E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 7/8, Juli/August 2000,
S. 207 -211)

Gunnar Myrdal (1898 - 1987)
Die zirkuläre Verursachung von Unterentwicklung
Herward Sieberg

Der schwedische Ökonom, Politiker und Friedensforscher Gunnar Myrdal hat die internationale entwicklungspolitische Debatte der 60er und 70er Jahre maßgeblich bestimmt. Sein Entwicklungskonzept war von einem interdisziplinären Ansatz geprägt, der Entwicklung nicht nur durch ökonomische, sondern ebenso durch gesellschaftliche und politische Prozesse erklärte und zu einem Denkmodell zirkulärer und kumulativer Verursachung verknüpfte. Armut bedeutete ihm eine Vergeudung menschlicher Ressourcen. Alle Entwicklungsbemühungen sollten sich daher vorrangig auf die Beseitigung drückender Not richten.

I.
Gunnar Myrdal wurde am 6. Dezember 1898 in der mittelschwedischen Ortschaft Gustav geboren. Nach seinem Juraexamen, das er 1923 an der Universität Stockholm ablegte, arbeitete er vorübergehend als Rechtsanwalt. Ein wirtschaftswissenschaftliches Zweitstudium schloss er 1927 mit der Promotion ab. Nach Studienaufenthalten in Deutschland und Großbritannien ging er 1929 für ein Jahr als Rockefeller-Stipendiat in die USA. Wieder in Europa, lehrte er zunächst in Genf am Institut für Internationale Studien und übernahm 1933 eine Professur für Politische Ökonomie und Finanzwissenschaft an der Universität Stockholm. Politisch engagierte er sich in der schwedischen Sozialdemokratie, für die er 1934 in den Senat gewählt wurde.
Im Auftrag der Carnegie Corporation arbeitete Myrdal seit 1938 vier Jahre lang in den USA. 1942 wurde er erneut in den schwedischen Senat gewählt; gleichzeitig übernahm er eine leitende Position in der Schwedischen Reichsbank sowie den Vorsitz in der staatlichen Plankommission für die Nachkriegszeit. 1945 wurde Myrdal Handelsminister in der sozialdemokratisch geführten Koalitionsregierung von P. A. Hansson. Zwei Jahre später gab er dieses Amt auf, um bis 1957 als erster Exekutivsekretär der UN-Wirtschaftskommission für Europa (ECE) in Genf zu wirken. Anschließend begann er eine groß angelegte Studie über Südasien. Ab 1961 lehrte Myrdal wieder an seiner Heimatuniversität Stockholm, nun als Professor für Internationale Wirtschaft. Parallel dazu nahm er wichtige andere Aufgaben wahr; u. a. leitete er von 1967 bis 1973 das von ihm mitbegründete Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI). Gunnar Myrdal starb am 18. Mai 1987 in der schwedischen Hauptstadt.

II.
Auch wenn sich Gunnar Myrdal seit Mitte der 20er Jahre den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften zuwandte und auf diesem Feld bald Karriere machte, hat ihn doch seine vorausgehende juristische Ausbildung ein Leben lang geprägt. Recht und Gerechtigkeit blieben für ihn stets die Richtschnur für sein eigenes wissenschaftliches und politisches Handeln. Mit den ihm verfügbaren Mitteln wollte er einen Beitrag im Kampf gegen Unrecht und Ungleichheit in aller Welt leisten. Immer wieder legte er seine Wertprämissen dar, die sich weitgehend mit den Vorstellun-gen der schwedischen Sozialdemokratie deckten. Er galt als einer der Architekten des wohlfahrtsstaatlichen Schwedischen Modells.
Dass Myrdal seit Mitte der 40er Jahre einen hohen internationalen Bekanntheitsgrad erlangte, hängt mit seiner Professionalität, aber auch mit einem besonderen Zufall zusammen. In den Vereinigten Staaten wetteiferten einige große private Stiftungen darum, auf nationaler Ebene und weltweit zur Verbesserung der Lebensverhältnisse beizutragen, etwa auf den Gebieten der Medizin oder des Erziehungswesens. Es handelte sich um den Phelps-Stokes Fund, die Rockefeller Foundation und die Carnegie Corporation. Letztere bezuschusste gleich mehrere bedeutende Studien, allen voran Lord Haileys monumentales Werk An African Survey (London 1938).
Im Jahre 1937 gab die Carnegie Corporation den Anstoß für eine große wissenschaftliche Untersuchung zur Lage der Farbigenbevölkerung in den USA. Als Projektleiter wollte man einen unvoreingenommenen Wissenschaftler von auswärts gewinnen, und zwar aus einem Land, das keine historische Verstrickung mit Kolonialismus oder Sklaverei aufwies. Unter diesem Gesichtspunkt fiel die Wahl auf den Schweden Gunnar Myrdal, der über hervorragende englische Sprachkenntnisse verfügte und bereits durch wichtige Veröffentlichungen hervorgetreten war (z. B. Das politische Element in der nationalökonomischen Doktrinbildung, Berlin 1932).
Mit Hilfe von zwei Assistenten begann Myrdal 1938 seine Arbeit in den USA. Dabei stützte er sich vor allem auf eigene empirische Erhebungen, die er auf ausgedehnten Reisen in den Südstaaten und in verschiedenen Großstädten des Nordens durchführte. Schlimme Zustände, mit denen er sich konfrontiert sah, haben ihn tief betroffen gemacht und beinahe zur Aufgabe seines Vorhabens bewogen: I was shocked and scared to the bones by all the evils I saw (An American Dilemma, Vorwort zur Ausgabe von 1962, S. XXV).
Im Herbst 1942 hatte Myrdal sein umfangreiches Manuskript so weit fertig gestellt, dass nun andere für die Drucklegung sorgen konnten. Das Buch mit 1500 Seiten (!) erschien 1944 in New York mit dem Titel An American Dilemma. The Negro Problem and Modern Democracy. Es handelte sich um die größte Untersuchung, die jemals zur Situation des afroamerikanischen Bevölkerungsteils in den USA erschien; sie hatte in der Nachkriegszeit ganz beträchtliche Auswirkungen auf Politik, öffentliche Meinung, Gesetzgebung und Rechtsprechung in den Vereinigten Staaten.
Mit seiner detaillierten Bestandsaufnahme hielt Myrdal der amerikanischen Gesellschaft einen Spiegel vor, der die große Diskrepanz zwischen hehren Freiheitsidealen auf der einen Seite und Rassendiskriminierung, Vorurteilen und materieller Not auf der anderen Seite zeigte. Der eklatante Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit - das war das amerikanische Dilemma. Doch die Dinge waren in Bewegung geraten. Eine forcierte Industrialisierung, Migrationsbewegungen vom Süden in den Norden, die zunehmende Verstädterung, eine bessere Bildung sowie die wachsende Bereitschaft vieler Afroamerikaner zum Widerstand gegen alte Unterdrückungsmechanismen ließen für die nächsten Jahrzehnte tiefgreifende Veränderungen erwarten. Amerikas Einbindung in den 2. Weltkrieg beschleunigte diese Entwicklung. Die USA kämpften für Demokratie, Rassentoleranz und Menschenrechte, und sie schickten sich an to take world leadership (S. 1019). Doch alle Welt, so meinte Myrdal, beobachte die inneren Verhältnisse der Vereinigten Staaten genau und messe daran die amerikanische Glaubwürdigkeit. Ohne tiefgreifende Reformen und ein Ende der Rassendiskriminierung lasse sich Amerikas Zukunft kaum gestalten.
An American Dilemma zeichnete sich durch eine beeindruckende Materialfülle, analytische Kraft und pointierte Schlussfolgerungen aus, aber es fehlte noch eigentlich die theoretische Fundierung. Erst eine spätere Reflexion der aufgezeigten Zusammenhänge brachte den Autor weiter und ließ ihn - so sein selbstgestecktes Ziel - auf eine allgemeine Theorie der Unterentwicklung und Entwicklung hinarbeiten (Ökonomische Theorie..., S. 58). Grundlage hierfür war eine Erkenntnis, die sich ihm in den USA aufgedrängt hatte und die er nun in Anlehnung an die dynamische Geldtheorie des Schweden Knut Wicksell (1851-1926) in eine generelle sozialwissenschaftliche Hypothese fasste. Die fallbezogene Erkenntnis lautete: Niedriger Lebensstandard und soziale Ausgrenzung der Afroamerikaner hingen untrennbar mit Vorurteilen der weißen Bevölkerungsmehrheit zusammen, und zwar so, dass sich die einzelnen Faktoren gegenseitig verstärkten. Ins Allgemeine übertragen bedeutete dies: Soziale Phänomene sind auf vielfältige Weise miteinander verzahnt und in ständiger Bewegung; sie lassen sich als Komplex von interdependenten zirkulären und kumulativen Veränderungen verstehen (Ökonomische Theorie..., S. 28).
Myrdal suchte nach einer theoretischen Begründung, warum Industriestaaten und unterentwickelte Länder auf wirtschaftlichem Gebiet durch eine tiefe Kluft voneinander getrennt waren und sich diese Kluft zudem noch vergrößerte. Mit herkömmlicher Handelstheorie ließ sich solche Diskrepanz nicht erklären; diese war nämlich von Gleichgewichtsvorstellungen geprägt, während Myrdal überall Instabilität beobachtete. In einer Vortragsreihe, die er 1955 in Kairo hielt, hat er sich eingehend mit dem Problem auseinandergesetzt und darüber zwei Jahre später ein Buch in englischer Sprache veröffentlicht: Economic Theory and Under-Developed Regions, London 1957).
Nachdrücklich kritisierte Myrdal alle theoretischen Versuche, ökonomische Faktoren von nichtökonomischen Faktoren zu isolieren - dies musste notwendigerweise zu unbrauchbaren Ergebnissen führen. Statt der geläufigen Annahme zu folgen, dass jede Veränderung stets gegenläufige Sekundärveränderungen auslöst und sich dadurch ein ökonomisches Gleichgewicht einstellt, fand Myrdal zu einer ganz anderen Sicht der Dinge: Bestimmte negative oder positive Faktoren bedingen sich wechselseitig und verstärken dabei ihre Wirkung. Zur Veranschaulichung benutzte er das Bild vom circulus vitiosus, räumte aber ein, dass dadurch bloß eine vage Idee vermittelt werde. Jedoch ergab sich hieraus sein Begriff von der zirkulären Verursachung, worunter er eine kreis- oder spiralförmige Kausalkette verstand.
Neu war seine Annahme, dass die Entwicklung unter der Bedingung eines freien Welthandels in beide Richtungen gehen konnte, also je nach Art des Anstoßes eine positive oder negative Wirkung eintrat: Erfolg beflügelt weitere Erfolge, während sich nachteilige Effekte ebenfalls verstärken. Dass sich regionale Unterschiede in Entwicklungsländern oft vergrößern, in westlichen Industriestaaten jedoch verringern, erklärte Myrdal im einen Fall mit schwachen und im anderen Fall mit starken Ausbreitungseffekten. Ist Armut erst einmal beseitigt, lassen sich die Potentiale einer Nation besser nutzen. Hat ein Land einen hohen Entwicklungsstand erreicht, kommt es wegen der Verstärkungs- und Ausbreitungseffekte fast zwangsläufig zu weiterem Fortschritt. Umgekehrt führt ein niedriges Entwicklungsniveau zur Vertiefung bestehender Ungleichheiten: Dies ist einer der interdependenten Zusammenhänge, durch die Armut sich im kumulativen Prozess selbst verursacht (Ökonomische Theorie..., S. 44).
Dass Myrdal seine theoretische Position am Beispiel südasiatischer Länder vertiefte, hängt abermals mit einem Zufall zusammen. Seine Frau, die sozialdemokratische Politikerin und UNO-Repräsentantin Alva Myrdal, wurde 1955 schwedische Botschafterin in New Delhi. Damit erhielt Gunnar Myrdals entwicklungspolitisches Interesse eine neue Richtung, nämlich Indien und die angrenzenden südasiatischen Staaten, einschließlich Indonesiens und der Philippinen. Längere Aufenthalte in der Region dienten einem umfangreichen Forschungsprojekt über die Armut in Entwicklungsländern. Die Ergebnisse fanden ihren Niederschlag in einem dreibändigen Werk, das als Veröffentlichung des Twentieth Century Fund erschien: Asian Drama. An Inquiry Into the Poverty of Nations (New York 1968). Da sich die Gesamtausgabe im Umfang von 2347 Seiten (!) vornehmlich an Spezialisten wandte und zudem teuer war, entschloss man sich außerdem zu einer einbändigen Kurzfassung, die in englischer Sprache sowie in zahlreichen Übersetzungen Verbreitung fand und den Verfasser weltweit bekannt machte.
Mit dem Buchtitel Asiatisches Drama wollte Myrdal das Konflikthafte betonen, auf das er bei seiner Untersuchung allenthalben gestoßen war; besonders typisch schien ihm dabei die Diskrepanz zwischen gesellschaftlicher Wirklichkeit und einer überall feststellbaren Revolution steigender Erwartungen. Sein Werk bedient unterschiedliche Leserinteressen, auch wenn die detaillierte Situationsanalyse (Stand 1. 1. 1966) inzwischen an Aktualität verloren hat. Myrdals Konzept zirkulärer und kumulativer Verursachung erwies sich als analytisch tragfähig und ist dadurch zum festen Bestandteil der Theoriedebatte geworden.
Neuland beschritt der Verfasser mit seiner harschen Kritik an westlichen Modernisierungsvorstellungen, die nach dem 2. Weltkrieg auch in Südasien unbefragt als Richtschnur übernommen wurden. Ohne das Wort zu verwenden, trat Myrdal für systemimmanente Entwicklungskonzepte ein. Deshalb warnte er nachdrücklich vor solchen Fachbegriffen, die mit westlichen Wirtschafts-, Gesellschafts- und Kulturbedingungen verknüpft sind. Einheimische asiatische Politiker, Verwaltungsbeamte und Entwicklungsplaner sprachen z. B. wie selbstverständlich von Arbeitslosigkeit, Unterbeschäftigung oder vom Markt, obwohl in ihren Ländern noch Subsistenzwirtschaft vorherrschte und demgemäß die Geldwirtschaft nur ansatzweise funktionierte. Auf diese Weise musste Verwirrung entstehen. Arbeitslosigkeit, betonte Myrdal, impliziert nämlich Arbeitslosenunterstützung, eine Registrierung durch Arbeitsämter, Markttransparenz, bestimmte Qualifikationen und die Bereitschaft der Betroffenen zur Arbeit - alles Bedingungen, die in Entwicklungsländern ganz oder teilweise fehlen. Aus diesen Gründen wollte der Autor den Begriff Arbeitslosigkeit durch potentielle Arbeitskräfte ersetzen, worunter er Menschen im arbeitsfähigen Alter meinte. Der Entwicklungsstand und dessen jeweilige Veränderungsrate sei funktional abhängig von der durchschnittlichen Produktivität ebendieser potentiellen Arbeitskräfte; deren Arbeitsbereitschaft und Effizienz gelte es zu heben.
Investitionen in den Menschen - das allein sei wirklich erfolgversprechend. Massenhaft waren Einwohner der südasiatischen Staaten krank, unter- oder fehlernährt, weshalb es ihnen an normaler Vitalität fehlte. Gesundheitspflege und Ausbildungsförderung mussten also vorrangige Bedeutung erhalten. Doch konnte Entwicklung als Aufstieg aus der Armut kaum über eine forcierte Industrialisierung erfolgen, zumal es an qualifizierten Arbeitskräften und erfahrenen Unternehmern fehlte. Überdies stand zu befürchten, dass die Industrialisierung zu Lasten von Handwerk und traditionellen Produktionsweisen ging.
Dauerhafter Fortschritt schien nach Myrdals Überzeugung nur in der Landwirtschaft möglich, was allerdings Reformen der Eigentums- und Pachtverhältnisse notwendig machte. Noch längst
waren nicht alle Chancen ausgeschöpft: Trotz dichter Besiedlung stieß man überall auf extensive Bewirtschaftungsfor- men und einen viel zu hohen Haustierbestand. Rationelle Arbeitsmethoden mussten den Menschen nahe gebracht werden, und das war vor allem eine Aufgabe der Politik. Diese hatte den großen, breit angelegten Anstoß zu geben; denn geringe Bemühungen sind nur Verschwendung.
Nachdrücklich betont Myrdal die politische Bedeutung von Entwicklungsplänen. Im Grunde sei jeder Plan ein politisches Programm und damit eindeutig wertbezogen. Da aber Politik und Gesellschaft Veränderungen unterliegen, müssten Entwicklungspläne flexibel konzipiert werden. Vorteilhaft schien ihm ein System gleitender Pläne, bestehend aus einem jährlichen Haushaltsplan, einem Mehrjahresplan und einem langfristigen Perspektivplan. Alle diese Pläne sollen im Lichte neuer Ideen und Erfahrungen in jährlichem Rhythmus überarbeitet und den jeweiligen Verhältnissen angepasst werden.
Als Friedensaktivist war Myrdal tief besorgt über die fragile Situation vieler Entwicklungsländer. Deren im Dekolonisationsprozess mühsam errungene Unabhängigkeit kontrastierte scharf mit institutioneller Schwäche, wobei der Bevölkerungsdruck noch zusätzlich destabilisierend wirkte (Beyond the Welfare State, S. 216). Vor diesem Hintergrund entschloss sich Myrdal zu seinem Politischen Manifest über die Armut der Welt (1970). Das Werk war ursprünglich nur für eine amerikanische Leserschaft gedacht; nach eigenem Bekunden des Verfassers handelt es sich um den vierten Band von Asian Drama.
Den Vorwurf, er habe bisher nur analysiert und theoretisiert, aber kaum politische Perspektiven aufgezeigt, sucht Myrdal nun zu entkräften. Sein Manifest sollte ein eminent politisches Buch sein, weshalb es an vielen Stellen aus heutiger Sicht veraltet wirkt. Bedenkenswert bleiben allerdings sein Plädoyer für radikale Reformen sowie sein Eintreten gegen mannigfaltige Formen sozialer Disziplinlosigkeit in Entwicklungsländern (S. 202). Kampf gegen Korruption, eine großangelegte Verwaltungsreform, personelle Verringerung des Behördenapparates - das alles sei unabdingbar. Myrdals Ansicht, dass die Länder der Dritten Welt alle wesentlichen Entwicklungsmaßnahmen selbst zu treffen hätten, hat sich als grundsätzlich richtig erwiesen. Westliche Hilfe kann hierbei lediglich unterstützend wirken.
In diese Richtung dachte Myrdal auch in den anschließenden Jahren weiter. Seine Überlegungen mündeten schließlich in eine Aufsehen erregende Kritik an der bisherigen Entwicklungshilfe, die er 1980 anlässlich einer internationalen Konferenz in Stockholm vortrug, wobei er auch eigene Positionen revidierte. Myrdal bezweifelte den Reformwillen vieler Regierungen in der Dritten Welt und bezichtigte autoritäre Regime, die eigenen Völker auszubeuten und die Kluft zwischen Arm und Reich zu vertiefen. Vertreter korrupter Regierungen sollten nicht länger das Recht haben, auf internationalen Treffen für ihre Völker zu sprechen. Hilfe an solche Regierungen werde nur veruntreut und diene zum Erhalt illegitimer Herrschaft. Deshalb solle man die verfügbaren Mittel nur noch als Katastrophenhilfe oder internationale Armenfürsorge einsetzen. Dabei müssten scharfe Kontrollmechanismen jede missbräuchliche Verwendung ausschließen.
Im Alter von 82 Jahren sprach er plötzlich aus, was in ihm als neue Überzeugung herangereift war. Etwa zwei Monate lang geriet er in die Schlagzeilen der Weltpresse. Es war die Rede von einem Donnerschlag oder seinemAbschied vom alten Optimismus. Ihm selbst fiel diese Wendung nicht leicht: In meinen eigenen Büchern kann man massenhaft Zitate finden, die in Widerspruch zu der Erkenntnis stehen, zu der ich mich jetzt durchgerungen habe. Das ist kein angenehmer Prozeß (Stuttgarter Zeitung, 11. 11. 1980). Er bedauerte, dass ihn andere Verpflichtungen daran hinderten, seine Einwände in einem Buch darzulegen, fasste sie aber in einem Aufsatz zusammen unter dem Titel Relief Instead of Development Aid. Gegenüber seinen Kritikern, die ihn als plötzlichen Gegner jeglicher Hilfe sahen, stellte er jedoch klar: I do not want our aid to be curtailed. But I want to change its distribution: It should be more of the type that is given by the Red Cross (ebd., S. 88).

III.
Das publizierte Werk von Gunnar Myrdal ist außerordentlich umfangreich. Seine Bibliographie, die sich auf den Zeitraum 1919 - 1981 bezieht, umfasst 1163 Titel und ist selbst ein Buch mit 150 Seiten (eingerechnet sind Artikel, Reden, Interviews und zahlreiche Übersetzungen). Seine Hinterlassenschaft an Manuskripten, Briefen und sonstigen Papieren gilt als größter Privatnachlass in Schweden und wird vom Archiv der Arbeiterbewegung (Stockholm) verwaltet.
Bei seinen wichtigsten Projekten hat sich Myrdal auf viele Helfer stützen können, nicht zuletzt auf seine Frau Alva. Dank großzügiger Förderung durch Drittmittelgeber, darunter amerikanische Stiftungen, konnte er bedeutende Forschungsarbeiten durchführen und die Ergebnisse in englischer Sprache publizieren. Dies erwies sich als unabdingbare Voraussetzung, um weltweit wahrgenommen und anerkannt zu werden. Hinzu kamen oft Übersetzungen in andere Weltsprachen, mitunter aber auch ins Griechische, Finnische, Japanische, Koreanische oder in Urdu. Vieles erschien überdies in Schwedisch.
Auf entwicklungspolitischem Felde traf Myrdal genau den Zeitgeist der 70er Jahre. Er galt als überragende Autorität; seine Schriften, die Vorbildfunktion des Schwedischen Modells und seine Friedensaktivitäten (namentlich gegen den Vietnamkrieg) machten ihn einflussreich und populär, zuweilen aber auch umstritten.

IV.
Gunnar Myrdal hatte wichtigen Anteil daran, dass 1968 zum 300jährigen Bestehen der Schwedischen Reichsbank der Nobelpreis für Ökonomie gestiftet wurde. Sechs Jahre später wurde ihm dieser Preis gemeinsam mit dem gebürtigen Österreicher Friedrich August von Hayek verliehen, und zwar in Anerkennung für ihre Pionierleistung auf dem Gebiet der Geldtheorie und der wirtschaftlichen Schwankungen sowie für ihre genaue Analyse der Interdependenz zwischen ökonomischen, sozialen und institutionellen Phänomenen. Myrdal stand auf dem Höhepunkt seines Ansehens.
Inzwischen ist es still geworden um den einst weltbekannten Verfechter unorthodoxer entwicklungspolitischer Ideen. Dies hängt mit politischen und wirtschaftlichen Wandlungsprozessen zusammen, die zwischenzeitlich eingetreten sind. Nach dem Ende des Ost-West-Gegensatzes hat das Schwedische Modell seine Anziehungskraft verloren, zumal es im eigenen Land quasi aufgegeben wurde. Eine angemessene Würdigung von Gunnar Myrdal zwischen Überhöhung und Vergessen ist erst noch zu leisten.
Inzwischen ist es still geworden um den einst weltbekannten Verfechter unorthodoxer entwicklungspolitischer Ideen. Dies hängt mit politischen und wirtschaftlichen Wandlungsprozessen zusammen, die zwischenzeitlich eingetreten sind. Nach dem Ende des Ost-West-Gegensatzes hat das Schwedische Modell seine Anziehungskraft verloren, zumal es im eigenen Land quasi aufgegeben wurde. Eine angemessene Würdigung von Gunnar Myrdal zwischen Überhöhung und Vergessen ist erst noch zu leisten.
Schriften von Gunnar Myrdal
- 1944: An American Dilemma. The Negro Problem and Modern Democracy. New York
- 1957: Economic Theory and Under-Developed Regions. London (dt. 1974: Ökonomische Theorie und unterentwickelte Regionen. Frankfurt/M.)
- 1960: Beyond the Welfare State. Economic Planning and its International Implications. New Haven & London
- 1968: Asian Drama. An Inquiry Into the Poverty of Nations. 3 Bde., New York (dt. Kurzfassung 1973: Asiatisches Drama. Eine Untersuchung über die Armut der Nationen. Frankfurt/M.)
- 1970: The Challenge of World Poverty. A World Anti-Poverty Program in Outline. New York (dt. 1970: Politisches Manifest über die Armut der Welt. Frankfurt/Main)
- 1981: Relief Instead of Development Aid, in: Intereconomics 16/1981/2, S. 86-89
- 1984: International Inequality and Foreign Aid in Retrospect, in: G. M. Meier, D. Seers (eds.): Pioneers in Development. Oxford, OUP
Schriften über Gunnar Myrdal
Kerstin Assarson-Rizzi, Harald Bohrn (Hg., 1984): Gunnar Myrdal. A Bibliography, 1919-1981. New York & London (2. Aufl.)
Horst Claus Recktenwald (1989): Die Nobelpreisträger der ökonomischen Wissenschaft 1969-1988. Düsseldorf
Paul Streeten (1990): Gunnar Myrdal, in: World Development 18/1990:7, S. 1031-1037
Paul Streeten (1998): The Cheerful Pessimist. Gunnar Myrdal the Dissenter, in: World Development, S. 539-550
Dr. Herward Sieberg ist Professor für Politische Wissenschaft am Institut für Sozialwissenschaften, Universität Hildesheim.

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