Der Beschluss der G 8 zur verstärkten Förderung der Grundbildung weckt Hoffnung, wie auch die Tatsache, dass nicht mehr von Privatisierung, sondern von nationalen Sektor-plänen die Rede ist. Aber Skepsis ist angebracht, ob nun auch die Finanzierung folgen wird. Der Heidelberger Erziehungswissenschaftler Volker Lenhart beobachtet seit vielen Jahren die Bildungsförderung in Entwicklungsländern und wirkt aktiv dabei mit.
Die Ankündigung verstärkter Hilfe für Afrika hat für die internationale Öffentlichkeit weitgehend verdeckt, dass die Staats- und Regierungschefs der Gruppe der Acht (G 8) auf ihrem Gipfel im kanadischen Kananaskis auch eine Absichtserklärung zur Förderung der "Bildung für Alle", insbesondere einer qualitätvollen Grundschulbildung von mindestens fünf Jahren, abgegeben haben. Der von einer Expertengruppe erarbeitete Text stützt sich auf die beim Weltbildungsforum in Dakar beschlossenen Zielvorgaben und auf die Ergebnisse der quantitativen Simulationsstudie, die die Weltbank im April 2002 bezüglich der Erreichung flächendeckender Grundbildung für 47 Niedrigeinkommens-Länder vorgelegt hat.
Sehr zu begrüßen ist, dass sich die Spitzen der wichtigsten Industrieländer darauf festlegen, sowohl in ihren bilateralen Entwicklungsagenturen die Mittel für Grundbildung deutlich zu steigern als auch in den Leitungsgremien internationaler Finanzierungsorganisationen, insbesondere der Weltbank, auf eine Mittelanhebung für den Sektor zu drängen.
Des Bedarfs sind sie sich dabei bewusst. Die Weltbank schätzt, dass mindestens
3 Mrd. US$ jährlich von der G 8 und den übrigen Industrieländern für die nächste Dekade aufgebracht werden müssen, damit in den Niedrigeinkommens-Ländern wirklich kein Kind von Primarbildung ausgeschlossen bleibt. Die Finanzierungskonferenz in Monterrey 2002 ging für die Grundbildung aller Entwicklungsländer sogar von 12 Mrd. jährlich aus. Mit diesen Beträgen lässt sich nur dann die erhoffte Wirkung erzielen, wenn zugleich die Entwicklungsländer erhebliche Eigenanstrengungen unternehmen. Dadurch, dass internationale Hilfe für ein Land gekoppelt wird an das Vorhandensein einer ausformulierten Strategie der Armutsbekämpfung sowie eines nationalen Plans für den Bildungssektor und dessen effiziente Durchführung, stärkt die G 8 den nationalen Bildungsverantwortlichen beim gesellschaftsinternen Kampf um Ressourcen den Rücken.
Ambivalent freilich ist, dass die G 8 mit der Koppelung sich ausdrücklich an die "Schnellspur-Strategie" der Weltbank anschließt. Die hat eine Liste von 18 Ländern (darunter ein europäisches: Albanien) vorgelegt, die die Bedingungen für die Hilfe am besten erfüllen und deswegen auf eine Schnellspur zur Erreichung dauerhafter Grundbildung für alle gesetzt werden können. Von Unterstützung der nicht zu dieser Gruppe gehörenden Entwicklungsländer und auch von Nothilfe beim Wiederaufbau kriegszerstörter Bildungssysteme ist zwar die Rede, aber sie sind doch dem als erster Schritt bezeichneten Schnellspur-Vorgehen deutlich nachgeordnet. Die ärmsten der armen potentiellen Schüler/innen in Ländern ohne demokratische Regierung, ohne Prioritätensetzung für den Bildungssektor und ohne Planungs- und Administrationskapazität werden de facto nicht mit Mitteln bedacht.
Erfreulich ist, dass die G 8 sich einem bei der Weltbank vollzogenen stillschweigenden Paradigmenwechsel anschließt. Die Finanzorganisation war für ihre Privatisierungsansätze bekannt, die freilich im Bereich der Sekundar-, Tertiär- und Berufsbildung stärker ausgeprägt waren als bei der Primarbildung. Jetzt wird nationalen Sektorplänen das Wort geredet, die mit feinmaschigem Controlling umgesetzt werden sollen. Darüber hinaus spricht sich die G 8 für die Erstellung eines "qualitätvollen, unabhängigen, jährlichen Monitoringberichts" über die Durchführung der Bildung-für-Alle-Maßnahmen aus. Die Weltbank und das Statistische Büro der UNESCO sollen zusammenarbeiten und nationale Bildungsverwaltungen dabei unterstützen, zuverlässige Systeme der Bildungsstatistik einschließlich der Dokumentation der Bildungsfinanzierung aufzubauen.
Wenn die Zustimmung des Bundeskanzlers ernst gemeint ist, dann muss die Erklärung der G 8 für die deutsche Entwicklungszusammenarbeit ein deutliches Wiederaufstocken der Mittel für Bildung insgesamt und für Grundbildung insbesondere im Haushalt des BMZ zur Folge haben. Zur Zeit kommt die Bundesrepublik auf einen Bildungsanteil von etwa
19 % an den bilateralen Entwicklungshilfeleistungen. 1995 waren es noch 48,9 %, aber seit 1996 gab es einen kontinuierlichen Abstieg. Der selbe absteigende Trend zeigt sich bei der Grundbildung, wo der insgesamt zur Verfügung stehende Betrag (laut BMZ-Statistik) von 383,20 Mio. DM (1995) auf 66,30 Mio. DM (2000) sank. Die großen Organisationen der FZ und TZ, die über Jahrzehnte hinweg ihre Kapazitäten für Zusammenarbeit in der Grundbildung systematisch aufgebaut haben, mussten diese inzwischen stark reduzieren. Der deutsche Anteil am G-8-Versprechen kann nur bei einer Umkehrung dieses Trends erbracht werden.
Prof. Dr. Volker Lenhart lehrt Erziehungswissenschaft an der Universität Heidelberg.
lenhart@ews.uni-heidelberg.de