[ Kommunale Politik ]
Vertane Chancen der Migration
Im Jahr 2050 werden voraussichtlich 70 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben. Die mit der Urbanisierung durch Migration einhergehenden Veränderungen bieten Chancen. Ohne rechtzeitige Strategien zur Verbesserung städtischer Governance kann Migration aber auch Entwicklung beeinträchtigen. Fachleute fordern ein Umdenken in der Politik.
Weltweit sind Städte die Zentren von Zuwanderung. Viele Ballungsräume bieten aber Menschenmassen unterschiedlichster Herkunft nicht die nötige Infrastruktur. Damit Abwanderung den Menschen neue Chancen bringt und so für Entwicklung genutzt werden kann, sind Bildungsangebote, Arbeitsplätze, Verkehrswege, Wohnraum und Gesundheitsdienste nötig.
Weltweit gibt es den Statistiken zufolge 191 Millionen Migranten (drei Prozent der Weltbevölkerung). Laut Frank Leczko von der Internationalen Organisation für Migration ist die Zuwanderung von Armen in reiche Länder gleich groß wie die Migration zwischen Entwicklungsländern. In der internationalen Diskussion werde letztere aber kaum beachtet.
Darüber hinaus beanstandet Leczko, dass es kaum zuverlässige Daten über innerstaatliche Migration gebe – obwohl diese die internationale Migration bei weitem übertreffe. Allein in China hätten in den vergangenen Jahren mehr Menschen den Wohnort gewechselt als sich weltweit in einem fremden Land niedergelassen hätten. Viele Staaten duldeten die Abwanderung der Landbevölkerung in die Städte ohne Eingriffe – mit der Folge, dass Chancen der Migration ungenutzt blieben. Ohne zuverlässige Statistiken, so Leczko, könnten keine Integrationskonzepte entworfen werden, was auf lange Sicht Regionen destabilisiere.
Im kolumbianischen Medellín werden seit 2004 Programme für Zuwanderer durchgeführt, wie Beatrix White, die ehemalige Dezernentin für öffentliche Wohlfahrt der Stadt, berichtet. Die Kommunalverwaltung stelle Haushaltsmittel für die Betreuung Vertriebener bereit. Diese stellen in Kolumbien die Mehrheit der Binnenwanderer. White betont auf einer Tagung der Stiftung Entwicklung und Frieden und der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) Anfang September in Berlin, es sei wichtig, die betroffenen Menschen an Entscheidungen partizipieren zu lassen.
Das sieht auch Illiza Sa’aduddin Djamal so. Die stellvertretende Bürgermeisterin von Banda Aceh möchte die Geschlechtergleichstellung vorantreiben. Bis 2012 soll ein Informationszentrum für Frauen entstehen, einen Frauenrat gebe es bereits. Die Kommunalpolitikerin betont, Krisen könnten sich als Chancen erweisen. In ihrer Region wurden nach dem Tsunami vom Dezember 2004 – unter anderem in Kooperation mit deutschen Entwicklungsinstitutionen – neue Strukturen aufgebaut.
Auch in Deutschland müsse umgedacht werden, meinen kommunale Spitzenbeamte. Rudolf Stummvoll, der stellvertretende Leiter des Münchener Amts für Wohnen und Migration, beklagt, dass hierzulande Migranten von außerhalb der EU als ungebildet eingeordnet werden, selbst wenn sie ein Hochschulstudium abgeschlossen haben. Dabei sei Deutschland auf Migranten angewiesen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Briten handhabten die Angelegenheit klüger.
Helga Nagel, die Leiterin des Amtes für Multikulturelle Angelegenheiten in Frankfurt am Main, sieht ihre Kommune als „global city“ ohne entsprechende Rahmenbedingungen. Eine „diversity policy“ müsse erst einmal formuliert werden. Ähnlich fordert Günter Piening als Beauftragter des Senats Berlin für Integration und Migration: „Wir müssen Vielfalt als Ressource kommunizierbar machen.“ (aj)
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E+Z, 2008/10, Monitor, Seite 358-359



