[ Multilaterale Institutionen ]
Die Vorstellungen des Vordenkers
Die Ideen von Justin Yifu Lin werden die Politik der Weltbank prägen. Seit Juni ist der chinesische Wissenschaftler ihr Chefökonom – als erster Volkswirt aus einem Entwicklungsland überhaupt. Lins Werk kreist um komparative Kostenvorteile im internationalen Wettbewerb. Damit steht er in der Tradition der Freihandelsschule, die der Klassiker David Ricardo im 19. Jahrhundert begründete.
[ Ronny Bechmann, Gerhard Ressel und Oliver Lerbs ]
Der dritte oft herangezogene Faktor sind Institutionen und Regelwerke. Sinnvoll konzipiert, schaffen sie Anreize, zu arbeiten, zu lernen oder zu investieren.
Aber auch so lässt sich nicht alles erklären. Sonst müssten Länder, die sich streng an die Good-Governance-Vorstellungen der Weltbank halten, Erfolg haben. Viele erfolgreiche Schwellenländer Asiens gewähren demokratische Partizipation nicht.
Deshalb hält Lin das Regierungshandeln für entscheidend. Der asiatische Ökonom rät Regierungen dazu, die komparativen Kostenvorteile ihres Landes zu nutzen (siehe Kasten). Mit klugen strategischen Entscheidungen können sie ihren Ländern Schritt für Schritt zu mehr Wohlstand verhelfen. Mit verfehlter Politik dagegen ruinieren sie Volkswirtschaften.
Fehlgeleitete Politik
Laut Lin haben „falsche Ideen“ viele Entwicklungsstrategien geprägt – mit verheerenden Folgen. So hätte der Drang zur Modernisierung die Führungsspitzen frisch souverän gewordener Entwicklungsländer dazu bewegt, die Industrialisierung ihrer Staaten mit ungeeigneten Mitteln in die Wege zu leiten. Lin erklärt das nicht mit eigennützigem Verhalten der Politiker, sondern mit ihrem Wunsch nach ökonomischer und militärischer Autonomie, was sie mit Unabhängigkeit von Importen gleichsetzten.
Die Folge der Autarkiepolitik war jahrzehntelange Stagnation. Viele Entwicklungsländer versuchten eine eigene Schwerindustrie aufzubauen, obwohl das ihren komparativen Kostenvorteilen zuwiderlief. Ihre Wettbewerbsstärke wären billige Arbeitskräfte gewesen, doch sie investierten in teure Anlagen.
Lin verweist in diesem Zusammenhang auf Indiens ersten Premier Jawaharlal Nehru. Ein anderes, groteskeres Beispiel lieferte Mao Zedong. Er befahl Ende der 1950er Jahre, Kochtöpfe und sogar Erntemaschinen einzuschmelzen, um die Stahlproduktion zu erhöhen. Der „große Sprung nach vorn“ scheiterte, rund 20 bis 30 Millionen Menschen starben an Hunger. Diese Katastrophe hat Lin allerdings nicht im Detail oder gar moralisch kommentiert – zu bedenken ist, dass sein Heimatland keine Demokratie ist.
Die zweite „falsche Idee“ fußte Lin zufolge auf der ersten: Firmen wurden mit Subventionen künstlich am Leben gehalten. Häufig finanzierten Regierungen Unternehmen, die sonst untergegangen wären. Wenn ihre Steuereinnahmen dafür nicht ausreichten, schufen sie auch Marktmonopole, bewerteten die eigene Währung über oder kontrollierten die Rohstoffpreise.
Derartige Wirtschaftspolitik hat mehrere Nachteile:
– Das Risiko der Korruption ist groß, da Regierungsstellen direkt über die Mittelverteilung entscheiden.
– Es entstehen kaum neue Arbeitsplätze, sodass das Einkommensgefälle steigt.
– Die Technologie veraltet, weil der kapitalintensive Sektor der Volkswirtschaft von der internationalen Entwicklung abgeschnitten wird.
– Im Staatshaushalt fehlen Mittel für vielversprechende, arbeitsintensive Branchen, die auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig gemacht werden könnten.
Die Strategie, die Industrialisierung voranzutreiben und sich damit eigenen komparativen Vorteilen entgegenzustemmen, führte insbesondere in vielen sozialistischen Ländern bald zu Stagnation.
Die dritte falsche Idee war wiederum eine Konsequenz aus dieser Einsicht. Anstatt die staatliche Förderung entsprechend der komparativen Vorteile umzustellen, wurde versucht, die Bedeutung des Staates zurück zu fahren. Privatisierung, Preisliberalisierung und fiskalische Disziplin wurden zu Reformmaßstäben. Das schlug sich unter anderem in Strukturanpassungsprogrammen nieder, die Weltbank und Internationaler Währungsfonds vielen Entwicklungsländern auferlegten, prägte aber auch die Transitionsstrategien im ehemaligen Ostblock.
Lin spricht sich durchaus für Liberalisierung aus. Aber er betont, dass seinerzeit übersehen wurde, dass eine große Anzahl von Unternehmen in den betroffenen Ländern nicht überlebensfähig waren. Um hohe Arbeitslosigkeit zu vermeiden, wäre ein gradueller „Dual-track Approach“ angezeigt gewesen, wie ihn China seit Deng Xiaoping verfolgt. Solch ein zweigleisiger Ansatz setzt in der Landwirtschaft und anderen arbeitsintensiven Sektoren auf Privatinitiative, sichert aber der Regierung Produktionsanteile zu festen Preisen. Auf dieser Basis können schwache Firmen noch eine Zeit lang vor dem freien Markt geschützt und so der Kollaps der Wirtschaft verhindert werden.
Aktuelle Trends
Lins Ansichten lassen keine konzeptionelle Revolution bei der Weltbank erwarten. Sein Denken passt zu dem Kurs der vergangenen Jahre, ist aber vermutlich pragmatischer als die Good-Governance-Emphase, mit der das Finanzinstitut in der Ära Wolfensohn mit dem Chefökonom Joseph Stieglitz die Rolle des Staates wiederentdeckte.
Die rasche Entwicklung von Ländern mit ähnlichen Entwicklungsstrategien wie China scheint Lin Recht zu geben. Allerdings ist zu fragen, ob die Betonung vor allem der komparativen Vorteile noch zeitgemäß ist. Viele einflussreiche Ökonomen meinen, dass sie in der heutigen Weltwirtschaft nicht mehr dieselbe Rolle spielen wie früher. Das Augenmerk richtet sich vielmehr darauf, dass Wirtschaftswachstum mit der Ausbreitung von Technologien einhergeht, und dass es darauf ankommt, durch Imitation zu lernen. Harvard-Professor Robert J. Barro vertritt zum Beispiel solche Ideen. Durch die starke Konzentration auf undifferenzierte Produkte kann die Chance verloren gehen, im Bereich höherwertiger Erzeugnisse durch Lernen besser und günstiger zu werden, und sich Anteile auf dem Weltmarkt zu erobern.
Außerdem ist die Spezialisierung entsprechend den eigenen komparativen Vorteilen schwieriger geworden. Sie treten heute nicht mehr so deutlich zutage wie noch vor einigen Jahrzehnten. Traditionell lagen die komparativen Vorteile armer Länder in der Massenproduktion einfacher Güter. Für hochwertige Produkte fehlen oftmals Kapital und Know-how. Im von Lin unterstellten Modell werden Kapital und Arbeit für die Produktion innerstaatlich kombiniert, jedoch nicht zwischenstaatlich. In der Ära der Globalisierung, der exponentiell wachsenden internationalen Vernetzung, gilt das aber nicht mehr im gewohnten Maß. Der Zugang zu Kapital und Technologie ist nicht mehr so exklusiv wie noch vor einigen Jahren. Außerdem ist die Qualität des „Faktors Arbeit“, also das Ausbildungsniveau, in „alten“ und „neuen“ Industrieländern noch unterschiedlich. Hier ist es wichtig, dass die Regierung mitgestaltet und den komparativen Vorteil verändert. Beim Handel der „alten“ Industrieländer untereinander spielen die groben komparativen Vorteile übrigens keine große Rolle mehr. Der zwischen diesen Ländern dominierende intraindustrielle Handel beruht vor allem auf der „Liebe zur Vielfalt“: Manche Franzosen schätzen deutsche Autos, manche Deutsche fahren gern französische Marken.
Lin gehört durchaus zum ökonomischen Mainstream. Auch er hält den technischen Fortschritt für die stärkste Kraft, welche die langfristige Entwicklung einer Volkswirtschaft vorantreibt. Allerdings betont Lin, dass es unterschiedliche Innovationsstrategien gibt. Er erkennt sogar einen „Vorteil der Rückständigkeit“ armer Länder, weil sie keine teure eigene Forschung betreiben müssen, sondern passende Technologie „leihen“ und vielleicht leicht modifizieren können, etwa um sie mit mehr Arbeitskräften zu nutzen.
Stärkere nationale Entwicklungsanstrengungen sind hingegen laut Lin dort notwendig, wo Ideen aus den Industrieländern nicht weiterhelfen. In vielen asiatischen Großstädten sind Mopeds heute unentbehrlich geworden. Industrieländer stellen derlei nur noch in geringem Umfang her. Wegweisende Forschung muss also in Asien stattfinden. Das gelte noch mehr für Wehrtechnik und andere für die nationale Sicherheit relevante Produkte. Lins Denken ist ausgesprochen pragmatisch. In Zeiten hoher Rohstoff- und Nahrungsmittelpreise wird das der Weltbank vielleicht helfen, nicht in überstürzten Aktionismus zu verfallen, sondern systematisch nach Lösungen zu suchen.
Die Theorie der komparativen Kostenvorteile
Die Theorie der komparativen Kostenvorteile besagt, dass Handel zwischen zwei Ländern vorteilhaft ist, wenn sich die Produktionskosten für verschiedene Güter zwischen diesen Ländern unterscheiden. Wenn sich jedes Land auf die Herstellung des Gutes spezialisiert, welches es selbst relativ günstig produzieren kann, steigt die insgesamt produzierte Gütermenge. Folglich steigt der Wohlstand beider Länder.Handel ist dabei für alle Beteiligten von Vorteil, selbst wenn eines der beteiligten Länder eigentlich alle Güter billiger erzeugen könnte als die Konkurrenten. Die Spezialisierung auf die besonderen Stärken führt nämlich zu einem höherem Gesamtoutput. Davon wird sich das leistungsstärkste Land einen überdurchschnittlichen Anteil sichern können, aber auch den anderen stehen mehr Güter zur Verfügung, als sie allein herstellen könnten. Komparative Kostenvorteile haben verschiedene Ursachen.
Das klassische Beispiel formulierte David Ricardo vor nunmehr fast 200 Jahren. Er ging stark vereinfachend davon aus, dass in England sowohl Wein als auch Tuch effizienter hergestellt werden konnten als in Portugal. Allerdings war das Klima in Portugal für Wein günstiger, weshalb der Produktivitätsabstand für dieses Gut nicht so groß war. Ricardo führte aus, dass die möglichst vollständige Spezialisierung Portugals auf die Produktion von Wein und Englands auf Tuch die Gesamtmenge an Gütern maximiert hätte.
Während bei Ricardo unterschiedliche Technologien entscheidend sind, stützt sich Lin auf ein Modell der Schweden Eli Heckscher und Bertil Ohlin. Es geht von gleichen Produktionstechnologien aus, unterstellt aber, dass die Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital unterschiedlich reichlich vorhanden und unterschiedlich teuer sind. Nehmen wir an, dass es auf der Welt nur die zwei Länder China und Deutschland gibt und dass nur zwei Güter – Textilien und Automobile – in gleicher Qualität hergestellt werden. Die Textilindustrie ist arbeitsintensiv – im Prinzip reicht eine Nähmaschine, um eine Arbeitskraft zu beschäftigen. Dagegen erfordert die Autoproduktion große Maschinen und Anlagen, sie ist kapitalintensiv.
Wenn unter diesen Bedingungen beide Länder miteinander handelten, würde sich China demzufolge auf die Produktion von Kleidung spezialisieren, da Arbeit in China recht billig zu haben ist. China hat hierbei einen komparativen Kostenvorteil.
Deutschlands komparativer Vorteil würde in der Produktion von Autos liegen. Durch die Spezialisierung steigt ähnlich wie bei Ricardo die insgesamt produzierte Gütermenge.
Diese Modelle sind offensichtlich sehr vereinfacht. Die Realität ist in vieler Hinsicht komplizierter – unter anderem, weil Volkswirtschaften sich im Lauf der Zeit verändern und zusätzliche (Wettbewerbs-)Fähigkeiten entwickeln können. (rb, gr, ol)
Ronny Bechmann
ist Mitarbeiter der GTZ und derzeit an das Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (BMZ) entsandt.
»» Ronny.Bechmann@bmz.bund.de
Gerhard Ressel
ist stellvertretender Referatsleiter des Weltbank-Referats im BMZ. Die Autoren vertreten hier ihre persönliche Meinung, nicht offizielle BMZ-Politik.
»» Gerhard.Ressel@bmz.bund.de
Oliver Lerbs studiert Volkswirtschaftslehre in Münster und war als Praktikant im Weltbank-Referat des BMZ.
E+Z, 2008/10, Tribüne, Seite 382-384



