Texte und Berichte - Entwicklungspolitk und Militär- Dokumente


Issues Note

Rainer Goerdeler
Unterabteilungsleiter
Asien, Südosteuropa und Afghanistan
Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)
Deutschland

 

Ich möchte, meine Damen und Herren, versuchen, mich wie Rory O'Sullivan im Rahmen der Zeit zu halten und eigentlich nur dort ergänzend etwas zu sagen, wo vielleicht Aspekte ein wenig zu kurz gekommen sein könnten. Ich möchte aber vorab betonen, dass ich anders als unsere Moderatorin oder Direktor Hasani oder Direktor O'Sullivan nicht das Privileg hatte, die Dinge aus nächster Nähe in der Region beobachten und steuern zu können und das ist ein Defizit, das ich gleich lieber klar zu Anfang zugebe. Ich bedauere auch, dass wir nicht von der militärischen Seite jemanden hier bei uns haben, der das beleuchten könnte, was vor allem Herr Sullivan schon deutlich als vor Ort allzu sichtbaren Koordinationsmangel bezeichnet hat. In etwas luziderer Form hatte auch Professor Woodward darauf schon hingewiesen.

Ich denke, wir wissen aus den täglichen Pressemeldungen, dass es natürlich auch heute noch auf dem Balkan in erheblichem Maße ethnische Spannungen, organisierte Kriminalität, wirtschaftliche Stagnation, Diskriminierung von Minderheiten gibt. Nach all dem was hier gesagt wurde über die enormen Ausgaben, die für militärische Zwecke und für Entwicklungszwecke in den letzten Jahren nach Südosteuropa geflossen sind und all den anderen kritischen Anmerkungen könnte man sich dann fragen, was hat der ganze Stabilitätspakt denn gebracht? Und lassen Sie mich vorwegnehmen und sagen: ich teile die Auffassung von Professor Woodward, dass Südosteuropa kaum Modellcharakter haben kann für andere Regionen dieser Welt. Das würde ich voll unterstreichen. Warum? Die internationale Gemeinschaft hat nach den fürchterlichen Zerstörungen während des Milosevic-Regimes auf dem Westbalkan mit dem Stabilitätspakt für Südosteuropa, der hier schon einige Male erwähnt wurde, versucht, wirklich eine neue Perspektive zu schaffen, aber - was mir wichtig erscheint - eine langfristige Perspektive. Nicht nur dass die Ära Milosevic immerhin zehn Jahre gedauert hat und dass nationalistische Strömungen Südosteuropa ungefähr zweihundert Jahre beherrscht haben.

Insofern kann man bei allem Verständnis für die weiterreichenden Forderungen, die Professor Woodward oder Direktor Hasani vorgetragen haben, die schlichten aktuellen Erwartungen der Menschen nach Arbeit, Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung voll verstehen. Und die internationale Gemeinschaft muss sich dem stellen. Sie hat das auch versucht in dieser ersten Wiederaufbauperiode. Gleichwohl liegt mir daran, zu betonen, dass der Stabilitätspakt vor allem intendiert war, langfristige Perspektiven zu eröffnen. Deswegen habe ich Ihnen auch die Zeiträume, die vor den jetzigen Bemühungen liegen, noch einmal ins Gedächtnis gerufen, um zu verdeutlichen, der Erwartungshorizont ist eben häufig viel kürzer, und anders, als sich das vielleicht auch Entwicklungspolitiker vorstellen. Und wir wissen das in Deutschland nur allzu gut. Nach unserer Wiedervereinigung begegnen wir durchaus verständlichen, psychologisch vergleichbaren Problemen.

Zum Stabilitätspakt:
Was sind die drei essentiellen Zielsetzungen gewesen, die - denke ich - auch noch heute gelten? Zum einen die Lernerfahrung aus dem - ich kann es nicht anders nennen - Desaster in Bosnien-Herzegowina, das heißt die klare Erkenntnis: Europa ist allein zu einer Lösung nicht fähig, weder sicherheits- noch entwicklungspolitisch, sondern eine Lösung ist nur möglich im Rahmen der transatlantischen Beziehungen. Ich komme darauf gleich noch mal zurück.

Zum zweiten hat allerdings dieser Stabilitätspakt, für den - wie ich denke, in aller Bescheidenheit sagen zu dürfen - hier auf deutscher Seite die Entwürfe konzipiert wurden, und der dann - und anders wäre das auch nicht gegangen - von der EU aufgenommen worden ist. Dies hat auch die zweite eigentlich entscheidende Perspektive gebracht für Südosteuropa, nämlich die Heranführung der Länder des Balkans an EU-Europa. "Balkan" sage ich mit etwas Zögern, "Südosteuropa" ist wahrscheinlich angebrachter, denn einige der dort lebenden Völkerschaften fühlen sich ja durchaus nicht als dem Balkan zugehörig.

Die dritte große Zielsetzung sind also die genannten transatlantischen Beziehungen, neben dem Heranführen an die EU und der regionalen Kooperation. Und das hat nun sehr viel zu tun mit der Grundvorstellung, dass es in Südosteuropa auch in Zukunft ein multi-ethnisches Nebeneinander geben sollte und nicht à la Woodrow Wilson wie nach dem ersten Weltkrieg ethnisch homogene Staaten nach großen Umsiedlungen. Also ein multi-ethnisches Nebeneinander, eine außerordentlich schwierige Forderung, ich glaube dessen waren sich alle Entwurfsverfasser des Stabilitätspaktes durchaus bewusst. Dies gilt auch für das Verständnis, weitere Kleinstaaterei, egal ob man das nun mit den Regionen Kosovo oder Montenegro, oder was immer Sie wollen, belegen will, wäre ökonomisch - jedenfalls nach Auffassung aller, die langfristigen Perspektiven entwickeln wollen - einfach ein ökonomischer Unsinn gewesen. Und deswegen also diese durchaus komplizierenden Ausgangsvorstellungen bei der Schaffung des Stabilitätspaktes.

Ich möchte ganz am Rande betonen, dass in der Tat, Frau Hartmann wies darauf hin, Deutschland - aber es gibt auch andere, wie Italien zum Beispiel - sehr erhebliche bilaterale Beiträge geleistet hat. Das deutsche Parlament allein hat sich damals zu einer Sonderhilfe in Höhe von 1,2 Milliarden DM entschlossen, und die EU - aber auch die Europäische Investitionsbank, was den Bereich der Infrastrukturfinanzierung angeht - hat ähnlich enorme Aufwendungen erbracht . Ich betone das deswegen, weil eben die Rolle Europas und die EU-Perspektive, bei aller Unfähigkeit seitens Europas allein eine militärische Stabilisierung oder Lösung herbeizuführen, zumindest auf der zivilen Seite versucht hat, seiner Verantwortung gerecht zu werden. Diese EU-Perspektive hat durchaus bemerkenswerte Erfolge zu verzeichnen. Das möchte ich betonen, damit nicht der Eindruck all des Kritischen, was hier gesagt worden ist, nun völlig die Oberhand gewinnt. Denn, wie Sie wissen, Slowenien - auch ein Teil der ehemaligen Föderativen Sozialistischen Republik Jugoslawien - ist immerhin heute bereits EU-Mitglied. Der weniger betroffene Ostbalkan hat mit dem Jahr 2007 klare Beitrittsperspektiven. Aber auch für Kroatien gilt es heute als wenig umstritten, dass es in absehbarer Zukunft EU-Mitglied werden kann. Also diese EU-Perspektive ist zum Teil dabei, Wirklichkeit zu werden. Wichtig ist das auch nach der politischen Erklärung von Thessaloniki im letzten Jahr, wo den übrigen fünf Ländern oder Gebieten, also Albanien, Bosnien-Herzegowina, Mazedonien und Serbien-Montenegro (inkl. des Kosovo), bescheinigt wurde, dass sie eine solche Perspektive auf längere Sicht haben.

Allen gegenteiligen Eindrücken zum Trotz bin ich davon überzeugt - und ich denke, ich stehe damit nicht ganz allein - dass in den letzten fünf Jahren erhebliche Fortschritte in wirtschaftlicher und politischer Richtung gemacht wurden. Dass andererseits die Sicherheitslage auf dem Balkan heute weiterhin eine NATO-Präsenz - insbesondere SFOR in Bosnien-Herzegowina und KFOR im Kosovo - zumindest auf Sicht noch erfordert, das ist - Direktor Hasani erwähnte die Märzereignisse dieses Jahres - eben doch evident. Wobei ich gleich hinzufüge, es mag durchaus damit zu tun haben - und mir sind Diskussionen zum Beispiel mit jungen Parlamentariern aus der Republica Serbska, also einer der Entitäten Bosnien-Herzegowinas, in Erinnerung, wo mit Recht gesagt wurde, solange es einen Hohen Repräsentanten gibt, der oberster Richter, oberster Gesetzgeber und oberste Regierungsinstanz ist, verstehen die Betroffenen eigentlich nicht, was Europa mit "Demokratie" meint. Ich denke, da ist etwas dran. Direktor Hasani hat in etwas höflicherer, verschleierter Form zum Kosovo ähnliches ausgesagt. Ich denke, das muss auch die internationale Gemeinschaft in Betracht ziehen und sich überlegen, wie sie weiter damit umgehen will.

Ich teile nicht ganz die kritische Auffassung von Professor Woodward zu Mazedonien, sondern möchte darauf hinweisen, dass immerhin nach der Umwandlung der NATO-Mission in eine reine EU-getragene militärische Mission, schon Ende vergangenen Jahres diese dann umgewandelt werden konnte in eine echte Polizeimission. Wir hoffen, dass das so weitergeht, aber ich denke, das ist ein Fingerzeig in die Richtung, in die wir uns bewegen sollten und müssen, um wenigstens einiges von dem, was an all den großen Ausgaben, die andere wie ich genannt haben, auch erfüllt wird. Dies soll letztlich zu einer friedlichen Entwicklung führen, von der alle profitieren.

Ich komme noch mal einen Moment zurück auf die beiden anderen Aspekte, nachdem ich jetzt relativ länger bei dem Aspekt Heranführen an die EU und inzwischen Erreichtes verweilt habe. Ich fasse mich da sehr kurz und sage regionale Kooperation bleibt weiter eine ganz entscheidend wichtige Aufgabe, wobei ich jetzt nur von der zivilen Seite sprechen. Als Beispiel möchte ich Ihnen nennen:: Es gibt inzwischen 27 abgeschlossene bilaterale Handelsabkommen in Südosteuropa. Ich denke das zeigt und ist auch sehr bewusst gefördert worden, unter anderem von der Osteuropabank in London, wohin die Reise gehen muß. Ferner ist ein gemeinsamer Energiemarkt im Entstehen. Und ich denke, diese Beispiele mögen genügen, um Ihnen zu zeigen , das Ziel regionaler Kooperation steht nicht nur auf dem Papier, sondern da bewegt sich einiges, da geschieht wirklich etwas.

Nun komme ich noch mal zurück auf die eingangs genannten transatlantischen Beziehungen, nicht zuletzt deswegen, weil - wie allgemein bekannt - die erwähnten Friedenstruppen eben NATO-Truppen waren und Europa sich zumindest vor einigen Jahren als unfähig erwiesen hat, militärisch alleine zufriedenstellende Lösungen herbeizuführen. Wir wissen aber, dass die NATO ja auch mit ihrem Membership Action Plan in Richtung auf eine Reihe südosteuropäischer Staaten zugegangen ist - das gilt für Albanien, das gilt für Kroatien, das gilt für Mazedonien - und wir wissen auch, dass dieses immerhin ein bewährtes Instrument ist, bewährt in Mittel- und Osteuropa. Genauso arbeiten die genannten Länder bereits mit in der "Partnership for Peace". Ich erwähne dies nur - es ist ein Teilaspekt, das weiß ich wohl -und ich habe jetzt hier etwas den Akzent auf die militärische Seite gelegt. Gleichwohl verdeutlicht es, dass eben diese Zielsetzung - Einbindung in das transatlantische Beziehungsgeflecht - auch nicht eine hohle These ist, sondern durchaus eine ganz konkrete Bedeutung hat. So wie ich ja eben der Meinung schon Ausdruck gab, dass eine fortgesetzte militärische Präsenz der NATO auf dem Balkan zunächst jedenfalls noch dazu beitragen muss, dass die Sicherheitslage stabil bleibt. Und die transatlantischen Friedenstruppen, wenn Sie so wollen, müssen das internationale Engagement im Hinblick auf den zivilen Wiederaufbau jedenfalls stellenweise noch begleiten. Im übrigen ist dies - aber das liegt auf einem anderen Feld - eine ganz interessante politische Entwicklung einer Art strategischer Partnerschaft, zwischen EU und NATO. Aber ich will das nicht vertiefen, ich möchte auch kein Wort von dem wegnehmen, was vorangegangene Sprecher gesagt haben, zu der Notwendigkeit einer verbesserten Koordination, einer Zusammenarbeit zwischen dem Militär und den zivilen Entwicklungspolitikern, das ist im Grunde richtig. Wenn ich das aus der Heimatperspektive, den Vorbehalt habe ich gemacht, beurteilen soll, dann würde ich sagen, wenn Mittel zur Verfügung stehen - und gerade in der Phase des unmittelbaren Wiederaufbaus, den ich vom heimischen Schreibtisch aus für den Kosovo miterlebt habe - dann gibt es auch gute Beispiele sehr konstruktiver Zusammenarbeit vor Ort. Und es ist ja vollkommen klar, dass die Wiederherstellung elementarer Straßenverbindungen, der Energieversorgung, oder auch der Wiederherstellung von Schulen und Krankenhäusern und dergleichen - Frau Woodward legte etwas den Akzent auf das Eigeninteresse der Militärs - was zumindest mittel- bis längerfristig eine sehr sinnvolle zivile Nutzung erlaubt und zumindest als ein Spillover verbleibt. Ich meine, dass man in dieser Richtung sicherlich auch auf der Mikroebene Konsequenzen ziehen kann und Empfehlungen ableiten aus dem Balkanengagement.

Für das große Bild allerdings bleibt es bei dem, was ich eingangs sagte: hier ist eine Übertragung in andere Weltregionen schwer vorstellbar, aufgrund der Voraussetzungen von denen ich versucht habe, Ihnen einige Spezifika zu nennen. Vielen Dank.

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