[ Frauengesundheit ]
Zerstörung der sozialen Ordnung
Durch sexualisierte Gewalt gegen Frauen beeinträchtigen Soldaten oder Milizionäre im Krieg nicht nur die physische und psychische Gesundheit ihrer Opfer. Sie greifen auch Ehre und Selbstverständnis ihrer Beschützer – der Väter und Ehemänner – an. Die Täter zielen letztlich darauf ab, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu brechen. Deshalb verabschiedete der UN-Sicherheitsrat im Juni eine Resolution, die den internationalen Rechtsrahmen zur Sanktionierung von sexualisierter Gewalt in Kriegen erweiterte.
[ Von Rita Schäfer ]
Der Zusammenbruch der medizinischen Infrastruktur ist dabei für Frauen und Mädchen, die vergewaltigt wurden, besonders fatal. Viele ringen ihr Leben lang mit den Folgen – sowohl physisch als auch psychisch. Sie bekommen zum Beispiel Scheidenfisteln, die dazu führen, dass die Betroffenen ihre Ausscheidungen nicht mehr kontrollieren können (siehe Artikel zum Thema auf Seite 332). Dazu werden viele betroffene Frauen, die chirurgisch nicht behandelt werden können, als unrein angesehen. Oftmals werden sie von ihren Familien verstoßen.
Selbstverständlich werden auch HIV/Aids und andere Geschlechtskrankheiten durch sexualisierte Gewalt verbreitet. Aus Angst vor Ausgrenzung machen viele Frauen und Mädchen deshalb keinen HIV-Test. Diese Probleme gibt es – in unterschiedlicher Ausprägung – in christlich wie in islamisch geprägten Gesellschaften. Statistiken über Vergewaltigungen und sexuell übertragbare Krankheiten (Sexually Transmitted Deseases – STDs) in Kriegs- und Nachkriegsgesellschaften sind jedoch immer Schätzungen. Auch wenn die offiziellen Zahlen schon erschreckend sind – die Dunkelziffer liegt noch weit höher.
Trotz aller Not bekommen solche Frauen aber wenig Unterstützung. Hilfe leisten allenfalls lokale NRO, die dabei manchmal von internationalen Organisationen gefördert werden. Doch um diese Zustände zu ändern, spielen auch politische und religiöse Autoritäten eine wichtige Rolle und nicht zuletzt müssen die jeweiligen Armeen und Kriegsherren in die Pflicht genommen werden.
Vergewaltigung als Strategie
Trotzdem werden Vergewaltigungen immer noch als Kriegsstrategie eingesetzt: Sie sollen Bevölkerungen einschüchtern und terrorisieren, wenn es darum geht, Gebiete zu erobern oder Menschen massenhaft zu vertreiben. Derartige Gewaltakte sind häufig verbunden mit nationalistischen, ethnischen oder genozidalen Interessen. Es geht also vor allem um Rache, Vergeltung und Bestrafung der „Feinde“. Nach dem Motto „boys will always be boys“ wird derartige sexualisierte Gewalt auch von ranghohen Militärs und Politikern immer noch bagatellisiert. Und nicht nur das: Viele Befehlshaber in Armeen, so wie auch Warlords, beteiligen sich sogar an den Verbrechen: Sie versorgen ihre Truppen mit Sex-Sklavinnen – zur Belohnung für Kampfesmut. Solche Massenvergewaltigungen von Frauen und Mädchen sind gefährlich, denn sie verschaffen den Tätern ein gemeinsames Erleben von Omnipotenz. Sie festigen den Truppenzusammenhalt, heißt es. Zugleich werden die Gegner traumatisiert.
Zum Schutz der eigenen Ehre und der ihrer männlichen Angehörigen verschweigen deshalb zahllose Vergewaltigte, was sie erlitten haben. Das ist in islamisch geprägten Gesellschaften so, aber auch dort, wo für Frauen Brautpreise gezahlt werden, wo Männer „ihre“ Frauen also in gewisser Weise „besitzen“ und damit auch viel Kontrolle über sie ausüben. Diese Machtposition der Männer wird durch Vergewaltiger in Frage gestellt – so wie auch ihr Selbstverständnis: Es wird von ihnen erwartet, dass sie ihre Frauen, Töchter und andere weibliche Verwandte vor Gefahren und Gewalt schützen. Aus diesem Grund verstoßen manche Väter ihre eigene Tochter. Sie können es nicht ertragen, täglich mit ihrem Versagen als Beschützer der Familie konfrontiert zu werden. Außerdem haben vergewaltigte Teenager-Mütter keine Heiratschancen mehr. Ihre Versorgung wäre also eine zusätzliche Belastung. Welch fatale Auswirkungen solche Gewaltakte noch haben können, zeigt sich beispielhaft im Sudan (siehe Kasten).
Ausgegrenzte Menschen
Auch nach einer Vergewaltigung geht das Leiden der betroffenen Frauen weiter – vor allem dann, wenn sie durch den Gewaltakt schwanger geworden sind. Denn Kinder, die aus Vergewaltigungen hervorgehen, gelten immer noch als „Kinder der Feinde“. Viele versuchen deshalb, ihr Kind abzutreiben. Damit setzen sie nicht nur ihr Leben aufs Spiel, sie gefährden auch die Gesundheit des Babys. Viele kommen nach fehlgeschlagenen Aborten behindert zur Welt .
Die Situation für betroffene Kinder und ihre Mütter ist deshalb fatal. Sie gelten oft als Unglücks- und Krankheitsbringer. Viele Männer fürchten jedenfalls, dass sie sich durch sexuellen Kontakt mit ihren geschändeten und schwanger gewordenen Ehefrauen mit schlimmen, wenn nicht sogar tödlichen Krankheiten anstecken können. Ob Vergewaltigungsopfer und deren Kinder in einer Gemeinschaft akzeptiert werden, hängt deshalb oft von den lokalen religiösen Autoritäten ab.
In der Demokratischen Republik Kongo etwa nehmen Vertreter zahlreicher Pfingstkirchen dubiose Rituale vor, um die Gesellschaft „vom Bösen“ zu reinigen. Anders als traditionelle Heiler, die gelegentlich mit kostspieligen Ritualen versuchen, die Würde der Vergewaltigten und ihrer Kinder wieder herzustellen, tragen Vertreter verschiedener Kirchen bisweilen aber auch dazu bei, Vergewaltigte als Sünderinnen zu überführen und ihre soziale Ausgrenzung zu legitimieren. So werden zum Beispiel viele der Vergewaltigungskinder als Hexen verurteilt. In Sierra Leone wetteifern Leiterinnen traditioneller, religiös motivierter Frauenorganisationen damit, Mädchen genital zu beschneiden. Sie geben dies als Beitrag zur Wiederherstellung der sozialen Ordnung aus und werden von der Politik dabei finanziell unterstützt.
Ausbeutung statt Schutz
In ganz Afrika kommt es immer wieder vor, dass Mitarbeiter von Hilfswerken in Flüchtlingslagern die Lage junger Frauen ausnutzen, statt die internationalen Richtlinien zu deren Schutz umzusetzen. In der lokalen Wahrnehmung sind diese Frauen im übertragenen Sinn nun mit den Hilfsorganisationen „verheiratet“. Ihre Situation ist prekär, sie sind ohnmächtig gegenüber den sexuellen Forderungen des Lagerpersonals und der ehelichen Gewalt.
Junge, allein stehende Männer und Ehemänner in den Flüchtlingslagern Nordugandas fühlen sich deshalb in ihrer Männlichkeit angegriffen. Anders als die ökonomisch potenten Mitarbeiter der Hilfswerke oder die als Wachpersonal eingesetzten Soldaten haben junge männliche Flüchtlinge keine Mittel, um auf legalem Weg eine Familie zu gründen. Viele gehen daher dazu über, ihre Männlichkeit gewaltsam zu bestätigen.
Auch Ehemänner sehen ihre Maskulinität durch die jahrelange Degradierung auf den Status des ohnmächtigen Hilfsempfängers bedroht. Auf die Tatsache, dass Mitarbeiter von Hilfswerken ihre Machtstellung ausnutzen, reagieren sie mit körperlicher und sexueller Gewalt. Die Sicherheit und Gesundheit von Frauen und Mädchen hängt schließlich oft von den Machtverhältnissen zwischen Männern ab – ein Problem, das nicht nur in Flüchtlingslagern in Nord-Uganda besteht. Daher ist es wichtig, die vielschichtigen Brüche der Maskulinität zu berücksichtigen. Schließlich waren viele Männer in den Lagern zuvor als Kämpfer in Kriegshandlungen involviert – andere wurden dabei zu Opfern.
Missbrauch durch Peacekeeper
Auch die Hierarchie zwischen Männern kann lokale Konflikte mit Friedenstruppen auslösen. Obwohl Blauhelmsoldaten, die Mädchen und Frauen missbrauchen, seit einigen Jahren mit Strafen rechnen müssen, gibt es immer noch derartige Vorfälle. Daran ändern auch umfassende „Gender“-Leitlinien und „Gender“-Trainings wenig.
Viele UN-Soldaten sind im Einsatz überfordert: Schlecht ausgebildet und schlecht ausgerüstet wie sie sind, wird ihnen nachgesagt, sowieso nur wegen des Geldes dabei zu sein. Zahlreiche Blauhelmsoldaten wollen deshalb ihr Selbstverständnis neu definieren und dies beeinflusst ihr Auftreten gegenüber der lokalen Bevölkerung.
In den 1990er Jahren zum Beispiel wurden die Blauhelme in Sierra Leone nur abfällig als „Beachkeeper“ bezeichnet. Sie waren vor allem in den Strandbars von Freetown anzutreffen, knüpften Kontakte zu jungen Mädchen, boten ihnen ein bisschen Geld oder Nahrungsmittel an und bekamen dafür Sex. Dabei zeugten sie dann zahlreiche Kinder. Angesichts der wirtschaftlichen und politischen Machtkonflikte in Westafrika sahen die sierra-leonischen Männer das Potenzgebaren der UN-Soldaten, die vor allem aus Nigeria kamen, als Affront an. Die jungen Frauen wurden deshalb angefeindet.
Konflikte gab es auch wegen sexueller Beziehungen zwischen jungen Mädchen und Blauhelmsoldaten aus Pakistan. Deren rassistisches Dominanzverhalten hatte noch zusätzliche Sprengkraft. Auch hier reagierten sierra-leonische Männer mit Gewalt gegen die Mädchen, schließlich hatten viele als Soldaten oder Milizionäre jahrelang im Bürgerkrieg gekämpft.
Mehr als Abwesenheit von Krieg
Es ist wichtig, soziokulturelle oder religiöse Neuorientierungen in Nachkriegsgesellschaften zu schaffen. Viele Praktiken, die Regierungen betroffener Länder tolerieren oder sogar fördern, stehen in einem eklatanten Widerspruch zu den von denselben Regierungen unterzeichneten internationalen Abkommen und grundlegenden Menschenrechten. Dass auf diese Weise Kriegsgewalt und -verbrechen weiterhin große und vor allem negative Auswirkungen haben, wird oftmals übersehen. Denn das, was nach einem Krieg vermeintlich „heilen“ und „Ordnung schaffen“ soll, kann in gefährlicher Kontinuität zur Mobilisierung und zum Kampf stehen.
Vergewaltigten Frauen und ihren Kindern werden zum Beispiel existentiell notwendige Wohn- und Landnutzungsrechte entzogen. Oft sind diese rechtlosen und marginalisierten Frauen folglich zu sexuellen Dienstleistungen im „Tausch“ gegen Nahrungsmittel gezwungen. Sie haben keine Verhandlungsmacht. Statt dessen begeben sie sich weiterhin in Abhängigkeit und neue Gefahr: Denn spätestens dann infizieren sich viele mit HIV und anderen Krankheiten. Betroffen sind vor allem verstoßene Teenager-Mütter, geschiedene Frauen und junge Witwen mit kleinen Kindern.
Medizinische Hilfe, Rechtsreformen und Wirtschaftsförderung von Frauen in Nachkriegsgesellschaften sind deshalb sehr wichtig. Nachhaltig sind sie aber nur dann, wenn auch Männer unterstützt werden – in speziellen Programmen, in denen sie lernen, Gewalt nicht als Inbegriff von Männlichkeit zu verstehen. Gleichzeitig müssen Männer die Möglichkeit erhalten, ihre eigenen Traumata zu bewältigen. Um die Gewaltbereitschaft demobilisierter jugendlicher Milizionäre – oft eine ganze Generation junger Männer – zu überwinden, sind deshalb sektorübergreifende Programme notwendig. Es ist nicht damit getan, Ex-Kombattanten mit einem Scheck oder einem Werkzeugkoffer in den zumeist labilen Frieden zu entlassen. Denn risikoreiches und gewalttätiges Sexualverhalten von Männern gefährdet alle Beteiligten. Es belastet das Gesundheitssystem, macht Familienplanung unmöglich und verstärkt soziale Konflikte. Es sind diese Strukturprobleme, die gelöst werden müssen, denn sie entscheiden über die Zukunft ganzer Gesellschaften.
Rita Schäfer
ist Ethnologin und freiberuflich als Gutachterin, Lehrbeautragte und Autorin tätig. Ihr Buch „Frauen und Kriege in Afrika“ ist kürzlich bei Brandes und Apsel in Frankfurt erschienen.
»» Marx.Schaefer@t-online.de
Sexualisierte Kriegsverbrechen im Sudan
Während des jahrzehntelangen Bürgerkriegs im Südsudan wurde Regierungsgegnern durch systematische Vergewaltigungen vor allem eines gezeigt: Ihre Ohnmacht, ihre weiblichen Angehörigen zu schützen. Nordsudanesische Truppen verschleppten und schwängerten zahllose Südsudanesinnen. Dies geschah, um – symbolisch gesehen – ihre Rolle als Repräsentantinnen der gesellschaftlichen Einheit Südsudans zu zerstören. Die patrilineare Erbfolge wurde damit gebrochen, denn die verschleppten Frauen gebaren Kinder, die Nordsudanesen gezeugt hatten.
In der Folge rief in den 1990er Jahren die Sudan Peoples’ Liberation Army (SPLA) Männer des Dinka-Volkes auf, ihre Frauen stärker als Gebärerinnen zu mobilisieren: Viele Männer hielten daraufhin das traditionelle Abstinenzgebot gegenüber stillenden Frauen nicht mehr ein. Angesichts der katastrophalen medizinischen Versorgung stieg die Mütter- und Säuglingssterblichkeit erheblich.
Auch ging in den jahrelangen Kriegswirren das lokale Wissen über Verhütung und Geburtshilfe verloren, das ein Privileg alter Frauen gewesen war. Die wenigen rasch ausgebildeten, jungen Geburtshelferinnen boten keine wirkliche Abhilfe. Die Gebärenden vertrauten diesen unerfahrenen, aber autoritär auftretenden Hebammen nicht.
Zugleich stieg die eheliche Gewalt. Viele SPLA-Kämpfer verinnerlichten militärische Gewohnheiten: Gewalt wurde als Inbegriff von Männlichkeit angesehen. Rangniedrige Kämpfer verdächtigten ihre Ehefrauen, Beziehungen mit ranghöheren Militärs einzugehen, um an überlebenswichtige Güter zu kommen. Auch nachdem Nord- und Südsudan Anfang 2005 Frieden geschlossen haben, blieb geschlechtsspezifische Gewalt ein Problem – und es betrifft längst nicht nur die Frauen früherer Kämpfer.
Häufig hilft in Krisenregionen auch die Rechtssprechung nicht. Falls geschlechtsspezifische Gewalt überhaupt juristisch verhandelt wird, entscheiden lokale traditionelle Gerichte – meist zum Vorteil der Angeklagten.
In Darfur zum Beispiel tragen Gerichte maßgeblich zur weiteren Festigung der Geschlechterordnung durch sexualisierte Gewalt bei. Dort interpretiert die Justiz im Auftrag der Zentralregierung islamisches Recht – und das höchst eigenwillig: Vergewaltigte Schwangere werden als Ehebrecherinnen bestraft, wenn nicht vier männliche Zeugen ihre Unschuld beweisen können. Auspeitschung und Gefängnishaft sind typische Urteile für Frauen, die von Regierungssoldaten und regimetreuen Milizen vergewaltigt und dann mit tiefen Brandwunden gekennzeichnet wurden. Medizinisch wird den Opfern nicht geholfen.
Der Vergleich mit der Verfügungsgewalt über Sklavinnen liegt deshalb nahe. Traditionelle Preissängerinnen – so genannte Hakama – begleiten gelegentlich Überfallskommandos in Darfur und legitimieren ihre Taten. Sie huldigen den tapferen Kämpfern, spornen die Vergewaltiger an und rauben den Hausrat der Opfer.
Während die Männer den Vergewaltigungen oftmals zuschauen müssen, bevor sie umgebracht werden, malträtieren die Angreifer die Frauen so, dass sie ihre familiären Versorgungspflichten nicht mehr erfüllen können. Augenzeugen berichten auch, dass den Opfern manchmal die Beine gebrochen oder sie so gefoltert werden, dass sie keine Chance mehr haben, eine der wenigen Gesundheitsstationen zu erreichen. (rs)
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E+Z, 2008/09, Schwerpunkt, Seite 326-329



