Texte und Berichte - Entwicklungspolitk und Militär- Dokumente


Schlusswort

Adolf Kloke-Lesch
Unterabteilungsleiter
Frieden und Demokratie, Menschenrechte, Vereinte Nationen

Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit
und Entwicklung (BMZ), Deutschland

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

zunächst möchte ich Prof. Gambari insbesondere für seine letzten Bemerkungen sowie insgesamt allen Sprechern für ihre richtungsweisenden Beiträge danken. In der Diskussion ist auch nach der deutschen Position gefragt worden. Hierzu haben meine Kolleginnen und Kollegen in den vergangenen Sitzungen bereits einiges gesagt. Ich will mich gleichwohl - bevor ich zu einigen abschließenden Bemerkungen komme - der Herausforderung dieser Frage stellen und dazu auf drei Punkte hinweisen.

Erstens hätte sich niemand vor 10 oder 15 Jahren vorstellen können, dass Deutschland im Hinblick auf die Übernahme internationaler Verantwortung heute da steht, wo es steht. Deutschland ist einer der bedeutendsten Truppensteller in VN-mandatierten Missionen, ein prominenter Unterstützer von VN-geführten Friedensmissionen und ein wesentlicher Partner im zivilen Wiederaufbau. Hier hat eine Öffnung zu neuen Fragestellungen stattgefunden, die wir natürlich auch in anderen Nationen sehen, die aber vor dem Hintergrund der Geschichte dieses Landes sicherlich eine besondere Bewegung ist. Diese erschöpft sich auch nicht in einem reinen Mitlaufen. Es gibt es eine ganze Reihe von Fällen, in denen Deutschland gerade auch im Zusammenspiel außenpolitischer, militärischer und entwicklungspolitischer Akteure im Rahmen von multilateralen Formaten die von Frau Höffler angesprochene custodian function oder in gewisser Weise eine leadership-Rolle wahrgenommen hat. Wir können und wollen das nicht in irgendeiner Weise alleine beanspruchen, aber ich denke die deutsche Rolle im Balkan oder in Afghanistan war und ist eine durchaus signifikante. Gerade in der vorangegangenen Sitzung haben wir den Schritt von ISAF über Kabul hinaus in die Fläche Afghanistans besprochen. Hierbei war der deutsche Ansatz, die PRT's in einem anderen Format sowie im Rahmen von ISAF zu gestalten, durchaus wesentlich. Dies führte ja überhaupt erst zu der Befassung des Sicherheitsrates, um diese Initiative aus Operation Enduring Freedom herauszunehmen und damit eine Perspektive aufzuzeigen, die langfristig vielleicht zukunftsfähig und tragfähig ist.

Zweitens muss man aber auch feststellen, dass wir diese Erfahrungen in sehr unterschiedlichen Plätzen gemacht und aus ihnen noch nicht in systematischer Weise die Summe, insbesondere mit Blick auf praktische Konsequenzen gezogen haben. Nicht zuletzt deshalb haben wir Sie ja auch gestern und heute hier zusammengerufen, um auch von denen zu lernen oder zumindest Ermutigung zu erfahren, die an ähnlichen Fragestellungen arbeiten.

Drittens möchte ich in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, dass wir unter der Federführung des Auswärtigen Amtes einen Aktionsplan Krisenprävention entwickelt und im Bundeskabinett beschlossen haben, der in seinem Zentrum zunächst das Zusammenwirken von Außen-, Sicherheits- und Entwicklungspolitik sieht, darüber hinaus aber auch z. B. die Wirtschafts- und Finanzpolitik sowie das Innenministerium und das Justizministerium einbezieht. Der Aktionsplan umfasst über 160 Aktionen, die meisten sehr spezifisch, manche etwas genereller. Ein zentrales Element ist die Entwicklung gemeinsamer Strukturen zwischen den betroffenen Ministerien und Abteilungen sowohl auf Headquarter-Level wie auch vor Ort. Gleiches gilt natürlich für die Einbindung in internationale Prozesse. Ein besonderes Beispiel interministerieller Zusammenarbeit ist die deutsche Unterstützung von NEPAD im Sicherheitsbereich, die unter der Verantwortung der G8-Afrikabeauftragten des Bundeskanzlers, Frau Dr. Eid auf den Weg gebracht wurde.

Lassen Sie mich nach diesen Hinweisen zur deutschen Position am Ende unseres Entwicklungspolitischen Forums zu einigen abschließenden Bemerkungen aus meiner Sicht kommen.

Im Hinblick auf die Frage nach geeigneten Akteuren für das Zusammenwirken von Entwicklungspolitik und Militär ist es aus meiner Sicht offensichtlich, dass die multilateralen Akteure in besonderer Weise positioniert sind und eine wichtige Rolle spielen können, die in sich selber die zivilen, entwicklungspolitischen und die sicherheitspolitischen Mandate vereinen können. Auf der Geberseite ist dies insbesondere die EU, auf globaler Ebene sind es die Vereinten Nationen. Beide verfügen aufgrund ihres multidimensionalen Potentials über einen gewissen Vorteil gegenüber Organisationen wie NATO, OSZE, Weltbank und anderen, die nur einzelne Aspekte des Aufgabenspektrums bearbeiten können. Damit soll in keiner Weise der Beitrag gering geschätzt werden, den diese Organisationen in ihren jeweiligen spezifischen Feldern leisten. Aber die notwendige Integrationsleistung ist natürlich am ehesten bei den breiter aufgestellten Institutionen zu erwarten. Andererseits ist es aber auch anders als bei one-issue-Organisationen durchaus schwierig, in einer multiplen Landschaft, wie sie die EU oder die Vereinten Nationen sind, eine kohärente Agenda zu entwickeln. Dies gilt in den VN für die Verbindung zwischen den Entwicklungsfonds und -programmen einerseits sowie z. B. DPKO und DPA andererseits sowie in der EU zwischen der intergouvernementalen ESVP und der gemeinschaftlichen Entwicklungspolitik. Gleichwohl denke ich - auch als eine Lehre aus diesen beiden Tagen - dass wir hier bei EU und VN Schwerpunkte setzen können und müssen. Das erfordert im übrigen auch - wie gestern angesprochen - mehr Bereitschaft in den Industrieländern, schrittweise stärker auch mit Personal an VN-Missionen selber teilzunehmen. Dies ist im Hinblick auf die zivilen Komponenten auch eine Herausforderung für die Entwicklungspolitik.

Mit Blick auf die regionalen Akteure haben wir gesehen, dass sie enormes Potential haben. Ich habe aber auch den Eindruck gewonnen, dass sie - zumindest im Moment - eher Teil der Lösung, aber nicht die Lösung sind. Dies haben gerade auch die Sprecher gestern zu diesem Bereich deutlich gemacht.

Zum Bereich der Mandate und Akteure gehören aber auch die lokalen und nationalen Akteure vor Ort. Die Notwendigkeit einer militärischen Mission impliziert ja zunächst einmal, dass ein rein entwicklungspolitischer, d.h. partnerschaftlicher und eher indirekt stützender Ansatz nicht ausreicht. Aber wie weit soll man in einer gegebenen Situation gehen? Wielange reichen intensive internationale Überwachungsinstrumente aus? Wann ist die teilweise oder vollständige Übernahme staatlicher Funktionen durch internationale Missionen geboten? Weitgehende Einigkeit habe ich in allen Sitzungen bei dem Ziel festgestellt, dass sowohl militärische wie auch entwicklungspolitische Akteure möglichst schnell "local ownership" fördern und akzeptieren sowie zu partnerschaftlicher Kooperation übergehen sollten. Dennoch wurden unterschiedliche Akzente gesetzt, vom "light footprint approach" bis hin zum "full scale enforcement".

Im Bereich Finanzierung bleibt es für mich eine provozierende Feststellung, dass wir jährlich 900 Milliarden US-$ Militärausgaben weltweit haben und dennoch nicht in der Lage sind, diese militärischen Ressourcen in die Strukturen und in die Aufgaben hineinzusetzen, wo sie am meisten benötigt werden. Stattdessen richten sich, wenn es um sicherheitspolitische Aufgaben "out of area" geht, die Blicke immer wieder sehr schnell auf die Ressourcen der Entwicklungspolitik. Sollen wir nun die derzeitigen 50 oder 60 Milliarden US-$ jährlicher Entwicklungshilfe den 900 Milliarden US-$ für Verteidigung noch hinzufügen, damit endlich Sicherheit ist? Oder ist es nicht vielmehr notwendig, dass die 50 Milliarden US-$ an zusätzlicher Entwicklungshilfe, die Präsident Lula nächste Woche in New York noch mal thematisieren wird, zügig bereitgestellt werden? Es ist ja gerade in post-conflict-Situationen immer wieder ein Problem, dass gemäß den von Mr. O'Sullivan genannten Zahlen regelmäßig für Wiederaufbau und Entwicklung nur etwa ein Fünftel der Mittel bereitgestellt wird, die für sicherheitspolitische Aufgaben zur Verfügung stehen. Darüberhinaus fehlt es gerade im Bereich Peacebuilding bisher an der notwendigen finanziellen Transparenz. Von einem integrierten Peacebuilding-Budget sind wir noch weit entfernt. Aus meiner Sicht ist hier einerseits eine Reallokation innerhalb der militärischen Ressourcen notwendig, ein Thema, das ja auch in Europa - wie auch in Deutschland - auf der Tagesordnung steht. Gleichzeitig ist es natürlich andererseits Aufgabe für die Entwicklungspolitik, auch ihre Prioritäten an diese post-conflict-Situationen anzupassen.

Die Bedeutung des Faktors Zeit, die Relevanz richtigen Timings wurden immer wieder betont. Maßstab sollte eigentlich die Zeit sein, die die Gesellschaften brauchen, denen wir helfen wollen. Dagegen steht die Zeit, die wir für unsere eigenen politischen Prozesse und für unsere operativen Aktionen brauchen, sowie die mangelnde Bereitschaft, sich unter Bedingungen von Unsicherheit zeitlich festzulegen. Während weitgehend klar ist, dass Peacebuilding mindestens eine Dekade erfordert, werden die Mandate für die Missionen in der Regel nur auf Jahresbasis erteilt. Bei den finanziellen Zusagen für Aufbau und Entwicklung sehen wir zwar häufig mehrjährige Verpflichtungen, doch bleibt auch hier viel Unsicherheit hinsichtlich der konkreten Umsetzung. Zu zwei kritischen Zeitpunkten wurden besondere Hinweise gegeben. Beim Einstieg am Beginn eines Peacebuildingprozesses geht es oft um "quick impact", deren insbes. unbeabsichtigten Wirkungen aber oft sehr langfristig sein können. Hier wird Bewußtsein geprägt, hier werden Partner ausgewählt und "empowered". Insofern ist besondere Umsicht gefordert, will man längerfristige negative Wirkungen vermeiden. Als zweiter besonders kritischer Zeitpunkt wurde die Mitte der Peacebuildingdekade bezeichnet. Hier kommt es darauf an, langen Atem zu beweisen und Sicherheit für lokale und internationale Investoren zu schaffen.

Für die engere Koordination und Kooperation entwicklungspolitischer und militärischer Akteure ist zunächst einmal die Vertiefung der gemeinsamen Überzeugung wichtig, dass Sicherheit und Entwicklung untrennbar aufeinander angewiesen sind. Notwendig ist ferner, dass bereits bei Analyse und Strategiebildung außenpolitische, militärische und entwicklungspolitische Akteure auf gleicher Augenhöhe mitgestalten und ihre Perspektive einbringen können. Das setzt den Ton, der dann auch für die Umsetzer vor Ort maßgeblich ist. Was die Koordination angeht, haben wir aber auch deutlich gesehen, dass konkurrierenden Koordinationsmechanismen selber ein Problem sind. Insofern scheint der vorgeschlagene Ansatz vernünftig, dass in einem gegebenen Fall eine multilaterale Organisation gepaart mit einem oder einer Gruppe bilateraler Geber Verantwortung und politische Führung übernimmt. Für erfolgreiche Kooperation und Koordination ist natürlich auch wichtig, dass der Prozess der gegenseitigen Wahrnehmung der Akteure intensiviert wird, dass Perspektiven verändert werden. Dazu hat diese Tagung sicherlich viel beigetragen. Nicht zuletzt erscheint mir besonders wichtig, dass wir auch gemeinsam evaluieren. Wir haben in der Entwicklungspolitik eine long standing tradition im Bereich einer unabhängigen Evaluation nach international vereinbarten Standards. Man sieht vergleichbares nicht in den anderen beteiligten Politikfeldern. Wenn wir aber in der Zusammenarbeit gemeinsam besser werden wollen, so müssen wir auch systematisch gemeinsam evaluieren, nach Möglichkeit bereits begleitend während aller Phasen des Peacebuilding.

Was die Festlegung der Prioritäten vor Ort angeht, so scheint ein gemeinsam von allen Akteuren getragenes needs assessment ein Schlüsselfaktor zu sein. Nur so kann den jeweiligen Erfordernissen tatsächlich und transparent Rechnung getragen werden. Aus der Fülle konkurrierender Bedarfe will ich hier nur drei kurz ansprechen: Im Sicherheitsbereich scheint soft security, also die Sicherheit, die für die Menschen spürbar ist, ein Punkt zu sein, der offensichtlich mehr Beachtung verdient. Im Bereich Governance wurde das Dilemma deutlich, dass einerseits außen- und sicherheitspolitischen Akteure von ihrer Tradition hier kaum geeignete Instrumente verfügbar haben, andererseits Entwicklungsakteure bisher traditionell eher an sozialen und ökonomischen Fragen orientiert sind. Hier tut sich eine Lücke auf, die gerade auch von der Entwicklungsseite aufgegriffen werden muss. Im wirtschaftlichen und sozialen Bereich ist besonders auf die Notwendigkeit schneller sichtbarer sozialer Verbesserungen, gleichzeitig aber auf die langfristige Aufgabe der Schaffung von Arbeitsplätzen hingewiesen worden. Und nicht zu vergessen: Die Gender-Dimension. Die Afrikabeauftragte des BMZ, Frau Grosse Wiesmann hat uns zurecht daran erinnert, bei der Reintegration nicht nur an die Männer zu denken. Auch die Frauen in der Gesellschaft brauchen eine Perspektive für das Leben nach dem Krieg.

Zum Schluss möchte ich zunächst noch einmal dem Panel danken sowohl für die Präsentation wie auch für die profunden Reaktionen. Aber auch Ihnen allen, insbesondere den vorangegangenen Panelisten, gilt der Dank für Beiträge zu einer Tagung, die für uns aus der deutschen Entwicklungs-Community enorm wichtig war. Ich hoffe, dass auch Sie persönlich das eine oder andere für sich mitgenommen haben.

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