Unverzichtbare Institutionen
Geber und internationale Entwicklungsorganisationen haben sich zu lange ausschließlich auf Grundschulbildung konzentriert. Landwirtschaftliche Forschungseinrichtungen und Universitäten dürfen aber nicht vernachlässigt werden. Sie spielen im Kampf gegen die Armut eine wichtige Rolle, insbesondere in ländlichen Gebieten. Einheimische Experten werden gebraucht, um die Produktivität zu steigern, dem Klimawandel zu begegnen und die Lebensbedingungen insgesamt zu verbessern.
[ Von Kwadwo Asenso-Okyere und Joachim von Braun ]
In Anerkennung der wichtigen entwicklungspolitischen Rolle der Landwirtschaft investierten internationale Geber früher sehr stark in Universitäten und agrarwissenschaftliche Fachbereiche (Hobbs et al. 1998). Von 1964 bis 1990 förderte die Weltbank 41 Projekte mit insgesamt 713 Millionen US-Dollar und unterstützte damit sowohl Agrarhochschulen als auch allgemeine Universitäten in 25 Ländern. Doch dann reduzierte die Bank ihr Engagement und konzentrierte sich fortan auf Primarbildung mit der Begründung, Investitionen in Grundschulen zahlten sich mehr aus. Viele Entwicklungsorganisationen folgten diesem Beispiel.
Für einige Länder mit sehr niedriger Alphabetisierungsrate und unzureichender Rechenfähigkeit mag das plausibel gewesen sein, doch heute ist die isolierte Fokussierung auf Grundschulbildung überholt. Wesentliche Fortschritte in Richtung Wissensgesellschaft sind nicht möglich ohne höhere Bildung. Ländliche Gebiete der Entwicklungsländer sind nicht in der Lage, die Chancen der Globalisierung zu nutzen, solange die landwirtschaftliche Hochschulbildung weiter vernachlässigt wird.
Armut ist weltweit hauptsächlich ein ländliches Problem. Landwirtschaft und landwirtschaftliche Industrien wirken sich stärker aus auf das Schicksal armer Menschen als jeder andere Wirtschaftssektor. Ohne hier Fortschritte zu erzielen, können die UN-Millenniumsziele zur Armutsbekämpfung nicht erreicht werden.
Einrichtungen für höhere Bildung sind für die ländliche und landwirtschaftliche Entwicklung von großer Bedeutung. Sie bilden die nächste Generation von Experten, Forschern und Beratern aus. Außerdem kurbelt ihre Forschung die ländliche Wirtschaft an. Einige Universitäten leisten umittelbare Beratung. Informationen aus den Fakultäten helfen, neue Erkenntnisse unter den Bauern zu verbreiten. Einige Universitäten organisieren auch praktische Beratung (so genannte Farmer Field Schools). Durch Überzeugungsarbeit und Dialog tragen Universitäten dazu bei, Politik auf Fakten zu stützen. Darüber hinaus helfen sie, Projekte und Programme zu evaluieren.
Miteinander verknüpfte Herausforderungen
Universitäten spielen eine zentrale Rolle. Deshalb muss ihre Leistung gesteigert werden, um das Potenzial ländlicher Entwicklung voll auszuschöpfen.
Drei Aspekte sind wesentlich:
– Universitäten müssen ihre Forschungsleistungen verbessern, um mehr Gewicht in der Agrarforschung zu erhalten. Diese wird derzeit auf nationaler und internationaler Ebene von nichtuniversitären Institutionen dominiert. Auf diese Weise könnten die Universitäten ihre Mandate für Forschung und für Lehre in Einklang bringen.
– Hochschullehrpläne müssen dem ländlichen Sektor mehr Aufmerksamkeit schenken. Die meisten Universitäten in Entwicklungsländern liegen in urbanen Zentren. Zu oft sind sie nicht vertraut mit der Lebenssituation der Armen auf dem Land. Verbindungen zwischen Bauern und Wissenschaftlern könnten Relevanz und Effektivität der universitären Forschung steigern. Hochschulen könnten sich so zu Informationsquellen für ländliche Gemeinden entwickeln.
– Drittens müssen Universitäten mehr für die Ausbildung hochqualifizierter Absolventen tun. Viele Länder leiden unter einem Mangel an solchen Experten.
Diese Herausforderungen sind miteinander verknüpft und sollten daher ganzheitlich angegangen werden. Es gibt verschiedene sinnvolle Ansätze zur Verbesserung von Forschung und Networking.
– Der private Sektor engagiert sich mit Public-Private Partnerships zunehmend in der Agrarforschung und -entwicklung. Da die Landwirtschaft zunehmend profitabler wird, wird dieses Engagement wahrscheinlich weiter wachsen und auch den Universitäten zusätzliche Forschungsmittel bringen. Leider – und im Gegensatz zur Konkurrenz in reichen Ländern – nutzen bisher nur wenige Universitäten in den Entwicklungsländern diesen Trend.
– „Agri-Business Parks“ sind ebenfalls eine sinnvolle Möglichkeit, Partnerschaften zu fördern. Armutsbekämpfung auf dem Land setzt voraus, die Produktivität der Weiterverarbeitung nach der Ernte zu steigern. Universitäten können dabei eine wichtige Rolle spielen. Viele Fakultäten wissen mittlerweile, dass sie nicht nur die Bauern erreichen müssen, sondern auch zur Verbesserung weiterverarbeitender Industrien beitragen können. Firmen, die landwirtschaftliche Vorprodukte oder Dienstleistungen anbieten, sind ebenfalls wichtig. „Agri-Business Parks“ sind Cluster solcher Firmen, die sich um eine Hochschule gruppieren. Solche Parks dienen dem Informationsfluss und dem Wissenstransfer zwischen Hochschulforschern und dem Privatsektor (Roseboom, Elliott and Minde, 2005).
– Lange waren traditionelle Universitätsprogramme das Kernstück der Hochschulbildung. Doch jetzt beginnen einige Universitäten, kurze und praxisnahe Kurse für politische und wirtschaftliche Entscheidungsträger und andere Akteure aus dem Landwirtschaftssektor anzubieten. Dadurch sollen grundlegende Kenntnisse über Landwirtschaft und ländliche Entwicklung erweitert und die Leistungen des Sektors verbessert werden.
– Zudem können Universitäten durch multidisziplinäre Initiativen Innovationen vorantreiben. Agrarforschung wird immer komplexer. Forschungsfelder wie Bio- und Nanotechnologie erfordern den Austausch mit Disziplinen wie Physik, Ingenieurwissenschaften und Medizin sowie Recht, Soziologie, Ökonomie und Ethik.
Die Netzwerkarbeit entwickelt sich vielversprechend, beispielsweise in Afrika (siehe Kasten). Aber noch immer sind viele Universitäten, insbesondere in armen Ländern, den Herausforderungen kaum gewachsen. Sie brauchen zweifellos mehr Geld, um ihr Potenzial voll auszuschöpfen. Doch solange sie ihre Ressourcen nicht gut anlegen, werden auch zusätzliche finanzielle Mittel wenig bewegen.
Lehrmethoden und Lehrpläne der landwirtschaftlichen Studiengänge müssen verbessert werden. Gegenwärtig beschränken sich viele Universitäten auf Vorlesungen, Seminare und Abschlussklausuren. Sie vermitteln den Studenten nicht die notwendige Problemlösungskompetenz. Dazu müssten sie experimentelle Lehrmethoden ausprobieren, in kleinen Gruppen arbeiten und mehr Fallstudien durchführen. Damit die Lehrkräfte mehr Zeit für Forschung und Beratung haben, müssen sie entlastet und beispielsweise von Tutorien oder Klausuren befreit werden. Solche Aufgaben können graduierte Assistenten übernehmen.
Außerdem mangelt es an politikwissenschaftlichen Seminaren. Absolventen verlassen die Universität häufig mit wenig Wissen über ländliche Entwicklung. Selbst Seminare zum Thema Agrarwirtschaft sparen häufig die makroökonomischen Aspekte aus, die es den Studenten ermöglichen würden, Landwirtschaft mit der gesamten Volkswirtschaft in Zusammenhang zu bringen. Weder Statistik noch informationstechnologische Kenntnisse werden adäquat vermittelt.
Sinnvoll wäre auch, Studierende an der Entwicklung von Curricula zu beteiligen. Dadurch könnten sie als Brücke zwischen Universitäten und Landwirtschaft dienen, neues praxisrelevantes Wissen verbreiten und zugleich praktische Erfahrung sammeln. Das Wissen der Bauern wiederum könnte die universitären Lehrpläne bereichern. Ein solcher Ansatz könnte zu einer Wissensbasis beitragen, von der Universitäten und ländliche Gemeinden gleichermaßen profitieren.
Ein Fall von Marktversagen
Offensichtlich besteht ein großer Bedarf an landwirtschaftlichen Innovationen aus den Universitäten. Leider aber hat das Fach für Studenten an Attraktivität verloren. Zwar haben Bereiche wie Biokraftstoffe, Klimawandel, Qualitätslandwirtschaft und Agrarinformationstechnologie in jüngster Zeit das Interesse wieder etwas belebt. Dennoch gelten die Agrarwissenschaften allzu oft als letzte Alternative für diejenigen, die es nicht in Studienfächer wie Medizin, Pharmazie oder Ingenieurwissenschaften geschafft haben.
Ein Grund für das schwindende Interesse ist, dass Arbeitsplätze für die Absolventen fehlen. Das Studium eröffnet auch keine bedeutenden Karrierechancen in reichen Ländern – anders als beispielsweise bei Ingenieuren oder Ärzten. Sich als Landwirt selbständig zu machen, ist in der Regel nicht sehr profitabel – was unter anderem daran liegt, dass Regierungen und internationale Organisationen zu wenig in den Sektor und in relevante Forschung investieren. Dass die Gehälter an Forschungsinstituten und Universitäten oft nicht konkurrenzfähig sind, verschärft das Problem.
Derzeit ist die Zahl der speziell ausgebildeten Graduierten in vielen armen Ländern zu klein, um eine nachhaltige Landwirtschaftsentwicklung zu sichern (von Braun und Babu, 2004). Das ist ein Fall von Marktversagen – sowohl auf der Nachfrage- als auch auf der Angebotsseite. Diese Situation in der Landwirtschaft muss umgekehrt werden, wenn sie ihre wichtige entwicklungspolitische Rolle erfüllen soll.
Jüngste Entwicklungen auf den Märkten für Nahrungsmittel und Landwirtschaftsprodukte verdeutlichen die Notwendigkeit von Innovationen zusätzlich. Steigende Pro-Kopf-Einkommen, wachsende Bevölkerung und die Urbanisierung steigern die Nachfrage nach Nahrungsmitteln in den Entwicklungsländern. Biotreibstoffe werden profitabel, Äcker, auf denen sie angebaut werden, stehen für die Nahrungsproduktion nicht mehr zur Verfügung. Die Nachfrageseite wiederum wird durch den Einfluss des Klimawandels auf die landwirtschaftliche Produktion sowie auf Ökosysteme und Wasserressourcen berührt. Diese Herausforderungen müssen angegangen werden.
Universitäten sollten bei der Lösung dieser Probleme eine große Rolle spielen. Benötigt wird ein globales Netzwerk, um Universitätspartnerschaften zu fördern, auch durch Fernstudiengänge. Die Global Open Food and Agriculture University der Consultative Group on International Agricultural Research verfolgt dieses Ziel (siehe Kasten). Doch zusätzlich müssen die Agrarstudiengänge in Entwicklungsländern an Qualität und Relevanz zulegen. Sie müssen sich bedeutend steigern, um Wachstumschancen zu eröffnen und nachhaltiges Management der natürlichen Ressourcen zu fördern.
Es müssen angemessene Agrartechnologien entwickelt, lokal getestet, angepasst und dann verbreitet werden. Solche Möglichkeiten und Herausforderungen faszinieren junge Leute. Sie müssen besser kommuniziert werden.
Fernverbindungen
In Afrika sind verschiedene neue Studienmodelle entstanden. Sie zeigen, dass Netzwerke eine große Rolle spielen können. Einige von ihnen bieten traditionelle Präsenzkurse, während andere den Schwerpunkt auf Fernstudiengänge legen.
RUFORM (Regional Universities Forum for Capacity Building in Agriculture) ist ein Zusammenschluss von 12 Universitäten in Kenia, Malawi, Mosambik, Tansania, Uganda, Sambia und Simbabwe, die gemeinsam Studiengänge für Graduierte anbieten. Diejenige Universität, die in einem Bereich besonders spezialisiert ist, lehrt dieses Fach für die gesamte Region. Alle Studierenden bezahlen die jeweils in ihrem Land üblichen Studiengebühren.
CMAAE, das Collaborative Master for Science Programme in Agricultural and Applied Economics, betreibt für das östliche und südliche Afrika ein Fördersystem, bei dem Studierende sich für Forschungsstipendien bewerben können.
ANAFE, das African Network for Agriculture, Agroforestry and Natural Resource Education, hatte letztes Jahr 28 Universitäten in 34 Ländern als Mitglieder. Es unterstützt seine Mitglieder bei der Ausbildung von Graduierten, die in der Lage sind, landwirtschaftliche Praktiken zu entwickeln, zu verbreiten und anzuwenden, die afrikanischen Bauern helfen und zum nachhaltigen Management natürlicher Ressourcen beitragen.
SISERA (Secretariat for Institutional Support for Economic Research in Africa) wurde 1997 vom kanadischen International Development Research Center (IDRC) eingerichtet und wird seither von mehreren Gebern gefördert. Das Sekretariat sitzt in Dakar, Senegal, und unterstützt 19 Forschungszentren in Afrika.
SADAOC (Sécurité Alimentaire Durable en Afrique de l’Ouest Centrale) gibt es seit 2001 und verbindet tertiäre Bildungseinrichtungen in Burkina Faso, Côte d’Ivoire, Ghana, Mali und Togo untereinander und mit Institutionen in den Niederlanden. SADAOC ist eine Stiftung und betreibt in den Mitgliedstaaten Forschung, Stärkung von Kapazitäten und Politikdialog.
GO-FAU, die Global Open Food and Agriculture University, ist eine Initiative der Consultative Group on International Agricultural Research. IFPRI koordiniert diese Partnerschaft von Universitäten in Entwicklungs- und Industrieländern mit dem Ziel, die Lehre durch Fernstudienangebote zu verbessern. GO-FAU arbeitet außerdem an relevanten und übertragbaren Lernzielen für Post-Graduierte. Die Initiative „Building Africa’s Scientific and Institutional Capacity“ des Forum for Agricultural Research in Africa (FARA) ergänzt die GO-FAU-Aktivitäten. Das Forum hilft Universitäten beim Aufbau von Kapazitäten für die Lehre.
Viele Entwicklungsländer nutzen Fernstudien als sinnvolle Option für universitäre Bildung. Offene Universitäten sind mittlerweile weit verbreitet, und die traditionellen Hochschulen haben Fernstudiengänge in ihr Angebot integriert, um damit dem Problem überfüllter Universitäten zu begegnen. Fernstudiengänge machen Universitätsbildung möglich, ohne umziehen oder den Arbeitsplatz aufgeben zu müssen. Auch wenn Fortschritte in den Informations- und Kommunikationstechnologien die Verbreitung von Fernstudienmöglichkeiten beschleunigen, müssen die offenen Universitäten in den Entwicklungsländern ihre landwirtschaftlichen Lehrpläne kontinuierlich verbessern.
Anafe »» http://www.anafeafrica.org
CMAAE »» http://www.agriculturaleconomics.net/
FARA »» http://fara.infosysplus.org/
GO-FAU »» http://www.openaguniversity.cgiar.org/
RUFORM »» http://www.ruforum.org/index.php
SADAOC »» http://www.sadaoc.bf/
Hobbs, S. H., C. Valverde, E. Indarte and B. Lanfranco, 1998: The agricultural development fund for contract research. ISNAR Briefing Paper 40S. The Hague: International Service for National Agricultural Research.
Roseboom, J., H. Elliott and I. Minde, 2005: Strengthening of the social science capacity in agricultural research in Eastern and Central Africa. ASARECA Strategic Planning Background Paper. Entebbe, Uganda: Association for Strengthening Agricultural Research in East and Central Africa.
von Braun, J. and S. Babu. 2004: Global Open Food and Agriculture University. A concept. Washington, D.C.: International Food Policy Research Institute.
Kwadwo Asenso-Okyere ist Direktor der in Addis Abeba ansässigen Abteilung „International Service for National Agricultural Research (ISNAR)“ des IFPRI. Davor war er Vize-Kanzler der University of Ghana in Legon.
Joachim von Braun
ist Direktor des International Food Policy Research Institute (IFPRI). IFPRI ist eines von 15 internationalen Nahrungs- und Umweltforschungsinstituten, die in der Consultative Group on International Agricultural Research (CGIAR) zusammengeschlossen sind.
»» j.vonbraun@CGIAR.ORG
E+Z, 2007/09, Schwerpunkt, Seite 322



