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[ Militär ]

Triste Normalität

Wer in Kalkutta zum ersten Mal ein Areal mit Offizierswohnungen besucht, gerät ins Staunen. Während der öffentliche Raum in dieser 15 Millionen Metropole generell zu verwahrlosen scheint, wirkt hier plötzlich alles gut gepflegt. Ernstzunehmende Stimmen sagen denn auch, das Militär sei in Indien die staatliche Institution, die am zuverlässigsten funktioniert.


Armeen sind ihrem Wesen nach hierarchisch organisiert und unterliegen strenger Disziplin. Das macht – neben den Waffen – ihre Schlagkraft aus. Menschen, die unter dysfunktionalen Staatsinstitutionen leiden, finden solch soldatische Effizienz oft attraktiv. Und manche Befehlshaber neigen dazu, ihre Militärmacht innenpolitisch einzusetzen. Meist beteuern sie, dem Gemein wohl zu dienen, während sie in Wirklichkeit ihre Taschen füllen und Par tikularinteressen sichern. Erinnert sei hier nur an Beispiele aus Argentinien, Nigeria und Pakistan.

Das Besondere an Indiens Militär ist nicht, dass es wie geschmiert funktioniert. Das ist in vielen Entwicklungsländern nicht anders. Bemerkenswert ist, dass indische Generäle die Demokratie nie ernsthaft bedroht haben. Das ist ver mutlich ein Erbe der gewaltfreien und pluralistischen Befreiungsbewegung unter dem Einfluss von Mahatma Gandhi. Das entschuldigt nicht Übergriffe von indischen Sicherheitskräften in Krisen regionen wie Kaschmir oder Punjab. Das Primat der zivilen Politik stand jedoch nie in Frage. Die Krisenherde illustrieren vielmehr, dass Rüstung und Staat mehr miteinander zu tun haben, als Pazifisten lieb sein kann. Das Monopol der legitimen Gewaltanwendung macht, wie die europäische Sozial wiss ens chaft seit Max Weber weiß, den Kern des Staates aus. Wo der Staat dieses Monopol nicht juristisch korrekt durchsetzen kann, sind einigermaßen faire, demo kratische Lebensverhältnisse unmöglich. Typisch für das europäische Mittelalter war, dass, wer militärisch dominierte, Länder und Menschen nach Belieben ausplünderte. Merkmal der friedlichen europäischen Gegenwart ist, dass Soldaten im Alltag keine Rolle spielen. Re gierungen in der Europäischen Union brauchen demokratische, nicht mi litärische Mobilisierung. Quellen des gesellschaftlichen Einflusses in der EU sind ökonomische Produktivität, wissenschaftlich-technische Erkenntnis, Überzeugungskraft, Organisationsfähigkeit und viele weitere zivile Faktoren.

Der Weg vom Damals zum Heute war allerdings lang und kompliziert. Deutsch land ist dafür ein besonders düsteres Beispiel. Erst mit der Niederlage im Zweiten Weltkrieg war die Armee als innenpolitischer Machtfaktor diskreditiert. Die militaristische Tradition Preußens war sogar stark genug, die Katastrophe des Ersten Weltkriegs weitgehend unbeschadet zu überstehen. Das Kaiserreich musste dagegen seinerzeit der – leider instabilen – Weimarer Republik weichen. Historisch ist klar, dass die Kolonialmächte Frankreich und Britannien sich zwar daheim allmählich demokratisierten, ihre Herrschaft in Übersee jedoch auf Kanonen stützten. Heute wirkt das Militär leider in vielen Entwicklungs und Schwellenländern als Staat im Staat. Die Geschichte lehrt, dass das Militär an der Macht nur selten etwas für die Modernisierung eines Landes tut. Südkorea war eine seltene Ausnahme und nicht der Normalfall – aber selbst dort büßten die Streitkräfte nach Jahren der von Wachstum begleiteten Repression an Ansehen und Autorität ein. Zu Recht. Legitime Macht kommt nicht aus Gewehrläufen, jedenfalls nicht auf Dauer.

E+Z, 2008/10, Editorial, Seite 354

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E+Z Ausgabe

Nr. 10 2008, 49. Jahrgang, Oktober 2008

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