[ Stromversorgung ]
Energie für das ländliche Afrika
Zugang zu Energie ist eine Voraussetzung für die Bekämpfung von Armut. Die Infrastruktur armer Länder genügt aber in dünn besiedelten ländlichen Gebieten oft nicht. In vier afrikanischen
Pilotprojekten testeten InWEnt und die Kölner Firma Energiebau ein Konzept, das Elektrifizierung mit erneuerbaren Quellen möglich macht – und zudem lokale Wertschöpfung in Gang setzen kann.
Michael Funcke-Bartz freute sich, als er Anfang dieses Jahres eine Nachricht aus den USA erhielt. Der Projektleiter von InWEnt, der normalerweise in Afrika, Lateinamerika und Asien unterwegs ist, reist nämlich demnächst nach Boston, um einen Preis der Universität Harvard entgegenzunehmen. Denn den Juroren des Roy Family Awards (siehe Kasten) gefiel die Kooperation von InWEnt mit der Kölner Firma Energiebau Solarstromsysteme für die Elektrifizierung von Dörfern mit alternativen Energiequellen. Kern des Konzepts ist ein Solar-Hybridsystem für kleine, lokale Stromnetzte. Es beruht auf Photovoltaikanlagen, die Sonnenenergie direkt in Strom umwandeln, und mit Pflanzenöl betriebenen Generatoren.
Ein zentrales Stromnetz aufzubauen ist teuer und erscheint schon deshalb in vielen ärmeren Ländern aussichtslos. Tansania ist zum Beispiel gut zweieinhalbmal so groß wie Deutschland, hat aber weniger als halb so viele Einwohner. Daher wird Strom auf dem Land – wenn überhaupt – mit Dieselgeneratoren erzeugt. Der Treibstoff muss importiert werden und ist teuer. Dieselpreise liegen in Afrika auf deutschem Niveau, die durchschnittlichen Einkommen aber weit darunter. Außerdem steigt der Preis ständig. Folglich wird Strom nur verwendet, wenn das unbedingt sein muss – etwa für die Kühlung von Medikamenten. Privathaushalte haben in ländlichen Gebieten normalerweise keinen Strom.
Erschwinglich und zuverlässig
Funcke-Bartz kennt solche Verhältnisse. So sah es nämlich in den Dörfern aus, die sich InWEnt und Energiebau für ihr Gemeinschaftsprojekt ausgesucht haben. An vier Orten in Tansania, Ghana und Mali haben sie in den vergangenen drei Jahren neue Möglichkeiten der Stromerzeugung erprobt. Ziel dabei war, erschwingliche Energiequellen zu erschließen. „Diesel ist auf die Dauer viel zu teuer. Und außerdem verschwindet das Geld so aus den Ländern“, erläutert Bernd Wolff von Energiebau. In den tansanischen Ortschaften Mbinga und Kiuma profitieren unter anderem zwei Ausbildungszentren und ein Krankenhaus mit etwa 60 Betten von der neuen Technik. Dort treibt das neue System auch eine Wasserpumpe an.
Im ghanaischen Busunu wurden neben einer Missions- und einer Krankenstation inzwischen auch 50 Haushalte an ein neu eingerichtetes, lokales Stromnetz angeschlossen. Sie beziehen fünf Stunden am Tag Strom zu einem Pauschalpreis von umgerechnet etwa 1,60 Euro pro Monat.
Auf diesen Fortschritt ist Wolff stolz. Bislang gab es in den Abendstunden – wenn überhaupt – nur Licht aus alten Öllampen. Solche Funzeln reichen nicht, damit Kinder Abends noch Hausaufgaben für die Schule erledigen und Erwachsene mit Handarbeiten noch etwas Geld verdienen können. In Mbinga erleichtert der Strom der örtlichen Schreinerei den Betrieb, berichtet Funcke-Bartz, denn jetzt nutzen die Handwerker Maschinen für Produktionsschritte, die sie früher per Hand erledigen mussten.
Die Experten gehen davon aus, dass ihr Konzept auch andernorts anwendbar ist. Immerhin leben in den Ländern südlich der Sahara mehr als 500 Millionen Menschen ohne Strom, weltweit sind es etwa 1,5 Milliarden. „Unser Konzept kann dort angewendet werden, wo es noch überhaupt keinen Zugang zu Energie gibt“, sagt Funcke-Bartz. Es müssten aber immer lokale und kulturelle Gegebenheiten beachtet werden.
In Mali beispielsweise besitzt die Dorfbevölkerung die Stromanlage. Finanziert hat sie das mit dem Darlehen einer örtlichen Bank und einem Zuschuss aus einem Förderprogramm der Weltbank. Zur Wartung der Solaranlagen hat sich in Ghana eine eigene Organisation (RENERG) gegründet. Energiebau bildete in allen drei Ländern lokale Fachkräfte in Solar- und Motortechnik aus.
Das von InWEnt und Energiebau entwickelte Hybridsystem beruht auf Photovoltaik und umgerüsteten Dieselgeneratoren, die mit dem Öl der Jatrophapflanze betrieben werden. Die Sonnenenergie deckt die Grundlast. Ist der Bedarf größer – wie beim Betrieb von Maschinen oder bei Sonnenschein – springt der Jatropha-Generator ein. Nicht verbrauchter Solarstrom wird in Batterien gespeichert. Die Verbindung beider Techniken ist kostengünstiger als ein reines Solarsystem – das würde zu viele teure Photovoltaikplatten erfordern.
Die richtige Pflanze
Die verwendeten Stromaggregate laufen mit Pflanzenöl, das lokal erzeugt wird. Pflanzenöl-Kraftstoff ist nicht zu verwechseln mit Biodiesel, dessen Herstellung und Vertrieb aufwendige Infrastruktur erfordert. Zwar kann man aus verschiedenen Pflanzen Öl gewinnen, aber nicht alle taugen als Dieselersatz. Jatropha- ist ähnlich wie Rapsöl dafür besonders gut geeignet. Es lässt sich dezentral produzieren und erfordert keinen hohen logistischen Aufwand. Die Ölherstellung schafft Arbeit und Einkommen in der Region.
Zwei Eigenschaften machen die Pflanze für Afrika attraktiv. Erstens wächst die Pflanze auch unter schwierigen Bedingungen auf semiariden Böden. Zweitens ist sie für Menschen ungenießbar. Folglich besteht keine direkte Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion, wie dies derzeit in Mexiko beim Mais der Fall ist, der zu Ethanol-Kraftstoff verarbeitet werden kann. Dort treibt die steigende US-Nachfrage nach Biokraftstoffen den Preis des Grundnahrungsmittels in die Höhe.
Die Tropenpflanze stammt ursprünglich aus Lateinamerika und wurde in Afrika bisher lediglich zur Einfriedung von Land genutzt. Bei Neuanpflanzungen sind erste Ernten – je nach verfügbarer Feuchtigkeit – nach zwei bis drei Jahren möglich.
Ein willkommener Nebeneffekt des Jatropha-Anbaus ist der Schutz vor Boden-erosion. Zudem ist diese Energiequelle CO2-neutral, sie setzt also bei der Verbrennung nur so viel Kohlendioxid (CO2) frei, wie sie während ihres Wachstums aus der Atmosphäre bindet.
Nach der Ernte der Jatropha-Nüsse kann die Dorfbevölkerung mit einfachen mechanischen Mitteln das Öl herauspressen, filtern und danach ohne weitere Bearbeitung die modifizierten Dieselgeneratoren betreiben. Pro Hektar, also auf etwas mehr als der anderthalbfachen Fläche eines Fußballfeldes, können im Jahr ein bis zwei Tonnen Nüsse geerntet werden. Daraus lassen sich 400 bis 700 Liter Pflanzenöl pressen.
Ein Liter Öl reicht für die Erzeugung einer drittel Kilowattstunde. Mittelfristig kann diese alternative Elektrifizierungsstrategie nicht nur Licht in dunkle Landstriche bringen, sondern auch die regionale Wertschöpfung steigern. Claudia Isabel Rittel
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E+Z, 2007/03, InWEnt Forum, Seite 126-127



