E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 8/9, August/September 2002,
S. 246-248)

Bildung für Alle bis 2015?
Die UNESCO und der Aktionsplan von Dakar
Andreas Baaden

Dass der Anteil der Erwachsenen, die lesen und schreiben können, zwischen 1970 und 1999 von 46 auf 75 Prozent gestiegen ist, ist sicherlich ein beträchtlicher Erfolg - aber noch immer sind weltweit fast 900 Millionen Menschen Analphabeten, und mehr als 100 Millionen Kinder haben keine Chance zum Schulbesuch. "Bildung für Alle" war als Ziel von der "World Conference on Education for All" 1990 in Jomtien verkündet worden. Das Ziel wurde nicht erreicht, die Nachfolgekonferenz, zehn Jahre später in Dakar, musste es erneut proklamieren. Andreas Baaden schildert, welche Anstrengungen die UNESCO, im Verbund mit anderen nationalen und internationalen Organisationen, unternimmt, um mehr und bessere Grundbildung in die Welt zu bringen, und um diese mit dem Ziel der nachhaltigen Entwicklung zu verknüpfen.

Die Konferenz von Jomtien: Ziel 2000
Die Forderung "Bildung für Alle" stand im Mittelpunkt der Konferenz, die vom
5. bis 9. März 1990 in Jomtien (Thailand) stattfand. Verabschiedet wurden die "World Declaration on Education for All" und ein "Framework for Action". Wenige Monate zuvor hatte die UNESCO bei ihrer 25. Generalkonferenz einen Aktionsplan beschlossen, der "the eradication of illiteracy by the year 2000" vorsah; dieser Plan wurde in Jomtien bekräftigt, und der neue "Rahmenplan" schlug zur Erreichung des Ziels präzise Arbeitsphasen vor ("phasing of implementation for the 1990s"). Bis zum Jahr 2000 sollte es keine Analphabeten mehr geben.
Knapp zwei Jahre später, im Dezember 1991, veranstaltete die UNESCO in Paris das "International Consultative Forum on Education for All", das zu dem Ergebnis kam, entscheidend für die Erreichung des Ziels von Jomtien sei, dass jedes einzelne Land eine entsprechende Strategie verfolge. "Whether we succeed depends largely on further large-scale efforts by individual countries."

Die Konferenz von Dakar: Ziel 2015
Am Ende der Dekade hätte also das
Ziel erreicht sein sollen: Keine Analphabeten mehr. Auf dem World Education
Forum (Jomtien + 10), veranstaltet von UNESCO zusammen mit UNDP, UNFPA, UNICEF und Weltbank vom 26. bis 28. April 2000 in Dakar, wurde das Resümee gezogen: Ziel nicht erreicht. Zwar hatte sich der Prozentsatz der Erwachsenen, die lesen und schreiben können, von 46 Prozent 1970 auf 75 Prozent 1999
beträchtlich gesteigert, war die Zahl der Kinder, die die Schule besuchen, zwischen 1990 und 1998 von 599 auf 681 Millionen gestiegen. Aber immer noch sind weltweit 875 Millionen Erwachsene Analphabeten, und die Zahl der Kinder,
die keine Schule besuchen, beträgt 113 Millionen. Zwei Drittel davon sind Mädchen und Frauen.
Die Gründe für dieses Versagen der Weltgemeinschaft, Grundbildung und Alphabetisierung in den Entwicklungsländern entscheidend voranzubringen, wurden in Dakar deutlich: mangelnde Demokratisierung, schlechte Lehrerbildung, unprofessionelle Bildungspolitik und Bildungsverwaltung, Benachteiligung von Mädchen und Frauen, fehlende muttersprachliche Bildung, unzureichende Beteiligung der Bevölkerung und irrelevante Lerninhalte. Auch Verschuldungskrise und Korruption spielen dabei eine Rolle.
Angesichts dieser ernüchternden Bilanz erneuerte das Dakar-Forum das Ziel der Grundbildung für Alle, nun mit neuer Jahreszahl: Ein internationaler Aktionsplan1 ("Dakar Framework for Action:
Education for All - Meeting our Collective Commitments") verpflichtet die Regierungen, bis 2015 die Zahl der Analphabeten weltweit zu halbieren. In allen Staaten sollen Kinder die Möglichkeit erhalten,
zur Schule zu gehen. Die Chancengleichheit von Frauen und Mädchen in Grund- und weiterführender Bildung soll erreicht werden.
UN-Generalsekretär Kofi Annan appellierte an die Regierungen, verbindliche nationale Pläne zur Bildungsversorgung auszuarbeiten. Dies ist inzwischen vielerorts geschehen: Bis Ende 2001 hatten 41 Länder nationale Pläne aufgestellt, die mit EZ-Programmen und insbesondere mit den Aktionsplänen zur Armutsbekämpfung abgestimmt und in enger Kooperation mit zivilgesellschaftlichen Organisationen durchgeführt werden sollen. Ohne finanzielle und technische Unterstützung werden jedoch die meisten Entwicklungsländer ihre EFA-Pläne nicht realisieren können, beklagt die UNESCO.
Im Oktober 2001 hielt die Weltorganisation in ihrem jährlichen "Monitoring Report" zum Dakar-Plan fest: Bis 2015 werden jährlich 8 bis 15 Milliarden US-Dollar benötigt, um das Ziel zu erreichen. So immens diese Summe auch erscheinen mag - im Vergleich mit den Rüstungsetats einiger Länder sind es "Peanuts". Das Ziel ist also erreichbar. Die UNESCO fordert die Geberländer auf, diejenigen Staaten, die sich ernsthaft auf die Dakar-Ziele verpflichten, zu unterstützen.
Bis 2015 müssen Schulmöglichkeiten für 156 Millionen Kinder geschaffen werden, davon allein für 88 Millionen in Subsahara-Afrika, 40 Millionen in Südasien und 23 Millionen in den arabischen Staaten. Eine immense Anstrengung wird notwendig sein für die Region des südlichen Afrika, das seine Einschulungsrate im Vergleich zum letzten Jahrzehnt mehr als verdoppeln muss, will es das Ziel der Grundbildung für Alle bis 2015 erreichen. Einige Länder wie Angola, die Zentralafrikanische Republik, die Demokratische Republik Kongo, Lesotho, Liberia, Niger und Somalia müssen ihre Einschulungsraten sogar verzehnfachen.
Positive Beispiele sind Malawi, Mauretanien und Uganda, die sämtlich ihre Einschulungsraten im vergangenen Jahrzehnt verdoppelt haben. In Bezug auf
die angestrebte Chancengleichheit von Frauen und Mädchen stellt der Bericht
eine leichte Verbesserung der Situation fest, mit Ausnahme der Region Afrika
südlich der Sahara und einiger südasiatischer Länder.
Der UNESCO-Bericht merkt jedoch kritisch an, dass in vielen Ländern die Erhöhung der Einschulungszahlen zu Lasten der Qualität der Bildungsangebote geht. Des weiteren ist die Zahl der Kinder groß, die nach kurzer Zeit ihre Schulausbildung abbrechen und nur geringe Lese- und Schreibkenntnisse erwerben.
Um die Zahl der erwachsenen Analphabeten bis 2015 zu halbieren, müssten jährlich etwa 90 Millionen das Lesen und Schreiben erlernen. Auch hier haben einige Länder große Rückstände: Ägypten und Indien, so der Monitoring-Report, müssten ihre Erwachsenen-Alphabetisierungsrate im Vergleich zu den 90er Jahren verdoppeln, Bangladesch und Pakistan gar verdreifachen.
Die 2003 beginnende "International Literacy Decade" der Vereinten Nationen will die UNESCO gezielt nutzen, dem Dakar-Prozess weltweit eine größere Dynamik zu verleihen, insbesondere auch durch eine verstärkte Öffentlichkeitsarbeit.

Bildung im Rio-Prozess
Im Vorfeld der Konferenz von Johannesburg im September 2002 (World
Summit on Sustainable Development, WSSD) weist die UNESCO nun darauf hin, dass auch die Erreichung der Ziele der vor zehn Jahren in Rio beschlossenen Agenda 21 in entscheidendem Maße von Bildung abhängt. Umweltbewusstsein, soziales Verantwortungsgefühl, Verständnis für kulturelle Vielfalt - diese Eigenschaften des Menschen werden vornehmlich durch die Erziehung in Familie, Schule und sozialem Umfeld angelegt. Der Delors-Bericht2 von 1997 nannte für eine volle Entfaltung des Potenzials des Menschen vier Dimensionen von Grundbildung:
- Lernen, Wissen zu erwerben;
- Lernen, zu handeln;
- Lernen, mit anderen zu leben;
- Lernen für das Leben.
Bildung und Erziehung sind deshalb Schlüsselfaktoren für nachhaltige Entwicklung.
Die UNESCO hat die Rolle des Task Managers für die Umsetzung des Kapitels 36 der Agenda 21 (Bildung und Ausbildung) übernommen. Bislang ist jedoch die zentrale Rolle der Bildung für nachhaltige Entwicklung (Education für Sustainable Development, ESD) im Rio-Prozess nicht ausreichend wahrgenommen worden.
Die UNESCO hat deshalb am 25. März 2002 anlässlich des 3. Treffens des
WSSD-Vorbereitungskomitees in New York den Entwurf eines Positionspapiers "Enhancing Global Sustainability" vorgelegt, das in die Diskussionen des Weltgipfels einbezogen werden soll. Darin werden die sechs Ziele des Aktionsplans "Grundbildung für Alle" in den Mittelpunkt gestellt, auf die sich die internationale Gemeinschaft beim Weltbildungsforum in Dakar 2000 verbindlich festgelegt hat. Diese Zielvorgaben müssen die Grundlage auch der ESD-Strategie sein (s. Box rechts oben).
Die Dakar-Ziele wurden mittlerweile mehrfach bekräftigt, so durch Beschluss von 147 Regierungschefs beim UN-Millenniumgipfel und - anlässlich des zweiten Jahrestages der Dakar-Erklärung - am 26. April 2002 in einer gemeinsamen Erklärung von UNESCO, UNDP, UNFPA, UNICEF und Weltbank: "Closing the Gaps to Achieve Education for All".
Die UNESCO fordert eine Neue Allianz zwischen Regierungen, internationalen Organisationen, Nichtregierungsorganisationen, Bildungsfachleuten und dem Privatsektor, die die Zielvorgaben des
Kapitels 36 der Agenda 21 entschiedener als bisher verfolgen soll. Um die Finanzierung sicherzustellen, schlägt die UNESCO die Einrichtung eines internationalen Fonds für Projekte zur Bildung für nachhaltige Entwicklung vor, die auf kommunaler und regionaler Ebene angesiedelt sein müssen. Ziel ist die grundlegende Neuorientierung der formalen Bildung auf die nachhaltige Entwicklung. Dabei sind die weltweit 60 Millionen Lehrer von besonderer Bedeutung: Sie sollen durch eine Reform der Lehrerbildung zu Schlüsselfiguren des Wandels werden.
Der Austausch zwischen Akteuren vor Ort kann dem ESD-Prozess zusätzliche Impulse verleihen. Zur Vernetzung von lokalen Initiativen regt die UNESCO die Errichtung einer Datenbank und Kommunikationsplattform an, zu der die Bevölkerung direkten Zugang erhält. Schwerpunkt sind Staaten mit besonders hoher Bevölkerungsdichte.
Von großer Bedeutung für eine weltweite nachhaltige Entwicklung ist auch die Sicherung lokaler Wissenssysteme und der kulturellen Vielfalt. Kulturelle Verarmung bedeutet zugleich auch ökonomische Chancenlosigkeit. Die Globalisierung bedroht die kulturelle Vielfalt und führt zum Verlust überlieferten Wissens, das in Entwicklungsländern von hoher Bedeutung für nachhaltige Wirtschaftsweisen ist. Die UNESCO hat deshalb im Oktober 2001 die "Allgemeine Erklärung zur kulturellen Vielfalt" verabschiedet3. Sie
fordert, diese Erklärung als grundlegendes Dokument zur nachhaltigen Entwicklung einzuführen und damit die Kultur als vollwertigen Faktor für Entwicklung zu akzeptieren.
Ziele des Aktionsplans "Grundbildung für Alle"
1. Ausweitung und Verbesserung der frühkindlichen Betreuung und Erziehung, insbesondere für gefährdete und benachteiligte Kleinkinder.
2. Einführung der kostenfreien Grundschulpflicht bis 2015 und Sicherung von Lernmöglichkeiten für Mädchen, für Kinder in gefährdeten Lebenslagen und Angehörige ethnischer Minderheiten.
3. Absicherung der Lernbedürfnisse von Jugendlichen durch Zugang zu Lernangeboten und Training von Basisqualifikationen ("life skills").
4. Sicherung eines angemessenen Grundbildungsniveaus bis 2015 für mindestens 440 Millionen, das heißt für
etwa die Hälfte der erwachsenen Analphabeten, sowie Verbesserung der Lern- und Fortbildungsangebote für Erwachsene, mit dem Schwerpunkt bei Lernchancen für Frauen.
5. Überwindung der Bildungsverweigerung für Mädchen in Grund- und Sekundarstufe bis 2005, Ausgleich der Geschlechterdisparitäten im Bildungswesen insgesamt bis 2015.
6. Bekräftigung von Qualität als Priorität bei allen Bildungsanstrengungen: Nur relevante Lerninhalte und kulturell wirksame Lernmethoden in der Grundbildung führen auch zu spürbaren und nachweisbaren Lernergebnissen sowohl im Bereich der Basisqualifikationen als auch im Lesen, Schreiben und Rechnen.
1) www.unesco.org/education/efa
2) Lernfähigkeit - unser verborgener Reichtum. UNESCO-Bericht zur Bildung für das 21. Jahrhundert. Berlin 1997
3) www.unesco.de/pdf /deklaration_kulturelle_vielfalt.pdf
Andreas Baaden ist Bildungsreferent der Deutschen UNESCO-Kommission in Bonn.
baaden@unesco.de

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