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[ Biodiversität ]

Unentbehrliche Ressourcen

In Afrika kann es keine Grüne Revolution nach asiatischem Vorbild geben – dazu sind die Anbaumethoden und -bedingungen zu heterogen. Verbessertes Saatgut ist trotzdem notwendig. Soll die Ernährung quantitativ und auch qualitativ besser werden, kommt es darauf an, biologische Vielfalt sinnvoll zu nutzen.

[ Von Emile Frison ]

Die Grüne Revolution hat ohne Zweifel Millionen – vielleicht sogar Milliarden – Menschenleben gerettet, insbesondere in Asien. Waren früher in Indien ganze Landstriche von Hunger geplagt, ermöglichen Ertragssteigerungen in der Landwirtschaft heute sogar den Export von Nahrungsmitteln.

Das wurde in erster Linie durch Neuzüchtungen möglich. So sammeln Reis- und Weizenpflanzen, in die Gene für Kleinwuchs eingebaut wurden, mehr Nährstoffe im Getreidekorn an. Gleichzeitig kann der kürzere und festere Halm besser die schwereren Getreideähren tragen. Mit Dwarf- und Semi-Dwarf-Sorten erreichten Züchter auch auf anderen Gebieten höhere Erträge. Und das sind nur einige Beispiele. Standardbeispiele wie die Entdeckung der Resistenz gegen die braune Zwergzikade in einer bestimmten Reissorte verdecken dabei, dass Gene anderer Herkunft enorm dazu beigetragen haben, die Produktivität zu steigern.

Die genetische Vielfalt war aber nur ein wichtiger Faktor für das Gelingen der Grünen Revolution. Wichtig war auch die Verfügbarkeit von Wasser und Land, das gut zu bewässern ist – beide Voraussetzungen waren in Asien gegeben. Entscheidend waren außerdem Dünger und Pflanzenschutzmittel.

Eine Grüne Revolution in Afrika wird aber nicht dem Beispiel Asiens folgen können. Schon der erste Versuch hatte dort kaum Erfolg, weil die Landwirtschaft nicht so einheitlich ist wie in Asien. Wasserknappheit ist südlich der Sahara ein großes Problem, die Beschaffenheit der Böden variiert enorm, und die Erde ist oft sehr ausgelaugt. Um die landwirtschaftlichen Erträge zu erhöhen, ist es nötig, bessere Anbausorten und Nutztierarten zu züchten. Das aber geht wiederum nur, wenn Zugang und Nutzung der genetischen Ressourcen der landwirtschaftlichen Artenvielfalt gewährleistet sind. Sonst wird auch die Anpassung an den Klimawandel nicht gelingen (siehe Seite 192).


Versteckter Hunger

Neben ihrem Erfolg hat die Grüne Revolution aber auch enorme Nebenwirkungen wie Mangelernährung und Wohlstandskrankheiten verursacht. Zwar hungern „nur“ noch rund 850 Millionen Menschen chronisch dank zusätzlicher Kalorien aus Hochertragssorten. Vor allem in städtischen Gebieten ersetzen nun raffiniert erzeugte Kohlenhydrate und Fette Hülsenfrüchte und andere nährstoffhaltigere Energie- und Eiweißquellen. Etwa zwei Milliarden Menschen fehlen jedoch wichtige Nährstoffe wie Eisen und Vitamin A. Betroffen von Mangelkrankheiten sind vor allem Frauen und Kleinkinder. Von rund zehn Millionen Kindern, die jährlich im Alter von unter fünf Jahren in Entwicklungsländern sterben, fallen Schätzungen zufolge fast 60 Prozent solchem versteckten Hunger zum Opfer – und nicht dem klassischen Kalorienmangel.

Gleichzeitig nehmen so genannte Wohlstandskrankheiten – wie Typ-II-Diabetes, Herzerkrankungen, Krebs und Fettsucht – in der armen Bevölkerung rapide zu. Tatsächlich hat die WHO kürzlich einen besonders beunruhigenden Trend erkannt. In so genannten Haushalten mit doppelter Belastung haben einige Familienmitglieder Übergewicht und entsprechende Gesundheitsprobleme, während andere Familienmitglieder untergewichtig und mangelernährt sind. Laut dem International Journal of Obesity sind in Ländern wie Brasilien, China, Indonesien und Vietnam zwischen 22 und 66 Prozent der Haushalte auf solche Weise doppelt belastet.


Traditionelle Anbaupflanzen

Sowohl Fettleibigkeit als auch versteckter Hunger sind meist die Folge eingeschränkter Ernährungsvielfalt. Aus verschiedenen Gründen haben Wissenschaft und Öffentlichkeit viele Getreidesorten vernachlässigt. Studien von Bioversity International und anderen haben gezeigt, dass traditionelle Anbaupflanzen großes Potenzial haben, um die Ernährung sowie das Einkommen armer Bauern zu verbessern.

In Indien beispielsweise zeigte ein Projekt der M.S Swaminathan Research Foundation den Nährwert von wenig verbreitetem Getreide wie lokalen Hirsesorten. Durch die Verarbeitung zu nährstoffreichen Snacks für Stadtbewohner stieg die Nachfrage nach Hirse. Das wiederum bereicherte das Leben der armen Bauern in den Randgebieten und die Anbauvielfalt. Zugleich waren die Bauernfamilien durch die Hirse besser ernährt. Ein Projekt mit traditionellem Blattgemüse in Ostafrika brachte ähnliche Vorteile.

Allein in Kenia werden rund 200 verschiedene Pflanzensorten als Blattgemüse zu stärkehaltigen Grundnahrungsmitteln gegessen. Diese Sorten liefern deutlich mehr Nährstoffe als importiertes Gemüse wie Weiß- und Grünkohl. Amarant-Blätter zum Beispiel enthalten mehr als zehn Mal so viel Eisen wie Kohl, Spinnenpflanzen sogar das 1000-fache. Traditionelle Blattgemüse werden aber häufig als „rückständig“ eingestuft und mit Armut assoziiert – und zudem unter ärmlichen und unhygienischen Umständen verkauft. Auch wissen viele Stadtbewohner diese Nahrungsmittel nicht mehr optimal zu nutzen.

In einer gemeinsamen Aktion von NROs wie Family Concern, sowie einer örtlichen Supermarktkette, wurden Bauern darin ausgebildet, qualitativ hochwertiges Blattgemüse anzubauen und so zu verpacken, dass es Supermarkt-Standards entspricht. Gleichzeitig stellte eine Werbekampagne den großen Nährwert traditioneller Blattgemüse heraus, unter anderem durch attraktive, bunte Rezeptkarten im Supermarkt. Innerhalb von zwei Jahren erhöhte sich der Absatz an traditionellem Gemüse enorm. Derzeit kann das Angebot die Nachfrage sogar nicht mehr ganz decken. Die beteiligten Bauern berichten von einer Verbesserung ihres Einkommens, und Familien in Nairobi sagten, sie äßen mehr traditionelles Blattgemüse als früher und seien weniger krank.

Um den versteckten Hunger zu bekämpfen, kommt es sicherlich darauf an, Pflanzen derart genetisch zu verändern, dass sie nahrhafter und widerstandsfähiger sind. Lösungen, die auf Ernährungsgewohnheiten abzielen, bieten aber auch Vorteile. So brauchen sie weniger neue Infrastruktur und sind schon von sich aus nachhaltig. Hinzu kommt, dass sie Verdienstmöglichkeiten bieten und die eigene Essenskultur, die mit bestimmten Lebensmitteln verbunden ist, bewahren.


Nahrungssicherheit

Intensiv-Anbau ist grundsätzlich von genetisch homogenen Sorten abhängig, die externen Input brauchen, wenn die Ernten garantiert sein sollen. Bewässerung ersetzt unberechenbare Regenfälle und Pestizide schützen verletzliche Pflanzen. Ohne diesen zusätzlichen Aufwand fallen die Ernten niedrig aus oder schwanken zumindest sehr stark.
Die Vielfalt landwirtschaftlich angebauter Pflanzen bietet die Möglichkeit, die notwendigen Eigenschaften auszusuchen, um die besten Erträge zu erreichen – sei es in Form der besten Sorten oder aber auch der besten Gene. Das bietet die Chance, Risiken zu begrenzen und die Produktion gleichzeitig zu intensivieren. Landwirte, deren Böden verschiedene Wachstumsbedingungen umfassen, nutzen traditionellerweise eine Bandbreite an Sorten, die die verschiedenen Bedingungen am besten nutzen.

Afrikanische Sorghum-Bauern etwa bauen bestimmte Pflanzentypen im feuchten Flachland an und genügsamere Sorten an den höher liegenden trockenen Hängen. Schnell reifende Sorten pflanzen sie, wenn der Regen spät einsetzt. Die Gene lassen die Pflanzen ganz unterschiedlich auf verschiedene Voraussetzungen wie etwa Bodenbeschaffenheit oder Regen reagieren. Dadurch sichern sie von Jahr zu Jahr eine relativ stabile Ernte trotz wechselnder Bedingungen.

Auch die Widerstandskraft gegen Schädlinge und Krankheiten fördert den Ernteertrag. Im Vergleich zu veredelten Sorten, die zusätzlich Wasser und Pestizide benötigen, mag er zwar etwas niedriger sein. Ohne diesen Mehraufwand gesehen aber, sind sie deutlich verlässlicher und stabiler. Weil Landsorten wegen natürlicher und künstlicher Selektion besonders gut angepasst sind, nützt ihr Einsatz gerade armen Bauern in abgelegenen Gebieten. Diese minimieren in der Regel eher Risiken, als dass sie Erträge zu maximieren versuchen. Dabei nutzen sie ihre Kenntnis der Sortenvielfalt.

Eine breite Palette an Pflanzensorten ist ein wirksames Mittel, um das Risiko eines Ernteausfalls zu minimieren. Zudem können viele Bauern nur so ihre Erträge beeinflussen und die Nährwertversorgung verbessern. Deshalb hat Sortenvielfalt gerade unter schlech­ten Bedingungen eine sehr große Bedeutung. Das soll nicht heißen, dass sich nichts ändern soll. Es ist aber sehr wichtig, die biologische Vielfalt strategisch einzusetzen – insbesondere unter problematischen Anbaubedingungen. Das hilft, die Erträge zu steigern, ohne das System auf wenige Sorten zu beschränken.


Neuer Ansatz notwendig

Bis sich das Wachstum der Erdbevölkerung stabilisiert, muss die Nahrungsmittelproduktion noch deutlich steigen. Weil der Bedarf in Afrika am größten ist, ist hier eine neue Grüne Revolution notwendig. Sie muss aber in vieler Hinsicht anders aussehen als die erste Grüne Revolution.

Zwar wird auch eine zweite Grüne Revolution auf die genetische Diversität zurückgreifen, um nützliche Eigenschaften zu finden. Zusätzlich aber sollten Einsatzmöglichkeiten von verschiedenen Pflanzensorten ausgeschöpft werden.

Bisher haben leider vor allem recht simple Ansätze zur Nutzung genetischer Ressourcen und der Bekämpfung von Unterernährung den Löwenanteil der Investitionen erhalten. Das überrascht nicht. Schließlich sind geradlinige Ansätze besonders attraktiv, und in manchen Gebieten waren sie auch sehr wirkungsvoll.

In Afrika aber wird das anders sein. Dort wird es vor allem darauf ankommen, die landwirtschaftliche Produktivität zu verbessern und Unterernährung zu bekämpfen. Um beide Ziele zu erreichen, kommt es ganz entscheidend auf die Vielfalt landwirtschaftlich angebauter Pflanzen an.

Wie die Beispiele zeigen, erhöht das den Nährwert und schafft Einkommenschancen. Der Anbau verschiedener Sorten ist zudem ökologisch nachhaltiger als der Anbau von Monokulturen. Die Kombination der beiden Verfahren bietet die Chance für bessere Lebensbedingungen. Das gilt insbesondere dort, wo größte Armut herrscht. Jeder Versuch, eine neue Grüne Revolution für Afrika voranzutreiben, muss scheitern, wenn er das Potential der Sortenvielfalt in der Landwirtschaft nur als Quelle für genetische Eigenschaften nutzt.

Die Folgen des Klimawandels für die Landwirtschaft

Wie beeinflusst der Klimawandel die Eignung der verschiedenen Anbaugebiete für bestimmte Anbaupflanzen? Das haben kürzlich Bioversity International und das International Rice Research Institute (IRRI) untersucht. Sie haben herausgefunden, dass Pflanzen, die in kaltem Klima gedeihen – wie etwa Weizen, Hafer und Erdbeeren –, in Zukunft in mehr Anbaugebieten geeignete Wachstumsbedingungen finden, während geeignete Anbaugebiete für wärmebedürftige Pflanzen weniger werden. Nordamerika und Europa werden vermutlich Anbauflächen hinzugewinnen, die relativ gute Voraussetzungen haben, mit dem Wandel umzugehen. Afrika hingegen wird geeignete Anbauflächen verlieren.

Diese Veränderungen passen nicht immer zu den Ernährungsgewohnheiten. So wird der Anbau von Perlhirse gerade in der Karibik und in Europa voraussichtlich um rund zehn Prozent zunehmen. Gerade dort ist ihre Bedeutung aber recht gering. In Afrika dagegen, wo dieses Getreide einen bedeutenden Anteil an der Nahrungssicherheit hat, schrumpft die geeignete Anbaufläche. Zusammen mit anderen Modellstudien weisen diese Ergebnisse darauf hin, dass der Klimawandel für die Landwirtschaft eine enorme Herausforderung sein wird – und zwar nicht nur für ressourcenarme Bauern.

Am Beispiel von drei wilden Spezies – Kartoffel (Solanum tuberosum), Erdnuss (Arachis hypogaea) und Augenbohne (Vigna unguiculata) – haben Wissenschaftler von Bioversity zudem die Auswirkungen des Klimawandels auf die Arten untersucht. 60 Prozent der untersuchten wilden Erdnuss-Verwandten werden im Jahr 2050 wohl ausgestorben sein. Für die Kartoffel sieht es mit 12 Prozent besser aus, und die Augenbohne steht relativ gut da: Nur vier Prozent der wilden Arten sterben vermutlich bis dahin aus. Dennoch schrumpft auch hier die Zahl der Varianten und die Verbreitung wird weniger flächendeckend sein.

Welche Probleme der Klimawandel mit sich bringt und wie sie zu lösen sind, ist noch ein Rätsel. Einerseits werden sich die am besten geeigneten Grundnahrungsmittel vielerorts verändern und die Menschen ihre Essgewohnheiten umstellen. Veränderungen der Ernährung sind für die Menschen aber nichts Neues – so brachte beispielsweise erst Kolumbus die Kartoffel nach Europa, wo sie dann zu einem der wichtigsten Grundnahrungsmittel wurde.

Aber Bauern müssen ihre Anbauweise an das veränderte Klima anpassen. Voraussetzung dafür sind neue Varianten und Sorten. Damit sind jedoch weitere Probleme verbunden. So ist es sehr schwierig, Hochertragssorten zu züchten, die für Afrikas höchst mannigfaltige landwirtschaftliche Ökosysteme geeignet sind. Zudem ist fraglich, ob Züchter überhaupt mit dem Klimawandel Schritt halten können. Alternativ dazu kann es sinnvoll sein, Bauern neues Saatgut zur Verfügung zu stellen – und zwar möglicherweise nicht aus lokalem Bestand. In jedem Fall brauchen sie Zugang zu verschiedenen Sorten und das notwendige Wissen, um eine kluge Auswahl im Sinne der Ertragssteigerung zu treffen.

Das Internationale Abkommen über pflanzengenetische Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft, das 2004 in Kraft trat, sieht einen einfacheren Zugang zu genetischen Ressourcen vor. Das Abkommen war ein wichtiger Schritt, aber es muss darauf geachtet werden, dass die Unterzeichner es konsequent umsetzen. Auch Züchter brauchen Zugang zu einer breiten Auswahl gut bestimmter Arten. Das wird aber immer schwieriger, weil die Vielfalt durch den Klimawandel weiter abnimmt.

Die ganze Geschichte der Landwirtschaft besteht aus fortschreitender Reduzierung genetischer Vielfalt, da ausgewählte Sorten andere ersetzen. Die Verbreitung veredelter Varianten, die die Grüne Revolution ermöglichten, verdrängten ebenfalls lokal angepasste Landrassen und Varianten der Bauern. Zwar wurden viele von ihnen in Genbanken aufbewahrt. Trotzdem sind Landrassen in den meisten Genbanken stark unterrepräsentiert. Um mehr wilde Arten zu sichern, müssen Arten und Regionen mit der höchsten Priorität ermittelt werden – zum Beispiel mit Klimawandelmodellen und geographischen Informationssystemen.

Entwicklung & Zusammenarbeit

E+Z Ausgabe

Nr. 05 2008, 49. Jahrgang, Mai 2008

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