[ Internationale Kooperation ]
„Noch in den Kinderschuhen“
Wasser ist eine existenzielle Ressource, für die es keinen Ersatz gibt. Die Versorgung Afrikas hängt von gewaltigen Flüssen und Seen ab, die nationale Grenzen überqueren. Gute Zusammenarbeit der Anrainerstaaten ist überlebenswichtig.
[ Von Hans Dembowski ]
Die ugandische Politikerin fürchtet, dass das Wetter zunehmend verrückt spielt. Die Schneekappen auf Afrikas hohen Bergen schmelzen und der Viktoriasee hat weniger Wasser als früher. „Das Klima wandelt sich“, lautet ihre Einschätzung. „Wir müssen uns vorbereiten, wir brauchen Mittel.“
Die Auswirkung des Treibhauseffekts auf Afrikas Wasserversorgung war Thema einer von InWEnt organisierten internationalen Konferenz Ende September auf dem Petersberg bei Bonn. Die Teilnehmer waren sich einig, dass die Entwicklungsländer solide wissenschaftliche Daten brauchen und dass diese zumindest zum Teil von den Geberländern zur Verfügung gestellt werden müssen. Außerdem werden die armen Regionen der Welt bei der Anpassung an den Klimawandel Hilfe der internationalen Staatengemeinschaft brauchen. Es ist eine globale Aufgabe, Wasserressourcen im Zeitalter des Klimawandels gut zu managen. Arme Länder leiden am stärksten unter dem Treibhauseffekt. In Afrika sind die Herausforderungen besonders gewaltig.
Afrikanische Infrastrukturen sind vielfach in schlechtem Zustand. Wenn das Millenniumsziel, die Zahl derer ohne sicheren Zugang zu Trinkwasser bis 2015 zu halbieren, erreicht werden soll, braucht der Kontinent jährlich Investitionen von rund 20 Milliarden Dollar. Das schätzt Kordje Dedoumbra von der Afrikanischen Entwicklungsbank. Er warnt, die offizielle Entwicklungshilfe werde „niemals ausreichen, um den Bedarf zu decken“. Die nationalen Regierungen müssen also aktiv werden, und auch in ihrer Heimat Finanzmittel mobilisieren.
Gemeinsame Interessen
Erschwerend kommt hinzu, dass zwei Drittel der afrikanischen Wasservorräte in mächtigen Flüssen und Seen – zum Teil aber auch unterirdisch – Grenzen durchqueren. Versuche, die Dinge nur auf einzelstaatlicher Ebene zu regeln, sind also nicht sinnvoll. Der Nil ist das deutlichste Beispiel. Sein Becken ist für Länder mit Küsten an Atlantik, Indischem Ozean und Mittelmeer relevant.
Es ist allgemein bekannt, dass Ägypten und Sudan komplett vom Nilwasser abhängen. Aber auch Menschen in Grenzregionen der Demokratischen Republik Kongo (DRC) und Tansanias nutzen Wasser aus dem Nilbecken. Andere international relevante Flüsse sind etwa der Senegal, der Niger, der Kongo und der Sambesi. Tansania und die DRC gehören deshalb nicht nur der Nilbecken-Initiative an, die sieben weitere Länder erfasst. Sie beteiligen sich auch gemeinsam mit zwölf anderen Staaten am Transboundary Water Management der South African Development Community (SADC).
Rund 75 % der Afrikaner hängen von grenzüberschreitenden Wasserressourcen ab, sagt Anthony Turton vom südafrikanischen Council for Scientific and Industrial Research (CSIR). Seiner Ansicht nach ist ein neues Paradigma in der Wasserversorgung nötig. Traditionell wird angenommen, Wasser sei eine gegebene Größe, die nur einmal gebraucht werden kann. Tatsächlich kann – und muss – Wasser mehrfach genutzt werden. Laut Turton ist Wasser „kein Bestand, sondern ein Strom“.
Jedenfalls ist Wasser ein unverzichtbares Gut, für das es keinen Ersatz gibt, egal wie viel Geld man zu zahlen bereit ist. Wenn dieses elementare Lebensmittel möglichst effizient genutzt werden soll, muss es sorgfältig bewirtschaftet werden. Abwasser muss aufbereitet werden, um flussabwärts wieder als Ressource zu dienen. Außerdem müssen Dämme und Bewässerungssysteme so angelegt werden, dass Verschwendung und Versalzung vermieden werden.
Indessen verschwindet das kostbare Nass, das auf den Feldern genutzt wird, nicht einfach: Ein Teil bleibt in den Pflanzen, ein Teil sickert ins Grundwasser und ein Teil verdunstet – jeweils mit anderen ökologischen Konsequenzen. Diese Konsequenzen können – und sollten – berechnet werden, denn das, was die Menschen in einem Land tun, hat Konsequenzen für andere Anrainerländer desselben Flusses.
Ob genug Wasser da ist oder nicht, ist eine Frage der nationalen Sicherheit. Karin Kortmann, die parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit, spricht deshalb von „Wasserpolitik“ auch als „Friedenspolitik“. Andere mit Wasser verbundene öffentliche Güter sind unter anderem Flutkontrolle, Nahrungssicherheit, zuverlässige Versorgung mit Wasserkraft, Wirtschaftswachstum und Krankheitsprävention. Flussmanagement ist daher ein „wichtiger Aspekt regionaler Integration“, wie Francis Daniel Bougaïré von Burkina Fasos Wasserministerium die Beiträge verschiedener Teilnehmer der Konferenz auf dem Petersberg zusammenfasste.
Ein vernetztes System
In ganz Afrika wurden Institutionen geschaffen, die sich mit den komplexen Wasserfragen beschäftigen. Konferenzteilnehmer betonten die schnellen Fortschritte seit der Jahrtausendwende. Stephen Maxwell Donkor von der UN-Wirtschaftskommission für Afrika hält das System der vernetzten Flussbecken-Initiativen im Prinzip für „funktional und passend“. Er räumt aber ein: „Es steckt noch in den Kinderschuhen und muss gestärkt werden.“
Tatsächlich besteht immer die Sorge, dass multilaterale Foren reine Debattiergesellschaften bleiben. Für den internationalen Fortschritt ist daher auch die Qualität des nationalen Regierungshandelns wesentlich. Leider liegt in Afrika aus der Sicht von Geberinstitutionen noch viel im Argen. Claudia Radeke von der KfW Entwicklungsbank beispielsweise klagt, aus politischen Gründen würden Wasserwerke häufig nicht effizient geführt. Oft hätten sie mehr Mitarbeiter als nötig, da Regierungsangestellte Verwandte und Freunde mit bequemen Jobs versorgen. Noch schlimmer sei, dass oft – wenn überhaupt – zu niedrige Wassergebühren erhoben würden, um nötige Investitionen zu tätigen. Im Ergebnis bleiben die Dienste inadäquat und unzuverlässig. Die KfW setzt sich daher für sektorweite Reformen ein, die laut Radeke aber in manchen Ländern „nur sehr schleppend vorankommen“.
Die Vorsitzende der Global Water Partnership, Margaret Catley-Carlson, meint, viele Regierungen armer Länder mäßen Wasserfragen zu wenig Bedeutung bei. Die zuständigen Minister seien häufig Leichtgewichte im Vergleich mit für Finanzen, Verteidigung oder Polizei verantwortlichen Kabinettskollegen. Catley-Carlson fordert, Wasserminister sollten für ihr Ressort mehr Geld erkämpfen.
Andere Experten aus der reichen Welt fragen indessen, ob auch die Geber Wasser zu wenig Aufmerksamkeit schenken. Uschi Eid, stellvertretende Vorsitzende von UNSGAB (UN Secretary General’s Advisory Board on Water and Sanitation), appelliert an alle einflussreichen Personen, das Thema auf der internationalen Agenda nach oben zu heben. Sie räumt ein, reiche Länder seien eher bereit, die Gesundheits- und Bildungssektoren armer Ländern zu unterstützen, als in Wasserversorgung zu investieren. Als einen Grund nennt sie das Umweltbewusstsein der Wähler in den Industrieländern, die oft Bedenken gegen große Staudämme hegten.
Wenig überraschend monieren daher auch afrikanische Politiker Geberhaltungen. Beispielsweise kam auf dem Petersberg Frustration darüber zur Sprache, dass die Geber bisher kaum Interesse am Bau eines größeren Damms in Tansania zeigen. Die dortige Regierung erhofft sich von dem Projekt die Sicherung der Wasserversorgung von Dar es Salaam, dem größten städtischen Ballungsraum ihres Landes.
Auf ähnliche Weise klagte die ugandische Konferenzteilnehmerin Jennipher Namuyangu, sanitäre Angelegenheiten würden „schon lange vernachlässigt“. Bekanntlich hat das Thema große Bedeutung für die öffentliche Gesundheit (Eid, 2007). Trotzdem ist es laut Namuyangu schwierig, Geld zu mobilisieren, denn Politiker aus Empfänger- wie Geberländern nähmen lieber Fototermine vor neu angeschlossenen Trinkwasserhähnen wahr als die Inbetriebnahme von Latrinen.
Offensichtlich bleibt noch viel zu tun. Aus Sicht von Staatssekretärin Kortmann hat die Wasserdiplomatie in Afrika in den vergangenen Jahren große Fortschritte gemacht. „Jetzt geht es darum, diese Ergebnisse in die Tat umzusetzen, also aus der Verhandlungs- in die Umsetzungsphase überzugehen“, sagte sie auf der Konferenz. Deutschland gehöre zu den Ländern, die für den Klimawandel verantwortlich sind. Daher sei die Bundesregierung langfristig bereit, afrikanische Staaten in Wasserfragen zu unterstützen.
„Information ist lebenswichtig“
In der Sahel-Zone gab es im August und September ungewöhnlich heftige Niederschläge. Am stärksten betroffen war Uganda, und folglich berichteten die Medien besonders über dieses Land. Doch auch andere Regierungen in der Region hatten mit Herausforderungen zu kämpfen.
Wie war die Lage in Niger nach dem sintflutartigen Regen?
Dieses Jahr hatten wir wirklich jede Menge Regen. Normalerweise beginnt die Regenzeit bei uns im Mai und Juni, diesmal war sie nicht sonderlich schlimm. Doch in der zweiten Julihälfte, den ganzen August durch und in den ersten Septemberwochen regnete es ziemlich stark. Straßen und Kommunikationsinfrastruktur haben schwere Schäden erlitten. Viele Menschen wurden Opfer von Überschwemmungen, es gab sogar Tote.
Ist der ungewohnte Niederschlag eine Folge des Klimawandels?
Das ist schwer zu sagen. Insgesamt war die Regenmenge in diesem Jahr nicht ungewöhnlich. In den sechziger und siebziger Jahren gab es viel heftigere Niederschläge. In den vergangenen Jahrzehnten plagten uns eher Dürren als Überschwemmungen. Dennoch kann man sagen, dass in den letzten zwei oder drei Jahren ziemlich viel Regen fiel, und das kann durchaus am Klimawandel liegen. Wirklich neu ist die Intensität des Regens; manchmal fallen 150 bis 200 ml in 24 oder 36 Stunden. Das sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen.
In der gesamten Sahel-Zone kam es zu schweren Regenfällen. Müssen Sie international zusammenarbeiten, um die Probleme in den Griff zu bekommen.
Ja, natürlich, wir kooperieren ja auch schon. Es gibt Organisationen wie CILSS, das „Comité Inter-Etats de Lutte contre la Secheresse dans le Sahel“ (Zwischenstaatliches Komitee zur Bekämpfung der Dürre im Sahel), und weitere Einrichtungen, die sich regional engagieren, zum Beispiel die Niger Basin Authority, die Lake Chad Basin Commission und eine Reihe anderer Organisationen. Wie jüngst wieder gesehen, sind Einzelstaaten in solchen Krisen ziemlich machtlos. Eine einzelne Regierung kann so etwas einfach nicht alleine bewältigen. Die Einsicht setzt sich immer mehr durch, dass Katastrophen auf nationaler und internationaler Ebene angegangen werden müssen; die Gewässerorganisationen werden mit als Erste eingeschaltet. Es bleibt uns gar nichts anderes übrig als grenzübergreifend zusammenzuarbeiten.
Welche Rolle spielt die Weltgemeinschaft?
Zunächst einmal ist Information lebenswichtig. Wir müssen die Menschen vor Katastrophen warnen. Uns stehen meteorologische Daten zur Verfügung, um allgemeine Trendaussagen für die nächsten drei Monate zu treffen. Das ist zwar nicht sehr zuverlässig, aber zumindest können wir so frühzeitig etwas tun, um nicht völlig unvorbereitet zu sein, wenn Katastrophen zuschlagen. Und noch etwas könnte bereits im Vorfeld getan werden: Menschen aus bedrohten Gegenden in hochwasserfreie Gebiete umsiedeln. Derzeit leben im Niger viele Menschen in Dörfern, die schon oft überflutet wurden. Sie alle umzusiedeln ist allerdings eine schwere Aufgabe – und teuer obendrein. Hier kann die internationale Gemeinschaft helfen.
Das Interview führte
Hans Dembowski Ende September auf dem Petersberg.
6. Petersberg Round Table Vom 24. bis 26. September diskutierten die Teilnehmer des „6. Petersberg Round Table“, wie die Zusammenarbeit bei der grenzüberschreitenden Wasserwirtschaft in Afrika messbar verbessert werden kann. Organisiert wurde die Veranstaltung von InWEnt im Auftrag der Bundesministerien für Entwicklung, Umwelt und auswärtige Angelegenheiten, sowie der Weltbank, des UNDP, des AMCOW (African Ministers’s Council on Water) und der Global Environment Facility.
Uschi Eid, 2007: Tödliches Tabu – sanitäre Grundversorung wichtiger nehmen, E+z/D+C, Januar, S. 28f
E+Z, 2007/11, InWEnt Forum, Seite 430
