Texte und Berichte - Entwicklungspolitik und Militär- Dokumente


Issues Note

Ursula Schäfer-Preuss
Abteilungsleiterin
Entwicklungspolitik mit Ländern und Regionen, Friedenssicherung und Vereinte Nationen
Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit
und Entwicklung (BMZ), Deutschland

 

An den Anfang meiner Ausführungen möchte ich die These stellen, dass der light-footprint-Ansatz des internationalen Engagements und die damit einhergehende Zielsetzung der Stärkung der Afghan ownership eine günstige Voraussetzung bilden für einen kohärenten Ansatz von der militärischen Friedenssicherung bis zur nachhaltigen Entwicklung. Das ist ja der Themenkomplex, der am Ende steht heute. Regionale Wiederaufbauteams spiegeln diesen Ansatz wider und können das Instrumentarium sein, im Rahmen dessen der avisierte Übergang von friedensschaffenden Maßnahmen zu nachhaltigen Entwicklungsstrategien vollzogen werden kann.

Als Impuls für die Diskussion möchte ich zunächst ganz kurz allgemein auf die friedenssichernden Instrumente der internationalen Staatengemeinschaft in Afghanistan eingehen, um anschließend dann näher die regionalen Wiederaufbauteams, also PRTs, zu beleuchten. Wenngleich es derzeit noch nicht möglich ist, eine abschließende Beurteilung vorzunehmen, ob regionale Wiederaufbauteams ein geeignetes Instrument der Friedenssicherung darstellen, lohnt sich meines Erachtens aber der Blick auf die dem Konzept zugrundegelegten prinzipiellen Überlegungen wie auch die konkrete Ausgestaltung der Zusammenarbeit. Denn mit der Einrichtung regionaler Wiederaufbauteams wird durch die quasi institutionalisierte Verbindung von Außen-, Entwicklungs- und Sicherheitspolitik der Ganzheitlichkeit von Peace-Building-Maßnahmen eine Bedeutung beigemessen, wie sie nicht zuletzt auch der Brahimi-Report eingefordert hat.

Die Friedenssicherung und der Wiederaufbau in Afghanistan sind unter dem Ihnen bekannten UN-Mandat und der VN-Sicherheitsresolution niedergelegt aus dem Dezember 2001. Darin wurde die Bildung der International Security Assistance Force, ISAF, etabliert. Das Ziel von ISAF sollte in der Unterstützung der afghanischen Übergangsregierung bei der Gewährleistung von Sicherheit in Kabul und Umgebung liegen. Nachfolgend wurde das Mandat von ISAF verlängert und bekanntermaßen auf die Provinzen ausgeweitet. Mehr oder weniger zeitgleich, und das ist wichtig, wurden mit der Einrichtung von UNAMA, der United Nations Assistance Mission to Afghanistan, die Weichen für einen koordinierten Wiederaufbau gestellt. Signifikantes Merkmal der Konzipierung sowohl der militärischen, also ISAF, als auch der zivilen, UNAMA, Komponente des Friedenseinsatzes ist - und darauf verweist auch das Wort Assistance in beiden Bezeichnungen -, dass die Übergangsregierung in Kabul lediglich unterstützt und in ihren Eigenanstrengungen bei der Befriedung und dem Wiederaufbau des Landes gefördert werden soll. Die das internationale Engagement in Afghanistan prägenden Begriffe des light footprint und der Afghan ownership stehen exemplarisch für diese Ziel-setzung. Die afghanische Übergangsregierung sollte so frühzeitig wie möglich in den Stand versetzt werden, die Verantwortung für alle Aufbauprozesse weitgehend selbst übernehmen zu können. Das bedeutet natürlich auch, dass sobald wie möglich afghanische Polizisten und Soldaten für die Sicherheit im Lande zuständig sein sollen, während die afghanische Übergangsregierung zugleich in die Planung ihrer Wiederaufbau- und Entwicklungsziele von Anfang an eingebunden worden ist. Dementsprechend wurde in der Konsequenz - es wurde gesagt - einerseits das Prinzip der lead nation für die Reform des Sicherheitssektors entwickelt, andererseits aber hat auch die afghanische Übergangsregierung mit Unterstützung von UNAMA multilateralen Organisationen und Entwicklungsbanken einen ambitionierten Entwicklungsplan aufgestellt, der sich im National Development Framework niederschlägt. Das heißt, es handelt sich um ein sehr komplexes System des Zusammenwirkens der verschiedenen Elemente.

Lassen Sie mich jetzt kurz auf die Merkmale des regionalen Wiederaufbauteams noch einmal eingehen. Das deutsche Wiederaufbauteam in Kundus wurde im Oktober 2003 begründet, es ist das erste PRT unter ISAF-Mandat und damit unter NATO-Führung. Zielsetzung dieses deutschen Wiederaufbauteams ist, in Kundus und nun auch in Faisabad "mit zivilen Mitteln die Grundlagen für wirtschaftliche Entwicklung, regionale Zusammenarbeit und für eine stabile Entwicklung notwendige Ausübung staatlicher Autorität zu stärken" (Mandat des Deutschen Bundestages). Die Entsendung bewaffneter Einheiten gilt der Schaffung eines sicheren Umfeldes für den Wiederaufbau und die Stabilisierung der Region. Im Vordergrund der Arbeit des deutschen Wiederaufbauteams stehen der politische, wirtschaftliche und soziale Wiederaufbau. Vor dem Hintergrund dieser Zielsetzung kommt der entwicklungspolitischen Komponente die zentrale Rolle zu, die sich in der Durchführung vielfältiger entwicklungspolitischer Maßnahmen in Abstimmung mit den afghanischen Partnern, UNAMA und den anderen internationalen Gebern, vollzieht. Die Bedeutung, die dem entwicklungspolitischen Engagement im Rahmen des deutschen PRT zukommt, zeigt sich in der Zahl der vor Ort vertretenen deutschen Durchführungsorganisationen und Nichtregierungsorganisationen. Der Deutsche Entwicklungsdienst ist vor Ort, die GTZ, Kreditanstalt, Consultants, die Deutsche Welthungerhilfe, AGEF und, als NGO ganz wichtig im Kundus-Kontext, Katachel.

Lassen Sie mich einen kurzen Ausblick geben auf das, was nun vor uns liegt.
Die Geberstaaten und die afghanische Übergangsregierung haben in der Berlin-Erklärung vom April 2004 deutlich gemacht, dass mit dem formalen Abschluss des Bonner Prozesses keineswegs das Ende des sicherheits- und entwicklungspolitischen Engagements der internationalen Staatengemeinschaft in Afghanistan erreicht sein wird.
Eine Hauptaufgabe der internationalen Staatengemeinschaft wird es sein, in Zusammenarbeit mit der afghanischen Regierung eine stabile Gewaltordnung zu etablieren, die die Grundvoraussetzung für die Friedenskonsolidierung bietet.
Der light-footprint-Ansatz bietet ebenso wie die Bestrebung, die afghanische Ownership von Beginn des Engagements an zu stärken, den Rahmen, um die Friedenskonsolidierung nachhaltig zu gestalten und eine nachhaltige Entwicklung zu gewährleisten.
Die Parallelmandatierung von Antiterrormaßnahmen im Kontext des OEF, also des Operation Enduring Freedom, und Sicherheitsunterstützung des staatlichen Wiederaufbaus ISAF erscheint kontraproduktiv.
Aus unserer Sicht wäre eine Unterstellung sämtlicher Streitkräfte unter ISAF/NATO-Kommando, wie sie für das Jahr 2006 anvisiert ist, prinzipiell wünschenswert. Die Grundvoraussetzung für eine Zustimmung aus entwicklungspolitischer Sicht liegt allerdings darin, dass gewährleistet sein müsste, dass die Streitkräfte unter dem Schirm der NATO keine Jagd auf Terroristen machen würden.
PRTs in der deutschen Ausprägung können als Brückenköpfe der zentralstaatlichen Präsenz fungieren. Der Initiative einer Verknüpfung der lokalen und nationalen Ebene einerseits, die Verbindung der Ziele der Wiederherstellung von Sicherheit und Wiederaufbau andererseits sollte größere Bedeutung erhalten. In Anbetracht der nationalen Fragmentierung und der lokalen Polarisierung von Herrschafts- und Machtverhältnissen in Afghanistan kann der Wiederaufbau des Landes in solchen sog. Inseln der Sicherheit schneller Fortschritte erzielen. Gleichzeitig können die regionalen Wiederaufbauteams als doppelte Brückenköpfe der Zentralregierung und der internationalen Staatengemeinschaft einen Beitrag dazu leisten, dass die Früchte dieser Fortschritte nicht nur lokal geerntet werden.Vielen Dank.

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