E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 8/9, August/September 2002,
S. 250-251)


Aus Erfahrung lernen
Befunde der Serienevaluierung "Erfolgsaussichten von Grundbildungsvorhaben"


Im Juli 2001 legte das Entwicklungsministerium die Ergebnisse einer umfassenden Eva-luierung von Grundbildungsvorhaben vor. Untersucht wurden Programme und Projekte in sieben Ländern (Kenia, Senegal, Ägypten, Jemen, Pakistan, Guatemala, Honduras). Das Gutachten kam zu dem Schluss, dass die deutsche EZ im Bereich Grundbildung "insgesamt gute Erfolge" vorzuweisen habe, dass aber die Erfolge größer sein könnten, wenn in Zukunft Inselprojekte vermieden und stattdessen systemische Verbesserungen angestrebt würden (Hauptgutachten zur Serienevaluierung "Erfolgsaussichten von Grundbildungs- vorhaben"). Autoren des Hauptgutachtens waren Prof. Dr. Erhard U. Heidt (Erziehungs-wissenschaftler mit Schwerpunkt interkulturelle Erziehung an der Universität Bielefeld) und Regina Müller (freie Gutachterin). Im Folgenden werden Auszüge aus der Zusammen- fassung des Gutachtens dokumentiert.



2.1. Wesentliche Empfehlungen der Gutachter

1. Der Grundbildung kommt eine Schlüsselposition im Bildungsbereich und für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung insgesamt zu, und die Ergebnisse dieser Evaluierung der deutschen EZ im Bereich Grundbildung bescheinigen ihr insgesamt gute Erfolge und angemessenes Vorgehen. Daher wird empfohlen, bei der Schwerpunktkonzentration der Länderprogrammierung den Grundbildungsbereich als Förderungspriorität beizubehalten ...

2. Das Sektorkonzept "Förderung der Grundbildung in Entwicklungsländern" von 1992 ... sollte überarbeitet ... werden. (Dabei sollten) stärker argumentativ herausgearbeitet werden ...
- die Grundbildung als Basisqualifikation,
- die Benachteiligung von Mädchen und Frauen,
- die Förderung armer bzw. benachteiligter Bevölkerungsgruppen.

3. Tendenzen der internationalen EZ aufgreifend, sollte die deutsche Seite erwägen, ... verstärkt die Möglichkeiten von Programm-, Sektor- und sektorübergreifenden Vorhaben bis hin zur direkten Budgetfinanzierung in ihre Planungen einzubeziehen.

4. Die Kooperation von TZ- und FZ-Vorhaben in einem Land sollte bereits im Planungsstadium aufeinander abgestimmt werden ...

5. Es wird empfohlen, die Kooperation von GTZ und/oder KfW mit anderen deutschen EZ-Institutionen ... systematisch auszubauen und zu verbessern.

6. Es wird empfohlen, die Kooperation mit anderen bi- und multilateralen Gebern systematisch auszubauen. ... (Es) wird dringend empfohlen, dass die deutsche Seite vor Ort eine aktivere Rolle spielt (und) sich aktiver am Sektordialog und der Geberkoordination (beteiligt).

7. ... Für das Ziel einer möglichst raschen und weiten Dissemination ist es wichtig, die Erfahrungen von Projekten möglichst schnell provinz- oder landesweit nutzbar zu machen bzw. die Projektaktivitäten auf die ganze Region auszudehnen. Projekte ... sollten ... möglichst früh - vor Ende der Laufzeit - in bestehende Strukturen des Partnerlandes integriert werden.

8. Es wird empfohlen, den programmatischen Akzent auf Qualität beizubehalten, da (zwar) in vielen Ländern ein Zuwachs der Einschulungsraten konstatiert werden kann, ... aber das, was gelernt wird, nicht der Herausbildung der notwendigen "life-skills" entspricht.

9. Es wird empfohlen, den Gender-Aspekt zielbetonter und systematischer ... zu verfolgen, um die Interessen und Belange von Mädchen und Frauen effektiver aufnehmen zu können. (Dazu werden u. a. genannt:) ... Berücksichtigung von Mädchen ... bereits bei der Planung ...; Frauenanteil bei der Fortbildung von administrativem Personal ...; Lebensbedingungen von Lehrerinnen ... entsprechend dem kulturellen Kontext ...

10. Der Aus- und Fortbildung von Fach- und Führungskräften in den Partnerländern ("capacity building") sollte nicht nur in den Planungspapieren, sondern auch in der Durchführung eine hohe Priorität eingeräumt werden. (Dies) betrifft im besonderen die Bereiche der Lehrerbildung, der Curriculumentwicklung, des Monitoring und der Administration.

11. Es wird empfohlen, die Dezentralisierung von Planungs-, Entscheidungs- und Durchführungszuständigkeiten (und damit die Partizipation ... von Zielgruppen, Mittlern etc.) auf allen Ebenen zu unterstützen, wobei der untersten Ebene, der Gemeinde, verstärkte Aufmerksamkeit zukommen sollte. ... Eine realitätsbezogene Elternbeteiligung sollte auch im Vorfeld mit der Elternschaft ausgehandelt werden. ...

12. Es wird eine verstärkte Förderung der Erwachsenen-Alphabetisierung empfohlen. ... (Es) wird empfohlen, die bisherige Ausrichtung auf eine funktionale Alphabetisierung beizubehalten und keine Projekte/Programme einer nicht an den Bedürfnissen der Zielgruppe orientierten breit angelegten Alphabetisierung zu unterstützen.

13. Es wird empfohlen, adverse Rahmenbedingungen in den Partnerländern bei der Planung stärker zu berücksichtigen. Das betrifft im Besonderen
- hemmende politische und administrative Strukturen,
- eine zu optimistische Einschätzung von Risiken,
- die Festlegung von unrealistisch kurzen Zeithorizonten ... und
- Probleme der Korruption.

14. Die Qualität der Datenerhebung und -verarbeitung im Partnerland, besonders auf Projektebene, sollte erheblich verbessert werden ...

15. Den deutschen Institutionen (BMZ, GTZ, KfW) wird empfohlen, eine gemeinsame verlässliche und übereinstimmende Dokumentationsbasis für alle staatlichen EZ-Vorhaben zu entwickeln und einzusetzen.


2.2. Wesentliche Feststellungen der Gutachter

(1)... Zur Analyse des Gesamtportfolios. Betrachtet man die Art der Vorhaben, dann lässt sich feststellen, dass im Bereich der FZ bereits vorwiegend übergreifende Vorhaben finanziert werden, während im TZ-Bereich die Finanzierung klassischer Einzelprojekte überwiegt. ... Im Bereich der formalen Kooperationen zeigt sich, dass (FZ und TZ) bei einem Drittel der Vorhaben miteinander kooperieren. In Bezug auf die Zusammenarbeit mit multilateralen Gebern und Geber-Gruppen hat die FZ einen höheren Prozentsatz aufzuweisen.

(Auch bei den) Tätigkeitsfelder(n) lässt sich ... eine unterschiedliche Schwerpunktsetzung zwischen TZ und FZ aufzeigen. (Die folgende Statistik in Prozent der Vorhaben; ein Vorhaben kann mehrere Schwerpunkte haben.) Für den FZ-Bereich sind dies:

    Baumaßnahmen: 92 %
    Ausstattung: über 50 %
    Lehrer-Aus- und Fortbildung: 22 %
Für den TZ-Bereich:
    Organisationsentwicklung: 68 %
    Lehrer-Aus- und Fortbildung: 67 %
    Entwicklung und Verteilung von Lehr- und Lernmaterialien: 47 %

(2) Zu den Rahmenbedingungen. Erhebliche Probleme für eine optimale Projektdurchführung entstehen durch zentralistische und bürokratische administrative Strukturen der staatlichen Bildungsverwaltung. ... Mängel auf der Ebene des Projektträgers zeigen sich ... vor allem im Bereich der Management- und Organisationsfähigkeit und der fachlichen Qualifikation. Dazu wirkt sich eine hohe Personalfluktuation ... hinderlich ... aus. ... Die Situation der Frauen und Mädchen (ist) generell schwach, sie werden ... strukturell benachteiligt.

(3) Zu den Projektzielen. ... In Bezug auf die Ziele des Partnerlandes werden Risiken oft zu optimistisch eingeschätzt. Das betrifft die Möglichkeit, Planungs- und Managementdefizite des Partners im Zuge der Projekte rasch zu beheben ... (Daraus resultiert) die Festlegung unrealistisch kurzer Zeithorizonte ... (Ferner) steht bei den Ergebnissen ... die Quantität eindeutig im Vordergrund, qualitative Fragen treten zurück ... Das zentrale Ziel der Armutsbekämpfung wird oft vorschnell und pauschal attestiert ...

(4) Zur Planung. Der zukünftige Stellenwert der Grundbildung ist in Frage gestellt durch die neue Länderschwerpunktsetzung im BMZ. Nach dem derzeitigen Stand der Planungen sind nur noch in 7 Ländern ... EZ-Vorhaben im Grundbildungsbereich vorgesehen, gegenüber 42 Ländern bisher. Dies entspricht nicht der politischen Prioritätensetzung des BMZ, nach der ... Grundbildung ein wesentliches Tätigkeitsfeld deutscher EZ ist.

Die Planung der Mehrzahl der Projekte (80 %) wurde als insgesamt angemessen, zufriedenstellend und realistisch beurteilt.

Bezüglich der ... Partizipation von Zielgruppen besteht noch Verbesserungsbedarf ... Partizipation (wird) oft im Sinne von Arbeitsleistungen beim Bau und der Rehabilitation von Schulen ... verstanden. Der Begriff ... beinhaltet jedoch in erster Linie ein Mitspracherecht ...

Geberkoordination ... In drei der sieben Länder gibt es keine zwischen den Gebern abgestimmte Sektorstrategie.

Wichtig ... sind eine realistische Einschätzung der Trägerinstitutionen, die Einplanung einer Orientierungsphase bei Projekten mit unklaren Startbedingungen, ausreichende Zeit für eine partizipative Durchführung ... Hinsichtlich des Partnerpersonals geht es um häufigen Personalwechsel, Rekrutierung nach nicht leistungsbezogenen Kriterien und Personalengpässe. ...

(5) Zur Durchführung. Der Durchführung wird in allen Projekten durchgehend ein gutes Urteil ausgestellt. ... Defizite auf der Partnerseite ...: die häufig nicht unproblematische Zusammenarbeit mit staatlichen Institutionen ...

(7) Zur entwicklungspolitischen Wirksamkeit. Generell hat eine allgemeine Grundbildung positive Wirkungen auf die wirtschaftliche und gesamtgesellschaftliche Entwicklung und trägt zur Armutsminderung bei ... Soziale und soziokulturelle Wirkungen gibt es auf verschiedenen Ebenen. ... (In Lateinamerika) wird der Beitrag der Grundbildung zur Demokratisierung der Gesellschaft und zum Abbau der ausgeprägten sozialen Ungleichheiten hervorgehoben.

Die Kooperation von FZ- und TZ-Projekten hat vielfältige Synergieeffekte und ist fast unabdingbar, wenn eine größere Breitenwirkung erzielt werden soll. ... Die Qualität der Kooperation mehrerer TZ- und FZ-Projekte in einem Land steigt sehr wahrscheinlich, wenn sie zu einem Programm vereint sind. ... Die Kombination von Regierungsberatung mit einem Regionalprojekt macht erstere dadurch glaubwürdig, dass sie sich auf die Ergebnisse des Regionalprojekts beziehen kann.


Text der Kurzfassung des Hauptgutachtens:
www.bmz.de/themen/erfolgskontrolle/fachinfo_zep/sektorevaluierungen/EvalBericht69/index.html



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