Leserbrief
Schlecht begründetKonkurrenz belebt das Geschäft,
E+Z/D+C, 6/2007, S. 232
Das Argument von Heribert Dieter, der Westen sei wegen seines eigenen fragwürdigen Verhaltens nicht berechtigt, Chinas Verhalten in Afrika zu beanstanden, ist der klassische logische Fehlschluss ad hominem tu quoque. Dieter sagt, die Kritik des Westens sei unzutreffend, nicht weil sie richtig oder falsch ist, sondern eben weil sie aus dem Westen kommt und nicht vereinbar ist mit dessen eigenem Verhalten in der Vergangenheit. So zu argumentieren ist logisch fehlerhaft.
Dieter ignoriert zudem, dass auch Afrikaner das Verhalten Chinas immer schärfer kritisieren. Meine eigene Forschung hat ergeben, dass die Chinesen vielleicht bei den afrikanischen Eliten gut ankommen. Aber der normale Bürger hat ziemliche Probleme mit der Vorstellung, dass Demokratie und Menschenrechte unbefristet außer Kraft gesetzt werden sollen, bis ein höherer „Entwicklungsstand“ erreicht ist. So haben schon die afrikanischen Despoten der 1960er und 1970er Jahre argumentiert – wir sehen ja heute, was daraus geworden ist.
Dieter wirft zudem den internationalen Finanzinstituten (IFI) „Versagen“ in Afrika vor, zeigt aber nicht, warum sie versagt haben. Waren die politischen Vorgaben unangemessen oder wurden sie nur nicht umgesetzt? Es gibt jede Menge Literatur zu diesen Fragen, aber Dieter behauptet einfach: „Vielmehr wurden und werden afrikanische Länder von Weltbank und Internationalem Währungsfonds zu wirtschaftspolitischen Maßnahmen gezwungen, deren Erfolg zweifelhaft ist ... .“
Das eigentlich Bemerkenswerte an diesen „aufgezwungenen Maßnahmen” ist, dass die Strukturanpassung auf dem ganzen Kontinent stark eingegrenzt wurde. Von ungefähr 2300 Privatisierungen zwischen 1991 und 2000 betrafen nur etwa 66 größere und wirtschaftlich bedeutende Firmen. Nicht einmal sieben Prozent der Privatisierungsverkäufe betrafen große Infrastrukturfirmen. Warum? Weil die Elite das nicht zuließ, und die angeblich allmächtigen IFIs konnten sie nicht dazu zwingen.
Untersuchungen zeigen, dass die afrikanischen Eliten die Kontrolle über die großen und wirtschaftlich bedeutsamen halbstaatlichen und staatlichen Konzerne behalten haben. Das macht durchaus Sinn angesichts der Tatsache, dass Wirtschaftspolitik und politische Entscheidungen in Afrika zum großen Teil der Notwendigkeit folgen, klientelistische Netzwerke mit Ressourcen zu bedienen, und nicht dem Ziel dienen, die Entwicklung voranzutreiben. Dieses Syndrom partieller Reform wird von jeher immer wieder deutlich: Symbolische Gesten, rhetorische Zusagen und Reformversprechen maskieren und befördern dadurch sogar noch das Mäzenatentum. Ich sehe nicht, dass sich durch die Chinesen daran irgendetwas zum Besseren ändert.
Dieter sagt, für Peking sei „die Überwindung der Armut … der wichtigste Beitrag zur Sicherung von Menschenrechten in armen Ländern“. Doch leider trampelt eine Reihe von Ländern, die von den Chinesen unterstützt werden (Angola, Sudan und Simbabwe, um nur drei zu nennen), nicht nur auf den politischen Rechten herum, sondern untergräbt auch das wirtschaftliche Wohlergehen ihrer Bürger. In solchen Fällen besteht China gerne auf der Souveränität dieser Länder, frei zu entscheiden, was für sie Menschenrechte sind und wie diese gesichert werden. Die Gefahr dabei ist, dass die sozioökonomische Entwicklung keine Rolle spielt – was den wiederholt geäußerten Behauptungen Chinas den Boden entzieht, seine Verbindungen zu Afrika seien anders geartet als die des Westens.
Professor Ian Taylor,
Universität von St. Andrews, Schottland,
und University of Stellenbosch, Südafrika
Antwort von Heribert Dieter:
Ian Taylor kritisiert meinen Artikel mit wenig stichhaltigen Argumenten. Erstens beschäftige ich mich mit der Frage, inwieweit die Kritik westlicher Institutionen an China legitim ist. Ich urteile nicht über „den Westen“, sondern lediglich über die westlichen Geber von Entwicklungshilfe. Taylors Behauptung, ich spräche der gesamten westlichen Welt das Recht ab, China zu kritisieren, geht weit am Ziel vorbei.
Zweitens macht Taylor einen für Regionalexperten typischen Fehler. Diese nehmen häufig an, Vorgänge in „ihrer“ jeweiligen Region seien einzigartig. Sie übersehen, dass bestimmte Entwicklungen ebenso in anderen Weltgegenden stattfinden. Eine derart beschränkte Perspektive führt dazu, den fundamentalen Wandel im internationalen System zu unterschätzen, zu dem auch der Aufstieg Chinas (und Indiens) gehört. Mein Argument ist, dass der Einfluss Chinas nicht nur in Afrika wächst und dass es gute Gründe für diese Entwicklung gibt. Natürlich – und das sage ich auch deutlich in meinem Artikel – verhält China sich nicht altruistisch, sondern von Interessen geleitet.
Drittens verteidigt Professor Taylor nachdrücklich die Arbeit der internationalen Finanzinstitutionen in Afrika. Seine Position ignoriert eine Fülle an Literatur, die (wie zum Beispiel Joseph Stiglitz in „Making Globalisation Work“) sowohl die konzeptionellen Schwächen der Rezepte von Weltbank und Internationalem Währungsfonds als auch (wie zum Beispiel William Easterly) deren wenig überzeugende Verwirklichung kritisiert. Natürlich tragen Afrikas Eliten Verantwortung für den wirtschaftlichen Niedergang des Kontinents. Dennoch haben die Ratschläge der internationalen Finanzinstitutionen – Reduzierung der Staatstätigkeit, Betonung makroökonomischer Stabilität und die rasche Öffnung der afrikanischen Ökonomien für ausländische Konkurrenz – Schaden angerichtet. Keines der in den letzten Jahrzehnten wirtschaftlich erfolgreichen Länder, viele davon in Asien, ist diesen simplen Empfehlungen zur Liberalisierung gefolgt – und das ist ein wichtiger Aspekt der gegenwärtigen Diskussion: Das Ansehen, das China in der sich entwickelnden Welt zunehmend genießt, erklärt sich teilweise auch dadurch, dass Peking westlichen Rat abgelehnt hat und damit erfolgreich war.
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