Texte und Berichte - Entwicklungspolitk und Militär- Dokumente


Issues Note

Eckehard Fricke
Geschäftsführer
EIRENE Internationaler Christlicher Friedensdienst e.V.
Ziviler Friedensdienst (ZFD), Deutschland

 

Es ist schon eine nicht einfach zu bewältigende Aufgabe, bei Kriseneinsätzen die Aufgaben des Militärs und ziviler Akteure zu koordinieren. Daraus einen "kohärenten Ansatz" zu gestalten, wie es die diesem Panel zugrunde liegenden Fragen nahelegen, stößt auf noch größere Schwierigkeiten und auch Vorbehalte. Ich soll hier zivilgesellschaftliche Organisationen vertreten, die auch in vielfältiger Form ihren Beitrag zur Schaffung oder Erhaltung des Friedens leisten wollen und vielfach auch können. Angesichts der Vielgestaltigkeit der NRO-Landschaft erscheint das etwas vermessen. Aufgaben und Probleme sind deutlich unterschiedlich bei Organisationen, die in der humanitären Hilfe engagiert, in langfristig angelegter Entwicklungszusammenarbeit tätig sind oder sich die gewaltfreie Bearbeitung von Konflikten zum Ziel gesetzt haben. Ich werde mich deshalb konzentrieren auf die Organisationen, die im Programm Ziviler Friedensdienst (ZFD) engagiert sind.

Der ZFD wird seit 1999 gemeinsam vom BMZ und einer Reihe von Organisationen durchgeführt. Es handelt sich dabei - kurz gesagt - um die Bearbeitung von Konflikten im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit (EZ) durch die Vermittlung von Personal. Die Projekte fallen nicht in die Kategorie der Humanitären Hilfe, sondern sie sind langfristig angelegt und konzentrieren sich in der Hauptsache - entsprechend den Grundsätzen der EZ - auf die Unterstützung der Aktivitäten von - in der Regel ebenfalls nicht-staatlichen - Partnerorganisationen. Die durchführenden Organisationen sind neben dem Deutschen Entwicklungsdienst (DED) als staatlichem Personalvermittlungsdienst ausschließlich nicht-staatliche, kirchliche und private Organisationen. Die zur Verfügung stehenden Mittel stammen aus dem Haushalt des BMZ und sind bisher - angesichts der Aufgabe - mit jährlich 14 Mio Euro noch sehr bescheiden. Die Projekte konzentrieren sich regional in der Hauptsache auf Afrika sowie einige Länder in Lateinamerika und Asien. Es gab auch ein stärkeres Engagement auf dem Balkan.

Aus der Sicht der NRO - und darauf will ich mich hier beschränken - ist das Verhältnis zwischen den verschiedenen Akteuren wie internationalen Agenturen, nationalen und zivilgesellschaftlichen Organisationen unterschiedlicher Couleur und Militär nicht nur nicht spannungsfrei sondern vielfach auch ungeklärt. Festgestellt werden kann, dass es gibt kaum noch Berührungsängste zwischen NRO und Militärs, vor allem nicht vor Ort, gibt. Ein Dialog wird durchaus geführt. Wenn aber schon bei den Organisationen der bilateralen Zusammenarbeit Befürchtungen bestehen, vereinnahmt und instrumentalisiert zu werden, so gilt dies noch viel mehr für die zivilgesellschaflichen Organisationen. Angesichts der Größe der Organisationen und er zur Verfügung stehenden Mittel ist dies vielleicht auch nicht ganz verwunderlich.

Die bisher vorliegenden Erfahrungen zum Thema sind noch sporadisch und nicht systematisch erfasst oder analysiert. Im ZFD gibt es bisher kaum Projekte in akuten Spannungsgebieten. Hier engagieren sich meistens Organisationen der Humanitären Hilfe. Einige Thesen lassen sich trotzdem formulieren.

1. Es ist völlig selbstverständlich, dass in manchen Zonen, in denen es bereits zu kriegerischen Auseinandersetzungen gekommen war, u.U. nur die militärische Präsenz überhaupt erst eine Entwicklungsarbeit ermöglicht. Damit ist nicht der Schutz der Projekte oder des Personals gemeint. Es geht um die Sicherung der allgemeinen Rahmenbedingungen. Eine solche Situation finden wir vor allem dann vor, wenn in einem Land Regierung und Rebellen jeweils bestimmte Zonen kontrollieren und hoheitliche Rechte für sich reklamieren (Mosambik bis 1992). Wir finden sie auch vor, wenn internationale Einsätze einen Frieden erzwingen oder gewährleisten wollen (Kosovo 1999). Damit ist allerdings noch keine Aussage darüber getroffen, ob in diesen Fällen der militärische Einsatz auch eine sinnvolle Option gewesen ist. In der aktuellen Situation in Afghanistan oder Irak ist die Sicherheitskrise in dieser Form schließlich erst durch den vorhergehenden Militäreinsatz hergestellt worden. Es muss also jeder Einzelfall untersucht und beurteilt werden.

2. Der Einsatz militärischer Kräfte kann in manchen Fällen, wenn es um die Sicherung eines Waffenstillstandes oder die Gewährleistung der Sicherheit in Übergangssituationen geht, alternativlos sein. Die UN-Truppen in Mosambik ab Ende 1992 hätten beispielsweise nicht durch zivile Kräfte ersetzt werden können. Zivile Einsatzkräfte wären nicht in der Lage gewesen, wieder aufflammende bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen den Konfliktparteien wieder einzudämmen. Es wäre in diesem Falle allerdings erforderlich gewesen, dass das Militär tatsächlich die Sicherheit der Bevölkerung gewährleistet, also auch Polizeifunktionen übernommen hätte. So sind für die Zivilbevölkerung in dieser Übergangszeit erhebliche Risiken entstanden, denen sie schutzlos gegenüberstand. Solange die erforderlichen Polizeikräfte nicht in der notwendigen Zahl zur Verfügung stehen, müssen Militärkräfte für derartige Einsätze auch zusätzlich ausgebildet werden und andere Ausrüstung führen. In der Kooperation mit zivilen Kräften muss von vornherein klar sein, dass die politische Führung ziviler Natur ist und dass das Ziel des Einsatzes die Wiederherstellung normaler, also ziviler Lebensumstände ist. Kritisch angemerkt werden muss hier allerdings, dass die Politik wieder verstärkt die militärische Option als die primäre anzusehen scheint. Die Kapazitäten (und Ressourcen) sind höchst ungleich zwischen militärischen und zivilen Kräften verteilt.

3. Zivilgesellschaftliche Organisationen können sich den herrschenden Sicherheitsbedingungen in einem Land oder einer Zone gar nicht entziehen. Sie beanspruchen auch nicht, ohne Bezug zu den Kräften, die hoheitliche Aufgaben ausüben, ihre Programme durchzuführen. Dies ist auch in jeder anderen Situation, also ohne Krise und Militäreinsatz, eine Selbstverständlichkeit. In akuten Krisensituationen bedeutet dies, dass NRO sich bei den Sicherheitskräften über sicherheitsrelevante Fragen informieren und ggf. auch über solche Fragen austauschen (z.B. Friedensorganisationen und IFOR-Truppen im Kosovo), soweit dies nicht zu einer Gefährdung der Partnerorganisationen oder Zielgruppen führt oder die Unabhängigkeit der Organisation zur Durchführung ihrer Programme in Frage gestellt wird. Gemeinsam mit NRO konzipierte oder durchgeführte Einsätze werden aus einem Informationsaustausch allerdings noch nicht. Dies betrifft außerdem eigentlich nur Organisationen, die auch - aufgrund einer ausreichenden eigenen Mittelausstattung - tatsächlich über eine Unabhängigkeit gegenüber dem Staat verfügen.

Es gibt also in der Regel keine systematische Zusammenarbeit zwischen zivilgesellschaftlichen Organisationen und Militär. Für unabhängige zivilgesellschaftliche Organisationen kann es weder bei der einfachen Nutzung der Infrastruktur der Sicherheitskräfte (z.B. beim Transport), noch beim besonderen Schutz der Projekte oder des Personals durch das Militär (z.B. in den angestrebten PRT) oder gar in der konzeptionellen und ständigen operativen Abstimmung mit militärischen Stellen (also einer integrierten Planung) diese Form der systematischen Zusammenarbeit geben. Für NRO kann nur das "Distanzmodell" (Klingebiel/Roeder) gelten, wenn sie sich nicht selbst aufgeben, manchmal zusätzlich gefährden oder gegenüber ihren Zielgruppen sowie der Zivilbevölkerung im Allgemeinen diskreditieren wollen. Wir müssen zudem darauf bestehen, dass zivile Aufgaben auch von zivilem Personal bearbeitet werden. Den ständigen Ausbau militärischer Optionen (z.B. in der EU) bei gleichzeitigem Bedeutungsverlust ziviler Institutionen (z.B. der OSZE) betrachten wir als NRO mit Sorge.

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