E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 7/8, Monat Juli/August,
S. 200 - 203)

Fernando Fajnzylber (1940 - 1991)
Authentische Wettbewerbsfähigkeit durch institutionelle Reformen
Claudio Maggi, Dirk Messner

In den 50er und 60er Jahren war die UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika (CEPAL) eine Denkfabrik für die internationale Entwicklungspolitik, verlor diese Position aber später. In den 80er Jahren entwarf der neue Vordenker der CEPAL, Fernando Fajnzylber, ein anderes Konzept für die Entwicklung der Region, das auf der Erkenntnis beruhte, dass die wirtschaftliche und soziale Entwicklung ein endogenes Innovationspotential zur Voraussetzung habe, das die Gesellschaft durch Reformen vor allem im Bildungssystem selbst schaffen müsse. Zugleich müsse durch eine Politik des sozialen Ausgleichs
die Stabilität der Gesellschaft
gesichert werden.

I.
Fernando Fajnzylber wurde am 15. April 1940 in Santiago de Chile geboren. Von 1958 bis 1963 studierte er an der Universidad de Chile Wirtschaftswissenschaften. In den folgenden Jahren war er als Berater unterschiedlicher UN-Organisationen in Brasilien tätig. Während der
Allende-Regierung kehrte Fajnzylber von 1971 bis 1973 nach Chile zurück und wurde dort Leiter für Außenwirtschaftsbeziehungen in der Zentralbank. Der Putsch vom September 1973 zwang ihn ins Exil nach Mexiko. Dort arbeitete er an mehreren Forschungsinstitutionen, bevor er von 1980 bis 1986 die Leitung des UNIDO-Büros in Mexiko City übernahm. Während dieser Zeit wurde Fajnzylber mit seinen Arbeiten zu Fragen der technologischen Modernisierung sowie der Exportchancen der lateinamerikanischen Industrie zu einem der einflussreichsten Entwicklungsökonomen Iberoamerikas, dessen Stimme auch in der UNIDO-Zentrale in Wien und der Weltbank in Washington zunehmend gehört wurde.
1986 kehrte Fajnzylber nach Santiago de Chile zurück und übernahm die Lei- tung der Industrieabteilung der UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika (CEPAL). In dieser Rolle leitete er den schwierigen Abschied der CEPAL von ihrem Leitbild binnenmarktorientierter Industrialisierung ein und entwickelte das Konzept einer aktiven Weltmarktintegration, das sich zugleich deutlich vom Washingtoner Konsens der 80er Jahre unterschied. Für kurze Zeit gelang es dem Team um Fernando Fajnzylber, die alte Rolle der CEPAL als Think Tank lateinamerikanischen Entwicklungsdenkens mit internationaler Ausstrahlung wiederzubeleben. Im Dezember 1991 starb Fernando Fajnzylber im Alter von nur 51 Jahren.

II.
Frischer Wind in den CEPAL-Debatten
Als der junge Fajnzylber sich Ende der 60er Jahre in die CEPAL integrierte, konzentrierte sich sein Interesse auf die Arbeiten der großen Vordenker der CEPAL in den 50er und 60er Jahren, wie Raúl Prebisch (E+Z 1999:10, S. 316), Celso Furtado und Anibal Pinto. Mit deren grundlegenden Arbeiten zur Dependenztheorie, zum Zentrum-Peripherie-Konzept und zur Strategie der industriellen Importsubstitution (ISI) hatte die CEPAL bis in die 70er Jahre hinein die internationale entwicklungspolitische Debatte entscheidend mitgeprägt. Jedoch wurde schon in seinen Studien der 70er Jahre deutlich, dass Fajnzylber zwar an die strukturalistische Ideenwelt der alten CEPAL anknüpfte, aber zu anderen Schlussfolgerungen kam. Er argumentierte, dass die industrielle Entwicklung Lateinamerikas nur dann von Bestand sein könne, wenn es gelinge, die technologische Basis der Region an die internationalen technologischen Lernprozesse anzukoppeln. Statt einer Abschottung oder gar eine Abkopplung von der Weltwirtschaft suchte er nach wirtschaftspolitischen Konzepten zur Entwicklung internationaler Wettbewerbsfähigkeit der lateinamerikanischen Industrie.
Die Ideen zur Notwendigkeit der Weltmarktintegration, die Fajnzylber seit den frühen 70er Jahren in seinen Arbeiten entwickelte, brachten frischen Wind in die CEPAL-Debatten. Die Fähigkeit der CEPAL, ihre einflussreichen Konzepte der 50er und 60er Jahre weiterzuentwickeln, hatte nachgelassen, und ihr Einfluss auf die internationalen Entwicklungsorganisationen und -debatten war geschwunden. Fajnzylber beschäftigte sich mit den Grenzen des ISI-Konzepts, neuen Entwicklungsdynamiken in der Weltwirtschaft, Exportstrategien für die Industrie und - sehr pragmatisch - mit dem Beitrag multinationaler Unternehmen zur Stärkung der Innovationskraft der lateinamerikanischen Ökonomie. Diese Fragen deuteten eine Suchrichtung an, die über das ISI-Konzept hinauswiesen.
Die Stärke Fajnzylbers bestand darin, sein profundes theoretisch-analytisches Know-how zu verknüpfen mit seinen detaillierten empirischen Kenntnissen über eine Vielzahl lateinamerikanischer Industrien. Seine Arbeiten konzentrierten sich in den 70er Jahren auf die Fallbeispiele Brasilien, Mexiko und Chile; zudem interessierte ihn die Bedeutung der Kapitalgüterindustrie für den Aufbau nationaler Wettbewerbsvorteile. Sein Interesse ging jedoch über Fallstudien hinaus. Er arbeitete an Ansätzen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit für die gesamte lateinamerikanische Region, um aus den Fallstricken der ISI herauszufinden.
Schon in den 70er Jahren verwies Fajnzylber darauf, dass nur die beiden größten lateinamerikanischen Ökonomien (Brasilien und Mexiko) eine ernsthafte Chance hätten, ihre Binnenmärkte als Lernfelder zum Aufbau wettbewerbsfähiger Industrien zu nutzen. Für die mittleren lateinamerikanischen Länder wie die anderen Mercosur-Staaten, Kuba und die andinischen Ökonomien entwickelte er exportorientierte Spezialisierungsstrategien, die auf die Dynamisierung ressourcenbasierter Wettbewerbsvorteile ausgerichtet waren. Diese Perspektive basierte auf seinen Arbeiten zu Entwicklungserfahrungen mittelgroßer Ökonomien wie Dänemark, Finnland und die Niederlande. Seit Ende der 80er Jahre studierte er auch die Entwicklungsstrategien Neuseelands und der ostasiatischen Schwellenländer. Fajnzylber interessierte sich für weltweite Lernprozesse, während zu dieser Zeit der entwicklungspolitische Mainstream in Lateinamerika noch autoreferentiell um die eigene Region kreiste.
Weitsichtig waren seine Arbeiten zur künftigen Reorganisation der regionalen Integration in Lateinamerika. Er plädierte bereits seit den 70er Jahren für einen offenen Regionalismus zur Stärkung der Rolle Lateinamerikas in der Weltwirtschaft, während Integrationsansätze in der ISI-Konzeption eher als Alternative zur globalen Ökonomie verstanden worden waren. In die Debatten um die Verschuldungskrise Lateinamerikas in den 80er Jahren mischte er sich kaum ein. Sie erschien ihm zu reaktiv und kurzfristig auf Schuldenreduzierung orientiert, während er eine Neuausrichtung der Entwicklungsstrategie für zentral hielt.
Fernando Fajnzylber lehnte eine Vielzahl von Angeboten, in wichtige Ämter von Ministerien unterschiedlicher lateinamerikanischer Länder zu wechseln, ab. Stattdessen konzentrierte er sich auf die Weiterentwicklung seiner akademischen, aber immer politikorientierten Arbeiten. Einen wichtigen Beitrag zur Reorientierung des wirtschaftspolitischen Handelns leistete er aber dadurch, dass er zahlreiche junge Wissenschaftler um sich sammelte, die in ihren Diplom- und Doktorarbeiten die neuen Fragen, die Fajnzylber umtrieben, vertieften. Nicht wenige von ihnen gelangten seit den 80er Jahren in zentrale Regierungspositionen. Auch Fajnzylber selbst mischte sich immer wieder in die konkrete Politikberatung ein. So spielte er z. B. in Chile in der Phase des Übergangs von der Diktatur zur Demokratie Ende der 80er Jahre eine wichtige Rolle, als es darum ging, das wirtschafts- und technologiepolitische Profil der demokratischen Concertación zu prägen.
Seit Mitte der 80er Jahre war Fajnzylber die neue intellektuelle Führungsfigur der CEPAL. Sein Versuch, das alte cepalistische Denken aufzubrechen und eine neue Strategie der Weltmarktintegration zu entwickeln, stieß zunächst auf starke Widerstände innerhalb der Organisation. Einige wichtige Vertreter des alten Denkens verteidigten die klassischen strukturalistischen Konzeptionen und interpretierten die Arbeiten Fajnzylbers als eine zu weit gehende Annäherung an den neoliberalen Zeitgeist.
Die neuen Ideen Fajnzylbers wurden jedoch von einer Reihe lateinamerikanischer Regierungen und in der internationalen Entwicklungsforschung mit großem Interesse wahrgenommen. Innerhalb der CEPAL fand Fajnzylber in dem damaligen Generalsekretär der UN-Organisation, Gerth Rosenthal, einen wichtigen Unterstützer. Fajnzylber und sein Team wurden beauftragt, zwei Studien anzufertigen, um das neue Entwicklungskonzept der CEPAL am Ende der 80er Jahre zu konkretisieren: 1989 erschien die Studie Transformación Productiva con Equidad (Wirtschaftlicher Strukturwandel und sozialer Ausgleich) und 1991 die Arbeit Transformación Productiva, Equidad y Sustentabilidad (Strukturwandel, sozialer Ausgleich und ökologische Nachhaltigkeit). In diesen beiden Studien gelang es, die Überlegungen Fajnzylbers in einem Leitbild zu bündeln und dem Denken der CEPAL eine neue Richtung zu geben, die sich auch deutlich von dem neoliberalen Mainstream der 80er Jahre unterschied, der von den Washingtoner Entwicklungsorganisationen repräsentiert wurde.

Fünf Arbeitsschwerpunkte
Die Frage nach den Determinanten internationaler Wettbewerbsfähigkeit zieht sich wie ein roter Faden durch die Arbeiten Fajnzylbers, in denen sich zugleich ein für einen Ökonomen erstaunlich breiter Such- und Lernprozess widerspiegelt. Fajnzylber verstand sich selbst nicht nur als Wirtschaftstheoretiker, sondern bemühte sich, unterschiedliche, zumeist disparate Entwicklungsdimensionen und -diskurse in Bezug zueinander zu setzen. Diese Bündelung von Orientierungswissen, unterfüttert mit seinen profunden Detailkenntnissen der lateinamerikanischen Industrie, waren seine Stärke. Die sich dabei vollziehenden Lernprozesse lassen sich in fünf Punkten zusammenfassen:
1. Die mikroökonomischen Determinanten der Wettbewerbsfähigkeit: In den 70er Jahren konzentrierten sich die Arbeiten Fajnzylbers auf mikroökonomische Aspekte der Wettbewerbsfähigkeit. Industriesektor-Studien sowie Studien über erfolgreiche Exportunternehmen und die strategische Bedeutung von multinationalen Unternehmen für die industrielle Entwicklung standen im Zentrum seines Interesses.
2. Die Bedeutung des technologischen Wandels für Wettbewerbsfähigkeit: Seit Ende der 70er Jahre beschäftigte sich Fajnzylber immer intensiver mit Innovationstheorien. In den Arbeiten dieser Schaffensperiode zeigte er, dass es in Lateinamerika zwar gelungen war, eine protektionistisch abgesicherte nachholende Industrialisierung in Gang zu setzen, das technologische Potential der Industrie sich jedoch immer weiter von den internationalen Standards entfernt hatte.
Fajnzylber provozierte die lateinamerikanischen Industrieökonomen mit der These, dass im Rahmen der ISI kaum endogene Innovationspotentiale entstanden waren. Er prägte für diesen technologischen Rückstand den Begriff der cajas negras del progreso técnico - der leeren Kästen der technologischen Entwicklung. Zugleich stellte er die enormen technologischen Veränderungen in den Industrieländern heraus, in denen sich ein neuer Typus von Industrialisierung entwickelte.
Seine Sorge um die fehlende Innovationskraft der Region und die Grenzen des ISI-Modells führte 1983 zu der breit rezipierten Publikation La industrialización trunca de América Latina (Die verstümmelte Industrialisierung Lateinamerikas). In dieser Studie konstatierte er, dass eine Dynamisierung der Wirtschaften Lateinamerikas nur dann möglich sein werde, wenn es gelänge, die Ökonomien rasch näher an die Weltwirtschaft heranzuführen und eine Strategie zur Entwicklung technologischer Kompetenz zu entwickeln. Mit diesem Buch setzte er die Themen der Außenöffnung und der Wettbewerbsfähigkeit auf die Agenda, während gleichzeitig die Vertreter des klassischen CEPAL-Denkens noch über die Modernisierung des Konzepts der industriellen Importsubstitution nachdachten.
3. Einkommensverteilung und wirtschaftliches Wachstum: Die Untersuchungen zu den Entwicklungs- und Exporterfolgen in einigen ostasiatischen Ländern führten Fajnzylber in den 80er Jahren dazu, sich zunehmend mit der Frage der Einkommensverteilung zu beschäftigen. In Ostasien war es gelungen, die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit mit einer relativ ausgewogenen Einkommensverteilung in ein Gleichgewicht zu bringen. Für die Länder Lateinamerikas stellte Fajnzylber ein doppeltes Handicap fest: auf der einen Seite die schwache technologische Kompetenz (la caja negra), auf der anderen Seite die ungleiche Verteilung der Einkommen (el casillero vacío de la equidad distributiva - die leeren Schubläden des sozialen Ausgleichs). Er argumentierte, dass es ohne eine drastische Verbesserung der ungleichen Einkommensverteilung unmöglich wäre, eine Modernisierung der altertümlichen Arbeitsbeziehungen in den Unternehmen sowie eine Überwindung der niedrigen Arbeitsproduktivität, der geringen Motivation der Arbeitskräfte und der politischen Instabilitäten zu erreichen.
Vor diesem Hintergrund begann er, sich intensiv mit der Notwendigkeit von Reformen der Erziehungs- und Bildungssysteme in der Region zu beschäftigen. Hier sah er einen Schlüssel zur Überwindung der technologischen Schwäche Lateinamerika sowie einen Hebel zur Verbesserung der sozialen Mobilität und der Chancengleichheit. Seine Grundaussage war: Wirtschaftlich notwendige und sozial wünschenswerte Reformen könnten sich in Lateinamerika gegenseitig verstärken.
5. Wettbewerbsfähigkeit und Nachhaltigkeit: Seit Ende der 80er Jahre beschäftigte sich Fajnzylber auch mit den ökologischen Grenzen des Wachstums und der Frage nach der Verbindung von Wettbewerbsfähigkeit und nachhaltiger Entwicklung. Sein Zugang zu diesem Thema war innovationsökonomisch geprägt. Er betonte die Spielräume zur Steigerung von Ressourcen- und Energieeffizienz.

Authentische Wettbewerbsfähigkeit
und sozialer Ausgleich
1990 publizierte die CEPAL das Grundsatzdokument Transformación productiva con equidad (Produktiver Strukturwandel und sozialer Ausgleich), das von Fernando Fajnzylber und seinem Team erarbeitet worden war. Das Dokument und eine ganze Serie begleitender Studien skizzierten einen Entwicklungsweg, der mit dem Paradigma der binnenmarktorientierten Industrialisierung brach und sich zugleich von der Orthodoxie neolibera- ler Strukturanpassungsprogramme abgrenzte. Die Binnenmarktorientierung habe zwar Industrialisierung erlaubt, aber eine Abkopplung der Region von globalen technologischen Lernprozessen, eine starke Oligopolisierung der Industrie, eine passive Weltmarktintegration auf der Grundlage des Exportes von Rohstoffen sowie letztlich die große Verschuldungskrise der 80er Jahre zur Folge gehabt. Diese Industrialisierung ohne Wettbewerbsfähigkeit, so die Diagnose, könne in einer immer stärker vernetzten Weltwirtschaft nur zu einem sukzessiven ökonomischen Niedergang des Kontinents führen.
Den neoliberal inspirierten Strukturanpassungsprogrammen von IWF und Weltbank wurde bescheinigt, in einer Reihe von Ländern zur notwendigen makroökonomischen Stabilisierung beigetragen zu haben, ohne jedoch das Problem der passiven Weltmarktintegration anzugehen. Steigende Exporte folgten aus stagnierenden Binnenmärkten, sinkenden Lohneinkommen und Billigexporten von Rohstoffen, jedoch sei eine technologiebasierte Transformation der Ökonomien nicht gelungen.
Fajnzylber entwickelte eine Strategie, die auf den Aufbau authentischer (gemeint ist: dauerhafter) Wettbewerbsfähigkeit abzielte. Im Gegensatz zu den statischen Wettbewerbsvorteilen der Vergangenheit, die tatsächlich flüchtige Vorteile sind, könne dauerhafte Wettbewerbsfähigkeit nur auf dynamischem technologischen Fortschritt und umfassenden institutionellen Reformen aufbauen. Fajnzylber rezipierte ökonomische Debatten, die in den 80er Jahren im Schatten des Neoliberalismus geführt wurden: die OECD-Diskussion über strukturelle Wettbewerbsfähigkeit, die Ansätze evolutionärer Ökonomen, die sich um ein Verständnis der Entstehung technologischer Innovationsprozesse bemühten, die Industrial-district-Ansätze, die lokale und regionale clusters untersuchten, deren Wettbewerbsfähigkeit auf kollektiver Effizienz basierte. Ihm ging es nicht um eine Kopie von Erfolgsstorys aus dem Norden im Sinne einer kruden Modernisierungstheorie, sondern um den Versuch, globale Such- und Lernprozesse für die lateinamerikanische Region fruchtbar zu machen.
Die Grundlage authentischer Wettbewerbsfähigkeit. Fajnzylber betonte die Bedeutung nichtpreislicher Wettbewerbsfaktoren für wirtschaftliche Leistungsfähigkeit: Auf dem Weltmarkt konkurrieren nationale Standorte; für deren Wettbewerbsfähigkeit ist das Einzelunternehmen zwar ein zentrales Element, das aber zugleich eingebettet ist in ein Netz von Verbindungen zum Bildungssektor, zur technologischen, energetischen und Transport-Infrastruktur, zu den Beziehungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern, zu den privaten und öffentlichen Institutionen des Unternehmensumfeldes sowie zum Finanzsystem, das heißt: in ein komplexes sozioökonomisches System (CEPAL 1990, 14). Die Stärkung von Wettbewerbsfähigkeit begriff Fajnzylber also nicht nur als ein makroökonomisches, nicht einmal als ein primär wirtschaftli-ches Problem, sondern als eine komplexe Herausforderung für nahezu alle gesellschaftlichen Akteure.
Beschleunigter technologischer Wandel erfordere eine aktive Wirtschafts- und Standortpolitik und die Herausbildung nationaler Innovationssysteme. Diese Aufgabe setze makroökonomische Stabilität voraus, erfordere aber darüber hinaus strategische Allianzen zwischen der staatlichen Exekutive, den Unternehmen und einem dichten Netz von privaten wie öffentlichen Technologie-, Berufsbildungs-, Weiterqualifizierungs-, Forschungs- und Umweltinstitutionen, die zur Herausbildung spezifischer Wettbewerbsvorteile beitragen können. Fajnzylber interessierte sich nicht für die statische Beschreibung existierender komparativer Vor- und Nachteile, sondern für deren Entwicklung und Dynamisierung. Die sich hinter dem Aufbau von Wettbewerbsvorteilen verbergenden Lernprozesse der beteiligten Akteure standen im Zentrum seines Suchprozesses.
In einer Vielzahl von politikfeldorientierten Studien entwickelte das Fajnzylber-Team Vorschläge für entsprechende Reformen in der (Berufs-)Bildungs-, Forschungs-, Technologie-, Umwelt- und Sozialpolitik, erarbeitete Standortpolitiken für spezifische Sektoren und suchte nach neuen Formen der politischen Steuerung, die die Krise des traditionellen cepalistischen Konzepts des Entwicklungsstaates überwinden helfen sollten. Authentische Wettbewerbsfähigkeit verortete
Fajnzylber in dem Zusammenspiel von technologieorientierten Unternehmen, institutionellen Wettbewerbsvorteilen von Regionen und Ländern sowie der Kooperationsfähigkeit zwischen privaten und öffentlichen Akteuren.
Fajnzylber betonte die zunehmende Bedeutung des globalen Wettbewerbs und verwies zugleich auf die steigende Wichtigkeit nationaler institutioneller Besonderheiten. Stabilitätsorientiertes makroökonomisches Management werde zur notwendigen Bedingung für sozioökonomische Entwicklung - doch in diesem Feld seien erfolgreiche Länder immer weniger voneinander zu unterscheiden. Die Fähigkeit zur Wissensproduktion und Innovation werde zum Standortvorteil, zur Basis dauerhafter Wettbewerbsfähigkeit. Diese Wettbewerbsfaktoren würden in spezifischen, schwer kopierbaren lokalen und nationalen Kontexten erzeugt - die Unterschiede zwischen diesen prägten die jeweilige wirtschaftliche Dynamik. Nationen seien daher auf der einen Seite nicht hilflos der globalen Ökonomie und international vagabundierendem Kapital ausgeliefert. Sie können und müssen ihre nationalen Standorte gestalten und verbessern. Qualifizierte Arbeitskräfte, gut ausgebaute Forschungslandschaften und politische Stabilität sind dabei wichtigere Aktivposten als Niedriglöhne und gewerkschaftsfreie Zonen.
Dies waren seine guten Nachrichten für Lateinamerika. Auf der anderen Seite relativierten sich die traditionellen komparativen Kostenvorteile der lateinamerikanischen Länder, wie günstige Löhne und gute Ausstattung mit natürlichen Ressourcen, und die Innovationsdynamik in den OECD-Ländern nehme zu. Der Handlungsdruck und die Anforderungen seien daher sehr hoch. Wettbewerbsfähigkeit, so Fajnzylber, ist man-made, in Grenzen steuerbar, basiere aber auf schwierigen und langwierigen Reform-, Such- und Lernprozessen in nahezu allen gesellschaftlichen Sektoren. Diese Sicht bewahrte ihn vor realitätsfernem Optimismus.
Die sprichwörtliche Schwäche der lateinamerikanischen öffentlichen und privaten Institutionen bereitete Fajnzylber vor diesem Hintergrund besondere Sorgen. Seine Überlegungen kreisten um die Selbstbegrenzung des Staates, Transparenz, Partizipation, Effizienzorientierung und Allianzen zwischen Staat, Zivilgesellschaft und Wirtschaft. Er begann mit der Rezeption der internationalen Debatten über Staatsreformen, sozialwissenschaftliche Steuerungs- und Bürokratietheorien - sein plötzlicher Tod hinderte ihn daran, diese Dimension seines Denkens voll zu entfalten.
Sozialpolitik als Investition. In Transformación productiva con equidad (1990, 15 f.) wird dauerhafte Wettbewerbsfähigkeit als Grundlage für soziale Entwicklung beschrieben und sozialer Ausgleich wiederum als Basis einer ökonomisch kreativen Gesellschaft verstanden. Die Dimensionen sozialer Gleichheit lehnen sich an die Gerechtigkeitsphilosophie John Rawls an: Im Sinne des vorliegenden Entwurfs gehen wir von einer Verbesserung der equidad aus, wenn in wenigstens einem der drei Ziele Fortschritte zu verzeichnen sind. Das erste besteht darin, den Anteil der Personen und Haushalte, deren Lebensbedingungen sich unterhalb dessen befinden, was die Gesellschaft ... für akzeptabel ansieht, zu minimieren. Das zweite ist, die Entwicklung der in allen gesellschaftlichen Gruppen vorhandenen potentiellen Talente zu fördern, indem ... Privilegien und Diskriminierungen ... jeglicher Art ... abgebaut werden. Drittens muss erreicht werden, dass weder Macht noch Reichtum oder die Früchte des Fortschritts sich dergestalt konzentrieren, dass der Freiheitsbereich der zukünftigen und jetzigen Generationen eingeschränkt wird.
Sozialer Ausgleich umfasst also die unmittelbare Armutsbekämpfung, die Herstellung und Sicherung von Chancengleichheit - als Voraussetzung für soziale Mobilität und die Ausschöpfung des kreativen Potentials eines möglichst großen Teils der Bevölkerung - sowie die Sicherung der Freiheit gegen Machtkonzentration (in Wirtschaft und Gesellschaft). Die soziale Exklusion ganzer Bevölkerungsschichten in den Ländern Lateinamerikas interpretiert Fajnzylber daher als humanitären Skandal, zugleich aber auch als eine maßlose und ökonomisch ineffiziente Verschleuderung menschlicher Kreativität. Aus dieser Perspektive verstand er Sozialpolitik in Lateinamerika als Zukunftsinvestition.

III.
Die von Fernando Fajnzylber angestoßene entwicklungsstrategische Reorientierung hatte die CEPAL in das Zentrum der internationalen Entwicklungsdiskussion zurückgeführt. Nach seinem Tod gelang es der CEPAL jedoch nicht, die wieder errungene programmatische Führungsrolle zu stabilisieren. Zwar orientiert sich die CEPAL auch in den 90er Jahren weitgehend an den Leitlinien, die Fajnzylber im Jahrzehnt davor entwickelt hatte; ihre Studien beschäftigen sich jedoch mit einer Fülle unterschiedlicher sektoraler Fragen und mit Ansätzen zur Lösung kurzfristiger Probleme, ohne dass sie weiterhin die Kraft hätte, Ideen zu bündeln und damit international Suchrichtungen vorzugeben.
Andererseits enthalten Fajnzylbers Arbeiten aus den 70er und 80er Jahren viele Elemente, Konzepte und Fragestellungen, die ab Ende der 90er Jahre auch die Weltbank beschäftigen. Die Gründe für das Scheitern des Washingtoner Konsens, die Joseph Stiglitz als Chefökonom der Weltbank gegen Ende der 90er Jahre benannte, hat Fajnzylber bereits 15 Jahre zuvor ziemlich präzise beschrieben. Und vieles, das heute in der Weltbank diskutiert und angedacht wird, liest sich wie eine verspätete Rezeption der Arbeiten des chilenischen Ökonomen. Dass Wettbewerbsfähigkeit nicht automatisch aus liberalen makroökonomischen Reformen resultiert, dass starke Institutionen, politische Steuerung, public/private partnership sowie Partizipation die Grundlage für wirtschaftliche Dynamik darstellen und dass Armutsbekämpfung und Chancengleichheit Kernelemente tragfähiger Marktwirtschaften sind, wird heute in der Weltbank wiederentdeckt. Eine Lektüre des Werkes von Fernando Fajnzylber könnte Lernprozesse in Washington verkürzen helfen.
Die Arbeiten von Fajnzylber ließen sich jedoch auch in einem anderen Kontext fruchtbar machen. Die Debatten der vergangenen Jahre um den Dritten Weg, der Praktiker und Intellektuelle unterschiedlichster Provenienz umtreibt, haben einiges gemeinsam mit der Sichtweise des CEPAL-Vordenkers, der vielfältige Handlungsoptionen jenseits des klassischen Etatismus und neoliberaler Orthodoxie auslotete. Fernando Fajnzylber ist daher nicht nur für die relativ kleine Community der Entwicklungsforscher in Washington und anderswo interessant. Eine Rezeption seiner Arbeiten würde sich auch für einschlägige Institutionen und Kreise in Berlin lohnen.
Schriften von Fernando Fajnzylber
- 1971: Considerations for the Formulation of Strategies for Export of Manufactures. Santiago de Chile, CEPAL (span. in: Max Nolff: El Desarrollo
industrial latinoamericano. Mexico DF, Fondo de Cultura Económica,1974)
- 1980: Industrialización e internacionalización en América Latina. Mexico DF, Fondo de Cultura Económica
- 1983: La industrialización trunca de América Latina. México DF, CET
- 1986: Democratization, Endogenous Modernization and Integration: Strategic Choices for Latin America and Economic Relations with USA. Pittsburgh, University of Pittsburgh Press
- 1987: La industrialización de América Latina: De la caja negra al casillero vacío, in: Revista Internacional de Ciencias Sociales (Paris)
- 1989: América Latina ante los nuevos desafíos del mundo en transición. Buenos Aires, Comisión Sudamericana de Paz
- 1990: Transformación Productiva con Equidad. Santiago, CEPAL (unter der Leitung von Fernando Fajnzylber)
- 1990a: United States and Japan as Models of Industrialization. In: Gary Gereffi, Donald L. Wyman (eds.): Manufacturing Miracles: Paths of Industrialization in Latin America and East Asia. Princeton, Princeton University Press
Schriften zu Fernando Fajnzylber
Gerth Rosenthal: In memory of Fernando Fajnzylber, in: Cepal Review 46, 1992
Ricardo Bielchovsky: Evolución de las Ideas de la Cepal, in: Cepal Review of the 50th Anniversary
of Cepal, 1998
José Antonio Ocampo: Más allá del Consenso de Washington: Una visión desde la Cepal, in:
Cepal Review 66, 1999
Adela Hounie et al.: La Cepal y las nuevas teorías del crecimiention: Cepal Review 68, 1999
Claudio Maggi und Dr. Dirk Messner arbeiten am Institut für Entwicklung und Frieden (INEF) der Universität Duisburg.

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