E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 7/8, Juli/August 2000, S. 218 - 219)


EXPO 2000: Die „Weltweiten Projekte“

Dorothee Aehling


Die Idee, auf der Weltausstellung Projekte aus aller Welt vorzustellen, entstand im Anschluss an die Rio-Konferenz 1992, auf Anregung des International Advisory Board der EXPO 2000. Eine neue Art von Weltausstellung sollte sich nicht auf die Präsentation von Weltneuheiten aus Industrieländern beschränken. Unter dem Leitgedanken der Agenda 21 zeigt die EXPO Beispiele für nachhaltige Zukunftsstrategien technischer, sozialer und wirtschaftlicher Art aus allen Kontinenten.



Die „Weltweiten Projekte“ sind, zusammen mit den „Global Dialogues“, jener Bestandteil des EXPO-Programms, der die globalen Entwicklungsbemühungen in Industrie- und Entwicklungsländern und die internationale Entwicklungszusammenarbeit vorstellt. Insbesondere soll hier der Arbeit von Selbsthilfegruppen, privaten Initiativen und Nichtregierungsorganisationen ein Forum geboten werden; präsentiert werden aber auch Projekte der nationalen und übernationalen Entwicklungsorganisationen. Insgesamt wurden von einer internationalen Jury 487 Projekte aus 123 Ländern ausgewählt. Die Hälfte davon ist in unterschiedlicher Form auf dem Gelände der EXPO selbst erlebbar. Damit wird die EXPO 2000 zur ersten wirklichen „Welt“-Ausstellung.


Die Auswahl der Projekte

Das Bewerbungs- und Auswahlverfahren erstreckte sich über einen Zeitraum von mehr als 2 Jahren. Der Veranstalter, die EXPO 2000 Hannover GmbH, unterstützt durch internationale Netzwerke und Institutionen und durch die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), warb intensiv für die Idee der Weltweiten Projekte und ihre Bedeutung als wichtiger Bestandteil der EXPO. Angesprochen wurden NROs, regionale Netzwerke, Forschungsinstitute, Regierungen, UN-Organisationen, die Weltbank und Projekte der Entwicklungszusammenarbeit. Bewerben konnten sich Projekte aus aller Welt direkt bei der EXPO, aber auch bei der GTZ (für Projekte aus Deutschland gab es ein separates Auswahlverfahren.) Aufgrund der weitreichenden Kontakte der GTZ in den Entwicklungsländern stammten zu Beginn des Auswahlverfahrens viele Bewerbungen aus Vorhaben, die durch deutsche Institutionen unterstützt werden. Insgesamt wurden mehr als 1200 Bewerbungen entsprechend den vom International Advisory Board der EXPO formulierten Kriterien inhaltlich und formal vorgeprüft und dann der internationalen Jury vorgelegt. Nach diesen Auswahlkriterien sollen die Weltweiten Projekte:

  • der Idee der Nachhaltigkeit im Rahmen der EXPO-Themen verpflichtet sein;
  • sich an den Erfordernissen der Zukunft orientieren;
  • in ihrer Umsetzung finanziell abgesichert und bis nach der EXPO aktiv sein;
  • technisch fundiert sein;
  • geographisch klar lokalisierbar sein.

Ein formalisiertes Projektdossier mit Angaben zur Entwicklung der Initiativen, ihrem jeweiligen Arbeitsstatus, der Größe der Zielgruppe sowie bisherigen Erfolgen und mittelfristigen Zukunftsperspektiven diente als Diskussions- und Entscheidungsgrundlage für die Jury. Bei etwa einem Drittel der den formalen Ansprüchen genügenden Vorschläge konnte die Jury erst nach Einholung zusätzlicher Informationen eine Entscheidung fällen.

Der Jury unter Vorsitz von Ricardo Diez Hochleitner, dem Präsidenten des Club of Rome, gehörten neun Mitglieder an, ausgewählt von der EXPO-Programmleitung; vertreten waren BMZ, NROs (zwei), UN, GEF (Global Environmental Facility), Wissenschaft und Wirtschaft. Die Jury war bestrebt, die Erfolge, Schwierigkeiten und Wirkungen der Projekte in ihrem jeweiligen nationalen Rahmen einzuschätzen. Dabei überwog das Bestreben, innovative Ansätze vorzustellen, gegenüber einer ursprünglich intendierten regionalen und auf EXPO-Themen bezogenen Balance. Selbsthilfeinitiativen mit beschränktem Aktionsradius (etwa die Unterstützung von Raika-Kamelnomaden in Indien) standen genauso zur Diskussion wie Regierungsprojekte mit umfangreicher staatlicher Finanzierung (etwa die Abwasserbehandlung in Ankara, Türkei).

Die ausgewählten Projekte dürfen das EXPO-Logo für ihre Zwecke nutzen. Viele Initiativen haben schon vor Beginn der Weltausstellung für sich geworben und Öffentlichkeit auch bei lokalen Medien schaffen können. Alle Projekte wurden Ende 1999 gebeten, ihren Projektstand zu bestätigen und die Aktualität der Information für die Darstellung auf der EXPO so weit wie möglich sicherzustellen.


Ergebnisse

Von den insgesamt 487 Vorhaben aus 123 Ländern befindet sich ein Viertel in Industrieländern. Schwerpunktländer sind Bolivien, Brasilien, Ecuador, Kolumbien, Mexiko; die USA; die Schweiz, Großbritannien; Kenia; Indien und die Philippinen. Für jedes dieser Länder gibt es zehn oder mehr Registrierungen. Unter Berücksichtigung des interdisziplinären Charakters vieler Ansätze ist der größte Teil der Weltweiten Projekte den EXPO-Themen Umwelt (137), Grundbedürfnisse (94) und Wissen (79) zuzuordnen. Durchschnittlich vertreten sind die Themenbereiche Gesundheit (79) und der Mensch (49), vergleichsweise weniger Bewerbungen und Akkreditierungen gab es in den Bereichen Arbeit (27), Ernährung (22), Energie (20) und Mobilität (4).

Zahlreiche der nicht ausgewählten Projekte, vor allem aus den Regionen Osteuropa und Zentralasien, haben interessante Ansätze präsentiert, waren aber in der Umsetzung und damit in ihrer Demonstrierbarkeit auf der EXPO noch nicht weit genug fortgeschritten. Auch andere wichtige Projekte, vor allem im Bereich der Politik und der Bewusstseinsbildung (z. B. Erarbeitung von Policy-Papieren), entsprachen nicht dem Kriterium der Darstellbarkeit auf der EXPO. Diese Initiativen zur Gestaltung einer aktiven Bürgergesellschaft und einer nachhaltigen Zukunft haben in den „Global Dialogues“ der EXPO ihren Platz.1

Die Auswahl der Projekte erhebt nicht den Anspruch, die weltweit innovativsten, zukunftsträchtigsten Vorhaben zu zeigen. Jedes einzelne bietet jedoch vorbildliche lokale Lösungsansätze, die von ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppierungen getragen werden und als praktische Beispiele den Weg zu einer nachhaltigen Entwicklung aufzeigen. Es wäre wünschenswert gewesen, wenn darunter Entwicklungsansätze aus dem industriellen und wirtschaftlichen Bereich (wie das Drei-Liter-Auto) zahlreicher vertreten wären. Hierzu mögen Defizite in der PR-Politik der EXPO wie auch die zum Teil überaus kritische Presse während der EXPO- Vorbereitungen beigetragen haben.


Wo sind die Projekte zu finden?

Insgesamt 270 der Weltweiten Projekte sind auf der EXPO in Hannover vertreten, 70% davon aus dem NRO-Bereich. Etwa 100 der ausgewählten Vorhaben präsentieren sich in einzelnen Nationenpavillons, mehr als 80 im Global House, ebenso viele in den Themenparks. Vertreter von über 100 Projekten nehmen an den zehn Global Dialogues teil. Im Eingangsbereich des Global House werden alle EXPO-Projekte elektronisch und in einer gedruckten, bebilderten Dokumentation2 vorgestellt; Ansprechpartner stehen dem Besucher für Gespräche zur Verfügung. Über den wöchentlich erscheinenden Newsletter sind die Projekte während der Dauer der EXPO auch im Internet präsent (http://www.expo2000.de). Der Newsletter kann auch über Fax bezogen werden. Die Website ist interaktiv und kann auch zur Verständigung der Projekte untereinander genutzt werden.


Ein Netzwerk auch
nach der EXPO

Schon während des Bewerbungs- und Auswahlprozesses gab es Überlegungen zu einer Weiterarbeit nach der EXPO. Ungeachtet der noch nicht gesicherten Finanzierung eines solchen Netzwerkes wurde vor kurzem der Verein „Global Partnership Hannover e. V.“ gegründet. Dieser Verein hat sich zur Aufgabe gemacht, den Austausch der Projekte untereinander zu fördern und vor allem die Ergebnisse der zehn Global Dialogues zu verbreiten. In diesem Netzwerk sollen auch diejenigen Initiativen berücksichtigt werden, die auf Grund ihrer jungen Projektgeschichte noch keine erkennbaren Ergebnisse aufwiesen und daher nicht als EXPO-Projekte ausgewählt wurden.

Die Vorbereitungsgruppe der EXPO 2005 in Aichi (Japan) hat Interesse an dem bisher einzigartigen Programm der Weltweiten Projekte signalisiert. Falls in Aichi ein ähnliches Programm realisiert wird, besteht die Hoffnung, dass der „Global Partnership Hannover e. V.“ einen Übergang zur nächsten Weltausstellung begleiten kann und die Erfahrungen für andere nutzbar gemacht werden.


Welche Impulse können die
Weltweiten Projekte geben?

Von dem jetzt bestehenden Kreis der akkreditierten Weltweiten EXPO-Projekte werden vermutlich keine unmittelbaren neuen Impulse für die Entwicklungszusammenarbeit ausgehen. Vielleicht aber können sie Anregungen für eine Verbesserung bestehender Entwicklungsansätze geben. In Verbindung mit den Ergebnissen der Global Dialogues sollten sich, so hoffen die Veranstalter, Lerneffekte in Nord und Süd für die Weiterentwicklung nachhaltiger Zukunftsstrategien ergeben.

Dazu Claudia Herlt-Wolff, Verteterin von VENRO in der internationalen Auswahljury für die Weltweiten Projekte: „Die EXPO 2000 mit ihrer globalen Auseinandersetzungen über politische, wirtschaftliche und soziale Zukunftsaspekte bietet einen guten Ausgangspunkt auch für die Erarbeitung der Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie für Deutschland. Sie kann über allgemeine Umweltaspekte hinaus im Hinblick auf ihre globalen Auswirkungen und Interdependenzen in Nord und Süd überprüft und weiterentwickelt werden“.


1) Vgl. Peter Conze: EXPO 2000 - Chance für die Entwicklungspolitik, in: E+Z 2000:4, S.114

2) Projects around the World of EXPO 2000 / Die Weltweiten Projekte der EXPO 2000. Hg.: EXPO 2000 Hannover, zu beziehen über EXPO 2000 Hannover, 30510 Hannover, 169,00 DM


Dorothee Aehling ist Gutachterin und war an der Aufbereitung der Projekte für die Jury beteiligt.



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