[ Geburtskomplikationen ]
Für 300 Dollar ein normales Leben
Weltweit leiden etwa zwei Millionen Frauen unter Scheidenfisteln, wie der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) jüngst erhoben hat. Diese während des Geburtsvorgangs auftretende Verletzung führt dazu, dass die Frauen ihre Ausscheidungen nicht kontrollieren können.
[ Von Catherina Hinz ]
Wie es um die Müttergesundheit in einem Land steht, so wird ein afrikanischer Arzt zitiert, könne man leicht an der Scheidenfistel-Problematik ablesen: Je höher die Zahl der Frauen, die an dieser schrecklichen Geburtsverletzung leiden, desto schlechter steht es um Müttergesundheit generell. Die Schicksale der Frauen, die unter Scheidenfisteln leiden, verlaufen oft ähnlich: Sie bringen nach tagelangen Wehen ein totes Kind zur Welt und erleiden dabei so schwere innere Verletzungen, dass sie fortan ihre Körperfunktionen nicht mehr kontrollieren können.
In Äthiopien ist die Lage drastisch. Bei Komplikationen im Geburtsablauf, etwa einem Geburtsstillstand, ist gerade auf dem Land schnelle medizinische Hilfe selten verfügbar. Die nächste Gesundheitsstation oder das Krankenhaus ist mitunter mehrere Tagesmärsche entfernt, wenn es überhaupt ausgebildetes Personal für Notfalleingriffe wie den Kaiserschnitt gibt. Viele Frauen sterben – die Müttersterblichkeit liegt in Äthiopien mit 720 Todesfällen pro 100 000 Lebendgeburten relativ hoch. Noch höher ist die Zahl der Frauen, die die Entbindung zwar überleben, aber schwer verletzt und mit bleibenden Gesundheitsschäden – wie etwa mit einer Scheidenfistel. Experten gehen davon aus, dass jährlich ungefähr 9000 Äthiopierinnen davon betroffen sind.
Scheidenfisteln entstehen, wenn der Kopf des Babys während langer Wehen das Gewebe im Unterleib ständig an die Beckenknochen drückt. Die Blutzufuhr wird unterbrochen, Teile des Gewebes sterben ab und es entstehen Löcher zwischen Scheide, Blase und Darm: Die Frauen verlieren infolge der Geburt die Kontrolle über ihre Ausscheidungen. Zum körperlichen Leiden kommt soziale Ausgrenzung: Weil sie nach Urin und Exkrementen riechen, will niemand etwas mit ihnen zu tun haben. Sie leben wie Aussätzige ausgegrenzt aus der Gemeinschaft in Armut und Scham.
Zu frühe Schwangerschaft
Fisteln haben viele Ursachen: Neben der fehlenden medizinischen Versorgung während Schwangerschaft und Geburt ist die Tradition der Kinderheirat und der damit verbundenen frühen Schwangerschaften Teil des Problems. Noch heute ist es im ländlichen Äthiopien üblich, dass Mädchen früh verheiratet und bald nach ihrer ersten Regelblutung schwanger werden – oft schon mit 12, 13 oder 14 Jahren. Ihr Körper ist dann aber noch nicht ausgereift – nicht selten auch aufgrund chronischer Mangelernährung – und das Becken zu schmal für eine normale Geburt. Daher kommt es oft zu Komplikationen.
Auch Genitalverstümmelung spielt eine Rolle. Genitalverstümmelung ist in Ländern wie Äthiopien verbreitet und verursacht zwar keine Scheidenfisteln, erhöht aber ihre Auftretenswahrscheinlichkeit. Sexueller Missbrauch und Vergewaltigung sind weitere, wenngleich tabuisierte Faktoren, vor allem in den Krisen- und Konfliktregionen Afrikas. Es gibt wenige Daten dazu, aber es wird auch über so genannte traumatische Fisteln in Äthiopien berichtet.
Fisteln sind in Äthiopien ein echtes Problem – allerdings gibt es in dem ostafrikanischen Land auch eines der wenigen Krankenhäuser, die sich auf die Heilung dieses Leidens spezialisiert haben: das Fistula Hospital. Denn meist ist dieses Leiden durch relativ einfache Operationen heilbar, der Weltgesundheitsorganisation zufolge sogar zu 90 Prozent. Der Eingriff kostet etwa 300 Dollar, einschließlich nachoperativer Versorgung und Krankengymnastik zur Kräftigung der Beckenbodenmuskulatur. Danach können die Frauen meist wieder ein normales Leben führen.
Im vom Hamlin Fistula Research and Welfare Trust unterstützten Fistula Hospital in Addis Abeba werden jährlich rund 1200 Frauen operiert. Gegründet wurde es von der Australierin Catherine Hamlin, die Ende der 1950er Jahre mit ihrem Mann nach Äthiopien kam, um die Hebammenausbildung im Land zu modernisieren.
Sie war entsetzt über die vielen Frauen, die unter Scheidenfisteln litten. „In Ländern mit einem funktionierenden Gesundheitssystem gibt es dieses Problem praktisch nicht, da bei Gefahr für Mutter und Kind ein Kaiserschnitt oder andere medizinische Notmaßnahmen durchgeführt werden“, so Hamlin. „Aber in den abgelegenen Regionen Äthiopiens haben Frauen bei Geburtskomplikationen niemanden, der ihnen helfen kann.“ Das Ehepaar entwickelte Operationsmethoden, um den Frauen zu helfen. 1974 wurde das Fistula Hospital eröffnet. Seither wurden dort rund 32 000 Frauen kostenlos operiert.
Soziale Wiedereingliederung
Das Krankenhaus gilt in der Region als Vorreiter. Hier werden auch Mediziner aus anderen afrikanischen Ländern ausgebildet, um in ihrer Heimat Frauen helfen zu können. Neben der medizinischen Hilfe bietet das Fistula Hospital auch Maßnahmen zur sozialen Reintegration der Frauen an. Dazu gehört Unterricht im Lesen und Schreiben oder in Handarbeit. Aber sie werden auch über Frauenrechte informiert – zum Beispiel darüber, dass das gesetzliche Heiratsalter in Äthiopien bei 18 Jahren liegt. Manche Patientinnen werden auch zu Krankenschwestern ausgebildet und arbeiten anschließend in der Klinik.
Dennoch haben immer noch nur wenige der betroffenen Frauen Zugang zur Behandlung. Und der Strom der Hilfesuchenden bricht nicht ab: Täglich klopfen neue Patientinnen aus dem Hinterland an die Tore des Krankenhauses in der äthiopischen Hauptstadt. Viele der jungen Frauen haben mehrtägige Reisen voller Strapazen und Erniedrigungen hinter sich. Zu Fuß, weil sie kein Busfahrer mitnehmen wollte, oder dazu gezwungen, die ganze Reise auf einem Eimer hockend zu verbringen.
Experten gehen davon aus, dass die Zahl der Betroffenen in den nächsten Jahren steigt, da die Bevölkerung wächst. Die geburtshilfliche Vor- und Nachsorge kann da weder quantitativ noch qualitativ mithalten. Das ist das größte Problem.
Operationen allein reichen nicht aus. Das weiß auch Catherine Hamlin. „Wir müssen das Thema Scheidenfisteln durch Aufklärung enttabuisieren. Frauen mit Totgeburten und Scheidenfisteln werden oft verstoßen. Wenn die Dorfgemeinden jedoch gut informiert sind, dann verhindern sie dies. Und sie setzen sich dafür ein, Kinderhochzeiten möglichst zu vermeiden“, hofft sie.
Ähnlich ist zu erwarten, dass aufgeklärte Menschen destruktive Traditionen wie Genitalverstümmelung einstellen. Inzwischen tut sich aber auch einiges im Land. Nicht zuletzt dank der Arbeit des Fistula Hospitals oder von Initiativen wie der Informations-Kampagne der UNFPA, die seit 2003 weltweit gegen Fisteln kämpft. So wurde immerhin ein öffentliches Bewusstsein geschaffen.
Laut der medizinischen Direktorin des Fistula Hospitals, Mulu Muleta, nimmt auch die äthiopische Regierung das Problem mittlerweile sehr ernst. „Auf der politischen Ebene haben Frauenthemen bei der Regierung Priorität, man bemüht sich, die Müttergesundheit zu verbessern“, sagte Muleta kürzlich im Fachmagazin The Lancet.
Die Regierung unterstützt auch die Arbeit des Fistula Hospitals. Inzwischen wurden vier neue Basisstationen des Krankenhauses im ländlichen Äthiopien errichtet, um auch Patientinnen, die weit von der Hauptstadt entfernt leben, versorgen zu können. Armut, Mangel an ausgebildetem Personal und fehlende Straßen auf dem Land erschweren die Arbeit der Ärzte in den Basisstationen, etwa in der Amhara-Region Bahir Dar.
Aufklärung der Bevölkerung
Es ist nicht leicht, die Frauen zu erreichen, um ihnen zu helfen. Neben Unwissenheit herrscht der Irrglaube, die betroffenen Mädchen und Frauen seien selbst schuld an ihrem Leiden. So werden sie von der Gemeinschaft isoliert und in Hütten am Rand des Dorfes versteckt.
Daher ist die Aufklärungsarbeit von Hilfsorganisationen in den Gemeinden extrem wichtig. Die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung etwa hat das Thema in ihre Aufklärungsinitiative für Jugendliche in Äthiopien – vor allem für Mädchen in der Amhara-Region – einbezogen. Sie arbeitet eng mit dem dortigen Ableger des Fistula Hospitals zusammen. Lokale Krankenschwestern werden zur Früherkennung und Behandlung von Scheidenfisteln ausgebildet.
Außerdem erfahren Mädchen und junge Frauen in neu gegründeten Mädchenklubs von geschulten Beraterinnen, wie die Krankheit entsteht und wie sie sich vor ungewollten Schwangerschaften schützen können. Krankenschwestern und Jugendliche organisieren gemeinsam Aufklärungsveranstaltungen, in denen Frauen und Mädchen, aber auch Gemeindeälteste über die Ursachen, Vermeidung und Behandlung der Geburtsverletzung informiert werden.
Die Betroffenen wissen selbst oft nicht genau, was ihnen fehlt. „Tagelang hatte ich mich gequält. Das Baby war tot, als es dann kam. Es begann ein paar Tage danach. Das ganze Bett war nass, es war einfach schrecklich“, erzählt Mamitu. „Bald darauf brachten sie mich in die Hütte am Rand des Weilers – wegen des Gestanks, niemand hielt es in meiner Nähe länger aus. Das, was mit mir passiert ist, sei eine Strafe Gottes für meine Untreue, sagten sie.“
Mamitu sitzt am Boden zusammengekauert im Schatten ihrer Hütte. Sie erzählt zwei gleichaltrigen Mädchen, die als Jugendberaterinnen in einem Nachbardorf arbeiten, ihre Geschichte. Bei einer traditionellen Kaffeezeremonie, die sie mit Mitgliedern ihres Mädchenklubs organisiert hatten, um ganz beiläufig über „Frauenthemen“ zu sprechen, hatte eine ältere Frau sie angesprochen und auf Mamitus Hütte gezeigt: „Da wohnt auch so eine.“
Eine der Projekt-Krankenschwestern untersuchte Mamitu und stellte fest, dass sie bereits seit Jahren an einer Scheidenfistel leidet. Nun wird das Mädchen ins Fistula Hospital in Bahir Dar überwiesen und ist damit eine der 78 jungen Frauen, denen dort seit Beginn des Projektes im Oktober 2006 geholfen werden konnte.
Scheidenfisteln ließen sich vermeiden, wenn jede Geburt von einem erfahrenen und ausgebildeten Geburtshelfer begleitet würde und es bei Komplikationen eine Notfallversorgung gäbe.
Vor allem muss aber das Bewusstsein in der Allgemeinbevölkerung dafür geschaffen werden, dass Kinderheirat und Teenagerschwangerschaften Leben und Gesundheit der betroffenen Mädchen gefährden.
Catherina Hinz
leitet die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW) in Hannover.
»» http://www.weltbevoelkerung.de.
Grausame Tradition
Die Beschneidung der weiblichen Genitalien wird als Genitalverstümmelung – Female Genital Mutilation (FGM) – bezeichnet. Der Eingriff, bei dem mitunter wesentliche Teile der weiblichen Geschlechtsorgane amputiert werden, variiert in den unterschiedlichen Kulturen. Meist sind die hygienischen Bedingungen mangelhaft.In den meisten Fällen wird die Klitoris teilweise oder vollständig amputiert (Klitoridektomie), oft mit alten Rasierklingen oder Glasscherben. Bei der Exzision werden zudem auch die inneren Schamlippen herausgeschnitten. Diese Prozedur müssen die Opfer in der Regel ohne Betäubung über sich ergehen lassen.
Bei der extremsten Form der Verstümmelung, der Infibulation, die in etwa 15 % der Fälle vorkommt, werden zudem die äußeren Schamlippen ausgeschabt und mit Dornen oder Garn vernäht, so dass lediglich eine reiskorngroße Öffnung für Urin und Menstruationsblut verbleibt.
Da diese Methode auch als „pharaonische Beschneidung“ bekannt ist, lässt sich auf einen Ursprung in der ägyptischen Hochkultur schließen, wie bereits Herodot 425 vor Christus vermutete. Genitalverstümmelung ist keine islamische Tradition, wenngleich dieser Glaube weit verbreitet ist.
Dieses Ritual wird auch von äthiopischen Christen praktiziert, in vielen arabischen Ländern dagegen nicht. Für die Betroffenen hat eine Beschneidung oft weit reichende psychische und physische Folgen. Beschnitten werden meist junge Mädchen vor oder während der Pubertät. Je nach Kulturkreis kommt es aber auch vor, dass sie bereits im Säuglingsalter oder aber erst vor der Hochzeit oder nach der Geburt des ersten Kindes beschnitten werden.
Auch wenn sie die Beschneidung überleben, tragen die Betroffenen oft langfristige, irreparable Folgeschäden davon: Neben Unfruchtbarkeit, Geburtskomplikationen und chronischen Harnwegsinfektionen können sich tumorgroße Zysten bilden, von ihrer verminderten sexuellen Erlebnisfähigkeit ganz zu schweigen.
Die Praxis des Beschneidens wird regional unterschiedlich begründet. Eine Erklärung ist die Unterdrückung der weiblichen Sexualität in patriarchalen Gesellschaften. Mythen und Überlieferungen, aber auch biologische und medizinische Unkenntnis begründen den Eingriff oftmals.
Genitalverstümmelung ist in vielen Ländern verboten, doch die Tradition besteht fort. Sie wird heute vor allem in 28 afrikanischen Ländern praktiziert. Aber auch im Süden der Arabischen Halbinsel (Vereinigte Arabische Emirate, Oman, Jemen) und in Teilen Asiens (Indonesien, Malaysia, Indien) werden Mädchen beschnitten. Auch Naturvölker in Ozeanien vollziehen Beschneidungsrituale. Sogar im viktorianischen England kam Genitalverstümmelung vor.
Nach Schätzungen von Unicef sind weltweit 130 Millionen Frauen und Mädchen betroffen, jährlich kommen weitere 3 Millionen Opfer hinzu.
Alexandra Janda
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E+Z, 2008/09, Schwerpunkt, Seite 332-335



