E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 7/8, Juli/August 2000,
S. 211 - 214)

Hartmut Elsenhans (*1941)
Staatsklasse, Rente und die Überwindung von Unterentwicklung
Harald Fuhr

Die Arbeiten über die Rolle der bürokratischen Staatsklasse waren es, die Hartmut Elsenhans Ende der 70er Jahre in der entwicklungspolitischen Community bekannt machten. Diese Klasse hat Zugriff auf Renten, die ihr durch Ausschaltung wirtschaftlichen Wettbewerbs zufallen, und ist deshalb nicht interessiert an der Entwicklung einer leistungsfähigen Marktwirtschaft. Diese ist für Elsenhans vor allem von der Entstehung von Nachfrage auf dem Binnenmarkt abhängig, aber er unterschätzt auch die Bedeutung außenwirtschaftlicher Liberalisierung nicht. Im Mittelpunkt sollte bei allen Maßnahmen die Schaffung von Arbeitsplätzen stehen.

I.
Hartmut Elsenhans wurde am 13. Oktober 1941 in Stuttgart geboren und besuchte in Vaihingen Grundschule und Gymnasium. 1962 begann er sein Studium der Politischen Wissenschaft, Geschichte, Soziologie und Romanistik in Tübingen und setzte es 1964 bis 1967 an der FU Berlin fort, wo er 1967 sein Diplom in Politikwissenschaft erwarb. Die akademisch wie politisch turbulenten Jahre 1967-1970 verbrachte er in Paris als Mitglied des Cycle Supérieur dEtudes Politiques. Seine wichtigsten Lehrer in dieser Zeit waren Dahrendorf, Eschenburg, Grosser, Lehmbruch und schließlich Ziebura, bei dem er 1970 - 1975 Assistent war und im Jahre 1973 mit seiner ersten größeren Arbeit Frankreichs Algerienkrieg 1954- 1962. Entkolonialisierungsversuch einer kapitalistischen Metropole promovierte. Im Kontext der Ölkrise erschien Erdöl für Europa, ein eher pragmatisch geschriebenes und umsichtiges Werk, das unkonventionelle Wege aus der Krise aufzeigte. Bereits 1976 habilitierte er sich, ebenfalls an der FU Berlin, mit einem weiteren umfangreichen Werk (Geschichte und Ökonomie der Europäischen Welteroberung. Vom Zeitalter der Entdeckungen bis zum 1. Weltkrieg), das er in den letzten beiden Jahrzehnten auf insgesamt 5 stattliche Bände - und damit zu einem großartigen Lebenswerk - erweiterte.
Nach einem kurzen Aufenthalt an der Universität Montreal übernahm Elsenhans eine Dozentur an der Universität Frankfurt. Der junge Hochschullehrer war dort, schnell erfahrbar, eine erfrischende Abwechslung zum Lehrbetrieb: außergewöhnlich aufnahmefähig, belesen und seiner Zeit weit voraus. Während die meisten seiner akademischen Kollegen noch über Abhängigkeitsbeziehungen, die Gefahren multinationaler Unternehmungen und die Notwendigkeit von Abkoppelungsstrategien sinnierten (mit den Positivbeispielen Kuba, Nordkorea und Albanien!), grenzte er sich deutlich ab und betonte die internen Strukturen in Entwicklungsländern. Ohne Strukturreformen innerhalb dieser Länder, so betonte er, gibt es kein stetiges Wachstum und letztlich auch keine Chance zur Überwindung von Unterentwicklung, aber auch kein gesichertes Wachstum in Industrieländern. In den Folgejahren half er, die angespannten Diskussionen über die Rolle von multinationalen Unternehmen und die Eingliederung der Entwicklungsländer in den Weltmarkt zu entkrampfen und strategisch neu zu formulieren. Beide Strategien - Häresie in der Wahrnehmung vieler seiner Kollegen - können nach Elsenhans unter bestimmten Bedingungen zur Überwindung von Unterentwicklung eingesetzt werden. Algerien diente ihm als erstes empirisches Beispiel, aber 1974 (und erneut 1982) öffnete er den Fokus mit seinen zentralen Aufsätzen zur Überwindung von Unterentwicklung durch Massenproduktion für Massenbedarf. Seinen Schülern machte er klar, dass er in der Forschung mehr Empirie erwartete, und vor allem solide Kenntnisse der jeweiligen Landessprache, egal wos hingeht.
1976 übernahm er eine Professur für Internationale Beziehungen (mit dem Schwerpunkt Analyse der Unterentwicklung und der sozialen und nationalen Emanzipationsbewegungen) an der Universität Marburg. Er hatte keinen einfachen Stand. Die Arbeit in Marburg war mühsam, er galt in einer der Hochburgen neomarxistischer Positionen als gefährlicher Revisionist und kapitalistischer Modernisierer. Er versuchte einen Balanceakt zwischen Kooperation und Konflikt, wie er es einmal nannte, suchte Kollegen, die, wie er, den wissenschaftlichen Wettstreit lieben, fand aber kaum angemessene Partner. Unbeirrt von den Gegenströmungen baute er in diesen Jahren seine entwicklungspolitischen Kompetenzen aus, verband zentrale Themen mit seinem Namen und setzt Marksteine. Im Jahr 1978 erschien Migration und Wirtschaftsentwicklung, 1979 Agrarreformen in der Dritten Welt und schließlich 1981 sein meistzitiertes Werk Abhängiger Kapitalismus oder bürokratische Entwicklungsgesellschaft. Versuch über den Staat in der Dritten Welt.
Im Jahre 1980 übernahm er eine in vielerlei Hinsicht wichtige Professur in Konstanz, an einer Universität im Aufbruch, klug besetzt mit hochkarätigen Vertretern der deutschen Politik- und Verwaltungs-wissenschaft. Mehrere längerfristige Forschungsprojekte und ein Sonderforschungsbereich führten ihn näher an Staat und Verwaltung in Entwicklungsländern und näher an internationale und Entwicklungsorganisationen. Viele seiner Arbeiten erschienen in dieser Zeit in fremdsprachigen Ausgaben.
Im Zuge des deutschen Einigungsprozesses ergaben sich für ihn Neuerungen. Wie viele seiner westdeutsche Kollegen bewarb er sich an ostdeutschen Universitäten. Aber er gehörte zu den wenigen, die auch einem Ruf folgten - nicht aus Karrieregründen, sondern aus einem bei ihm immer wieder spürbaren, tiefer liegendem Engagement. 1992 wechselte er an die Universität Leipzig und baute innerhalb weniger Jahre den Bereich Internationale Beziehungen neu auf.
Seit Mitte der 70er Jahre hat Hartmut Elsenhans eine außergewöhnliche wissenschaftliche Produktivität entfaltet. Er liest, sammelt, exzerpiert, eigentlich überall. Und mit System, wie ein roter Preuße, als der er sich einmal selbst charakterisierte. Jede Karte, jedes Exzerpt ist greifbar. Die Karteikartensammlungen wachsen beständig an und bereiten, ordentlich untergebracht in Stahlschränken, allen Umzugsfirmen erhebliche Pein. Mehr als 360 Publikationen hat er in den letzten 30 Jahren verfasst, etwa die Hälfte davon sind in fremdsprachlicher Form erschienen. Er schreibt anspruchsvoll und im Randbereich einzelner Disziplinen. Politologen haben Mühe mit seinen volkswirt-schaftlichen Exkursen, Volkswirte mit den politologischen und Historiker meistens mit beiden. Aber gerade an den Rändern der Disziplinen erschließt er sich in inkrementalistischer Weise wissenschaftliches Neuland. Auch seinen Zuhörern verlangt er viel ab. Aber man verlässt seine Beiträge und Vorträge immer mit Zugewinn und in einer Art konstruktiver Verunsicherung. In Erinnerung bleiben mir im Zusammenhang eines Vortrags in der Weltbank die Worte eines der dortigen Spitzen-Ökonomen: I am sorry, but I dont get it. This is challenging stuff. Its either complete nonsense or hes a genius. If hes the latter, were all on the wrong track here.

II.
Die Werke von Hartmut Elsenhans lassen sich folgenden Themen zuordnen:
Politische Ökonomie der Rohstoffproduktion;
Strukturprobleme in Entwicklungsländern:
- Staat und Verwaltung;
- Marginalität und Armutsbekämpfung;
- Probleme der Landwirtschaft und Agrarreform;
- Kleingewerbeförderung und informeller Sektor;
- Politische Widerstandsbewegungen;
Entwicklungstheorie und Überwindung von Unterentwicklung;
Internationale und Nord-Süd-Beziehungen, Weltgesellschaft und Weltwirtschaft;
Geschichte und Ökonomie der europäischen Welteroberung, Genese des Kapitalismus.
Die Arbeiten in und über Algerien führten Elsenhans in den 70er Jahren zunächst in eine Auseinandersetzung mit den Strukturalisten (1974 a, c). Lange Aufenthalte in Algerien verschafften ihm Detailkenntnisse zur Rolle des dortigen Staats und der staatlichen Eliten, die sich in dieser Zeit auf dem hürdenreichen Weg aus der Unterentwicklung befanden.
Was Dependenztheoretiker sich in diesen Jahren erhofften und an Gegenstrategien erwarteten, Algerien hatte all diese Optionen, plus die Ressourcen dazu. Es ist Elsenhans Verdienst, aufgezeigt zu haben, warum es trotz (oder gerade wegen) dieser vorteilhaften Bedingungen dort nicht zu nachhaltigen Entwicklungsprozessen kam.
In diesen Jahren entstanden erste Arbeiten zur Rolle von bürokratischen Staatsklassen (1977). Er definierte sie als Klassen eines neuen Typs, zusammengesetzt aus hochrangigen Entscheidungsträgern im öffentlichen und privaten Sektor, aus Militär, Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen. Die soziologischen Details sind hier weniger wichtig (und unterscheiden sich auch von Land zu Land) als die gemeinsamen funktionalen Merkmale, denn Staatsklassen bilden sich heraus aufgrund der besonderen Produktionsstrukturen in der Dritten Welt. Ihnen gemeinsam ist der (unterschiedlich geprägte) Zugriff auf Renteneinnahmen, die in Entwicklungsländern aufgrund der besonderen Form der Eingliederung in die Weltwirtschaft entstehen. Renten lassen sich unter Ausschaltung wirtschaftlichen Wettbewerbs (z. B. durch Protektionismus, Marktreservierung und/oder Marktzugangsbeschränkungen) und im Rohstoffsektor (durch die Aneignung von Differentialrenten) erzielen, aber auch durch den Einsatz moderner Technologien (Aneignung von Produktivitätsfortschritten), in Staatsbetrieben mit monopolistischer Preisbildung sowie (wie Hirschman bereits aufzeigte) in Form von Entwicklungshilfezahlungen. Die Rente lässt sich dann durch einen
politischen Prozess innerhalb der Eliten (um-)verteilen.
Diese Elite ist Staatsklasse, insofern sie sich nahezu ausschließlich über den Staat artikuliert; und sie ist Klasse, insofern sie in ihrer Gesamtheit die Verfügungsgewalt über Produktionsmittel innehat. Sie neigt aufgrund der Abwesenheit von Konkurrenz zur Selbstprivilegierung, steht aber gleichzeitig unter Legitimationszwang, Entwicklung und Wohlstandsmehrung zu garantieren (1981).
Elsenhans Beiträge weiten in diesen Jahren die Ansätze von Jagdish Bhagwati (zu directly unproductive [DUP] activities) und Anne O. Krueger (Renteneinnahmen durch staatlich kontrollierten Handel) um eine politökonomische Dimension aus. Seine Kernaussage: Die herrschenden Klassen in Entwicklungsländern profitieren direkt von den gegenwärtigen internationalen Beziehungen und finden wenige Anreize vor, einen Prozess zur Überwindung von Unterentwicklung einzuleiten. Sie scheitern gewissermaßen rational und erfolgreich bei der Ankurbelung dieses Prozesses.
Die in der Dritten Welt bürokratisch angeeigneten und nach Willfährigkeit verteilten Renteneinnahmen bewirken aber noch mehr. Sie fördern und festigen Patronage- und Klientelbeziehungen und strukturieren soziale Beziehungen in einer Form, dass die horizontale Aggregation von Interessen - insbesondere der Unterschichten - erschwert wird. DieAllgegenwart der Rente führt damit auch zu
einer Distorsion von Politik und Politikformulierung in der Dritten Welt. Eine vom Staat unabhängige Gesellschaft privater (for-profit / non-profit) Akteure kann sich unter diesen Bedingungen nicht herausbilden.
Wichtiger noch sind die Konsequenzen für den Wachstumsprozess in Entwicklungsländern selbst. Im Gegensatz zur Arbeiterschaft in den Schlüsselsektoren können nämlich die Massen der städtischen und ländlichen Unterschichten mangels Widerstandsmöglichkeiten keine Reallohnerhöhungen durchsetzen. Ohne steigende Masseneinkommen aber gibt es kein Wachstum des inneren Marktes. Und ohne sich vergrößernde Binnenmärkte gibt es keinen dauerhaften Anreiz für Investitionen und technologische Innovation - und damit selbsttragendes Wachstum. Die Staatsklasse und mit ihr die Wirtschaft in Entwicklungsländern blockieren sich selbst (1981, 1982).
Genau hier ist der logische Anschluss zu Elsenhans Arbeiten zur Wachstumsdynamik in entwickelten Marktwirtschaften, deren Genese er zurückverfolgt ins europäische Mittelalter. Am Beispiel des Fernhandels zeigt er, dass Handelsprofite nur dann zu Entwicklung führen, wenn die umgebenden Strukturen ihre Investition zur produktiven Erschließung der inneren Märkte erlauben. Polarisierte Landbesitzstrukturen etwa verhindern eine solche Dynamik und führen dazu, dass Eliten die erzielten Gewinne konsumieren und lediglich Anreize für spezialisierte handwerkliche (Luxus-)Produktion schaffen, nicht aber für die Herausbildung kapitalistischer Wirtschaften. Diese entstehen erst dann, wenn Elitenkonkurrenz und Widerstand von unten möglich sind (1979b).
Europa ist, wie Elsenhans betont (und später Dieter Senghaas: Von Europa lernen; 1982), hier in vielerlei Hinsicht ein Sonderfall. Am Beispiel bäuerlichen Widerstands im Europa der frühen Neuzeit (er befindet sich hier in guter Gesellschaft von Peter Blickle und Barrington Moore) verweist er auf gravierende Veränderungen in der feudalistischen Landwirtschaft und graduelle Einkommenssteigerungen bei den Bauern, die dann zu Nachfragern einfach verarbeiteter Produkte eines aufkommenden Industriesektors werden. In England verhindern überdies Armutsgesetze (die die Gemeinden zu Unterhaltszahlungen an die Armen zwingen) ein Wegbrechen der Nachfrage von Unterschichten. Organisierter Widerstand von Industriearbeitern im 19. Jahrhundert ermöglicht Reallohnsteigerungen, diese führen zu wachsenden Märkten und kostenreduzierenden Investitionen, die wiederum Produktivitätssteigerungen erlauben und damit Spielräume für einen erneuten Zyklus von Lohnsteigerungen schaffen. Kapitalismus ist also nur durch steigende Masseneinkommen möglich und eigentlich eine Veranstaltung im Interesse der Massen. Genau dieser konstruktive Mechanismus aber ist in der Dritten Welt blockiert. Die Rente, so Elsenhans, ist dort der Gegner des Kapitalismus (1997, 2000).
Freilich können von außen auferlegte oder intern erzwungene Maßnahmen zur Strukturanpassung Beiträge leisten, um derartige Wachstumshemmnisse aufzubrechen und die wirtschaftliche Konkurrenz zu beleben. Insbesondere außenwirtschaftliche Liberalisierungen können zur Erosion eines Teils der Rente beitragen und letztlich an Marktwirtschaft interessierte rivalisierende Segmente von Staatsklassen stärken. Nur: Die Wahrscheinlichkeit, dass die selben Mitglieder von Staatsklassen gegenüber ausländischen Entwicklungsagenturen und Investoren lediglich Marktwirtschaft spielen und sich u. a. bei Privatisierungspolitiken einmal mehr privilegieren, sich vor Konkurrenz abschotten und Reformen umlenken, ist groß. Denn gerade in Gesellschaften im Übergang zur Marktwirtschaft ergeben sich ungewöhnlich große Chancen zusätzlicher Rentenaneignung, die an der Ernsthaftigkeit der Reformpolitik von alten und neuen Eliten zweifeln lassen.
Entscheidend ist Elsenhans Hinweis, dass Liberalisierungsmaßnahmen (obgleich von zentraler Bedeutung) nicht automatisch Massenmärkte schaffen und Armut beseitigen, sondern beides wiederum - paradox - nur durch umsichtiges staatliches Handeln und durch Reformen (in entwickelten wie in Entwicklungsländern) eingeleitet und gestützt werden kann. Seine Kritik am mainstream und u. a. an den Bretton-Woods-Organisationen bezieht sich auf die Notwendigkeit dieser Eingriffe, nicht so sehr auf die Strategien zur Liberalisierung in der Dritten Welt selbst (1995, 1996). Ganz im Gegenteil: Er plädiert für eine Vertiefung dieser Maßnahmen.
Für Elsenhans reicht die gegenwärtige Intensität marktwirtschaftlicher Reformen und der Globalisierung (d. h. insbesondere die Zunahme von ausländischen Di- rektinvestitionen in Entwicklungsländern) nicht aus, um Marginalität in der Dritten Welt zu beseitigen und damit zu selbsttragendem Wachstum zu kommen. Wahrscheinlicher ist, dass nach anfänglichen Erfolgen eine Verflachung des Wachstums eintritt und überdies - bedingt durch den vereinfachten Zugang zu moderner Technologie und durch Auslagerung von Arbeitsplätzen - weltweit kumulierte Arbeitsmarkt- und Wachstumsprobleme auftreten.
Die Globalisierung würde dann die Rentendynamik der Entwicklungsländer auf die entwickelten Länder übertragen, statt die Marktdynamik der entwickelten Länder auf die Entwicklungsländer. Die Alternative lautet also nicht: Globalisierung oder Nationalstaat, sondern Globalisierung von Renten mit Beseitigung der Verhandlungsfähigkeit von Arbeit in einem stark nationalistischen Kontext oder Globalisierung von Profit als Vertiefung von Globalisierung (1999). Eine günstige Entwicklung kann für ihn nur dann eingeleitet werden, wenn zur Exportorientierung komplementäre entwicklungspolitische Strategien an der Überwindung von Marginalität ansetzen. Ein von ihm hierzu immer wieder genanntes Beispiel sind Agrarreformen.
Hier ist der Anknüpfungspunkt an Elsenhans frühere Arbeiten über die entwicklungspolitische Rolle des Agrarsektors und die Förderung des klein- und mittelbetrieblichen industriellen Sektors (1979a, 1982). Egalitäre Agrarreformen in Entwicklungsländern sind für ihn deswegen wichtig, weil sie helfen, Marginalität zu beseitigen, zur Erhöhung der Nahrungsmittelproduktion beitragen und die Nachfrage nach einfachen gewerblichen Gütern erhöhen - und zwar durch Homogenität der Nachfrage und Verbilligung der Produktionskosten für arbeitsintensive gewerbliche Produkte. Die Förderung von Klein- und Mittelbetrieben, auch des informellen Sektors, macht für ihn nur in diesem Kontext steigender Massennachfrage Sinn, ansonsten verpuffen Förderungsmaßnahmen schnell und stützen (häufig gepaart mit Korruptionspraktiken) nur die ohnehin privilegierten Betriebe.
Die in der offiziellen Entwicklungszusammenarbeit immer wieder genannten Misserfolge bei Agrarreformen wie auch bei der Kleingewerbeförderung spiegeln für ihn denn letztlich auch nichts anderes wider als die Zweckrationalität einzelner Segmente von Staatsklassen, die wirtschaftlichem und politischem Wettbewerb ausweichen.
Trotz alledem: Elsenhans betont die Notwendigkeit des Staatsinterventionismus. Er allein ermöglicht es, die zentralen Strukturreformen - ähnlich wie schon von Rosenstein-Rodan 1943, Nurkse 1953 und Hirschman 1958 betont - durchzusetzen. Die Möglichkeit der Optimierung staatlichen Handelns bei gleichzeitiger Einschränkung staatlicher Selbstprivilegierung durch eine Kombination marktwirtschaftlicher und politischer Mechanismen ist ein Thema, das seit Mitte der 90er Jahre nationale wie internationale Regierungen und Verwaltungen beschäftigt. Elsenhans hat dies bereits in den frühen 80er Jahren untersucht.
Das Faszinierende an seinen Arbeiten sind die ineinander verwobenen und, wie gezeigt, miteinander kombinierbaren Argumentationsketten. Seine früheren Anregungen, praktikable neo-keynesianische Steuerungsmechanismen in der Entwicklungspolitik und der internationalen Zusammenarbeit zu suchen, um sicherzustellen, dass die Armut in der Dritten Welt beseitigt und damit marktgetriebenes Wachstum erreicht werden kann, sind in letzter Zeit wieder aufgegriffen worden, z. B. von Joseph Stiglitz. Die Debatte wird wahrscheinlich in den nächsten Monaten - spätestens mit dem bevorstehenden Entwicklungsbericht der Weltbank 2000/ 2001 über Armut und Armutsbekämpfung - wieder aufflammen. Neben Maßnahmen zur weiteren Liberalisierung und Wettbewerbsorientierung, zur Förderung von Ausbildung und Selbständigkeit, zur Sicherung von Eigentumsrechten und Partizipation geht es hier nämlich auch um gezielte Investitionen in die Armen und Fragen nach den Möglichkeiten der Subvention von marginaler Arbeit. War Hartmut Elsenhans seiner Zeit wieder einmal voraus?
Schriften von Hartmut Elsenhans
- 1974 a: Die Überwindung von Unterentwicklung, in: Dieter Nohlen, Franz Nuscheler (Hg.): Handbuch der Dritten Welt (1). Hamburg, Hoffmann & Campe, S. 162-189
- 1974 b: Entwicklungstendenzen der Welterdölindustrie, in: ders. (Hg.): Erdöl für Europa. Hamburg, Hoffmann & Campe, S. 7-47
- 1974 c: Frankreichs Algerienkrieg 1954-1962.
Entkolonialisierungsversuch einer kapitalistischen Metropole. Zum Zusammenbruch der Kolonialreiche. München, Carl Hanser
- 1977: Die Staatsklasse / Staatsbourgeoisie in den unterentwickelten Ländern zwischen Privilegierung und Legitimationszwang, in: Verfassung und Recht in Übersee. 10,1, S. 29-42
- 1979 a: Agrarverfassung, Akkumulationsprozess, Demokratisierung, in: ders. (Hg.): Agrarreform in der Dritten Welt. Frankfurt/M., Campus, S. 505-652
- 1979 b: Grundlagen der Entwicklung der kapitalistischen Weltwirtschaft, in: Dieter Senghaas (Hg.): Kapitalistische Weltökonomie. Kontroversen über ihren Ursprung und ihre Entwicklungsdynamik. Frankfurt/M., Suhrkamp, S. 101-148
- 1981 Abhängiger Kapitalismus oder bürokratische Entwicklungsgesellschaft. Versuch über den Staat in der Dritten Welt. Frankfurt/M., Campus
- 1982: Die Überwindung von Unterentwicklung durch Massenproduktion für Massenbedarf - Weiterentwicklung eines Ansatzes, in: Dieter Nohlen, Franz Nuscheler (Hg.): Handbuch der Dritten Welt (1). Hamburg, Hoffmann & Campe, S. 152-182
- 1995: Third World Development State in Crisis and the Crisis of Mainstream Development Theory, in: Journal of Social Studies, 70, S. 1-41
- 1996: Myths of Globalisation and Necessity of Development Politics, in: International Studies, 33,3, S. 255-272
- 1997: Politökonomie der Rente als Herausforderung des Kapitalismus in seiner Genese und in seiner möglichen Transformation, in: Andreas Boeckh, Peter Pawelka (Hg.): Staat, Markt und Rente in der Internationalen Politik. Opladen, Westdeutscher Verlag, S. 64-93
- 1998: Entwicklung ist machbar. Die Schaffung von Arbeitsplätzen durch zeitweilige Subventionierung, in: E+Z 39.1998:8, S. 208-211
- 1999: Globalisierung intensivieren statt abblocken, in: Journal für Entwicklungspolitik, 15,4, S. 425-436
- 2000: Einbettende Strukturen oder steigende Masseneinkommen als Ursache von Wachstum durch Marktwirtschaft, in: Roland Czada, Susanne Lütz (Hg.): Die politische Konstitution von Märkten.
Opladen, Westdeutscher Verlag (im Erscheinen)
Schriften über Hartmut Elsenhans
Fedor Böhmert (1999): Eine entwicklungstheoretische Diskussion des Ansatzes von Hartmut Elsenhans. Trier, Universität Trier (im Ersch.)
Wolfgang Hein (1985): Staatsklasse, Umverteilung und die Überwindung von Unterentwicklung. Polemische Anmerkungen zum Ansatz von Hartmut Elsenhans, in: Peripherie, 18/19, S. 172-185
Dr. Harald Fuhr ist Professor für Internationale Politik an der Universität Potsdam und z. Zt. als Research Fellow in der Abteilung für Poverty Reduction and Economic Management (LAC-PREM) der Weltbank in Washington (DC) tätig.

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