[ Mikrofinanzwesen ]
Überfällige Neuorientierung
Unter den Anbietern von Kleinkrediten wächst der Wettbewerb. Es zeichnet sich eine Polarisierung ab zwischen eher „kommerziell“ orientierten Mikrofinanzinstitutionen und solchen, die teure, aber sozialpolitisch sinnvolle Produkte anbieten. Letztere dürften auf Dauer auf Subventionen angewiesen sein, was freilich Ziel und Selbstverständnis der Mikrofinanz widerspricht.
[ Von Bernd Balkenhol ]
Divergierende Konzepte
Alle MFIs beanspruchen, Armut zu lindern und dabei kostendeckend und sogar mehr oder weniger profitabel zu operieren. Sie verfolgen dieses Doppelziel aber in unterschiedlichen Gewichtungen:
– Einige MFIs wollen erst ihre Kosten decken und den kommerziellen Erfolg sicherstellen. Dafür verfolgen sie eine nüchterne Preisgestaltung, was eben auch in Grenzfällen Zinssätze in der Höhe von über 80 Prozent pro Jahr bedeuten kann. Ihre Überlegung ist, dass sie nur dann mehr und mehr arme Haushalte bedienen können, wenn sie sich auf Finanzdienstleistungen (und hier hauptsächlich auf das Kreditgeschäft) konzentrieren und kostendeckend arbeiten, um sich unabhängig von Zuschüssen zu machen.
– Andere MFIs versuchen, diese Kosten nicht auf den Kunden abzuwälzen, sondern selbst zu absorbieren, dieser Typ von MFI bietet auch oft eine breitere Palette von Dienstleistungen an – zum Beispiel Alphabetisierungskurse, rechtliche Beratung, fachliche Fortbildung und soziale Mobilisierung. Das ist teuer. MFIs diesen Typs neigen deshalb dazu, länger am Subventionstropf zu hängen.
Praktisch alle MFIs bekamen bei ihrer Gründung und oft über mehr als 10 Jahre hinweg massive Subventionen in der einen oder anderen Form, die indirekt dem Kunden durch verbilligte Dienstleistungen zugute gekommen sind. Das wurde allerseits akzeptiert, solange eine Tendenz in Richtung auf Marktgängigkeit abzusehen war. Wie oben dargestellt, haben einige MFIs dieses Stadium inzwischen erreicht.
Was subventionsabhängige MFIs von finanziell tragfähigen Institutionen vor allem unterscheidet, ist die Größenordnung: Letztere haben mehr Kunden, ein umfangreicheres Portfolio an Kleinkrediten und insgesamt mehr Umsatz. Grundsätzlich erlaubt der Skalenfaktor es, Dienstleistungen zu relativ erschwinglichen Zinssätzen anzubieten und zugleich Kosten zu decken und noch einen Gewinn zu erwirtschaften. Der Schlüssel einer ausgewogenen Zielerreichung liegt im Massengeschäft. Deshalb will auch jede MFI wachsen. Das bedeutet, dass sie sich über kurz oder lang ins Gehege kommen.
Wenn aber MFIs zunehmend in Konkurrenz zueinander treten, ergeben sich Situationen, in denen sich die Interessen der MFIs, ihrer Kunden und der Gesellschaft insgesamt nicht mehr unbedingt decken. Das hängt vor allem davon ab, ob die verschiedenen Anbieter eine ähnliche Zielkombination verfolgen oder nicht.
Treten MFIs mit vergleichbaren Zielausprägungen und Produkten in Konkurrenz, dann müssen sie effizienter arbeiten, also ihre Kosten drosseln, Ausfallrisiken reduzieren und Finanzmittel von kostengünstigeren Quellen beziehen. Wo das bereits ausgereizt ist, führt Konkurrenz zu schrumpfenden Gewinnen. Denn die einzelne MFI kann Zinssätze oder Gebühren dann nicht anheben, ohne Kunden der Konkurrenz in die Arme zu treiben. Für den Kunden ist Wettbewerb also gut, da er bei qualitativ gleichbleibendem Angebot mit sinkenden Zinsen rechnen kann.
Wie eingangs erläutert, unterscheiden sich MFIs allerdings meist erheblich voneinander im Hinblick auf ihr Dienstleistungsangebot, ihre Geschäftspraktiken bei der Kreditvergabe, der Besicherung von Krediten oder auch hinsichtlich der Kombination von Finanz- mit anderen Dienstleistungen. Das illustrieren zwei Beispiele aus Indien:
– SKS ist eine 1997 gegründete innovative MFI, die verschiedene Kredittypen mit unterschiedlichen Laufzeiten und Verwendungszwecken anbietet. Außerdem vertreibt sie eine Reihe von Mikroversicherungsprodukten. SKS untersteht der Finanzaufsicht und hatte 2005 mehr als 600 000 Kunden, ausschließlich Frauen.
– SHEPHERD ist dagegen eine vergleichsweise kleine MFI mit nur 20 000 Kunden. Sie bietet nur Gruppenkredite an. Daneben vertreibt sie Lebensversicherungen für eine kommerzielle Assekuranz und unterstützt Selbsthilfegruppen bei der Einrichtung von Sparkonten bei einer staatlich kontrollierten Bank. Der Rechtsform nach untersteht SHEPHERD selbst nicht der Finanzaufsicht.
Eher „kommerziell“ orientierte MFIs wie SKS bieten vor allem Kredite für einkommensteigernde Aktivitäten an. Das ist ein ertragreiches Marktsegment für eine MFI. Dagegen sind Einlagengeschäfte, der Vertrieb von Mikroversicherungen oder gar die aufwendige Verbindung von Krediten mit Bildungsprogrammen weit weniger lukrativ. Während MFIs wie SKS über den Preis Kunden gewinnen wollen, versuchen MFIs wie SHEPHERD ein möglichst stimmiges Gesamtpaket für besonders arme Haushalte bereitzustellen.
Wachsender Wettbewerb
Empirische Studien zeigen, dass bei zunehmender Konkurrenz die Kunden von MFIs auf Zinsänderungen reagieren. Der Wettbewerb findet also in der Tat über den Preis statt. Und so zwang denn auch nachlassende Nachfrage die MFI Nyegisio in Mali, die ein ausgeprägtes Bildungsprogramm betrieb, ihr Produkt „Kredit-mit-Erziehung“, das mit einem hohen, kostendeckenden Zins angeboten wurde, wieder abzusetzen.
Will eine MFI mit Blick auf den Bedarf der Armen teure Finanzprodukte im Programm behalten, braucht sie Subventionen. Dies widerspricht nun aber wiederum dem Selbstverständnis der Mikrofinanz, grundsätzlich eine finanziell sich selbst tragende Strategie der Armutsbekämpfung zu sein. Es sind aber eben die vergleichsweise teuren Produkte zur Risikovorsorge oder Einkommensstabilisierung, die den ärmsten Kunden besonders nutzen. Diese werden also bei dieser Wettbewerbskonstellation schlechter gestellt, während sich für die übrigen MFI-Kunden aus dem Kleinunternehmertum im Prinzip wenig ändert.
Es überrascht also nicht, dass laut CGAP und CFI (2008) die Manager von MFIs „Wettbewerb“ als größte kommende Herausforderung und Bedrohung sehen. Es stellt sich die Frage, ob die durch zunehmende Konkurrenz zu erwartende Kommerzialisierung der Branche schadet und ihr Potenzial in der Armutsbekämpfung reduziert. Anders formuliert: Der wachsende Wettbewerb in der Mikrofinanz macht es notwendig, sich Gedanken über die künftige Förderung von MFIs aller Schattierungen zu machen. Das gilt umso mehr, als die zunehmende Konkurrenz internationale Geber in das Dilemma führen könnte, entweder mehr Subventionen zu zahlen oder das Abdriften der Mikrofinanz in die reine Kommerzialisierung zuzulassen.
Es zeichnet sich die Möglichkeit ab, dass eine nennenswerte Zahl von armutsorientierten MFIs auf Dauer am Subventionstopf bleibt. Das hat Konsequenzen für den Stellenwert der Mikrofinanz im entwicklungspolitischen Geschäft insgesamt. So stellt sich die praktische Frage: Wie kann man sinnvoll MFIs mit unterschiedlicher Zielausprägung fördern, ohne durch unbedachte Subventionen den Markt zu verzerren oder falsche Anreize zu setzen?
“Smart subsidies“
Aufgrund der Heterogenität der Institutionen und Zielsetzungen muss die Förderung der Mikrofinanz auf eine neue Grundlage gestellt werden (Balkenhol, 2007). Dabei spielt das Kriterium Effizienz die entscheidende Rolle. Es erlaubt die Förderung von MFIs, ohne zwischen Armutsreduzierung und Profitabilität wählen zu müssen. Selbstverständlich sind und bleiben sozialer und finanzieller Erfolg die entscheidenden Kriterien in der Mikrofinanz, nur reichen sie nicht aus, um eine faire, also die jeweilige Zielausprägung respektierende Bewertung sicherzustellen. Das Kriterium „Effizienz“ erlaubt es dagegen, die Wirtschaftlichkeit in der Transformation von Ressourcen in Dienstleistungen zu erfassen, unabhängig von der jeweiligen Zielkombination in MFIs.
Flückiger und Vassiliev zeigen etwa am Beispiel Perus, dass MFIs mit ähnlicher Zielkombination sich in ihrer Effizienz durchaus unterscheiden. Es gibt immer einige, die ihre Produktionsfaktoren wirtschaftlicher einsetzen als andere. Macht man nun relative Effizienz zum Förderkriterium, lässt man die Zielkombination einer MFI unangetastet. Das heißt, von einer Spar- und Kreditgenossenschaft in Burkina Faso würde nicht erwartet, dass sie den Ertrag und die Breitenwirkung einer Geschäftsbank im selben Land erreicht – oder gar mit einer Spar- und Kreditgenossenschaft in Indien gleichzieht. Bei einem Motorradrennen treten ja auch nicht Maschinen mit einem Hubraum von 75cm3 gegen solche mit 750cm3 an. Relative Effizienz zielt darauf ab, sich in jedem Land oder jeder Weltregion an der effizientesten Institution der jeweiligen MFI-Kategorie zu orientieren.
Eine derartige Reorientierung der Förderung von MFIs hätte praktische Konsequenzen für die Entwicklungspolitik. Einerseits ist eine Fortführung der Subventionen nötig, um die Vielfalt des Sektors sicherzustellen; andererseits ist es unabdinglich, Marktverzerrungen und kontraproduktive Anreize durch subventionierte MFIs so weit wie möglich auszuschalten. Dazu könnte die Kopplung von Zuschüssen an die Erfüllung von verifizierbaren Zielvorgaben und vor allem messbaren Effizienzzuwächsen verhelfen. Solche „smart subsidies“ würden nicht nur dem lokalen Finanzmarkt und dem Steuerzahler in Geberländern nutzen, sondern auch allen Kunden der MFIs – egal, ob arm oder weniger arm.
Bernd Balkenhol
arbeitet bei der ILO in Genf.
»» Balkenhol@ilo.org
Balkenhol, Bernd, 2007: Microfinance and Public Policy. Outreach, Performance and Efficiency. (Palgrave MacMillan und ILO, Genf).
CGAP und CFI, 2008:
Microfinance Banana Skins. Risk in a booming industry,
»» http://www.citi.com/citigroup/microfinance/data/news080303b.pdf



