E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 7/8, Juli/August 2000,
S. 204 - 207)

Paul Streeten (*1917)
Entwicklung im sozialen, politischen und kulturellen Kontext
Udo E. Simonis

Paul Streeten hat über Jahrzehnte den Wandel des entwicklungstheoretischen und -politischen Paradigmas wesentlich mitbestimmt. Dieser Wandel ist nicht zuletzt Ergebnis einer Forderung, die sich immer wieder in seinen Schriften findet: Disaggregate, disaggregate! Entwicklung wird für Streeten nicht allein durch ökonomische Formeln bestimmt. Im Titel seines meistgelesenen Buches ist diese Einsicht symbolhaft festgehalten: First Things First - Meeting Basic Human Needs in the Developing Countries

I.
Paul Streeten wurde am 18. Juli 1917 als Paul Hornig in Wien geboren. Er wuchs in einem intellektuellen Milieu auf und verlebte geistig anregende Jugendjahre. Er war früh politisch aktiv - in der Öffentlichkeit, solange es öffentlich möglich war, im Untergrund, als die öffentliche Moral unterzugehen begann. In normalen Zeiten hätte ihn seine damalige Vorliebe für Massenpsychologie zu einem Psychologen oder Philosophen werden lassen. Doch es kam anders - der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich 1938 machte ihn zu einem Emigranten. Als Erster aus der Familie erhielt er, eher zufällig, ein Visum für England. Eine Gruppe von besorgten Menschen in Cambridge, die sich Blue Pilgrims nannten, kümmerte sich besonders um österreichische Flüchtlinge, darunter Dorothy und Marjorie Streeten - deren Familiennamen er später übernahm. Mit ihrer Hilfe erhielt er eine Studienerlaubnis in Aberdeen, aber nicht im Fach Psychologie oder Philosophie, sondern in politischer Ökonomie.
Mit dem Zweiten Weltkrieg (1939) begann auch für Paul Hornig eine schwere Zeit: zunächst Internierungslager in England, dann in Kanada; zurück nach England und Freilassung unter der Bedingung, dem Pioneer Corps beizutreten; mit dem Marine Commando dann Teilnahme an der Invasion der Alliierten in Sizilien (1943), alsbald eine schwere Verwundung, die er fast nicht überlebt hätte; nach der Genesung in Kairo Rückkehr nach Aberdeen, wo er 1944 den Grad des Master of Arts erwarb.
Von 1948 bis 1966 war Paul Streeten Fellow am Balliol College in Oxford, neben Thomas Balogh der zweite Ökonom; zwischendurch war er Visiting Fellow der Johns Hopkins University (Baltimore) und anderer Universitäten. Dies waren Jahre, in denen er vielen bekannten Ökonomen begegnete - und es waren Jahre des networking. Den idealen dritten Platz eines Menschen - neben Haus und Arbeitsplatz - fand er, wie er selbst sagt, im College, wo Interdisziplinarität als soziale Aufgabe und konkurrierende Ideen als Lebensprinzip gelten.
Im Jahre 1964 wurde Streeten Deputy Director-General of Economic Planning am Ministry of Overseas Development, danach Direktor des Institute of Development Studies und Professor of Economics an der University of Sussex. Im Jahre 1979 siedelte er dann in die USA über, war zunächst Direktor des Overseas Development Institute, Washington, danach Professor of Economics an der Boston University und bis zu seiner Emeritierung ebendort Direktor des World Development Institute. Er ging zweimal zur Weltbank in Washington als Leiter des Economic Development Institute und zum United Nations Development Programme (UNDP), wo er mit Mahbub ul Haq und anderen an der Herausgabe des seit 1989 jährlich erscheinenden Human Development Report beteiligt war.
Seine zunächst erzwungene, dann aber freiwillige räumliche Mobilität hat Paul Streeten nicht wurzellos werden lassen; doch sind es eher Luftwurzeln, die ihm geistige Nahrung und Beweglichkeit gaben (hierzu erschien ein außergewöhnliches Selbstporträt in der Banca Nazionale del Lavoro Quarterly Review, 1986). Es wäre daher ein Fehler, ihn lokal vereinnahmen zu wollen, er ist im echten Sinne des Wortes ein Weltbürger: Er hat vielen bedeutenden Kommissionen angehört, in kleinen Ländern (Malta) und in großen (Indien), zu drängenden Fragen (Basic Needs Mission, Tanzania) und schwierigen Problemen (Royal Commission on Environmental Pollution, England); er ist ebenso vertraut mit Fragen des imperialen Niedergangs (Österreich, Großbritannien) wie mit solchen des Aufstiegs von Nationen (Indien); er hat intensive Erfahrungen in mehr als zwei Dutzend Entwicklungsländern sammeln können, als Forscher, Lehrer und als Berater; er hat ungezählte Schüler und Schüler von Schülern - ja, man kann Paul Streeten eine internationale Institution nennen.
Zu all dem haben natürlich zunächst seine zahlreichen Schriften beigetragen: die Kieler Bibliothek weist ihn als Autor und Herausgeber von mehr als 20 Büchern und als Autor von etwa 300 Beiträgen in Büchern und Fachzeitschriften aus, Kommentare, Gutachten, Rezensionen nicht mitgezählt. Ebenso wichtig ist aber die Arbeit, die er für andere getan, sind die Podien, die er anderen geboten hat: Zu erwähnen sind besonders seine Tätigkeiten als Herausgeber der Oxford Economic Papers, des Bulletin of the Oxford Institute of Economics and Statistics, des Journal of Development Studies und der Zeitschrift World Development.

II.
Paul Streeten ist fast gleich alt wie Paul Samuelson. Samuelson hatte die neue ökonomische Orthodoxie in zwei Büchern formuliert, die 1947 und 1948 erstmals erschienen. In den Folgejahren kritisierte Paul Streeten die Methodik und die Mikroökonomie dieser neuen Orthodoxie in Beiträgen, die u. a. in den Jahrbüchern für Nationalökonomie und Statistik (The Theory of Pricing, 1949), in der Manchester School (The Theory of Profit, 1949) und im Quarterly Journal of Economics (Economics and Value Judgements, 1950) erschienen. In diesen Arbeiten hat Streeten die Messlatte recht hoch angelegt: Zu vieles in der ökonomischen Theorie sei den wechselnden Gegebenheiten des Lebens nicht angemessen; sie vernachlässige ihre selbst-verifizierenden oder -falsifizierenden Effekte auf die Realität, die sie außerdem zu oft falsch darstelle; sie verberge Werturteile, die, würden sie deutlich gemacht, nicht akzeptiert würden. In dem Postulat einer wertfreien Sozialwissenschaft, es gebe ein intern determiniertes ökonomisches System, das durch eindimensional handelnde ökonomische Akteure bewegt werde, steckt - so sagt Streeten - ein dreifacher Fehler: ein moralischer, ein politischer und ein wissenschaftlicher. Im wirklichen Leben sind Moral, Politik und Ökonomie stark ineinander verwoben, Politik ist mit mehr oder weniger Moral, Ökonomie aber nie ohne Politik denkbar.
Während der Jahre am Balliol College (1948 bis 1966) intensivierte Streeten seine Kritik an der neoklassischen Theorie und der positivistischen Philosophie. Zusammen mit Thomas Balogh schrieb er Papiere über die Schwächen des Elastizitäts-Konzepts (s. insbes. The Coefficient of Ignorance, 1963); er setzte sich kritisch mit Nicholas Kaldor auseinander (Values, Facts and the Compensation Principle); 1954 erschien Programs and Prognoses, ein Beitrag, der später auch ins Deutsche übersetzt wurde und den er selbst als einen seiner wichtigsten ansieht. Viele dieser Studien sind den Problemen gewidmet, die aus der Anwendung inadäquater Modelle auf die Realität resultieren, den Fragen, wie Analysen und Vorhersagen einander beeinflussen und wie fehlerhaft einfache Ziel-Mittel-Konzepte sein können - hier ist vieles von dem vorweggenommen, was später unter der Rubrik Systemtheorie erschien. Ob mit oder nach Gunnar Myrdal - so schreibt Hugh Stretton in einer Würdigung dieser Arbeiten - Paul Streeten ist der bedeutenste Methodologe der modernen Wirtschafts- und Sozialwissenschaften.
Es mag also nützlich sein, Streetens Arbeiten über das Verhältnis von Theorie und Realität in eine personale Beziehung zu setzen, seine Beziehung zu Myrdal. Dies besonders deshalb, weil beide in ihren
Ansichten über ihre Profession ähnlich dachten, sich in Stil und Strategie aber deutlich unterscheiden: Bypass or transcend, die neoklassische Ökonomie umgehen und ignorieren oder sie transzendieren - so könnte man die Frage formulieren, auf die beide die jeweils andere Antwort geben.
Paul Streeten hat, wie nicht allgemein bekannt sein mag, Gunnar Myrdals wichtigstes philosophisches Werk Das politische Element in der nationalökonomischen Doktrinbildung, das 1932 in Berlin erschienen war, ins Englische übersetzt (1953), und er hat dessen Value in Social Theory ediert (1958). Er hat während Myrdals Arbeit am Asian Drama drei Sommer (1961, 1962, 1964) in Stockholm verbracht und an mehreren Teilen dieses monumentalen Werkes mitgeschrieben. Streeten sagt, er habe viel von Myrdal gelernt - und sei durch ihn zu einem pedantischen Utopisten geworden. Dass Myrdal auch von Streeten gelernt hat, ist zwar wörtlich nicht überliefert, aber leicht nachweisbar.
In The Logical Crux of All Science (1957) bezeichnet Myrdal Tatsachen und Bewertungen als grundsätzlich interdependent. Wertprämissen lassen sich nicht als abtrennbare Kategorien in die sozialwissenschaftliche Forschung einführen; sie sind vielmehr inhärent, eingebunden in den Menschen, den Wissenschaftler, seine Kultur. Bei Streeten heißt es: Die Annahmen, moralischen Prinzipien, Sympathien, Präferenzen, Ideale und Handlungen, die eine soziale Gruppe charakterisieren, können nicht aus abstrakten Prämissen deduziert werden, noch sind sie das mechanische Ergebnis bestimmter Interessen. Und sie sind auch nicht ,gegeben, ein für allemal, sondern verändern sich unter dem Druck der Verhältnisse und der Erfahrung. Obwohl viele Prognosen formuliert werden, um Programme zu rechtfertigen, muss man deutlich sehen, dass deren Verhältnis zueinander nicht statisch ist, sondern eines der kumulativen Interaktion. Und später heißt es bei Myrdal: Eine Theorie, die eine Verbindung zwischen Tatsachen und Bewertungen negiert und daraus eine moralische Neutralität ableitet, ist voller ideologischer Elemente.
Aus diesen Arbeiten ist die Forderung nach einer institutionellen Ökonomie entstanden: Einer Gesellschaft voller konfligierender Interessen kann man nicht eine objektive, einheitliche ökonomische Wissenschaft überstülpen, indem man ein ideales ökonomisches Denksystem aus dem ganzen Leben abstrahierend ausschneidet. Ökonomisches Handeln muss immer in seinem sozialen, politischen und kulturellen Kontext verstanden werden. Und dieses Verstehen ist notwendigerweise von den Wertvorstellungen und den Zielen des Analytikers mitbestimmt. So wie sich Gesellschaften und soziale Ziele ändern, müssen sich auch die Theorien und Konzepte ändern, mit denen das ökonomische Handeln zu erklären versucht wird.
Mit dieser grundlegenden Erkenntnis aber hat sich Streeten durchaus schwer getan. Denn eine institutionelle Ökonomie steht ja tatsächlich vor einem Dilemma: Die Merkmale, die ihren Ansatz nützlich erscheinen lassen für das bessere Verständnis der Realität, sind genau jene, die sie für den ökonomischen mainstream nicht akzeptabel machen. Auf den Punkt gebracht - besser: auf Streeten und verwandte Ökonomen angewendet: The dilemma is between what they can see and what they can sell (Hugh Stretton).
Aus diesem Dilemma haben einzelne Ökonomen ganz unterschiedliche Konsequenzen gezogen: Gunnar Myrdal hat die ökonomische Profession mehr oder weniger ignoriert, ihre Fehler und Defizite bloßgelegt und darüber gewettert. Kenneth Galbraith hat die Profession umgangen und einige Rezepte besser verkauft als andere. Paul Streeten aber wollte die Lücke zwischen thinkers und doers überbrücken, er hat mit der eigenen Profession kontinuierlich gerungen, in ihrer eigenen Sprache, mit einem großem Maß an Kenntnisreichtum und Zivilcourage - ein geduldiger Missionar, der auch dann die Geduld nicht verlor, wenn die ökonomischen Heiden, denen er predigte, ihm gar nicht zuhören wollten: Ich habe nie viele schlaflose Nächte verbringen müssen, nur weil niemand meinem Rat folgen wollte, sagt er an einer Stelle (1981). Doch wäre es ein Fehler, diese Laudatio à la Tucholsky zu beenden, der über sich selbst gesagt hat: Ich hatte zwar Erfolg, aber keine Wirkung. Im Gegenteil, Paul Streeten hat Wirkung gehabt - und das trifft besonders für jenen Teil seiner Lebensleistung zu, den man mit dem Begriff Entwicklungsökonomie umschreiben kann.

Entwicklungsökonomie
Neben seinen Arbeiten zu den methodologischen Grundlagen der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften hat Paul Streeten sich früh und intensiv mit Entwicklungsökonomie befasst. Die Anlässe waren wohl dreifacher Art: die Kritik an den Studien von Rosenstein-Rodan und Nurkse über balanced growth, denen er seine eigene Konzeption des unbalanced growth (1959) entgegenstellte (ähnlich wie etwa gleichzeitig A. O. Hirschman); die Zusammenarbeit mit Gunnar Myrdal am Asian Drama; seine Kritik am Nationalismus, die ihn zu einem Universalisten hat werden lassen.
Dass man sich als Ökonom hauptsächlich mit Entwicklungsökonomie beschäftigen kann und ihr als Fachgebiet Eigenständigkeit zubilligen sollte, hat Streeten einmal wie folgt begründet (vgl. Schaubild, nächste Seite): Die neoklassische Schule teilt mit der Entwicklungsökonomie zwar die Annahme wechselseitiger Vorteile aus den Wirtschaftsbeziehungen zwischen Nord und Süd, Industrie- und Entwicklungsländern, behauptet darüber hinaus aber, es genüge eine einzige ökonomische Denkweise, die jederzeit Anwendung auf alle Länder finden könne (monoeconomics). Die Dependenztheoretiker dagegen stimmen mit den Entwicklungsökonomen darin überein, dass eine einzige ökonomische Denkweise für die Vielzahl der Länder dieser Welt allein nicht ausreicht, lehnen aber die Vorstellung der möglichen wechselseitigen Vorteile aus den Wirtschaftsbeziehungen zwischen Nord und Süd ab (1986, S. 39).
Hier klingt an, was Streeten für die Entwicklungsökonomie immer wieder beansprucht hat und von ihr verlangt: Vielfalt des Denkens angesichts der Vielfältigkeit der Welt; Anpassung der einfachen Modelle an die komplizierten Details der Realität; Disaggregation der Variablen; Kooperation mit anderen Wissensgebieten und zwischen Theoretikern und Praktikern, thinkers and doers; Synthese statt Dualismus oder voreiligem Kompromiss. Präzision des Denkens muss nicht steril sein, Imagination nicht unpraktisch. Sie sollten sich - so schreibt er - verbünden, um praxisbezogene Visionen alternativer Möglichkeiten zu entwerfen.
Kein einfaches Blaupausen-Modell liefert hinreichendes Rüstzeug, Entwicklung wirklich zu verstehen. Andererseits kann man vereinfachende Modelle nicht einfach ignorieren: Sie beeinflussen ja das Denken und das ökonomische Verhalten, man muss mit ihnen rechnen. Myrdal hat öfter gesagt: facts kick - die Fakten treten der ökonomischen Theorie gegen das Schienbein. Streeten sagt dagegen: However hard facts kick, it takes a model to kick out a model. Dies ist ein frühes, doch immer wiederkehrendes Motiv seiner wissenschaftlichen Arbeit.
Die Konsequenz daraus ist, dass die neue Analyse und der neue Lösungsvorschlag notwendigerweise kompliziert, teilweise unsicher sein müssen. Streeten macht im Laufe der entwicklungsökonomischen Diskussion der 70er und 80er Jahre immer weniger - besser: immer sorgfältigeren - Gebrauch von solchen Aggregaten wie Bruttosozialprodukt, Einkommen, effektive Gesamtnachfrage; und er unterscheidet immer deutlicher zwischen der Art der menschlichen Bedürfnisse, klassifiziert Güter und Dienstleistungen neu und stellt diese ins Verhältnis zu solchen Bedürfniskategorien: Die Diskussion um die Grundbedürfnis-Strategie (in den 70er Jahren) beginnt mit Streeten und erfährt durch ihn in Theorie wie Praxis einen entscheidenden Durchbruch (1981).
Streeten überzeugt zunehmend mehr Teilnehmer der entwickungspolitischen Strategiedebatte. In den Development Perspectives schreibt er: Development is not about index numbers of national income, it is not about savings ratios and capital coefficients; it is about and for people. Development must therefore begin by identifying human needs. The objective of development is to raise the level of living of the masses of people and to provide all human beings with the opportunity to develop their potential (1981).
Diese Grundbedürfnisse schließen ein: Nahrung und sauberes Wasser, Arbeit und Sicherheit, Ausbildung und Gesundheit, Wohnung und Mobilität; eingeschlossen sind auch die nicht-materiellen Bedürfnisse nach Selbstbestimmung, self-reliance, Partizipation, nach nationaler und kultureller Identität, nach dem Sinn des Lebens und der Arbeit. Vieles hiervon, sagt Streeten, kann ohne ein wachsendes Bruttosozialprodukt erreicht werden, wie, umgekehrt, eine hohe Wachstumsrate des Bruttosozialprodukts diese Bedürfnisse unberücksichtigt lassen mag.

III.
Meine frühe Kritik an der Wohlfahrtstheorie, der Theorie des internationalen Handels und der flexiblen Wechselkurse machte mich skeptisch gegenüber Modellen, die nach dem Bad das Kind und nicht das Badewasser ausschütten - sie weckten mein Interesse für Diskontinuitäten, für Asymmetrien, für Irreversibilitäten und für Unteilbarkeiten (1986).
Kein anderer Satz mag besser als dieser die Lebensphilosophie Paul Streetens beschreiben. Als Wissenschaftler gehört er zu den großen Entwicklungsökonomen unserer Zeit, dessen grundlegende Ideen und Konzepte an den meisten Universitäten und auch in vielen Entwicklungsinstitutionen heimisch geworden sind: Entwicklung ist mehr als quantitatives Wirtschaftswachstum; sie wird blockiert durch Ungleichheiten, die es zu überwinden gilt; sie hängt ab von Chancen, die man hat oder nicht erhält; sie wird behindert durch Entscheidungen, die nicht reversibel sind; sie hat zu tun mit Zusammenhängen, die man nicht zerteilen darf.
Um die Breite und Tiefe von Streetens Denken auszuleuchten, kann man seine Arbeit in mehrere Gruppen bzw. Phasen einteilen: philosophische und methodologische Arbeiten; Studien über bestimmte Regionen, Länder und Aspekte der Entwicklung; Debatte über Entwicklungsstrategien. Doch wäre eine solche Einteilung zugleich etwas künstlich: Kritische und konstruktive, theoretische und praktische, lokale und globale Argumentationsstränge sind bei Streeten miteinander verwoben, gehen ineinander über oder werden später wieder aufgegriffen. So schrieb er schon 1972 über The Political Economy of the Environment: Problems of Method, und 1986 konnte man eine verwandte philosophische Abhandlung lesen: What Do We Owe the Future?
Es ist mir besonders wichtig, auf den Erkenntnisfortschritt hinzuweisen, der in der großen Debatte über Entwicklungsstrategien stattgefunden hat und bei dem Paul Streeten eine führende Rolle spielte - als individueller Vordenker, aber auch und besonders als wandernder permanent workshop in Universitäten, bei der Weltbank, im UNDP und anderswo - als Paul Streeten Institution sozusagen. Will man versuchen, diese Schritte und Markierungen in einige wenige Stichworte zu fassen, dann ist vor allem folgendes festzuhalten:
Vom Wachstum zur Entwicklung - Wachstum ist Wirkung, aber auch Ursache von Entwicklung, wozu jedoch viele andere Elemente ökonomischer, sozialer und kultureller Art gehören;
von der Kapitalakkumulation zur umfassenden Mobilisierung von Ressourcen und menschlichen Potentialen;
vom trickle-down-Effekt des Wachstums zum Prinzip Redistribution und Wachstum;
von der nachholenden zur eigenständigen Entwicklung;
von der Industrialisierungsstrategie zur Sektor-Synthese;
von der besten Import-Technologie zur angepassten und effizienten Technologie;
von der Wahl zwischen sich ausschließenden Ansätzen zur Beseitigung von Armut und Ungleichheit - wie Preispolitik oder Umverteilung oder Technologiediffusion - zu deren synchronisierter Anwendung.
Paul Streeten hat zu diesem Fortschritt des Denkens wesentlich beigetragen. Man muss ihm persönlich begegnen oder sein Werk studieren, wenn man die Entwicklungsprobleme dieser Welt besser verstehen und eventuell lösen will. Dies aber ist - angesichts all dessen, was er in seinem Leben geleistet hat - durchaus eine Last - nicht für ihn, aber sehr wohl für uns.
Schriften von Paul Streeten
- 1954: Programs and Prognoses, in: Quarterly Journal of Economics, Vol. 68, S. 355-76; dt.: Programme und Prognosen, in: Gérard Gäfgen (Hg.): Grundlagen der Wirtschaftspolitik. Köln, Berlin 1968, S. 53-74
- 1959: Unbalanced Growth, in: Oxford Economic Papers 11/1959/2, S. 167-190
- 1964: Economic Integration. Aspects and Problems. Leiden 1961
- 1972: The Frontiers of Development Studies. London, Basingstoke
- 1981 (mit S. J. Burki, M. ul Haq u. a.): First Things First. Meeting Basic Human Needs in the Developing Countries. New York, Oxford
- 1982: Environmental Aspects of Development, in: Wirtschaft und Gesellschaft, 8/1982/2, S. 415-427
- 1984: Development Dichotomies, in: G. M. Meier, D. Seers (eds.): Pioneers in Development. Washington, Oxford
- 1986a: Aerial Roots, in: Banca Nazionale del Lavoro Quarterly Review, No. 157, 1986, S. 135-159
- 1986b: Changing Emphases in Development Theory, in: U. E. Simonis (Hg.): Entwicklungstheorie - Entwicklungspraxis. Eine kritische Bilanzierung. Berlin, S. 13-39
- 1990 (mit P. B. Doeringer): How Economic Institutions Affect Economic Performance, in: World Development 18/1990/9, S. 1249-1253
- 1995: Thinking about Development. Cambridge
Übersetzungen:
Gunnar Myrdal: The Political Element in the Development of Economic Theory. Translated from the German by Paul Streeten. London, 2nd ed. 1955. Darin: Paul Streeten: Recent Controversies, S. 208-217
Gunnar Myrdal: Value in Social Theory. A Selection of Essays on Methodology. Edited by Paul Streeten. London 1958
Schriften über Paul Streeten:
Harald Hagemann, Claus-Dieter Krohn (Hg.): Biographisches Handbuch der deutschsprachigen wirtschaftswissenschaftlichen Emigration nach 1933. München 1999
Sanjaya Lall, Frances Stewart (Eds., 1986): Theory and Reality in Development. Essays in Honour of Paul Streeten. London, Basingstoke
Hugh Stretton: An Appreciation, in: Sanjaya Lall and Frances Stewart, op. cit.
Dr. Udo E. Simonis ist Professor für Umweltpolitik am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB), Mitglied des Committee for Development Policy (CDP) der Vereinten Nationen und Präsident der World Society for Ekistics (WSE).

E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit,
herausgegeben von der Deutschen Stiftung für internationale Entwicklung (DSE)
Redaktionsanschrift:
E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit, Postfach, D-60268 Frankfurt
 |
|