Texte und Berichte - Entwicklungspolitik und Militär - Dokumente


Kurzbericht

Sarah Bindokat
Rapporteur, Deutschland

 

Das Entwicklungspolitische Forum der Internationalen Weiterbildung und Entwicklung gGmbH (InWEnt) veranstaltete am 14. und 15. September 2004 in Berlin im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) den Internationalen Politikdialog "Entwicklungspolitik und Militär". Geladen waren Experten aus dem zivilen und militärischen Bereich aus Nord und Süd. Ziel der Veranstaltung war es, zu diskutieren, welche Rolle die Entwicklungspolitik im Rahmen von Friedensmissionen bzw. in Post-Konflikt-Situationen spielen kann und wie sich der gegenseitige Umgang zwischen zivilen und militärischen Kräften in Einsatzgebieten gestaltet.

Der vorliegende Kurzbericht reflektiert die Hauptdiskussionspunkte der Konferenz. Beleuchtet werden 1) Eckpunkte der deutschen Entwicklungspolitik, 2) Erfahrungen bezüglich der Koordinierung von Friedensmissionen und deren Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen zivilen und militärischen Akteuren sowie 3) wichtige Aspekte hinsichtlich der Wiederaufbaubemühungen in krisenerfahrenen Ländern nach Konfliktbeilegung.

Eckpunkte deutscher Entwicklungspolitik: Mit dem Ziel, Frieden zu sichern, gewaltsamen Konflikten vorzubeugen und ein Wiederaufflammen von Konflikten zu verhindern, haben sich in der deutschen Debatte Prämissen herausgebildet, die bei der Unterstützung von krisengeschüttelten Ländern in der Post-Konfliktphase Berücksichtigung finden sollen. Kernpunkt deutscher Entwicklungspolitik ist dabei der Gedanke, hilfsbedürftige Länder nach der Beilegung eines Konfliktes durch unterstützende Maßnahmen dazu zu befähigen, Wiederaufbaumaßnahmen gemeinsam anzugehen und in die Eigenständigkeit zurück zu führen. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, legt das BMZ Wert auf Armutsbekämpfung, "ownership", "institution building" und gute Regierungsführung sowie Partizipation der lokalen Bevölkerung und Nachhaltigkeit. Doch wer übernimmt welche Aufgaben bei der Unterstützung in der Übergansphase von Frieden zu nachhaltiger Entwicklung? Müssen zivile und militärische Akteure zusammenarbeiten und wird dabei ein arbeitsteiliges Vorgehen als sinnvoll erachtet? Dies waren mitunter Fragen, die die Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Tagung vor dem Hintergrund ihrer praktischen Arbeitserfahrungen erörterten.

Koordinierung von Friedensmissionen und das Verhältnis zwischen zivilen und militärischen Akteuren: Bei der Klärung der Frage, wie es um das Verhältnis und die Zusammenarbeit von zivilen und militärischen Akteuren im Einsatzgebiet bestellt ist, lohnt sich der Blick von der Mirko- auf die Makroebene, also auf die Ebene der nationalen Regierungen oder multilateralen Organisationen, die sich in den von Konflikten gezeichneten Ländern engagieren. Die Teilnehmer betonten, dass sich auf nationalstaatlicher Ebene einzelne Ressorts oftmals im Wettbewerb um finanzielle Zuwendungen aus dem Haushalt befänden und dass der entwicklungspolitische Bereich in der Regel mit einem deutlich geringeren Budget ausgestattet sei als der sicherheitspolitische. Dieser Unterschied komme insbesondere dann zum Tragen, wenn es um die Finanzierung und Umsetzung von Friedensmissionen gehe, bei denen die Expertise und das Engagement von Vertretern aller außenwirksamen Politikfelder (Außen-, Verteidigungs- und Entwicklungspolitik) gefragt ist, der entwicklungspolitische Bereich sich jedoch nicht als gleichberechtigt neben den anderen Politikfeldern wiederfindet. Dieses Ungleichgewicht gelte es zu beseitigen, um alle Phasen von Friedensmissionen - vom militärischen Einsatz bis zur Entwicklungszusammenarbeit - effektiv und mit Aussicht auf Erfolg planen zu können.

Die Beteiligung aller außenwirksamen Politikfelder an der Planungsphase und darüber hinaus könne auch dazu beitragen, Synergien zu schaffen und dem während der Tagung beanstandeten Mangel an Kommunikation, Koordination und gegenseitiger Abstimmung entgegenwirken. Somit werde die Möglichkeit befördert, einen länderspezifischen, auf die Bedürfnisse des jeweiligen Landes zugeschnittenen und effektiv abgestimmten Ansatz zur Bewerkstelligung von Friedensmissionen in die Wege zu leiten. Als positives Beispiel für einen koordinierten und integrierten Ansatz werteten die Teilnehmenden die Entwicklungen innerhalb der Europäischen Union (EU). Dort wurde im Rahmen des CIMCO-Konzeptes (Civil-Military-Coordination) eine zivil-militärische Zelle zur Notfallplanung eingerichtet. Weitere Überlegungen betreffen den möglichen Aufbau eines zivil-militärischen Operationszentrums und die Schaffung eines gemeinsamen Außenministerpostens. Je klarer und integrativer die Planungsprozesse auf der nationalen Ebene verlaufen, desto größer sei die Wahrscheinlichkeit, dass sich dieser integrative Planungsprozess auch auf der supranationalen Ebene als erfolgreiches Instrumentarium beweise. Wenn sich sowohl auf der nationalen als auch auf der supranationalen Ebene eine Tradition der Kommunikation und Koordination etabliere, werde sich ein derartiges Vorgehen auch im Umgang der zivilen mit den militärischen Akteuren im Einsatzgebiet widerspiegeln ("spill over effect").

Ein verstärkter Austausch und ein Aufeinanderzugehen des zivilen und militärischen Personals vor Ort wurde mehrheitlich seitens der Teilnehmenden befürwortet. Das könne dazu beitragen, ein besseres Verständnis für die Fähigkeiten und Kapazitäten des anderen zu entwickeln und auf dieser Basis ein kohärentes und komplementäres Vorgehen ermöglichen. Auf einer derartigen Grundlage könne der Duplizierung von Anstrengungen vorgebeugt und zu einer effektiveren Nutzung der Ressourcen beigetragen werden, was letztlich auch dem Wiederaufbau des Landes zugute käme. Als beispielhaft für einen integrierten Ansatz wurden die britischen und deutschen PRTs (Provincial Reconstruction Teams) in Afghanistan genannt. Allerdings gaben einige Teilnehmende zu bedenken, dass die unterschiedlichen PRT-Konzepte (wie die der U.S.A., Großbritanniens und Deutschlands), die in Afghanistan zur Anwendung kommen, einem einheitlichen Staatsaufbau im Wege stehen könnten, so dass in diesem Bereich durchaus ein größeres Maß an Koordinierung förderlich sei. Obwohl mehrheitlich ein integrativer Ansatz befürwortet wurde, sollten für bestimmte Kernkompetenzen klare Zuständigkeiten bestehen; z.B. sollten Entwaffnungsmaßnahmen von den Militärs, der Aufbau von Kindergärten hingegen durch zivile Akteure geleistet werden.

Voraussetzung für ein kooperatives und koordiniertes Vorgehen sei jedoch das Vorhandensein des politischen Willens bei allen beteiligten Parteien. Um ein Land nachhaltig zu befrieden, bedürfe es der Berücksichtigung weiterer Implikationen auf der Seite der Hilfeleistenden: 1) Analyse der jeweiligen Umstände vor Ort, um einen bedarfsorientierten Handlungsplan zu erstellen; 2) das Zurückstellen möglicher politischer, strategischer oder taktischer Eigeninteressen und 3) damit einhergehend die Bereitschaft Macht zu teilen, eng mit regionalen Organisationen zusammenzuarbeiten und die Bevölkerung vor Ort partizipieren zu lassen, um das Entstehen von Abhängigkeiten zu vermeiden, "ownership" zu befördern und langfristig die Befähigung zur Souveränität zu begünstigen.

Wiederaufbaubemühungen: Neben den o.g. Implikationen maßen die Konferenzteilnehmer der Wiederbelebung der Wirtschaft, der Armutsbekämpfung und der Bereitstellung von sozialen Dienstleistungen große Bedeutung bei. Voraussetzung für die Umsetzung struktureller Prozesse nach der Beilegung eines Konfliktes sei es, die Entwaffnung, Demobilisierung und Wiedereingliederung der Ex-Kombattanten in die Gesellschaft zu bewerkstelligen, organisiertes Verbrechen und Korruption einzudämmen. Die Reform des Sicherheitssektors, der Aufbau von Institutionen, die Schaffung von Ausbildungs- und Arbeitsplätzen sowie Bemühungen zur Versöhnung seien darüber hinaus zu verfolgende Prioritäten in der Post-Konfliktphase, um der noch meist instabilen Lage vor Ort Pfeiler der Stabilisierung entgegen zu setzen. In diesem Kontext ist die frühzeitige Integration der lokalen Bevölkerung in den Wiederaufbau- und Arbeitsprozess von großer Bedeutung, um den Menschen Verantwortung, Autonomie und Würde zurückzugeben; wichtige Elemente im Sinne der Partizipation und des "ownership"-Gedankens.

Zudem empfahlen die Teilnehmenden, den Haushalt des jeweiligen Landes derart aufzuteilen, dass Maßnahmen zum wirtschaftlichen Aufbau und mit dem Ziel der sozialen Inklusion einen prominenten Stellenwert erhalten, um bereits mit der Gestaltung des Haushalts ein klares Signal von "Frieden und Stabilität" an die Bevölkerung zu senden. Entsprechend weniger prominent solle das Militär budgetiert werden, was den Gewohnheiten der Verantwortlichen mit großer Wahrscheinlichkeit widerspreche, zumal nach Beilegung eines Konfliktes das Militär oftmals auch in der Post-Konfliktphase mit umfangreichen finanziellen Mitteln ausgestattet werde. In diesem Zusammenhang solle darüber nachgedacht werden, ob das Setzen neuer Akzente dem Friedensprozess nicht förderlich sein könne.

Bei der Finanzierung von Projekten durch die Geber wurde darauf hingewiesen, verstärkt darauf zu achten, zu welchem Zeitpunkt wie viele Gelder über welchen Zeitraum in welche Projekte fließen. Die vorgestellten Forschungsergebnisse haben gezeigt, dass Geberländer und internationale Finanzinstitutionen besser daran täten, verstärkt in den Jahren 4-7 nach Beilegung der Kampfhandlungen zu investieren, anstatt hohe Summen direkt nach Ende des Konfliktes fließen zu lassen und dann zu schnell die Mittel wieder zu kürzen. Die Untersuchungen ergaben, dass Gelder vor Ort insbesondere dann benötigt werden, wenn Geberländer oder internationale Finanzinstitutionen in der Praxis die Mittel bereits wieder gekürzt und ihre Aufmerksamkeit auf andere Fragestellungen gerichtet hätten. Um Nachhaltigkeit zu erzielen und Frieden dauerhaft zu sichern, müsse die Bereitschaft vorhanden sein, auch langfristig finanzielle Unterstützung zu leisten.

Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen des Internationalen Politikdialogs "Entwicklungspolitik und Militär" stimmten mehrheitlich darin überein, dass die Hilfeleistenden integrativer, kommunikativer und koordinierter vorgehen sollten. Insbesondere in der Planungsphase von Friedensmissionen müssten sich alle betroffenen Ressorts gleichermassen in den inter-ministeriellen Dialog einbringen. Außerdem wurde der Wunsch geäußert, auf der nationalen Ebene die "Hürden zwischen den Ministerien einzureißen", um ein kohärentes Handeln zu ermöglichen; die Akteure sollten dazu ermutigt werden, auf allen Ebenen aufeinander zuzugehen. Vorrangiges Ziel des internationalen Engagements in den Ländern, die sich im Übergang von friedensschaffenden Maßnahmen zur nachhaltigen Entwicklung befinden, müsse es sein, bedarfsorientiert zu handeln und die Menschen vor Ort am Wiederaufbau partizipieren zu lassen, um sie so in die Eigenverantwortung zurück zu führen.

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Copyright © 2002, InWEnt, letzte Änderung: 8. Oktober 2004