestimmenden sind.

Der Älteste unter ihnen ist der 1898 geborene Gunnar Myrdal, der die Entwicklung der Unterentwicklung zuerst Anfang der 40er Jahre an der schwarzen Bevölkerung in den USA studierte, später (in den 50er und 60er Jahren) in Südasien, vor allem in Indien. Seine wichtigste Einsicht war, dass die Vorstellung der neoklassischen Ökonomik, die Einwirkung wirtschaftlicher Faktoren auf ein Sozialsystem führe immer automatisch zu einem stabilen Gleichgewicht (etwa zwischen Angebot und Nachfrage, zwischen Arbeit und Arbeitslosigkeit), nicht der Realität entspricht. Vielmehr kann es zu einer Spirale nach unten kommen, z. B. wenn arme Menschen leichter krank werden und dadurch wiederum ihre Armut sich verstärkt: ein circulus vitiosus. Dabei spielen aber nicht nur ökonomische Faktoren eine Rolle, sondern ebenso stark soziale und politische. Myrdal war nicht der Einzige, der diese Beobachtung machte, er beruft sich u. a. auf Winslow und Nurkse, aber er entwickelte (schon 1944) diesen Gedanken zu einem systematischen Erklärungsmodell für Unterentwicklung, dem der „zirkulären und kumulativen Verursachung“. Dieser Prozess kann jedoch, so Myrdal, von außen aufgebrochen werden, etwa durch Verbesserungen im Gesundheits- und Bildungswesen, durch „Investitionen in den Menschen“. Dazu bedarf es eines starken und interventionsbereiten Staates. In der politischen Realität fand er jedoch in den meisten unterentwickelten Regionen nur „schwache Staaten“ vor, die nicht in der Lage waren, zugunsten landloser Bauern Bodenreformen durchzuführen oder systematische „Entwicklungspläne“ durchzusetzen. Der gedämpfte Optimismus, den er damals noch vertrat, verwandelte sich später (in den 80er Jahren) eher in Pessimismus, als ihm klar wurde, dass es die Eliten dieser Länder selbst waren, die mit ihrer Korruption Entwicklung und Armutsminderung verhinderten, weil sie aus den bestehenden Zuständen ihren Nutzen zogen. In seinen letzten Schriften forderte er, nur noch Überlebenshilfe direkt an die Armen zu geben, nichts mehr an die Regierungen.

Mit Myrdal befreundet war der knapp 20 Jahre jüngere Paul Streeten (geboren 1917), der wie jener den neoklassischen Erklärungsansätzen kritisch gegenüber stand. Aber während Myrdal die ökonomischen Denkgebäude einfach ignorierte, war Streeten bemüht, sie zu revidieren und weiterzuentwickeln. Der Vorstellung, es könne eine einzige ökonomische Theorie geben, die zur Erklärung wirtschaftlicher Vorgänge in allen Ländern tauge, stellte er die Forderung entgegen, die Vielfalt der Welt in einer Vielfalt des Denkens zu reflektieren und für unterschiedliche Regionen unterschiedliche ökonomische Theorien zu entwerfen. Die in der Mainstream-Ökonomik übliche statistische Zusammenfassung zu großen makroökonomischen Einheiten erschien ihm als Hindernis für die Erkenntnis von Gesetzmäßigkeiten - je höher die „Aggregate“, umso mehr werden die realen Unterschiede eingeebnet; daher seine immer wieder erhobene Forderung: „Disaggregate, disaggregate!“ Wie Myrdal hielt er es für wichtig, die inneren Strukturen und Regelsysteme der Entwicklungsländer (die „Institutionen“) zu untersuchen und ihre Analyse in das ökonomische Denken einzubeziehen. Damit wurde er einer der Wegbereiter der New Institutional Economics“, die zu seiner Zeit vom Mainstream noch nicht akzeptiert wurde, aber heute immer stärker an Bedeutung gewinnt. Einen Satz von Paul Streeten sollten sich alle Entwicklungsökonomen ins Stammbuch schreiben : „Development is not about index numbers, but about people.“ Er war, um 1980, einer der wichtigsten Autoren der Grundbedürfnisstrategie.

Wieder etwa 20 Jahre jünger sind die beiden anderen Autoren, Fernando Fajnzylber und Hartmut Elsenhans (geboren 1940 und 1941). Elsenhans hat, wie Myrdal, seine wichtigsten Einsichten in Südasien gewonnen, und mit Myrdal und Streeten stimmt er überein, dass eine Reform der internen Strukturen der Entwicklungsländer die Hauptvoraussetzung für das Ingangkommen von Entwicklung wäre. Er hat den Begriff der „Staatsklasse“ in die entwicklungstheoretische Diskussion eingeführt. Milovan Djilas hatte schon 1957 für die sozialistischen Länder die Entstehung einer „neuen Klasse“ konstatiert, die die Verfügungsmacht über die Produktionsmittel innehat und daraus ihre Renten abschöpft. Ähnliches beschrieb Elsenhans nun (1977) für die Entwicklungsländer, wo die herrschenden Eliten durch Ausschaltung des wirtschaftlichen Wettbewerbs und aus den Zuflüssen durch Entwicklungshilfe Renteneinnahmen gewinnen. Diese „rentseeking“ Staatsklasse hat daher keinen Anreiz, einen Prozess zur Überwindung von Unterentwicklung einzuleiten. Dies wäre nur durch Abschaffung der Renten zu erreichen (die Elsenhans „als den Gegner des Kapitalismus“ bezeichnet), d. h. über funktionierende Marktmechanismen. Kapitalismus, so seine Entdeckung, hat steigende Masseneinkommen als Voraussetzung, ist also „eigentlich eine Veranstaltung im Interesse der Massen“. Deshalb ist die Schaffung von Arbeitsplätzen und damit von Kaufkraft für Elsenhans die wichtigste Forderung.

Auch Fernando Fajnzylber schließlich, der Erneuerer der entwicklungstheoretischen Schule der CEPAL, sah Entwicklung vor allem als Funktion interner Faktoren, die (in Lateinamerika) dringend der Reform bedürfen. Er glaubte jedoch, dass die Abkopplungsstrategien des frühen Cepalismo gerade diese Reformen verhinderten, weil sie den notwendigen internationalen Suchprozess ausschalteten. Zwar ist die Nachfrage auf dem Binnenmarkt ein wichtiger Motor, zugleich aber muss eine Industrie international wettbewerbsfähig sein, also auch von außen Anregungen aufnehmen. Dabei sind nichtpreisliche Wettbewerbsfaktoren entscheidend: die je spezifischen Institutionen, Wissensproduktion, die Schaffung eines endogenen Innovationspotentials, ein stabiles und gerechtes soziales Gefüge. Die Standortvorteile, die heute eine Rolle spielen, sind nicht naturgegeben, sondern „man-made“. Politische Steuerung und starke Institutionen werden gebraucht, um sie herbeizuführen.



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