[ Kommentar ]
Javas Mythen und die jüngste Vergangenheit
Manch Indonesier sieht den ehemaligen Präsidenten Suharto als „Vater der Entwicklung“. Tatsächlich war er ein rücksichtsloser, gewalttätiger Diktator, der zusammen mit seiner Familie Milliarden von Dollar anhäufte.
[ Von Edith Koesoemawiria ]
In einem Land, das Äußerlichkeiten ernst nimmt, wurde Suharto so den mythischen Königen Javas gleichgestellt, deren Legitimation von höherer Stelle stammte und die daher nicht vor Gericht gebracht werden konnten. Nicht das Volk stürzte Suharto. Er gab sein Amt zu einem Zeitpunkt seiner Wahl auf. Suharto trat am 21. Mai 1998 zurück. Dokumente, die Forscher der George-Washington-Universität kürzlich veröffentlichten, belegen, dass damals US-Präsident Bill Clinton Suharto wiederholt telefonisch zu diesem Schritt gedrängt hatte. Trotzdem sagte der langjährige Energieminister Ginanjar Kartasasmita öffentlich, er habe sich für seinen Beitrag zur historischen Entscheidung bei Suhartos ältester Tochter entschuldigt.
Was sollte diese Demutsgeste? Kartasasmita forderte Suharto keinesfalls als Demokrat auf, Verantwortung für die Wirtschaftskrise des Landes zu übernehmen. Vielmehr ging es ihm um Vergeben und Vergessen.
Die Geschichte des Suharto-Regimes war blutig. Suharto leitete 1962 die Besatzung von Westpapua und wurde dann Oberbefehlshaber des strategischen Heereskommandos (Kostrad). Drei Jahre später kommandierte er nach einem Putschversuch der Linken eine Säuberungsaktion, der über 500 000 angebliche Kommunisten zum Opfer fielen. 1967 wurde er Präsident. Frühe Fünfjahrespläne sorgten für Wachstum und Entwicklung und sicherten die Einheit Indonesiens. Mit Erdölgeld und Entwicklungshilfe ließ er im Rahmen von „Repelita” genannten Programmen Gesundheitszentren, Schulen, Märkte und Gebetseinrichtungen bauen. Auch Jobs entstanden. Repelita-Vorhaben überzeugten viele Indonesier. Daher stammt sein inoffizieller Titel des „Vaters der Entwicklung”.
Selbst politische Gegner erkennen Suhartos Anfangserfolge an. So meint etwa der Reformpolitiker Sri Bintang Pamungkas, Suharto habe den Indonesiern gezeigt, dass sie eine Nation bilden können. Bintang bedauert aber, dass Suharto nicht nach zwei Amtszeiten zurücktrat.
Manche seiner Entwicklungsprogramme hatten schlimme Folgen. Eine Kampagne, die Indonesien 1985 zum Reisselbstversorger machen sollte, ließ Bauern von Düngemitteln und einer bestimmten Anbausorte abhängig werden. Andere Reissorten drohten auszusterben. Die Düngerkosten trieben viele in die Armut. Bevölkerungsgruppen, die sich traditionell anders ernährten, wurden zur Umstellung auf Reis gezwungen. Ihre herkömmliche Nahrung sei menschenunwürdig, hieß es. Als vor kurzem Reis knapp wurde, weigerten sich diese Menschen, etwas anderes zu essen. Nun ist Aufklärung nötig.
Schlimmer noch: Um das Reisprogramm durchzuführen, wurden Menschen zwangsumgesiedelt. Das führte zu Neid und Konflikten.
Das Militär spielte bei der Umsetzung der Politik eine enorme Rolle. Suharto gab dem Militär die Kontrolle über Volk, Land und Wirtschaft. Hinter seiner lächelnden Fassade versteckte sich Suhartos berechnender und rücksichtsloser Charakter. Er hielt sich 32 Jahre an der Macht. Sicherheit hatte oberste Priorität.
Weder in Jakarta noch auf den entlegensten Inseln duldete Suharto Widerspruch oder Opposition. Wen er für respektlos hielt, bestrafte er streng. Er brachte die Presse zum Schweigen, ließ Aktivisten verschwinden und missachtete Menschenrechte. Separatistische Bewegungen in Ost-Timor, West-Papua, Ambon und Aceh versuchte er im Keim zu ersticken.
Die Indonesier dürfen sich nicht vom Königsmythos blenden lassen. Sie sollten Suharto als den rücksichtslosen General sehen, der er war. Er hatte Macht und trug Verantwortung. Er und seine Familie häuften ein Vermögen von etwa 30 Milliarden Dollar an. Wenn Indonesien die Suharto-Ära genau betrachtet, wird es ein riesiges Korruptionsnetz erkennen.
Edith Koesoemawiria
arbeitet für das indonesische Programm bei Radio Deutsche Welle in Bonn.
»» hidayati@gmx.de
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E+Z, 2008/03, Debatte, Seite 130
