E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 8, August 1998, S. 195)


Wider den Entwicklungspessimismus

Reinold E. Thiel

Was die drei Autoren des Schwerpunktthemas in diesem Heft gemeinsam haben, ist ihre Überzeugung, daß der „Washington Consensus“ überholt sei, jenes Konzept der Bretton-Woods-Organisationen, das Liberalisierung der Märkte, Privatisierung und makroökonomische Stabilität zu hinreichenden Voraussetzungen erklärte, um Wirtschaftswachstum und Wohlstand in der Dritten Welt herbeizuführen. Allerdings irrt Manfred Nitsch, wenn er meint, das neoliberale Paradigma sei zugleich mit der Ost-West-Konfrontation aufgegeben worden; im Gegenteil, erst 1990 wurde, bei einer Konferenz in der US-Hauptstadt, der Washington Consensus festgelegt, obwohl unter den Ökonomen sich damals schon Zweifel verbreiteten. Wissenschaftliche Einsichten sickern zu den Akteuren der Politik nur mit Zeitverzögerung durch.
Erst mit der asiatischen Finanzkrise begannen widerwillig auch die Politiker, das alte Modell in Frage zu stellen. Noch als Joseph Stiglitz, der Neo-Keynesianer auf dem Stuhl des Weltbank-Chefökonomen, bei Vorträgen im Oktober 1997 in Berlin (DSE) und kurz darauf in Helsinki vom „Post-Washington Consensus“ sprach, hatte er erhebliche Schwierigkeiten in der Weltbank und und war einige Wochen lang für Anfragen von außen nicht erreichbar. Das ist nun vorbei. Selbst hartleibige Neoliberale wie Norbert Walter plädieren heute für eine stärkere Regulierung der nationalen und internationalen Finanzmärkte.

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Aber die Einführung neuer Regeln für die Bankenaufsicht führt noch nicht zu Entwicklung. Wenn wir die Illusion aufgeben müssen, die Setzung bestimmter Rahmenbedingungen bringe quasi automatisch Wirtschaftswachstum und Wohlstand, dann müssen wir neu über die Instrumente nachdenken, die der Entwicklungspolitik zur Verfügung stehen. Das sind nicht notwendigerweise die der klassischen Entwicklungshilfepolitik.
Hartmut Elsenhans geht in seinem Beitrag aus von der Prämisse, daß Entwicklung beginnt mit der Schaffung von Arbeitsplätzen, und er beschreibt die wirtschaftspolitischen Mechanismen, die damit zusammenhängen: Arbeitsplätze werden geschaffen durch Investitionen, investiert wird, wenn für die Produkte ein Absatz erwartet werden kann, absetzen lassen sich Produkte, wenn die Nachfrage durch Kaufkraft gestützt wird, kaufkräftig ist, wer einen Arbeitsplatz hat. Das sieht aus wie ein geschlossener Kreis – wer neue, zusätzliche Arbeitsplätze schaffen will, muß nach Wegen suchen, ihn aufzubrechen.

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Dazu gibt es verschiedene Möglichkeiten. Eine davon ist eine Bodenreform, die aus Landarbeitern Eigentumsbauern macht: Während das Einkommen von Großgrundbesitzern eher zur Nachfrage nach importierten Luxusgütern führt, haben Kleinbauern einen Bedarf an Massenkonsumgütern und Arbeitsgeräten, zu deren Herstellung eine (arbeitsintensive) lokale Industrie aufgebaut werden kann.
Neue Arbeitsplätze können auch durch exportorientierte Industrieproduktion geschaffen werden. Die dazu erforderlichen niedrigen Kosten industrieller Arbeit, so argumentiert Elsenhans, werden ermöglicht durch begleitende bäuerliche Eigenproduktion, werden durch diese also subventioniert – eine Ausbeutung der Bauern, aber eine vorübergehende, ohne die eine Industrie nicht aufgebaut werden kann. Es sei denn, so setzt er sein Argument fort, die unumgängliche Subvention für die neue Industrie werde durch Entwicklungshilfe übernommen.
Daß asiatische Länder den Aufbau von Industrien durch „Ausbeutung“ ihrer Landwirtschaft subventionieren können, begründet Elsenhans damit, daß in diesen Ländern die Nahrungsmittelselbstversorgung gewährleistet sei; sie können deshalb ihre Währungen unbegrenzt abwerten und so ihre Lohnkosten (in Dollar gerechnet) niedrig halten. Die afrikanischen Länder, die Nahrungsmittel importieren müssen, können das nicht, weil Abwertung die Importe stark verteuern würde. (Andererseits kann aber auch, was Elsenhans nicht erwähnt, eine importverteuernde Abwertung die Nahrungsmittelproduktion stimulieren, wie vor einigen Jahren im CFA-Raum geschehen.)

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Entwicklung ist machbar, sagt Elsenhans. Seine Argumentation macht deutlich, welche wirtschaftspolitischen Maßnahmen zu Entwicklung führen könnten: Auch eine künstlich geschaffene Kaufkraft würde den Aufbau produktiver Unternehmen anregen, und in Afrika könnte eine ähnliche Auswirkung von der Steigerung der Agrarproduktion ausgehen. Das paßt gut zusammen mit den Überlegungen von Manfred Nitsch, dessen Grundargument lautet, daß Kapitalbesitzer dann investieren, wenn sie (subjektiv) sicher sind, eine Rendite zu erzielen. In einigen asiatischen Ländern, die in den letzten Jahren mit Kapital geradezu überschwemmt wurden, hat sich dieses subjekte Sicherheitsgefühl als trügerisch erwiesen, aber die afrikanischen Länder haben nur wenigen Investoren überhaupt je dieses Gefühl vermittelt. Wer also die Investitionen in Afrika beleben will, müßte (neben der oben erwähnten Förderung der Landwirtschaft) zunächst die dortigen Märkte analysieren und für zusätzliche Kaufkraft sorgen. Es ist die Nachfrage, die Investitionen schafft.

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Aber reicht das? Beide Autoren, Manfred Nitsch wie Hartmut Elsenhans, beschränken sich auf rein ökonomische Überlegungen, und Nitsch rechtfertigt das damit, daß Theoriebildung immer so verfahre, daß einige wesentliche Charakteristika des Untersuchungsgegenstandes hervorgehoben und andere weggelassen werden. Das ist richtig, macht die weggelassenen Faktoren aber nicht unwichtiger, wenn es darum geht, strategische Überlegungen anzustellen. Dann muß auch von Wissensvermittlung und Technologietransfer die Rede sein, dann muß auch von kulturellen Voraussetzungen der Entwicklung die Rede sein, und es muß neben ökonomischen auch andere Zielsetzungen geben, vor allem solche der Nachhaltigkeit.

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Das ist der Punkt, an dem Michael Bohnet ansetzt. Für ihn sind die Überlegungen der Theoretiker das Material, mit dem Politiker und Praktiker zu arbeiten haben. Wir werden in Kürze eine neue Regierung haben, auf die eine oder die andere Weise, und die neue Regierung wird nicht umhin können, eine neue Entwicklungspolitik zu definieren. Die alte ist überholungsbedürftig. Einige Überlegungen dazu, in denen er die Argumente der Theoretiker mit den Erfahrungen der Praktiker kombiniert, legt in seinem Beitrag zu diesem Heft Michael Bohnet vor.



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